Arbeit? Nein danke!

Vom Arbeitstier zum Faultier in 5 Lektionen

„Das hat der Kollege Fritz heut‘ wieder sauber hingekriegt“, faucht meine Kollegin Evi und knallt mit Schwung ihr Tablett auf den Kantinentisch.
„Fritze Faultier?“, frage ich, seinen Spitznamen verwendend, von dem er hoffentlich nie erfahren wird. „Was hat er denn jetzt wieder gemacht?“
„Gemacht? Das gleiche wie immer: Nix. Aber das mit großem Getöse!“
„Hm. Darin ist er große Klasse“, räume ich ein. „Ich wollte, ich könnte das auch.“
„Was?“
„Na, faul sein. Nix tun. Sich auf anderer Leute Kosten ein schönes Leben machen. Und dabei ungeheuer gestresst wirken.“
Evi lacht. „Na, wenn selbst der Fritz das hinkriegt, kann das ja nicht weiter schwer sein.“
„Biest.“
Sie zuckt die Schultern. „Das musste jetzt sein!“

Während Evi ihre Nudelsuppe löffelt, habe ich eine genial-bescheuerte Idee: „Vielleicht können wir ja von unseren Faultieren noch was lernen. Und sogar anderen was beibringen. Wir sollten einen Ratgeber schreiben … eine Anleitung, wie man sich vor der Arbeit drückt. Das wäre bestimmt eine Marktlücke.“
„So was wie Arbeit – nein danke?“, fragt Evi.
„Genau! Vom Arbeitstier zum Faultier in 5 Lektionen. Können auch mehr werden, das weiß ich jetzt noch nicht. Die fünf goldenen Wege zur Faulheit. – Fünf Taktiken, die Ihnen die Arbeit vom Leib halten …“
„Und die wären?“

„Taktik Nr. 1: Lerne klagen ohne zu leiden“,
antworte ich wie aus der Pistole geschossen. „Du musst nur, statt zu arbeiten, überall herumgehen und plärren, wie überlastet du bist. Dann traut sich keiner, dir noch einen Job aufs Auge zu drücken.
„Und wenn’s doch einer probiert“, ergänzt Evi, „dann musst du denjenigen derart mit deinem Gejammer nerven, dass er es sich beim nächsten Mal gut überlegt, ob er sich das noch einmal antut. Oder ob er nicht lieber gleich zu jemandem geht, der sagt; ’šja, ja, gib schon her, ich kümmere mich drum!'“

Sie weiß auch schon, wie’s weitergeht:

„Taktik Nr. 2: Setz die Sache in den Sand.
Der alte Trick, mit dem sich schon Heerscharen kleiner Brüder vorm Geschirrspülen gedrückt haben … sich blöd stellen und möglichst viel Schaden anrichten …, der funktioniert nämlich auch im Berufsleben. Wenn dir einer eine Arbeit gibt, versau sie. Oder lass sie so lange liegen, bis es fast zu spät ist, und melde dich dann krank. Dann muss auf die Schnelle jemand anders einspringen. Du hast die Sache vom Hals und alle Welt denkt: ’šAch nee, dem Menschen kannste ja nix geben. Entweder er wird nicht rechtzeitig fertig damit, oder er macht alles falsch.‘ Tja, und schon lässt man dich in Ruhe.“

„Geniale Methode“, sage ich.
„Leider nicht von mir“, bedauert Evi. „So arbeiten zum Beispiel Horst und Jochen. Und zwar seit fast zwanzig Jahren.“

„Dass das von den Chefs keiner merkt!“, wundere ich mich.
„Merken tun sie’s schon“, meint Evi. „Aber unternehmen wollen sie nix dagegen. Vorgesetzte sind eben konfliktscheu. So lange noch genügend Deppen da sind, die das ausbügeln, was die Faulpelze verschlafen oder vermasseln, sehen sie keinerlei Handlungsbedarf.“ „Unfair“, finde ich. „Aber vielleicht erkennen die Chefs solche Taktiken wirklich nicht. Wenn man’s geschickt anfängt, kann man sich bestimmt völlig unbemerkt aus dem aktiven Arbeitsleben ausklinken und trotzdem jahrelang voll bezahlt und vielleicht sogar befördert werden. Damit hätten wir den nächsten Punkt:

Taktik Nr. 3: Übe dich in arbeitsimitierendem Anwesenheitsverhalten!“
„Und das geht wie?“, fragt Evi, während sie ihre Salatblätter klein schnippelt.
„Das ist die leichteste Übung“, erkläre ich. „Du kramst deinen Schreibtisch brechend voll, rümpelst dein Büro mit Ordnern und Unterlagen zu und bist grundsätzlich nur im Laufschritt unterwegs. Und wenn du nur zum Tratschen , Kaffeeholen oder aufs Klo gehst. Das sieht immer ungeheuer wichtig aus. Und du darfst dich niemals ohne Papiere in der Hand erwischen lassen. Es muss alles nach Dienstgang aussehen.

