Elke Schleich, Holger Dittmann (Hrsg.): SUGAR BABY LOVE -“ Stories aus den Siebzigern

Elke Schleich, Holger Dittmann (Hrsg.): SUGAR BABY LOVE ’“ Stories aus den Siebzigern, Oschersleben 2006, Lerato-Verlag, ISBN: 978-3-938882-31-3, 126 Seiten, flexibler Einband, Format 14,8 x 21 x 0,7 cm, EUR 9,95.

„Ist das wirklich schon so lange her: Bonanzaräder, Prilblumen, Schlaghosen, Plateausohlen? Die WM `74, die RAF, die Rubettes?’“ Diese Frage stellt der Klappentext. Und der Zeitgenosse mittleren Alters, der, wie die Autoren, in den legendären 70-er Jahren jung war, schüttelt den Kopf. Nein, ausgeschlossen! Das kann unmöglich schon mehr als 30 Jahre her sein! Manches davon ist doch noch so präsent, als sei es erst gestern gewesen.

Und schon hat man das quietschbunte, prilblumenverzierte Buch aufgeschlagen und macht sich in den Geschichten und Gedichten auf die Suche nach dem Zeitgeist und dem Lebensgefühl von damals.

EIN HEISSER SOMMER ist’™s im Jahr 1977, doch die Studentin Vera in Cornelia Koepsells Geschichte hat keine Zeit, für Baggersee und Freibad: Der Kommunistische Bund Westdeutschland baut in Frankfurt sein Hauptquartier, und die ahnungslose Vera wird in die Maurerkolonne eingeteilt. Das hat ungeahnte Folgen … und die Story ein paar herrlich boshafte Spitzen.

WILLKOMMEN IN DER DDR heißt es 1973 für Ralf Minkenberg und seine Familie. Mit zwei Autos und der Verwandtschaft aus Westfalen geht es Richtung Stralsund. Bürokratische Hürden, in der Hitze zerlaufene Stullen und ein mulmiges Gefühl bei den scharfen Kontrollen an der Grenze zerren an den Nerven. Aber es kommt noch dicker …

Um Farbenlehre der besonderen Art geht es in Amos Ruwwes Story DER NAHE OSTEN: Roter Libanese, Grüner Afghane, Goldener Nepalese … und um grüne Trachten geht’™s auch. ’“ Fehl am Platz fühlt sich Christiane Webers Heldin auf der Klassenfete in der Story SAILING. ’“ FAST IM GEFÄNGNIS landet Hans Sonntag als er auf einem Fußmarsch im Vogtland vom Weg abweicht. Spannend!

DIE LETZTE STRASSENSCHLACHT VOR DER SOMMERPAUSE schildert Ernst-Eberhard Manski. Eine Veranstaltung, die ihm ein paar überraschende Begegnungen beschert … KÜSSEN WIE JOHN WAYNE will der 15-jährige Erzähler in Gregor Schürers Geschichte. Doch die 14-jährige Angelika zeigt ihm, wie das richtig geht. HINTER DER HECKE bei den kiffenden und musizierenden Gammlern statt auf der Geburtstagsfeier ihres Schwarms landet Elke Schleichs siebzehnjährige Heldin ’“ und hat einen unvergesslichen Abend.

UNSERE ZEIT IN DEINEN AUGEN sieht Thomas Hocke … eine anrührende Erinnerung an einen tierischen Gefährten, der ihn durch seine Jugend begleitet hat. In Gertie Platzers Geschichte ICH WAR FAST SIEBZEHN versucht eine Mutter ihrer Tochter klarzumachen, was es in den siebziger Jahren für ein Mädchen für eine Katastrophe war, Brillenträgerin zu sein. ’“ Cool, intellektuell und avantgardistisch ist Holger Dittmans Held. Nicht auszudenken, wenn seine Kumpels wüssten, dass er den Song SUGAR BABY LOVE mag!

IM AUFTRAG DES KARIERTEN KÄNGURUHS ’“ ZWEITE FASSUNG ist Olaf Trint unterwegs. Er versucht, seiner Freundin die Faszination der legendären Jugendzeitschrift ’žYps’œ zu erklären. Eine Kurzgeschichte, die erst durch die Rahmenhandlung zu einer solchen wird. ’“ Eine Geburtstagsparty entgleist in Martina Moritz Story EIN HIGHWAY FÜR BERNIE. Schnoddrig und unangepasst ist der Held in Christian Perkos ZONENSTORY. Ein Beitrag, der laut Vita aus einem umfangreicheren Werk stammt mit dem schönen Titel ’žAch du Scheiße, Regen!’œ

Mit einer überraschenden Pointe wartet Tanja Thomsens Kurzgeschichte PAUL SCHWEIGT auf. Sofort liest man die Geschichte um eine unglückliche Ehefrau ein zweites Mal ’“ auf der Suche nach den Hinweisen, die man im ersten Durchgang wohl überlesen hat.

26 Beiträge von 25 Autoren sind es. Sie alle hier kurz zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Es ist auf jeden Fall ein abwechslungsreicher Mix aus erdachten Geschichten und persönlichen Erinnerungen, aus Kurzgeschichten, Gedichten und Beiträgen, die eher den Charakter eines Essays haben.

Es ist ein faszinierendes Erlebnis, in den Erinnerungen zu stöbern, die andere Menschen an eine Zeit haben, die man selbst sehr intensiv erlebt hat. Man ertappt sich dabei, Vergleiche zu ziehen: Wessen Geschichten kommen meinen eigenen Erinnerungen, meinem Lebensgefühl in jener Zeit am nächsten? Welche Erlebnisse sind mir fremd? Mit Christiane Webers SAILING fühle ich mich zum Beispiel ganz gut erwischt. Und mit noch ein paar weiteren Beiträgen. Und im Anhang kann man dann in den Autoren-Viten nachschlagen, inwieweit sich die Biographie des Autors tatsächlich mit der eigenen deckt …

Liebe Altersgenossinen und -genossen: Ran ans Vergnügen! Rücksturz in die Vergangenheit!

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