Hilfe, ich bin lesesüchtig!

Zum Glück ist Lesesucht nichts Gesundheitsschädliches – es sei denn, es fällt einem ein übervolles Bücherregal auf den Kopf oder auf die Füße. Oder man hat die Zeitung auf dem Beifahrersitz liegen und liest während des Autofahrens, wie es eine Kollegin von mir tut. Lesesucht ist allenfalls teuer, weil man ständig Bücher und Zeitschriften kauft. Und lästig, weil einem die Materie anschließend zu Hause im Weg herumliegt und gelagert, abgestaubt und verwaltet werden will.

Angefangen hat das bei mir bereits in den 60-er Jahren, im zarten Alter von vier Jahren. Ich war so dürr und habe so schlecht gegessen, dass meine Mutter mich schließlich bei der Neugier packte und Buchstabensuppe kochte. Nudel für Nudel wurden mir Suppe und Wissen eingelöffelt: »Und jetzt essen wir ein O wie Otto. Und jetzt kommt ein I wie Inge. Ein R wie Reinhold, ein A wie Auto …«. Die Maßnahme war nur von begrenztem Nutzen: Dürr war ich und dürr blieb ich – aber ich konnte im Kindergarten schon lesen, was ich auch mit Begeisterung tat.

Für einfache Bilderbücher reichten meine Fähigkeiten. Komplexere Geschichten lasen mir die Eltern vor. Von Grimms Märchen konnte ich zum Beispiel nicht genug bekommen. Schließlich brachte mein Vater ein Tonbandgerät mit nach Hause, und meine Mutter und er nahmen mir meine Lieblingsmärchen auf Band auf. So waren sie von den »Routinetexten« entlastet und mussten nur noch meinen Hunger nach neuen Geschichten stillen.

Am liebsten wäre ich jeden Tag im örtlichen Spiel- und Schreibwarengeschäft vorstellig geworden und hätte mir ein neues Schneider-Buch gekauft. Zum Vorlesen oder später zum Selberlesen. Das ging natürlich nicht, denn Bücher waren damals schon kein billiges Vergnügen. Also besann sich mein Vater auf sein erzählerisches Talent und fabulierte selbst.

Er war sehr belesen und liebte Afrika, ohne jemals dort gewesen zu sein. Allein aus dem, was er aus Büchern und Filmen wusste, entwickelte er die haarsträubende Geschichte einer ereignisreichen Safari, an der er zusammen mit einem Bruder und ein paar Sportkameraden teilgenommen haben wollte. Bald war ich nicht der einzige Fan der Afrika-Geschichten. Freunde, Vettern und Cousinen blieben staunend sitzen, wenn mein Vater seine Geschichten erzählte. Schnell war er, wo er ging und stand, von einer Kinderschar umringt, die bettelte: »Erzähl doch mal von Afrika!« – »Bitte die Geschichte, wo die Affen mit den Kokosnüssen schmeißen!« – »Bitte die vom Krokodil! – »Das Nilpferd, das Nilpferd, erzähl doch das vom Nilpferd!«

Mir war immer klar, dass das alles erfunden war. Mein Vater hat auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich das alles ausdachte, während er es erzählte. Ob das den anderen Kindern auch klar war? Keine Ahnung. Vermutlich war es ihnen egal, ob die Geschichten wahr oder erfunden waren, Hauptsache, sie waren unterhaltsam. Und das waren sie! Bis zum heutigen Tag gibt es allerdings Leute in meiner Heimatgemeinde, die davon überzeugt sind, dass mein Vater eine Zeit lang in Afrika gelebt hat oder zumindest mal an einer Safari teilnahm.

Eine Afrika-Geschichte war es auch, die mir zeigte, wie man seinen Bücherbestand gratis aufstocken kann: Ich beschwerte mich als Achtjährige schriftlich bei einem Verlag, weil das Buch »Moni in Ostrafrika« so viele Druckfehler enthielt. Und bekam ein Entschuldigungsschreiben und zwei kostenlose Bücher als Entschädigung. Mein Bedarf an neuen Geschichten war aber höher, das hätte ich mir niemals alles erschnorren können. Eine Bibliothek gab es bei uns auf dem Dorf noch nicht, also lieh mein Vater für mich Bücher in der Betriebsbibliothek aus. Dort gab es entweder keine Kinderbücher oder er ging nach seinem eigenen Geschmack, jedenfalls schleppte er ein Sachbuch nach dem anderen an. (Er hat nie gerne Romane gelesen). Ich kann mich heute noch an ein Buch über Hunderassen erinnern, an einen Pflanzenführer, ein Bestimmungsbuch für Tag- und Nachtfalter, an Pilzbücher und Vogelbücher.

Und dann ergab es sich, dass eine Bekannte in einem Pressevertrieb zu arbeiten begann. Tütenweise wanderten auf diese Weise Illustrierte in unseren Haushalt, die im Laden nicht verkauft worden waren. Niemand machte sich die Mühe, den Inhalt vorher zu sichten. Und vielleicht ahnen Sie schon, mit welcher Art Lektüre ich da beglückt wurde. Neben Modezeitschriften und den Kaiser- und Königsblättchen gab es da auch jede Menge nicht jugendfreier Publikationen. Was erst auffiel, als ich nach ganz sonderbaren Vokabeln zu fragen begann.
Mein Vater stutzte, weil ich solche Wörter kannte. »Wie kommst du jetzt darauf?«
»Na, das steht hier!«, sagte ich, und hielt ihm eine Zeitschrift unter die Nase.
»Himmel Herrschaft! Wo hast du denn das her?«
»Aus der Bertha ihrer Tüte.«
Was mein Vater erwiderte, möchte ich hier anstandshalber verschweigen. Jedenfalls wurden die Tüten fürderhin durchsortiert und nur noch kindgerechter Lesestoff an mich weitergereicht. Um meine Aufklärung musste man sich nun jedenfalls nicht mehr bemühen, das hatten die Schmuddelhefte bereits gründlich erledigt.

