Zypern 2001: Mythen, Kirchen, Linksverkehr

Mythen, Kirchen, Linksverkehr, I
Zypern vom 20. Juli bis 03. August 2001

Wie legt man eigentlich ein Reiseziel fest? Manchmal geschieht das bei uns spontan, aufgrund eines tollen Fotos im Reiseprospekt, zum Beispiel. Mein Wunsch, Zypern zu sehen dagegen ist alt. Ein Goldmann-Krimi aus dem Jahr 1974 ist Schuld: BARLOW UND DER RICHTER von Elwyn Jones. Dieser Roman führt die britischen Ermittler nach Zypern. Nie sind mir die Namen der Schauplätze aus dem Kopf gegangen: Nikosia, Famagusta und Limassol. Und ich beschloss damals: Eines Tages fährst du da hin und schaust dir das an. 27 Jahre später … besser spät als nie … ist dieser Wunsch aus Teenager-Tagen in Erfüllung gegangen.

Anreise und erste Eindrücke
Am Freitag, den 20. Juli ging es los. Mein Vater fuhr uns zum Flughafen. Es war zeitlich schon recht knapp, weil er ewig gebraucht hat, bis er aus dem Haus kam. Nächstes Jahr nehmen wir uns ein Taxi. Rund vier Stunden dauerte der Flug bis zur Zwischenlandung Larnaca. Dort nahm das Flugzeug weitere Passagiere auf. Sie würden in Paphos – unserem Zielflughafen – eine Stunde Aufenthalt haben und dann mit der frisch gereinigten Maschine zurück nach Stuttgart fliegen. Die Urlaubs-Rückkehrer kamen uns gar nicht sehr braun vor. War das Wetter nicht gut, oder ist es endgültig out, sich in der Sonne gar zu brutzeln?

In der Abenddämmerung kamen wir nach kurzem Bustransfer im Hotel an. Im RIU Cypria Maris in Paphos. Und ich dachte, na das fängt ja schon gut an: Das Zimmer war recht klein, wir hatten beste Aussicht auf die Baustelle, die dermaleinst ein benachbartes Hotel ergeben wird, die Klimaanlage im Zimmer funktionierte zunächst nicht, und beim Auspacken stellten wir auch noch fest, dass ich Gerhards Badehose nicht eingepackt hatte. Es konnte nur noch besser werden.

Das Abendessen fand im Freien statt. Neben der Poolbar war ein Buffet aufgebaut, und zur Unterhaltung schrammelten die hauseigenen Musiker … ein bulgarisches Duo von der üblichen Qualität: Die Sängerin traf kaum einen Ton, und wenn, dann konnte sie ihn nicht halten. Es war so grauenvoll, dass ein belgischer Hotelgast sich eine Serviette über den Kopf zog, sich duckte und um Gnade winselte. Und dann fluchtartig die Veranstaltung verließ. »In wie vielen Tagen sind wir reif für einen Doppelmord?«, fragte ich Gerhard. Und zeitgleich zeigten wir beide mit den Fingern die Zahl 3.

Am nächsten Tag besuchten wir die obligatorische Infoveranstaltung der TUI … die auch von Jahr zu Jahr mickriger und hektischer verläuft … und buchten unsere Ausflüge. Es hätte sogar Schiffsreisen nach Israel, Ägypten und Jordanien gegeben, aber die hätten jeweils 3 Tage gedauert, und das ist dann eigentlich nicht wirtschaftlich. Insbesondere Israel hätte mich interessiert. Aber vielleicht schaffe ich es mal so, runterzufliegen und mir zumindest Jerusalem anzuschauen.

Zumindest hatten wir israelisches TV. Und italienisches, griechisches, deutsches, britisches und russisches. Ich hab mich morgens gern durchs Frühstücks-TV gezappt und festgestellt, dass das offenbar eine weltweit gleich dämliche Angelegenheit ist: Zwei alberne Figuren, Mann und Frau, sitzen in einem plüschigen Studio und moderieren grimassierend irgendwelchen Quark. Und »Eis am Stiel« auf hebräisch mit hebräischen Untertiteln hatte auch was. Ich nehme an, dass das Texte für Hörbehinderte waren, weil auch so was wie »pst, pst« untertitelt wurde. Viel mehr kann ich ja nicht lesen.

Auf jeden Fall war es schön, mal so richtig nix tun zu müssen, am Strand oder im Palmengarten des Hotels herumgammeln zu können, zu schwimmen, zu lesen und einfach so »herumzuexistieren«. Nur war das Wasser im Pool so warm, dass man damit hätte Kaffee kochen können. Und das Meer war unwesentlich kühler. Aber das ist halt so am und im Mittelmeer.

In den ganzen zwei Wochen haben wir nirgendwo ein Thermometer gesehen. Das haben die Zyprioten wohl mit Absicht vor uns Touristen versteckt. Trotzdem erfuhren wir von Temperaturen so um die 35 Grad. Es wirkte allerdings heißer, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch war. Beim Besuch der Ausgrabungen von Paphos soll es 45 Grad gehabt haben und in Nikosia 47. Aber so lange man nicht voll gestylt sein muss und vor allem nicht arbeiten muss, geht das.

Stadtrundfahrt in Paphos
Als erstes besuchten wir den Archäologischen Park in Paphos. Man passiert die Ruinen der frühchristlichen Basilika Limeniotissa und kommt ins antike Stadtzentrum (3. Jh. n. Chr.). Die Archäologen legen immer noch mit prächtigen Fußbodenmosaiken geschmückte Privatvillen frei, in denen die römische Oberschicht von Nea Paphos gelebt hat. Die Mosaike sind von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit aufgenommen worden.

Das Haus des Dionysos, das 1962 zufällig von einem pflügenden Bauern entdeckt wurde, maß 2000 qm. 556 qm davon waren mit kunstvollen farbigen Mosaiken bedeckt … eine faszinierende Reise durch die heidnische Mythologie: Narziss, der sich in sein Spiegelbild verliebt hat, Dionysos in triumphierender Prozession, die Zwillings-Heroen Castor und Pollux, die tragische Geschichte von Phaedra und Hypolyt, der vom alten Zeus entführte Ganymed, die Liebe zwischen Pyramos und Thisbe, Neptun und Amymone, Apollo und Daphne. Jagdszenen und die Darstellung der vier Jahreszeiten.

