2002 -“ 2003: Funktionstüchtig

Wenn ich an manchen Tagen in den Spiegel sehe, bin ich ehrlich überrascht, dass ein Mensch zurückschaut. Keine Maschine, kein Avatar aus dem Internet und auch kein blinkendes Schild mit der Aufschrift: ’žIch werde mich sofort drum kümmern!’œ Nein, ein Mensch. Dabei würde es mich nicht einmal wundern, wenn ich im Spiegel gar nichts sähe außer dem Raum um mich herum. Wenn ich in Wahrheit unsichtbar wäre.

Science Fiction? Nein.
Horror? Nun ja, wie man’™s nimmt …

Es war nicht immer so. Ich war einmal ein ganz normaler Mensch mit Wünschen, Träumen und Bedürfnissen. Mit Interessen, Begabungen, vielen Freunden und einer lebhaften Kommunikation. Lange ist’™s her. Jahre? Jahrzehnte? Die Veränderung ging schleichend vonstatten, und so weiß ich nicht, wann genau ich mit dem Menschsein aufgehört habe und das wurde, was ich heute bin: Ein Funktionsträger. Ein Multifunktionsträger, um genau zu sein. Aber das macht die Sache auch nicht besser. Ich bin Bürokraft, Teamleiterin, Familienmanagerin, Haushälterin, Steuerzahlerin, Vermieterin und Altenpflegerin. Nein, Pflegerin ist zuviel gesagt. Ich bin eine funktionstüchtige, pünktliche und zuverlässige Mutterfütterungsmaschine.

Wo immer man mich hinstellt und Leistung fordert, funktioniere ich. Klaglos, reibungslos, leidenschaftslos. Widerstand ist zwecklos. Gefühle sind irrelevant.
Schade eigentlich.

Jedes Mal, wenn mein älterer und schon etwas vergesslicher Büronachbar Mühe hat, sich an meinen Namen zu erinnern, halte ich für Sekunden angstvoll den Atem an und denke, jetzt ist es endgültig passiert ’“ ich habe meine Identität verloren und mich in meinen Funktionen aufgelöst wie eine Brausetablette in Mineralwasser.

Irgendwann habe ich angefangen, Leserbriefe und Zeitungsartikel zu schreiben, nur um meinen Namen in der Zeitung zu lesen und spüren, dass es mich wirklich noch gibt. Seht her, ich habe eine Meinung und einen Namen, ich bin also ein Mensch ’“ und nicht nur eine unpersönliche Kraft, deren man sich nach Belieben bedienen kann!
Ich treibe mich im Internet herum, stelle meine Ansichten in verschiedene Foren und freue mich wie ein Kind, wenn eine Reaktion kommt. Hallo, ich habe etwas gesagt, und es hat wirklich jemand wahrgenommen und darauf reagiert! Im richtigen Leben ist das nur noch selten der Fall. Gut, wenn ich Fakten zu vermitteln habe, die für den Gesprächspartner ’“ oder soll ich sagen: Geschäftspartner? ’“ wichtig sind, dann wird das schon zur Kenntnis genommen. Doch wenn ich etwas äußere, das überwiegend für mich wichtig ist, kann ich von Glück sagen, wenn ich ein neutrales Grunzen als Antwort erhalte. Oft kommt gar nichts, und es ist, als hätte ich nie ein Wort gesprochen. Dann frage ich mich wirklich: ’šHabe ich jetzt was gesagt ’“ oder wollte ich nur?’˜ Da ist die Reaktion meines Vaters schon deutlicher: Er sagt kurz und bündig: ’žDas interessiert mich nicht!’œ, oder: ’žFür sowas habe ich keine Zeit’œ und läßt mich stehen. Oder er legt abrupt den Hörer auf, je nachdem. Da weiß ich wenigstens, woran ich bin.

Nett war auch sein Spruch an meinem letzten Geburtstag: ’žAch ja ’“ alles Gute. Schenken tu ich dir nix. Du hast eh mehr als ich.’œ Flüchtig fragte ich mich, ob er nur nie kapiert hat, dass es beim Schenken nicht aufs Materielle ankommt, oder ob das eine dürftig maskierte Umschreibung war für: ’žDu bist mir nicht der Mühe Wert.’œ Es ist ja nicht so, dass er mich lieben muss. Niemand ist verpflichtet, seine Erzeuger oder seine Nachkommen zu lieben. Ich wünschte mir dennoch, er würde mich gelegentlich als Mensch wahrnehmen und nicht nur als Erledigunghilfsmittel und Mutterfütterungsaggregat. Ja, ich weiß: Er ist selbst an der Grenze seiner Belastbarkeit. Oder schon darüber hinaus.

