Der Tag, an dem die Post verschwand

Kruzimuck noch mal! Das ist wieder so eine Phase, in der ich frühestens am Donnerstag die Post der bisherigen Woche in die Finger bekomme. Oder gar erst am Freitag ans Postfach komme und drei bis viele Kilogramm von der Postagentur den Berg hinauf zu unserem Haus schleppen darf.

Aus beruflichen und privaten Gründen bekomme ich verdammt viel Post. Nicht umsonst bin ich seit den frühen 80-er Jahren ’žBesitzer’œ eines geräumigen Firmenpostfachs. Das, was bei uns an Material hereinflutet, passt in keinen herkömmlichen Briefkasten. Und einen anderen dürfen wir dort, wo wir wohnen, nicht aufstellen. Alles genormt.

Das mit dem Postfach war auch alles ganz wunderbar, solange die Post eine Postfiliale war ’“ und keine Postagentur. Die Filiale residierte in einem geräumigen Gebäude in einem Wohngebiet, ganz in unserer Nähe, verfügte über eine Reihe von Parkplätzen und die Postfächer waren in einem Vorraum des Gebäudes untergebracht, zu dem man als Postfachinhaber einen Schlüssel hatte. Wenn es einen also biss, nachts um 1 Uhr seine Post zu holen, so konnte man das tun. Ideal für Leute wie uns, die beruflich viel und lange unterwegs sind und eben nicht am Wohnort arbeiten oder mal schnell einen Angestellten zum Postfachleeren schicken können.

Wenn wir Urlaub hatten, brauchten wir uns keine Sorgen um überquellende Postfächer zu machen. Wir sagten Bescheid, und die Post wurde gelagert, bis wir sie nach dem Urlaub zum vereinbarten Termin wieder abholten.

So war das auch vor sechs oder sieben Jahren geplant. Und wir staunten nicht schlecht, als wir zurückkamen, die Post holen wollten ’“ und das Postgebäude verlassen vorfanden. Die staubigen Brüder und Schwestern von der Post hatten die Filiale ohne Vorankündigung während unseres Urlaubs dichtgemacht. Es hing nicht mal ein lumpiger Zettel an der Tür, der Auskunft darüber erteilt hätte, wo sich denn nun die Nachfolgeorganisation befand. (Wie es sich später herausstellte, war die Stadt ebenso ahnungslos wie wir.)

Da standen wir nun im kurzen Hemd. Unsere Post war weg! Nicht nur die Filiale, nein, auch unsere persönliche Post der vergangenen Wochen. Wo sollten wir die nun suchen?

Wir irrten herum und befragten Passanten und Geschäftsleute. Und bekamen irgendwann die Auskunft: ’žDie Post ist jetzt nur noch eine Agentur. Und zwar in dem kleinen Schreibwarengeschäft an der Stadtbahnhaltestelle.’œ

In der Fußgängerzone? Ohne Parkplatz weit und breit? Was machte man da, wenn man viele oder große Pakete hatte? Tolle Aussichten!

Wir latschten also quer durch den Ort in den neu eröffneten Laden ’“ und in der Tat: links vom Eingang war eine Ecke mit Postfächern. Und da war auch unsere Post! Aber eins wurde uns natürlich auch klar: Ab sofort würden wir auf die Öffnungszeiten des kleinen Lädchens angewiesen sein, um unser Postfach zu leeren. Denn die Postfächer befanden sich mitnichten in einem abgetrennten Vorraum, sondern quasi mitten im Laden. Dazu würde uns kein Mensch je den Schlüssel überlassen.

Und natürlich hatten die Mittwoch nachmittags zu. So ist das auf dem Land. (Wir tun ja nur so, als seien wir eine Stadt.)

Auch sonst war das keine Verbesserung. Waren die Leute in der Postfiliale bis auf einen Mitarbeiter grantig, muffelig und unwillig gewesen, waren die Leuts der Agentur nun grantig, muffelig, unwillig, zickig und überfordert. Alle. Ohne Ausnahme.

Als sie es ’“ oder ich sie – endlich so weit im Griff hatten, dass sie auch eine Büchersendung nach Österreich und in die Schweiz verschicken konnten, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden, wechselten die Inhaber. Prost, Mahlzeit, dachte ich, es kommt selten was Besseres nach.

Aber Wunder gibt es immer wieder. Jetzt ist die Agentur ein Familienunternehmen, und die Leute sind nicht nur kompetent, professionell, freundlich und sympathisch, sondern auch noch hilfsbereit und entgegenkommend. Das ist ein wahrhaft galaktischer Fortschritt! Eine Post, zu der man gerne geht. Hatten wir bislang noch nie. Und ich bin ja schon ’šne Weile alt.

Allerdings … es ist, wie gesagt, ein Familienunternehmen. Haben sie Familienangelegenheiten zu regeln, die die Anwesenheit aller erfordert, ist der Laden für einen (halben) Tag dicht. Und wir haben keine Post. Schaffen wir es nicht, während der Öffnungszeiten dort vorstellig zu werden, haben wir auch keine Post. Genau so war es diese Woche.

Weil sie wegen Gewährleistung der Postversorgung keine Betriebsferien machen und einfach mal verreisen können, helfen sie sich damit, dass sie in den Sommerferien nur vormittags geöffnet haben. Das sei ihnen von Herzen gegönnt. Das heißt allerdings für ganztags berufstätige Postfachinhaber wie uns: 4 bis 6 Wochen lang nur samstags Post.

Das geht natürlich nicht. Abgesehen davon, dass es einfach Dinge gibt, die einer zeitnahen Reaktion bedürfen: Da könnten wir ja an den Wochenenden nichts anderes mehr tun als unsere Postberge abzuarbeiten. Wir heuern in der Zeit Kinder oder Hausfrauen aus der Nachbarschaft an, die uns wenigstens jeden zweiten Tag gegen ein bisschen Taschengeld die Post holen.

Irgendwie hat sich die Post da auf Kosten der Kunden und der kleinen Ladenbesitzer des Kostenfaktors ’žFilialen’œ entledigt. Erst wird alles teurer, umständlicher und schlechter, und dann plärren sie, wenn die Kunden, wo immer möglich, zur privaten Konkurrenz wechseln. Da kannste drauf warten! Auf mein Mitleid aber auch. Nur vielleicht ein bisschen länger …

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