Im Untergeschoss hat man ein älteres Mosaik entdeckt. Es stammt aus dem 4 Jh. v. Chr., aus hellenistischer Zeit und zeigt das Meeresungeheuer Skylla. Dieses Mosaik ist noch nicht aus akkurat zurechtgeschnittenen 1 cm großen viereckigen Steinchen gelegt, sondern aus natürlichen schwarzen, weissen und braunen Kieselsteinen. Und just, als wir uns dieses Mosaik anschauten, stürmte ein Mann völlig durchgeschwitzt und wütend wie ein Kampfstier den überdachten Ausgrabungsort und schimpfte unflätigst über die Reiseleitung.

Offenbar hatte man seine Mutter und ihn am Hotel stehen lassen. Irgendwas war bei der Informationsübermittlung schief gegangen: Unsere Reiseleiterin hatte ihn nicht auf ihrer Liste. Er tobte, wütete und zeterte, und das hob nicht gerade die Stimmung. Ich regte an, er möge sich, wenigstens zum Teil, das Geld wiedergeben lassen und doch nun bitte für den Rest der Veranstaltung die Schimpferei einstellen.

Das Haus des Theseus war offenbar einst der Sitz des römischen Prokonsul. Auf den Mosaiken ist Theseus zu sehen, wie er gegen den Minotaurus kämpft, der Meeresgott Poseidon, der samt Gemahlin Amphitrite auf einem Seeungeheuer auf den Wellen reitet, und man kann dem jungen Achilles beim ersten Bad zuschauen.

Im angrenzenden Haus des Aion hat man ein fünfteiliges Mosaik entdeckt, das mit seiner Figurenfülle schon fast barock wirkt. Sie sind farbenfroher und lebendiger in der Darstellung als die anderen. Und sie wurden aus nur halb so großen Steinchen gefertigt. Diese Mosaike stammen aus der Spätantike, rund 350 n. Chr. Man sieht Zeus, wie er sich in Gestalt eines Schwans der Leda nähert, den jungen Dionysos, wie er seinem Lehrer übergeben wird, einen Schönheitswettbewerb zwischen Cassiopeia und den Nereiden, bei dem Aion zuschaut, Dionysos, der einen Zug von Mänaden und Satyrn anführt und schließlich Apollo, der den Flötenspieler Marsyas zum Tode verurteilt, weil der es gewagt hat, ihn zu einem musikalischen Wettbewerb herauszufordern.

Rund um die Kreuzkuppelkirche Agia Kyriaki Chrissopolitissa aus dem späten 16 Jahrhundert erstreckt sich ein weitläufiges Ruinengelände. Man erkennt u.a. die Grundmauern einer siebenschiffigen frühchristlichen Basilika mit großem Vorhof und schönen Mosaikfußböden. Diese Basilika wurde von den Arabern zerstört. Das ganze Gelände ist eingezäunt, da es noch archäologisch untersucht wird. So kann man die von vielen Berührungen glatt geschliffene St.-Paulus-Säule nur von weitem sehen. Laut Legende wurde der Apostel Paulus bei seinem Besuch auf Zypern 45 n.Chr. dort mit 39 Schlägen gegeißelt – wahrscheinlich, bevor er den römischen Prokonsul Sergius Paulus durch die zeitweilige Blendung eines Zauberers überzeugen und zum Christentum bekehren konnte. Damit wäre Zypern das ersten christlich regierte Land der Welt. Eine Legende, wie gesagt.

Die fünfschiffige Kirche Ayia Paraskevi ist aus dem 11. Jahrhundert und hat sehr schöne – allerdings renovierungsbedürftige – Wandmalereien. Ein bisschen kamen wir uns bei der Besichtigung wie Störenfriede vor, da die Gemeinde mit den Vorbereitungen für eine Taufe beschäftigt war. Also kürzten wir die Führung ab und schauten, dass wir weiter kamen, zu unserem nächsten Ziel.

Nach einer Besichtigung der Töpferei von Savvas – der in Deutschland studiert hat und seinen Ton unter anderem aus dem Westerwald importiert – ging es weiter zu den in Meeresnähe gelegenen Königsgräbern, die ihren Namen eigentlich zu Unrecht tragen. Sie stammen aus hellenistischer Zeit (3. bis 2. Jh. v. Chr., als es auf Zypern gar keine Stadtkönige mehr gab und die Insel von ptolemäischen Stadthaltern regiert wurde. Zusammen mit anderen wohlhabenden Familien ließen die Ptolemäer etwa 1.300 m außerhalb der Stadtmauern prächtige Felsgräber anlegen. Die in den Fels geschlagenen Stufen, die zu den Grabkammern hinunter führen, erinnern tatsächlich ein bisschen an die eine Treppe in die Unterwelt. Die Gräber hatten eindrucksvolle Vorhallen, die von dorischen Säulen eingefasst und mit Malereien und anderen Schmuckelementen ausgestattet waren. Bis in römische und frühchristliche Zeit wurden die Gräber für Bestattungen genutzt. Im Mittelalter waren einige der Gräber sogar bewohnt.

Noch im 19. Jahrhundert konnte Luigi Palma di Cesnola, einer der skrupellosesten Schatzgräber auf Zypern, einige Gräber ausrauben. Erste wissenschaftliche Grabungen wurden erst 1915 durchgeführt. Systematisch erforscht wurden die Gräber erst ab 1977.

Nach so viel Kultur, Mythen und Geschichte muss ich jetzt dringend mal eine Runde Gift spritzen. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich ein Snob bin! Irgendwann ertappte ich mich aber bei der Frage: Sagt mal, wie viel Sterne muss ein Hotel eigentlich noch haben, damit man davon ausgehen kann, dass das Publikum den Umgang mit Messer und Gabel beherrscht? Und, nein, ich übertreibe nicht! Da gab’s ein Pärchen, dessen Nationalität ich hier aus Rücksicht auf Freunde diskret verschweigen möchte, also, so was hab ich meiner Lebtag noch nicht gesehen: Nicht nur, dass die beiden die Speisen mit den bloßen Fingern vom Buffet klaubten und zu zweit sechs unglaublich aufgehäufte Teller voll an ihren Tisch schleppten, wobei sich Fischsalat, Obst und Fleisch munter auf ein und dem selben Teller tummelten, nein, sie aßen auch noch mit den Fingern. Und was nicht bezwungen wurde, wurde fröhlich in die riesige Handtasche der Frau gekippt. Fischsalat im Kunstlederbeutel, ja ich glaub, ich krieg den Vogel! Mich hat echt gewundert, dass die nicht gleich wie die Tiere direkt aus der Schüssel fraßen. Es war ein Graus, da zuzusehen.