Rächt sich die ’žausgleichende Gerechtigkeit’œ eigentlich an den erwachsenen Kindern dafür, dass sie in ihrer Jugend ihren Eltern eine Last waren? Müssen wir all den Kummer, den Ärger und die schlaflosen Nächte, die wir Vater und Mutter beschert haben, als wir noch klein und unverständig waren, später in Form von Sorge um die Alten und Kranken bezahlen? Wenn ja, dann prost Mahlzeit! Dann hat die Gerechtigkeit mit mir noch ein paar sehr unschöne Dinge vor. Ich war ein ausgesprochen widerspenstiges und lästiges Kind mit einem unglaublichen Talent dafür, mich und andere in Schwierigkeiten zu bringen. Meine ausgefallenen Ideen waren der Familie immer suspekt, und ich glaube, wenn es machbar gewesen wäre, hätten sie sich kollektiv von mir scheiden lassen. Alle bis auf die Neffen, vielleicht. Die finden ihre meschuggene Tante ganz unterhaltsam.

’žIch werde einfach nicht fertig mit diesem riesigen Pflichterfüllungsprogramm’œ, habe einmal gejammert, als ich noch jung und naiv war. ’žStell dich nicht so an’œ, antwortete meine Mutter. ’žDu musst nur deine Interessen, deine Hobbys und deine Freunde aufgeben, dann reicht dir auch die Zeit.’œ Das war keine Ironie, das war ihr bitterer Ernst.

Eine Weile habe ich mich noch dagegen gewehrt, mich selbst aufgeben zu sollen. Doch leider vergebens. Irgendwann, ohne dass ich es zunächst bemerkt habe, haben sie mich doch kleingekriegt und vereinnahmt ’“ die anderen mit ihren permanenten Erwartungen und Forderungen. Und jetzt gibt es wohl kein Zurück mehr: Ich habe zu funktionieren, nicht zu fühlen, Bedürfnisse zu befriedigen statt welche zu haben. Ich soll schweigen, spuren und ohne zu zögern aufspringen, wenn jemand nach mir ruft. Das gelingt mir überraschend gut. Dumm wird’™s nur, wenn alle gleichzeitig etwas von mir wollen, der Chef, die Familie, die Mieter, Gott-weiß-wer. Da wird es manchmal hektisch und kritisch, und gelegentlich kommt’™s zu einem kleinen Kurzschluss. Aber ich scheine über ganz gute Autorepair-Kräfte zu verfügen. Ich komme immer wieder auf die Beine und nehme meine vielfältigen Funktionen umgehend wieder auf.

Und was ist, wenn das eines Tages nicht mehr klappt? Wenn ich funktionsunfähig auf der Strecke bleibe? Oder wenn ich schlichtweg die Schnauze voll habe, und einfach irgendwann in den Sonnenuntergang reite, ohne mich auch nur ein einziges Mal nach meinem alten Leben umzudrehen? Ärgern werden sie sich wie über eine verschwundene Fahrradpumpe oder einen kaputten Kühlschrank und umgehend Ersatz besorgen. Besser, schicker und moderner. Ein bisschen teurer, vielleicht. Das Neue ist meist ein bisschen teurer als das Alte. An meinen Namen wird sich kaum einer erinnern. Und das ist eine verdammt deprimierende Vorstellung.

Zum Grübeln und Aufbegehren bin ich meist zu müde. Doch ganz verlernt und aufgegeben habe ich es noch nicht. In seltenen Momenten wie in denen vor dem Spiegel wundere ich mich darüber, dass ich die Verwandlung zur Maschine noch nicht komplett vollzogen habe. Dass ich immer noch ein Mensch bin. Aber vielleicht täuscht das ja auch. Möglicherweise bin ich klammheimlich zu einer Art Android mutiert, bei dem nur noch das Aussehen menschlich ist. Ich sollte das vielleicht überprüfen. Wenn ich mir ein Messer in den Körper renne ’“ läuft dann Öl aus und der Motor bleibt stehen, oder verblute ich?

Im Grunde ist auch das egal. Es ist nicht wirklich wichtig, ob ich als Mensch oder Maschine meine Funktionen einstelle. Eines jedoch brächte das Experiment mit sich, ganz egal, wie es ausginge: Ich hätte endlich meine Ruhe.

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