Mein älterer Cousin hatte sich in der Zwischenzeit noch eine weitere Quelle für Lesestoff erschlossen: Den Sperrmüll und die örtliche Müllkippe! Er zerrte zum Entsetzen seiner Mutter ein mehrbändiges medizinisches Lexikon vom Müll nach Hause, und wir saßen stundenlang blätternd da und spielten »wer die ekligste Krankheit findet«.

Dann kam endlich die Ortsbibliothek. Und mein Cousin und ich entdeckten den Versandbuchhandel. Den vielversprechenden Katalogtexten konnten wir einfach nicht widerstehen. Wir bestellten so lange das Taschengeld reichte. Erstmals im Leben konnten wir sagen: Der Nachschub ist gesichert! Das hatte natürlich auch seine Nachteile. Denn nun flutete so viel Materie ins Haus, dass wir fast nur noch am Lesen waren und man uns regelrecht an die frische Luft jagen musste. Und wer viele Bücher hat, braucht auch fortwährend neue Regale.

Als ich aus dem elterlichen Haus auszog, hatte ich nicht viel mehr als einen Schreibtisch, den Küchenschrank meiner Oma, meine Kleidung – und 13 Kisten Bücher. Das wuchs sich bald zu 60 laufenden Regalmetern aus. Die Bücherflut wurde zu einer wahren Bücherspringflut, als ich anfing, für ein Literatur-Magazin zu schreiben. Leseexemplare, Belegexemplare, Bücher, die dem Chefredakteur im Weg waren … alles landete irgendwie bei mir. Neue Regale allein waren bald nicht mehr die Rettung – ich hätte neue Wände mit dazu gebraucht, um all die Bücher unterzubringen. Selbst über den Türstürzen hängen bei uns Bücherregale. Nur im Bad hat‘s noch keine.

An der Bücherschwemme hat sich in den letzten 20 Jahren nicht allzuviel geändert. Ich habe immer für Verlage gearbeitet und tu es noch heute. Und bis zum heutigen Tag kann ich es nicht mit ansehen, wenn jemand Bücher wegwirft. Ehe das passiert, schleppe ich sie lieber mit nach Hause, Stück für Stück im Rucksack. Natürlich kann nicht alles in meinem Haushalt verbleiben, sonst bricht mir eines Tages wirklich noch der Boden durch und ich lande mit meinem ganzen Geraffel im Keller. Von der Bücherflut profitieren Freunde und Verwandte, Vereine und wohltätige Organisationen. Gerade im Moment sieht‘s bei mir im Büro wieder aus wie im Warenlager, weil ich kartonweise Bücher für verschiedene Tombolas gerichtet habe. In Kürze wird das abgeholt, und das Warenlager verwandelt sich vorübergehend wieder zurück in ein begehbares Büro.

Gottseidank hab ich nicht auch noch einen büchersüchtigen Mann! Er hortet dafür Musik-CDs und DVDs. Und er ist ein regelrechter »Zeitschriften-Junkie«. Zeitweise hatten wir – Geschenk-Abonnements für Freunde und Verwandte eingeschlossen – 20 Zeitungen und Zeitschriften abonniert. Wobei Illustrierte den Vorteil haben, wenigstens zu veralten, so dass man sie nach Gebrauch getrost wegwerfen kann und nicht auch noch lagern, verwalten und abstauben muss.

Wenn wir einen Strandurlaub planen, wird als erstes Mal der Lesestoff eingepackt, was den Löwenanteil des Gepäckgewichts ausmacht. Wir schleppen wie die Weltmeister, und die Lektüre reicht nie. Jetzt bin ich dummerweise auch noch zweisprachig und lese gerne englische Bücher, was mich natürlich anfällig macht für Einkäufe im Ausland. Bei einer Geschäftsreise nach London habe ich es geschafft, meine ganzen Spesen für Bücher auf den Kopf zu hauen. Ich war der erste in der Firmengeschichte, der hinterher noch Geld bringen musste, statt etwas herauszubekommen. Dumm gelaufen, dass das Hotel neben einer Buchhandlung lag! »Die Bücher bringst du nie im Leben in deinem Gepäck unter«, unkte mein Kollege. »Junge«, sagte ich, »du hast ja keine Ahnung! Wenn‘s um Bücher geht, ist bei mir grundsätzlich alles möglich!«

Autor: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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  1. Ein sehr schöner Beitrag! In Sachen Büchern geht es mir ja ganz ähnlich. Letzten September habe ich mir gleich drei Regale gekauft, um mein altes, schon sehr klappriges Bücherregal zu ersetzen. Obwohl ich nun dreimal soviel Platz für Bücher habe, reicht es nach wie vor hinten und vorne nicht. Also muss noch ein Regal her. Mindestens.

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