Am ersten Tag vermutete ich, dass jetzt gleich Kurt Felix oder sonst ein TV-Scherzkeks aus den Kulissen gehupft kommt und schreit: »Vorsicht Kamera!« oder »Bitte lächeln« oder wie der Schmarrn heißt. War aber nicht so. Bei jeder Mahlzeit kam das Küchenpersonal abwechselnd an die Front. Jeder durfte mal »Gesindel gucken«. Kopfschüttelnd und grinsend verschwanden sie dann wieder in ihre Küche. Unternommen hat niemand was. In anderen Hotels habe ich schon erlebt, dass bei derartigen Entgleisungen seitens des Chefkellners oder der Hotelleitung diskret eingeschritten wurde.

Die nächst schwierigere Übung nach der Handhabung des Bestecks, das offenbar noch nicht flächendeckend in Europa eingeführt wurde, scheint zu sein, sich für den Restaurantbesuch vollständig und in der entsprechenden Kleidergröße anzuziehen. Das muss man doch merken, wenn einem die Klamotten zwei Nummern zu eng sind, oder? Und auch auf die Gefahr hin, spießig zu erscheinen: Ein Leder-BH und Shorts sind für mich keine angemessene Kleidung, um in einem 4-Sterne-Hotel Abendessen zu gehen. Ein bauchfreies Top und Hosen auf Halbmast, über die die gepiercte Wampe hängt, auch nicht. Ja nun, „Geschmackssache“, sagte der Affe und biss in die Seife.

Und wieder einmal kam mir ein altes Vorhaben ins Gedächtnis. Ich schwör’s: Eines Tages schreib ich die Story: „Über das Balz- und Nistverhalten der Strandschnepfen – zoologische Betrachtungen des Homo Urlaubiensis“. Oder so ähnlich. Wenn ich Zeuge werde, wie sich die ganze Teenie-Gruppen im Minutentakt umziehen … Bikini-Oberteil an, aus, an, aus … und in ähnlicher Taktfrequenz ihre Liegestühle verrücken, komme ich mir vor wie der selige Bernhard Grzimek bei Beobachtung irgendwelcher Balzrituale im Tierreich.

Unterhaltung
Ich gehöre ja auch zu den „Animations-Phobikern“. Ich hasse es, wenn ich von meinem Krimi aufgescheucht werde und zu irgendwelchem Unfug genötigt werden soll. Zum Glück domptieren die Animateure in den RIU-Hotels nur Freiwillige. Kinder, Teenies und Sportbegeisterte. Wer nicht mag, wird verschont.

Von den vier Animateuren haben wir nur gelegentlich beim abendlichen Unterhaltungsprogramm was mitgekriegt. Die waren ganz witzig und bewundernswert fit im Tanzen und beim Playback. Die Hymne »Barcelona« werden wir uns wohl nie wieder anhören können, ohne an den Animateur mit den umgeschnallten Hasenzähnen zu denken. Hemd aufgeknöpft, und der Freddy Mercury war fertig.

Die obligatorische Modenschau einer örtlichen Boutique mit den teuren Lederklamotten gab’s natürlich auch. Das war halbprofessionell aufgezogen, würde ich sagen. Die Models waren natürlich megadürre Kleiderständer. Und genau die Klamotten, die diese Girls getragen hatten, wurden nachher dem Publikum zum Probieren angeboten. Wenn jemand mit Kleidergröße 42 versucht, sich in ein Teil der Größe 36 zu zwängen, sieht das zwangsläufig bescheuert aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die viel Umsatz gemacht haben.

Flucht aus dem hoteleigenen Abendprogramm wurde prompt mit einer Dusche aus Brauchwasser bestraft. 🙂 Als wir an einem Abend die Strandpromenade entlang gingen, die durch die Gärten diverser Hotels führte, waren wir wohl etwas spät dran: Auf dem Rückweg legten auf einmal ein paar wildgewordene Rasensprenganlagen los. Sie wässerten nicht nur das Grünzeug, was ja ihr Job ist, sondern auch die Gehwege – und uns. Nass wie die Kanalratten kamen wir wieder im Hotel an.

Troodos-Gebirge und Kykko-Kloster
Am 24. Juli fuhren wir ins Troodos-Gebirge, in »das grüne Herz der Insel«, wie es heißt. Das Gebirge ist auch das Wasserreservoir der Insel. Flüsse haben wir keine
gesehen. Es gibt allenfalls Bäche, die im Winter zu Flüssen werden. „Der Fluss ist
erabgestiegen“ sagen die Leute, wenn das Flussbett im Winter mit Wasser und Schlamm gefüllt ist.

Mit Hilfe von Stauseen versucht man, das Wasserproblem in den Griff zu bekommen. Jetzt gibt es noch zusätzlich ein paar Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Der Wasserbedarf wäre nun so ungefähr gedeckt, aber das ganze ist eine sehr teure Angelegenheit.

Wir waren erstaunt zu hören, dass wir hier quasi über ehemaligen Meeresboden fuhren: Als der einstige Großkontinent Pangeaea vor rund 200 Millionen Jahren auseinanderbrach, drang zwischen der südlichen afrikanischen und der nördlichen Asiatischen Platte Magma empor, das den Boden des neu entstehenden Tethys-Meeres bildete. Als sich vor rund 60 Millionen Jahren die beiden tektonischen Platten wieder zueinander bewegten, verschwand ein großer Teil des Tethys-Meer. Er wurde regelrecht ins Innere gedrückt. Ein kleiner Bereich dieser ozeanischen Kruste entging diesem Schicksal und trat als Troodos-Massiv zu Tage. Rund 1950 m hoch ist das Troodos-Gebirge. Und im Winter kann man tatsächlich dort Ski fahren. Mit gebrauchten Ski-Liften aus Österreich.

Auf der Fahrt durch die Berge hörten wir auch erstmals vom »Katzen-Kloster«. Auf der Halbinsel Akrotiri gibt es das »Cape Gata«, das Kap der Katzen, und dort liegt das Kloster Agios Nikolaos ton Gaton. Das bedeutet »Heiliger Nikolaus der Katzen«. Eine Handvoll Nonnen lebt in diesem Kloster und kümmert sich um rund 200 Katzen.

Der Legende nach ist das Kloster um das Jahr 325 gegründet worden und hat von der Heiligen Helena – der Mutter des römischen Kaisers Konstantin – 100 Katzen geschenkt bekommen, um nach einer langen Dürreperiode der Schlangenplage auf der Halbinsel den Garaus zu machen. Und sie haben offensichtlich einen guten Job gemacht, denn die Gegend ist quasi schlangenfrei. Und die Nachfahren der Schlangenfänger werden noch heute in diesem Kloster dankbar gefüttert und gepflegt. Eine britische Tierschutzorganisation betreut die Tiere mit, stellt Tierärzte und Futterspenden. Die Tiere werden unter anderem eingefangen und kastriert, denn in den 90-er Jahren war die Katzenpopulation so stark angewachsen, dass die Nonnen der Sache nicht mehr Herr wurden.