Was du treibst, ist egal. Solange es nach Arbeit ausschaut. Du kannst gern auch den ganzen Tag private E-Mails schreiben. Hauptsache, die Kollegen hören deine Tastatur klappern.“

„Hilfreich ist es auch, wenn man in diversen Palaver-Meetings, Gremien, Ausschüssen etc. sitzt. Da kann man ausgiebig dummschwätzen, Kaffee trinken, Kekse mampfen und sich zeigen“, sagt Evi und fuchtelt wie ein Dirigent mit der Gabel. „Und später unverständliche Memos verfassen.“

„Das mit den Gremien und Ausschüssen hat noch eine angenehme Nebenwirkung“, fällt mir ein, während ich eine widerspenstige Olive durch meinen Salatteller jage „Wenn du nie an deinem Schreibtisch bist, kann dich die Arbeit gar nicht finden.“

„Sehr gut!“, jubelt Evi. Das wär‘ noch ein weiterer Punkt.

Taktik Nr. 4: Geh der Arbeit einfach aus dem Weg!“
„Dabei gibt’s auch verschiedene Möglichkeiten“, sage ich „Das mit den Besprechungen hatten wir ja schon. Beliebt sind auch Arzttermine, Besuche bei Kunden und Lieferanten und das rotzfreche Überziehen der Mittagspause. Das kann unser Fritze Faultier übrigens auch ganz ausgezeichnet. Alle glauben, er muss wohl im Meeting sein, wenn man ihn nicht findet, und derweil hockt er noch seelenruhig in der Kneipe und macht Mittag.“

„Morgens zu spät kommen ist ebenfalls ein bewährtes Mittel.“, meint Evi. „Entweder mit oder ohne dumme Ausrede. Und erinnerst du dich noch an unseren Ex-Kollegen Michi? Der ist oft stundenlang irgendwo im Haus versickert – zum Tratschen. Das ist derart dreist, da kommt dir kein Mensch drauf.“

„A propos dreist ’¦ was wir noch gar erwähnt nicht haben, ist die Masche unserer lieben Kollegin Isabella“, fällt mir ein.
„Ja … richtig!“, stimmt Evi mir zu. „Das fehlt noch! Das hieße dann wohl:

Taktik Nr. 5: Sei zickig, und weise alle Arbeit als Zumutung zurück!
Und zwar mit allen Schikanen: Schrei die Kollegen an, wenn sie was von dir wollen.
Behaupte, die Sache sei ihr Problem und nicht deins. Erkläre sie für blöd, wenn sie eine Frage haben. Und sag grundsätzlich erst mal, dafür seiest du nicht zuständig. Egal, worum es sich handelt.“

Ich lache so laut los, dass sich einige Kollegen erstaunt nach mir umdrehen. „Super! Genau so macht sie das! Ich höre sie förmlich reden. – Da überlegt man es sich doch zehnmal, ob man hingeht und sie mit einer Frage belästigt, oder?“

„Ja, das hat sie clever eingefädelt. Und jetzt kann sie, statt zu arbeiten, in Ruhe mit ihren Freundinnen telefonieren oder im Internet surfen. Mich würde mal interessieren, wie lange sie gebraucht hat, um diese Technik zu perfektionieren!“

„Keine Ahnung. Ich vermute, mit dem Faulenzen muss man schon in der Kindheit anfangen, um richtig gut zu werden.
„Früh drückt sich, was ein echtes Faultier werden will?“, kichert Evi.
„Ja, so ungefähr. Aber vielleicht ist es für uns ja noch nicht zu spät. Wir könnten die Taktiken noch lernen. Wir könnten sogar noch Geld damit machen: Ein Buch schreiben. Und Seminare geben …“
Evi tunkt ihren Dessertlöffel in den Pudding und grinst. „Du, ich glaube, es wirkt schon: Dazu bin ich nämlich zu faul …

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