Anika Flock: Die Kristallwandler

Kulturschock im Niemandsland: Die Kristallwandler

Anika Flock: Die Kristallwandler, Norderstedt 2005, Books on Demand, ISBN: 3-8334-3403-1, Softcover, 388 Seiten, Format 16,8 x 22 x 2,5 cm, EUR 21,80

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In diesem fesselnden Fantasy-Roman begleiten wir zwei Helden auf ihren Abenteuern: Elderas und Meruna, einen Mann und eine Frau, die sich nicht kennen, ja deren Völker nicht einmal von der Existenz des jeweils anderen wissen.

Elderas ist ein Enra ’“ ein magisch begabter junger Mann aus dem Volk der Aeniren, der auf der ewig dunklen Nachtseite des Planeten Naru lebt. Es ist eine unwirtliche aber beschauliche Welt, in man gelernt hat, dass nur der eine Überlebenschance hat, der im Einklang mit der Natur lebt. Die Aeniren leben in geradezu symbiotischer Harmonie mit den Tieren und Pflanzen ihrer Region, und die magisch Begabten unter ihnen können sogar telepathische Verbindung mit anderen Spezies aufnehmen. Das Töten ist ihnen zuwider und mit den Riduna, den Angehörigen ihres Volkes, die keine magischen Kräfte haben, leben sie einträchtig zusammen.

Eines Tages kommt die bedeutende Magierin Giandro in Elderas Dorf und rekrutiert ihn, obwohl er mit seinen 27 Jahren noch nicht einmal volljährig ist, als Schüler für die Akademie in Neodria. Der Grund für diese außergewöhnliche Anwerbeaktion: Klimatische Veränderungen bedrohen Aeniria. Deren Ursache vermutet man in der unbewohnten und gefährlichen Region Sturmbann. Für eine Expedition dort hin werden noch ausgebildete Enra-Meister mit besonderen Fähigkeiten gesucht.

Begleitet von seinem Ridun-Bruder Daremal und weiteren Mitgliedern seines Dorfes zieht Elderas in den Süden und lässt sich in Vorbereitung auf die geplante Expedition zum Enra-Meister ausbilden.

Meruna ist eine Lunro, eine magisch begabte Sechzehnjährige aus Koldarun, der heißen, vulkanischen Tagseite von Naru. Als Lunro gehört sie zur herrschenden Klasse in der feudalen koldarischen Gesellschaft. Die magisch unbegabten Koldaren, die Eronni, sind nicht viel mehr als Leibeigene, die dem Willen der Lunro hilflos ausgeliefert sind.

Als Merunas Vater ermordet wird, nimmt die hitzköpfige junge Frau das Gesetz selbst in die Hand. Sie landet dafür im Gefängnis und macht sich dort einen Feind fürs Leben, indem sie sich weigert, die Geliebte des obersten Gefängnisaufsehers Hordares zu werden. Statt dessen freundet sie sich mit aufständischen Eronni an. Mit dem Rebellenführer Eardolon beginnt sie eine Liebesbeziehung und verhilft ihm schließlich zur Flucht. Jetzt hat Oberaufseher Hordares endgültig genug von ihr und dem Rebellenpack ’“ er lässt sie allesamt nach Sturmbann deportieren.

Von Norden und von Süden nähert sich nun also eine Expedition dem unbewohnten Territorium. Beide Gruppen haben auf ihrem langen Weg mit Anpassungsproblemen und Naturgewalten zu kämpfen, mit Klima, Krisen und Krankheiten. Schließlich erreichen sie ihr Ziel und errichten ihre Siedlungen.

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Aeniren und Koldaren in Sturmbann aufeinander treffen. Nach dem ersten Schreck darüber, dass es außer ihnen noch eine andere Zivilisation auf dem Planeten gibt, sind die kurzen Begegnungen der beiden Gruppen geprägt von teils komischen, teils dramatischen Missverständnissen, von Misstrauen und Abneigung: ’žO Gott, die baden ja!’œ ’“ ’žIgitt, die baden nicht!’œ ’“ ’žFleischfresser!’œ ’“ ’žKörnerfresser!’œ

Die diplomatische Mission der Aeniren scheitert ’“ ihre Abordnung, darunter Elderas und Daremal, wird von den Koldaren kurzerhand gefangen genommen.

Ganz allmählich zeigt sich jedoch, dass Aeniren und Koldaren trotz aller Unterschiede in ihrer äußeren Erscheinung, in Denk- und Lebensweise, Kultur und Religion einige Gemeinsamkeiten haben. Die Magier unter ihnen können sich sogar miteinander verständigen. Zaghaft werden erste Versuche der Annäherung unternommen ’“ da bricht eine Bedrohung über die Koldarensiedlung herein, mit der niemand gerechnet hat …

Die Autorin entführt den Leser in eine stimmige, wohldurchdachte Welt, deren exotische Eigenarten sich nach und nach aus der Handlung heraus erschließen. Seitenlange Erklärungen der örtlichen Gegebenheiten gibt es hier zum Glück nicht. Die anschauliche farbige Weltkarte von Naru und ein Glossar im Anhang genügen als Orientierungshilfe.

Bevölkert ist diese Welt von einem höchst interessanten Tier- und Pflanzenreich ’“ und von vielschichtigen Charakteren, die man, ganz wie ’žrichtige’œ Menschen, manchmal umarmen und manchmal schütteln möchte. Dem feinen Humor der Autorin ist es zu verdanken, dass der Roman trotz der dramatischen Ereignisse nie düster wirkt.

Am Ende dieses Buchs hat man das Gefühl, sich von lieb gewordenen Freunden verabschieden zu müssen. Nur gut, dass die Aeniren nun zwar die Ursache für die Klimaveränderungen kennen, das Problem aber noch nicht abschließend lösen konnten. Wenn sie soweit sind, die Sache in einem weiteren Roman anzugehen, sagt mir hoffentlich jemand Bescheid ’“ ich bin auf jeden Fall wieder dabei!

Vielleicht findet sich für den Folgeband dann eine etwas andere Seitengestaltung. In dem löblichen Bemühen, das Buch nicht zu seitenstark und damit zu teuer zu machen, hat man möglichst viel Text auf die einzelnen Seiten gepackt. Mit einem schmaleren Satzspiegel und deutlich mehr Durchschuss wird ein Buch aber gleich viel lesefreundlicher.

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