Leider haben wir es nicht geschafft, das Kloster zu besuchen und Bilder zu machen. Wäre sicher ein netter Artikel für die Katzenzeitschrift geworden. Um die Wahrheit zu sagen: Wir haben uns einfach nicht getraut, uns einen Mietwagen zu nehmen und uns in den Linksverkehr zu stürzen. Die Zyprioten halten Ampeln und Verkehrszeichen für eine saudumme Erfindung der Engländer. Und in der Zeitung Cyprus Mail stand ein netter warnender Artikel, der mit der Empfehlung anfängt: »Gehen Sie davon aus, dass Sie der einzige geistig normale Fahrer sind.« Dazu kommt noch, dass viele andere Mietwagenfahrer unterwegs sind, die sich mit dem Linksverkehr auch nicht auskennen. Da ist das Chaos schon programmiert. Mietwagen sind übrigens am roten Nummernschild zu erkennen, und die Zyprioten lästern: »Da kommt schon wieder ein rotes Kaninchen«.

In Platres machten wir Pause. In den 20-er und 30-er Jahren des 20. Jh. war der Ort eine beliebte Sommerfrische für wohlhabende Zyprioten, die sich vor der Hitze im Landesinneren ins etwas angenehmere Gebirge flüchteten. Hier im Troodos-Gebirge hat Ende des 19. Jh. der Zypern-Tourismus angefangen. Grieche, Libanesen und Ägypter kamen als erste. Jetzt hätte es uns nur mächtig interessiert, warum in einer der Kirchen von Platres ein Blutdruckmessgerät steht. Predigt der Pfarrer so aufregend, dass bei Hochdruckpatienten Gefahr besteht? Oder ist er, im Gegenteil, so fad, dass man nach Beendigung des Gottesdienstes nachsehen muss, ob die Gemeindemitglieder nur schlafen oder bereits ins Koma gefallen sind?

Dann kamen wir zum Kykko-Kloster, dem reichsten, größten und berühmtesten Kloster auf Zypern. Wir waren alle vorher gewarnt worden, dass eine strenge Kleiderordnung herrsche und man mit kurzen Hosen und ärmellosen Shirts keinen Zutritt bekäme. Die allermeisten hatten „sittsame“ Kleidung dabei, nur zwei so Nasenbären konnten wieder nicht richten und mussten leider draußen bleiben. Im Kloster selbst leben etwa 20 Mönche, von denen die Hälfte meist in Nicosia weilt, um den Klosterbesitz zu verwalten.

Wertvollster Besitz ist die Marien-Ikone, die laut Legende vom Evangelisten Lukas gemalt worden ist. Im 11. Jahrhundert soll die Ikone ins Troodos-Gebirge geraten sein: Hier lebte ein Eremit, der eines Tages vom Gouverneur der Insel schwer gekränkt wurde. Als der Gouverneur kurz darauf erkrankte, träumte er, nur der Eremit könne ihn heilen. Der erbat sich als Lohn für die Heilung eben diese Marien-Ikone, die seither in Konstantinopel aufbewahrt worden war. Und er bekam sie auch. In der Folgezeit erwies die Ikone Ihre Wirksamkeit vor allem gegen Trockenheiten. Ganze Dörfer und Staatsdelegationen zogen nach Kykko, um Regen zu erbitten. Und als Dank beschenkten sie das Kloster mit ausgedehnten Ländereien.

Die Gebäude stammen alle aus der Zeit nach dem letzten Brand im Jahre 1813. Die prachtvolle Klosterkirche, in der man leider nicht fotografieren durfte, wurde in den 80-er Jahren des 20. Jh. vollständig im traditionellen Stil ausgemalt.

Die nationale Bedeutung von Kykko kann man ermessen, wenn man weiß, dass General Grivas im Unabhängigkeitskampf gegen die Engländer in Klosternähe sein Hauptquartier hatte, und dass der Erzbischof und Präsident Makarios als Novize in dieses Kloster eingetreten war.

Eine etwas 2 km lange Stichstraße führt yon Kykko auf den bewaldeten Hügel Throni hinauf. Auf einer seiner beiden Kuppeln steht eine kleine Kapelle mit einer modernen Mosaik-Ikone, die genau der Marien-Ikone des Klosters entspricht. Nur wenige Schritte von der Kapelle entfernt befindet sich das Grab des Erzbischof Makarios III.

Erzbischof Makarios III. war der erste Präsident Zyperns und hatte dieses Amt von 1960 bis 1977 inne. Wie in kinderreichen, weniger begüterten Familien üblich, wurde Makarios in seiner Jugend in das Kloster Kykko geschickt, von wo aus ihn die Priester – da sich seine Fähigkeiten alsbald bemerkbar machten – aufs Gymnasium nach Nikosia sandten. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Athen erhielt er ein Stipendium, um seine Studien der Religions-Soziologie in Boston, USA, vertiefen zu können. 1950 wurde er zum Erzbischof von Zypern gewählt, und seine rhetorische Begabung, mit der er die Massen begeisterte, verlieh ihm eine politische Führungsstärke. Er besaß einen solchen Einfluss, dass die Briten ihn 1956 ins Exil auf die Seychellen zwangen. Als 1960 die Unabhängigkeit kommt, wird er per Volksentscheid zum Präsidenten gewählt.

1489 übernahmen die Venezianer die Herrschaft über die Insel, die sie aber schon 1571 wieder an das Osmanische Reich abtreten mussten. Hatten bislang hauptsächlich die von alters her ansässigen Griechen die Kultur der Insel geprägt, so machten sich jetzt die türkischen Einflüsse stark bemerkbar, denn türkische Siedler kamen ins Land und ließen sich überall auf Zypern nieder. Als die Türken die Insel 1878 schließlich an die Briten abgeben mussten, da waren die Zyprioten kein einheitliches Volk mehr, sondern setzten sich einerseits aus griechischstämmigen Zyprioten mit orthodox-christlichem Glauben und andererseits aus türkischstämmigen Zyprioten sunnitisch-muslimischer Religion zusammen, wobei aber die griechisch-zypriotische Volksgruppe mit über zwei Dritteln Anteil deutlich das Übergewicht hatte.

In einigen Städten und Dörfern lebten griechischstämmige und türkischstämmige Zyprioten beisammen; das Nebeneinander von Kirchtürmen und Minaretten zeugt mancherorts noch heute davon. Mehrheitlich lebten die beiden Bevölkerungsgruppen jedoch getrennt. Dies hing vor allem damit zusammen, dass Ehen zwischen griechischstämmigen Zyprioten und türkischstämmigen Zypriotinnen (und umgekehrt) aus religiösen Gründen äußerst selten waren. Mehr noch als die Herkunft war somit die Religion die Hauptursache der Trennung der beiden Bevölkerungsgruppen. Im großen und ganzen respektierten aber alle Zyprioten den Wunsch der anderen Inselmitbewohner nach Erhalt der eigenen Kultur.

1960, als Großbritannien – im Rahmen der weltweiten Entkolonisierungsbestrebungen – Zypern in die Unabhängigkeit entließ, da gab es auf der Insel 393 «griechische» und 120 «türkische» Dörfer sowie 106 Ortschaften mit gemischter Bevölkerung. Die 1959 in London ausgehandelte Verfassung, welche alle Beziehungen zwischen griechischstämmigen und türkischstämmigen Zyprioten regelte, hielt der praktischen Erprobung in der Folge allerdings nicht stand. Das ist wenig überraschend, hatte man doch die Inselbewohner gar nicht nach ihren Wünschen gefragt; an den Vertragsverhandlungen waren nur Großbritannien, Griechenland und die Türkei beteiligt gewesen.

Erzbischof Makarios, Gründungspräsident des unabhängigen Zypern, verlangte deshalb schon bald Verfassungsänderungen, welche den überproportionalen Einfluss der türkischstämmigen Bevölkerungsminderheit verringern sollten. Dagegen wehrte sich dieselbe vehement, und sogleich entstand auf der Insel eine gespannte Lage, die sich schließlich 1963 in offenen Kämpfen entlud. Geschürt worden waren die Spannungen durch Extremisten auf beiden Seiten: Auf die Parole der griechisch-zypriotischen Extremisten von der enosis, der «Wiedervereinigung» der Insel mit Griechenland (der sie durch terroristische Gräueltaten gegenüber türkischstämmigen Zyprioten den nötigen Nachdruck zu verleihen suchten), antworteten die türkisch-zypriotischen Extremisten mit dem Gedanken an taksim, die «Teilung» der Insel in einen türkischen und einen griechischen Sektor.

Erzbischof Makarios wollte weder das eine noch das andere. Er setzte alles daran, einerseits die neu erlangte Unabhängigkeit seines Landes zu erhalten und andererseits die Teilung zu vermeiden. Da putschten griechische Nationalgardisten am 15.7.1974 gegen ihn, um dadurch die Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland gewaltsam zu erzwingen – und beschworen dadurch prompt eine türkische Invasion herauf: Am 20.7.1974 landeten türkische Truppen im Norden Zyperns, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Es kam zu einem Krieg mit vielen tausend Toten auf beiden Seiten. Dieser ging zwar am 16.8.1974 zu Ende, doch Zypern war nun zweigeteilt – und ist es bis auf den heutigen Tag.

Mit bis heute schätzungsweise 80 000 Neusiedlern, hauptsächlich Bergbauern aus Anatolien, wurde in Nordzypern im übrigen versucht, der Unterbevölkerung mancher Landstriche entgegenzuwirken und zumindest die landwirtschaftlichen Anbauflächen wieder vollständig zu nutzen. Damit wurde aber gleichzeitig eine Situation geschaffen, welche die von den Vereinten Nationen angestrebte Wiedervereinigung der beiden Zypern zusätzlich erschwert, da die Neusiedler dort heimisch gemacht wurden, wo vorher griechischstämmige Zyprioten lebten.

Nach einer Pause im Bergdorf Pedhoulas ging es weiter in den Weinbauort
Omodos
der für seinen schönen Dorfplatz bekannt ist. Aber auch wenn alles super renoviert ist … der ganze Ort ist voller Lädchen und Verkaufsstände, und man wird ständig angesprochen. Natürlich kann man den Einwohnern ihre Geschäftstüchtigkeit nicht zum Vorwurf machen. Sie nutzen es selbstverständlich, dass wir Touristen in hellen Scharen in ihr Dorf einfallen und es wie ein Freilichtmuseum begaffen. Ich fühle ich bei so etwas immer unwohl. Man ist und bleibt ein Eindringling.

In der Klosterkirche des (nicht mehr aktiven) Heiligkreuzklosters befinden sich in zwei vergoldeten Silberkreuzen Splitter vom Kreuz Jesu und ein Stück des Hanfseils, mit dem Jesus ans Kreuz gebunden worden ist. Und es verfügt außerdem über die Schädelreliquie des Apostels Philipp. Die Legende besagt, dass die Heilige Helena – die Mutter von Kaiser Konstantin – bei ihrer Rückkehr aus dem Heiligen Land in Zypern Station machte und diese Reliquien zurückließ. Ohne irgend jemandes religiöse Gefühle verletzen zu wollen -– aber ich persönlich bin bei Reliquien grundsätzlich skeptisch. Man sollte mal versuchen, aus all den angeblichen Kreuzsplittern ein Kreuz zusammenzupuzzeln …

Auf dem Heimweg kamen wir am Felsen der Aphrodite vorbei. Dort soll dem Mythos nach die Schaumgeborene aus den Wellen gestiegen sein. Die Vorgeschichte ist durchaus deftig: Nachdem Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte … so schrieb der altgriechische Schriftsteller Hesiod … warf er dessen Genitalien ins Meer. Dort, wo sie zur Oberfläche emporstiegen und sich in weißen Schaum verwandelten, entstieg Aphrodite dem Meer.

Es heißt, dass gerade die Gegend um den Aphroditefelsen herum sehr »erdbebenanfällig« sei. Gerade da begegnen sich zwei tektonische Platten. Und vielleicht war der Aphrodite-Mythos ein Versuch, sich diese unheimlichen Geschehnisse zu erklären.

Einen netten Volksglauben gibt es „«rund um den Felsen« auch: Wenn man an einem Sonntag bei Vollmond um Mitternacht nackt dreimal um die Aphrodite-Felsen schwimmt, bleibt man ein Leben lang jung, fit und gesund. Schade nur, dass ich so ein schlechter Schwimmer bin.

Der Maler
Ein nette Begebenheit gibt es auch noch zu berichten: Im sonnendurchfluteten »Palmengarten« des Hotels sahen wir von Ferne interessiert einem Maler zu. Er saß unter den Bäumen und skizzierte eifrig. Schließlich packte er seine Aquarellfarben aus und führte das Bild in Farbe aus. Wir konnten uns sehr gut vorstellen, dass die Fächerpalmen, der Olivenbaum und der rosarot blühende Oleander ein stimmungsvolles Aquarell ergeben würden. Nachdem der Künstler eine Weile gearbeitet hatte, gingen wir ein näher hin, um sein Werk neugierig in Augenschein zu nehmen. Und wir staunten nicht schlecht über das, was er gemalt hatte: Ein typisch englisches Cottage mit Rosengarten – nach einem Polaroidfoto, das an seiner Staffelei klemmte.

Kourion
Am 27. Juli machten wir einen Ausflug nach Kourion und Limassol. Wir nahmen an einer zweisprachigen Führung teil … deutsch und niederländisch. Zwei Reiseleiter erklärten abwechselnd ihren Gästen, was es alles zu sehen und zu wissen gibt. Die Niederländerin erzählte viel mehr als »unser“« Reiseleiter, und da wir vom Niederländischen ein bisschen was verstehen, kamen wir zu unheimlich vielen Informationen.

Beide Fachleute betonten die einzigartige geopolitische Lage Zyperns – am Knotenpunkt von Europa, Afrika und Asien. Dies war der Grund, aus dem sich im Laufe der Geschichte viele fremde Mächte für die Insel interessiert haben.

Der Name „Zypern“ (Cyprus) soll von »Kupfer« (Cuprum) kommen. Denn Kupfer gab es auf der Insel reichlich. 3000 Jahre lang war Zypern wichtiger Kupferlieferant. Und dieses Metall war in der Antike so wertvoll wie heute das Erdöl. Noch ein Grund, warum die Insel für alle möglichen und unmöglichen Herrscher sehr begehrenswert war. Wer alles im Lauf der Zeit über die Insel getobt ist, hab ich separat in einem historischen Anhang zusammengefasst.

Wir wunderten uns über die vergleichsweise mickrigen Weinstöcke und erfuhren, dass diese mit Absicht auf maximal 60 cm Höhe zurückgestutzt werden. So verbrauchen sie wenig Wasser. Denn bewässert werden sie nicht.

Der bekannteste (Dessert-) Wein, und zugleich der älteste Wein mit Namen ist der »Commandaria«. Die Trauben werden geerntet, erst mal in der Hitze ein wenig getrocknet und dann erst gekeltert. Und in der Tat schmeckt er ein bisschen nach Rosinen.

Zypern gehörte zum ersten Land in Europa, in dem Zuckerrohr angebaut wurde. Der Zucker wurde nach Venedig exportiert. Heute gibt es kein Zuckerrohr mehr auf der Insel.

Ziel unseres Ausflugs war, wie gesagt, Kourion. Die Ruinenstadt liegt westlich von Limassol auf einem mächtigen Felsvorsprung hoch über dem Meer. Die Stadt wurde laut dem Geschichtsschreiber Herodot im 14. Jh. v. Chr. von griechischen Siedlern gegründet und entwickelte sich zu einem bedeutenden Stadtstaat. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt unter den Römern. Im Jahr 365 wurde sie durch ein Erdbeben zerstört.

Vom restaurierten Theater aus hat man einen tollen Blick aufs Meer. Das Theater, erstmals in kleinerer Form im 2. Jh. v. Chr. aus dem Fels geschlagen, erhielt die Grundzüge seiner heutigen Form 100 n. Chr. Im 3. Jh. wurden die beiden untersten Sitzreihen entfernt, um Gladiatorenkämpfe und Tierhatzen veranstalten zu können. Die wilden Tiere wurden vor dem Kampf in Kellern unterhalb der Zuschauerarena gehalten.
Der Reiseleiter erzählte uns, dass sich das Theaterspielen aus der Vortragskunst heraus entwickelt hat. Die Künstler, die Gedichte vortrugen, blieben nicht an einer Stelle stehen, sondern bemühten sich, bei ihrem Vortrag an den Punkt in der »Arena« zu kommen, an der die Akustik am besten war und das Publikum sie am besten verstehen konnte. So kam Bewegung in den Vortrag, und zum richtigen Theaterspiel war es nicht mehr weit.

An das Theater grenzt das Haus des Estolios, die Villa eines reichen Römers. Sie entstand nach dem Erdbeben von 365 über einem älteren Palast. Das Haus hatte nicht nur eine einmalige Lage mit sensationeller Aussicht sondern auch noch 35 Zimmer und eine Thermenanlage. Die Jungs früher hatten es einfach leichter als wir heute. Glaub kaum, dass die ein Vermögen für einen Bauplatz bezahlt haben. Die haben einfach ihre Hütten oder Paläste da hingesetzt, wo’s schön war.

Die Mosaike in dem Haus sind schon vom Christentum geprägt. Gleich am Eingang wird man mit der Inschrift begrüßt »Tritt ein zum Glück dieses Hauses«. Auf dem Boden des ehemaligen Kaltbades (Frigidarium) hält eine Frau in einem Mosaik-Medaillon eine Eisenklammer in der Hand, deren Länge dem römischen Fußmaß entspricht. Eine Inschrift identifiziert die Frau als »Ktisis«, also »Baukunst«. Im übertragenen Sinne könnte auch die Schöpfung gemeint sein. Die Tierdarstellungen im größten Mosaik des Hauses verweisen wie die vielen griechischen Kreuze im geometrischen Dekor ebenfalls aufs Christentum: der Fisch als Symbol für Christus, die Vögel als Symbol für das ewige Leben. Dass das wirklich so gemeint ist, bestätigt eine Inschrift im Mosaik: »Statt mit hohen Mauern und hartem Eisen, glänzender Bronze und gar Diamanten hat sich dieses Haus mit den hoch verehrten Symbolen Christi gegürtet.«

Wir fuhren weiter zu der Johanniterburg von Kolossi. Die Kreuzritter vom Johanniterorden ließen sie 1210 erbauen. Sie waren schon Jahre zuvor vom Herrscherhaus der Lusignans auf die Insel geholt worden, um die Zyprioten zu unterwerfen. Nach der Übersiedlung des Johnniterorders auf die Insel Rhodos im Jahr 1310 blieb eine Ordenstruppe – Commandaria genannt – auf Zypern um den Ordensbesitz zu verwalten. Nach dieser Commandaria heißt auch der Dessertwein. Vielleicht haben die Jungs den seinerzeit angebaut oder auch nur gerne getrunken, was weiß ich?

Bauern mussten für den Orden Zuckerrohr anbauen. Die Ruine der Zuckerfabrik hatte verblüffende Ähnlichkeit mit einer Kirche. Und der Reiseleiter spöttelte, vielleicht war der Architekt auf Kirchen spezialisiert und durfte nur ausnahmsweise mal eine Fabrik bauen.

Der Abstecher nach Limassol war nicht so wahnsinnig interessant. Da gäbe es bestimmt noch mehr zu entdecken, als das, was wir in der kurzen Zeit gesehen haben. Limassol ist die größte Hafenstadt und die zweitgrößte Stadt Zyperns. Und in einem unserer Reiseführer stand so niedlich: » … man braucht allerdings ein gewisses Maß an Idealismus, um diese 140.000 Einwohner-Stadt attraktiv zu finden, auch wenn sie sich selbst als »Paris Zyperns« bezeichnet.«

Wir gingen durch die Markthalle. Dem Markt in Limassol wird ein gewisses orientalisches Flair nachgesagt, aber wir haben letztes Jahr die Souks in Marokko gesehen und haben seither unsere eigenen Vorstellungen von einem orientalischen Markt. Limassol konnte da nicht mithalten.

Wir haben in einer kleinen Wirtschaft Souvlaki gegessen und sind dann wieder zurück nach Paphos gefahren. Kurz vor unserer Abfahrt gelang Gerhard das Foto von diesem liebevoll gepflegten und gestalteten alten Bedford.

Interessant klang das Weinfest, das jeden September im Stadtpark stattfindet. Der Wein wird von den Weinkellereien Zyperns gestiftet und ist gratis zu haben! Da wird ganz schön was los sein!

Lefkara
Nach ein paar Tagen Faulenzen ging es am 30. Juli nach Lefkara und in die Hauptstadt Nikosia. Nach Lefkara schleppen sie vermutlich jeden Touristen. Die Hauptattraktion dort sind die gestickten Tischdecken … traditionelle Hohlsaumstickereien auf Baumwolle. Die Technik ist mindestens 500 Jahre als. Leonardo da Vinci soll hier im Jahr 1481 Spitzen für ein Altartuch des Mailänder Dom gekauft haben.

Man hat uns gesagt, die echten Stickereien würden auf der Vorder- und Rückseite gleich aussehen. Es gibt also keine hässliche Rückseite mit sichtbar vernähten Fäden. Ich hab alle Stücke umgedreht, die man uns persönlich angeboten hat. Und keins davon schien echt zu sein. Massenware aus China. Zudem haben wir eh keine Verwendung für Tischdecken. Dank der Katzen landen Decken aller Art meist umgehend auf dem Boden. Es wurde auch Silberschmuck angeboten, und Gerhard hat sich nach Ringen umgesehen, aber in seiner Größe gab’s wieder mal nichts. Also hab ich nur wieder Unmengen von Ansichtskarten gekauft. Die werden nicht an Freunde verschickt sondern daheim zusammen mit den eigenen Fotos in ein Album geklebt. So, wie die professionellen Fotografen mir ihrer Ausrüstung können wir Touristen die Motive ja selbst nie einfangen.

Nikosia
Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas. Und hier weht keine Meeresbrise und kein Lüftchen aus den Bergen. Es herrscht nur die flimmernde Hitze der Ebene von Mesaoira. Erst gegen Abend kommt Wind auf. 47 Grad hatte es, als wir dort waren. Aber das wussten wir ja vorher.

Die Stadt ist mit Stacheldrahtbarrikaden, Sandsäcken und schwer bewaffneten Wachtposten in einen griechischen und einen türkischen Teil geteilt. Die Grenze verläuft zum Teil mitten durch einzelne Häuser, die unbewohnt vor sich hingammeln. Rübergucken in den türkischen Teil darf man. Rüberfotografieren nicht. Die türkischen Zyprioten dürfen den griechischen Teil betreten. Die griechischen Zyprioten dürfen aber nicht in den türkischen Teil. Für Touristen gilt das Umgekehrte: vom türkischen Norden darf man nicht in den griechischen Süden, aber vom griechischen Teil darf man einen Tagesausflug zu den Türken unternehmen. In unserem Zeitplan war das jedoch nicht vorgesehen.

Als erstes besuchten wir das Landesmuseum. Es hat die umfangreichste Sammlung zur zypriotischen Geschichte mit Ausstellungsstücken vom Neolithikum bis zur Gegenwart. Natürlich ging der Besuch, wie immer bei solchen Gruppenreisen, mehr oder weniger im Schweinsgalopp vonstatten und es war nicht möglich, sich einzelne Stücke genauer anzusehen. Schöne alte Töpferwaren waren zu sehen – mit einem Design von zeitloser Eleganz. Stünde so ein Teil heute im Laden, es fiele nicht auf. Beim Goldschmuck war es eigentlich genau so. Einige der gezeigten Stücke hätte ich sofort genommen! Nach einem Erdbeben hat man in einer Höhle sehr ägyptisch wirkende Sphinxen und Löwenstatuen gefunden, die mir außerordentlich gut gefallen haben. Leider ist das Fotografieren im Museum verboten. Als ein Japaner die Kamera zückte, kam sofort ein Polizist angerannt und raunzte ihn an.

Den historischen und topographischen Kern Nikosias bildet die fast kreisrunde Altstadt, die noch vollständig von ihrer Stadtmauer aus venezianischer Zeit umgeben ist. Jetzt hatten wir naiver Weise angenommen, wenigstens eine kurze Führung durch die Altstadt zu bekommen. Statt dessen setzte sich der Reiseleiter ab – und uns in der Altstadt aus. Zwei Stunden Freizeit. Das ist natürlich blöd, wenn man nicht vorbereitet ist und nur einen winzigen Stadtplan aus dem Reiseführer hat, in dem nicht mal alle Straßennamen verzeichnet sind. Wir konnten nicht herausfinden, wo genau wir waren, und irrten ziemlich ziellos durch die Gegend. Es wäre nett gewesen, wenn sie uns wenigstens eine Fotokopie des Altstadtplans in die Hand gedrückt hätten. Das hätte locker auf ein DIN-A-4-Blatt gepasst und nicht die Welt gekostet. Ich habe das als Verbesserung angeregt. Vielleicht hilft das ja künftigen Ausflugsteilnehmern.

Zunächst mal haben wir einen Uhrmacher gesucht, der mir eine neue Batterie in meine Armbanduhr einsetzen konnte. Wenige Tage zuvor hatte die alte Batterie den Geist aufgegeben. Zum ersten Mal in 32 Jahren war ich ein paar Tage ohne Armbanduhr. Ich hab fast einen Vogel gekriegt. Jetzt hat die Uhr – ein Geschenk der Redaktion Allegra für einen kleinen Betrag in der Zeitschrift »woman & work« – zwar kein Herz aus Gold, aber immerhin ein Herz aus Nikosia.

Dann riskierten wir den obligatorischen Blick über die Grenze in den türkischen Teil. Ich traute mich lange nicht, an der Grenze – im griechischen Teil – zu fotografieren. Immerhin hatte der Posten eine Maschinenpistole. Erst als ich sah, dass andere auch unbehelligt Fotos machten, wagte ich es ebenfalls.

Dann irrten wir – wie weiter vorn schon angedeutet – ziellos durch die Altstadt. Anhand des Dumont-Reiseführers, den ich dabei hatte, haben geschlossen, dass wir die Faneromeni-Kirche gesehen haben. Das marmorne Mausoleum hinter dem Gebäude haben wir auch entdeckt, aber da wir die Inschrift nicht lesen konnten, erfuhren wir erst im Nachhinhein, was es damit auf sich hat: Hier liegen die Gebeine des Erzbischofs Kyprianus und zahlreicher anderer Priester. Sie waren 1821 von den Türken enthauptet oder gehängt worden, um die Zyprioten davon abzuhalten, sich dem griechischen Freiheitskampf anzuschließen. Die Kirche selbst, 1872 geweiht, ist die größte der Altstadt.

In einer Ecke des Kirchhofs stand die mittelalterliche Kapelle Stavros tou Misirikou, die von den Türken durch Anfügung eines Minaretts in die Arablar-Moschee verwandelt wurde.Was wir sonst noch gesehen haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich würde gern mal den Veranstalter der Tour ohne Stadtplan in der Esslinger Altstadt aussetzen und schauen, ob er alle Sehenswürdigkeiten findet …

Sehr sauber ist es übrigens in der Altstadt. Wer im Viertel Laiki Gitonia eine Zigarettenkippe auf die Straße wirft, muss 20 Pfund Strafe zahlen. Diese Regelung könnte man eigentlich überall einführen.

Nach diesen unbefriedigenden 2 Stunden »Freilauf« ging es weiter zum erzbischöflichen Palast, der rechtzeitig zur Unabhängigkeit Zyperns im Jahr 1960 fertig gestellt wurde. Unmittelbar davor steht das 1987 aufgestellte monumentale Denkmal von Erzbischof Makarios III. Laut Dumont-Reiseführer »in seinem Gigantismus ein Meisterwerk des schlechten Geschmacks«. Ja, doch. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Schön, wenn der Reiseführer so etwas zugibt. Als Tourist traut man sich das nicht so recht zu sagen.

»Jetzt möchte ich gerne in einen eiskalten Pool springen«, sagte ein junges Mädchen aus der Reisegruppe, als wir vor der Kathedrale Agios Ioannis schwitzten. Worauf ihr kleiner Bruder meinte: »Darf ich dich dran erinnern, dass man mit dem Wasser aus unserem Pool Kaffee kochen könnte?« Ich sagte ja schon, mit dem Wasser aus unserem Hotel-Pool hätte das auch funktioniert. Igitt. Kaffee mit Chlor und Sonnenöl!

Verglichen mit den üblichen europäischen Kathedralen ist Agios Ioannis eher unscheinbar. Sie wurde 1662 auf den Ruinen der Kirche eines Benediktinerklosters aus der Lusignanzeit errichtet, die 1426 von einfallenden Mameluken zerstört wurde. Die zahlreichen Malereien an der Decke und den Wänden stammen meist aus dem frühen 18. Jahrhundert und zeigen Szenen aus der christlichen Geschichte Zyperns wie z.B. die Missionsreise der Apostel Paulus und Barnabas 45 n.Chr. Der Glockenturm stammt erst aus dem Jahr 1858. Vorher duldeten die Türken keine Konkurrenz für ihre Minarette und Muezzins.

Nach so viel Hitze und Kultur waren wir gar nicht böse, als es am späten Nachmittag zurück nach Paphos ging.

Die osmanische Festung von Paphos
Nach Nikosia war wieder ein paar Tage faulenzen angesagt. Am 1. August, zwei Tage vor unserer Abreise, machten wir uns noch zu Fuß auf, um das türkische Fort am Ansatz der modernen Hafenmole zu besichtigen. Obwohl wir früh am Morgen aufbrachen, war es doch mächtig heiß. Erst am Hafen wehte ein bisschen Wind und es wurde angenehmer.

Das Fort wurde 1592 gebaut. Reste des Westturms einer älteren, fränkischen Festung wurden mit einbezogen. Reste des fränkischen Ostturms kann man noch auf der Mole sehen.Die Briten nutzten das Fort als Salzlager. Seit 1835 steht es unter Denkmalschutz.

Wir hatten gehört, dass man dem Fort aufs Dach steigen könne und von dort aus einen tollen Blick über den Hafen hätte. Und genau das taten wir. Und es hat sich gelohnt. Wir stellten dabei fest, dass wir recht nahe an dem archäologischen Park waren, in den uns die Stadtrundfahrt am 2. Urlaubstag geführt hatte. Nachdem wir vom Fort wieder heruntergestiegen waren, gingen wir noch einmal in den Park, um uns die Ausgrabungen noch einmal in Ruhe anzusehen.

Vor allem konnten wir uns jetzt die Ruine der Burg Saranda Kolonnes anschauen, die wir bislang nur immer im Vorbeifahren gesehen hatten. Gleich nach der Übernahme der Herrschaft ließen die Lusignans diese Burg errichten – unter Verwendung eines byzantinischen Vorläuferbaus. Zahlreiche Granitsäulen vom römischen Forum wurden zur Verstärkung des Mauerwerks, für den Bau von Futterkrippen im Pferdestall und als Türschwellen herangezogen. Daher rührt der Burgname »40 Säulen«. Schon 1222 fiel sie einem Erdbeben zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut. Restauriert hat man zwei Bögen des Gebäudes, die – siehe unten – heute ein beliebtes Fotomotiv sind.

45 Grad hatte es an diesem Tag draußen bei den Ausgrabungen, und so machten wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg zurück zum Hotel.

Zwei Tage später ging es wieder nach Hause. Gegen 17 Uhr wurden wir vom Hotel abgeholt. Bis zum frühen Nachmittag lungerten wir noch in Badeklamotten im Palmengarten des Hotels herum und zogen uns erst kurz vor der Abholung reisefertig an.

Wie bei allen Reisen haben wir auch auf Zypern »unerledigte Posten« zurück gelassen. Ich hätte gerne das Katzenkloster Agios Nikolaos ton Gaton auf der Halbinsel Akrotiri gesehen. Und eine Wanderung durch die Schlucht von Avacas hätte ich auch gerne unternommen. Das Heiligtum des Apollo Hylates in Kurion haben wir zu meinem Bedauern nur von Ferne gesehen. Da hätte ich gerne ein paar Fotos gemacht.

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Wer weiß? Vielleicht kommen wir ja eines Tages wieder …

Ein Kommentar

  1. Gerade plane ich nach 25 Jahren einen Besuch Zyperns und bin von dieser lebendigen Beschreibung des heutigen Zyperns begeistert.

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