Sy Montgomery: Das glückliche Schwein -“ Vom Leben mit einem außergewöhnlichen Freund

Sy Montgomery: Das glückliche Schwein ’“ Vom Leben mit einem außergewöhnlichen Freund (The Good Good Pig), München 2007, dtv; ISBN-13: 978-3-423-21013-3, 285 Seiten; Format: 12 x 19 x 2 cm, EUR 8,95

’œIch will ja euer Leben nicht ruinieren’œ, sagte Mary, ’žaber wollt ihr vielleicht ein Ferkel aufziehen?

Wenn eine Sau mehr Ferkel hat als funktionstüchtige Zitzen, kommt der überzählige Nachwuchs zu kurz. Das sind dann die so genannten ’žKümmerer’œ. Normalerweise würde Farmer George diese Mickerlinge ja von Hand aufziehen, aber in diesem Jahr hat er 18 Stück davon. Töten will er auch keins, also dienen er und seine Frau Mary den kleinsten Eber einer guten Freundin, der Autorin und Journalistin Sy Montgomery, als Haustier an.

Sie hat ein Herz für Tiere in Not, auch wenn ihr Ehemann, der Schriftsteller Howard Mansfield nicht immer begeistert ist, wenn Sy irgendwelches Getier anschleppt. Schließlich ist er es, der sich darum kümmern muss, wenn seine Gattin wieder für eine ihrer berühmten Tier-Reportagen monatelang im Ausland weilt.

Es kommt natürlich, wie es kommen muss: Seine Frau packt das kleine Schweinchen in einen Schuhkarton und es zieht zu den Montgomery-Mansfields auf deren Farm in New Hampshire. Es wäre Howard auch sehr schwer gefallen, Sy diesen Wunsch abzuschlagen. Sie hat zu der Zeit mit privaten und beruflichen Problemen zu kämpfen, und er denkt, die Aufzucht eines Jungtiers könnte sie davon ein wenig ablenken.

Der kleine Eber bekommt den Namen eines britischen Dirigenten, Christopher Hogwood, einen provisorischen Verschlag in der Scheune – und erst einmal eine Wurmkur. War ’žChristopher’œ bei seinem Einzug kümmerlich und gerade mal katzengroß, wird Fressen bald zu seinem Hobby. Oder, wie Howard sagt: ’žDer Rest der Geschichte ist Speck’œ.

Christopher wird nicht nur groß und stark, er legt auch eine erstaunliche Intelligenz an den Tag. Wie Sy und Howard seinen Verschlag auch sichern, Christopher gelingt die Flucht. Er macht sich auf die Hufe, besucht die Nachbarn, verwüstet deren Gärten und erkundet die Gegend. Unzählige Male muss der junge Eber eingefangen und nach Hause gebracht werden. Sogar der Ortspolizist hat bald einen Vorrat an Äpfeln im Auto, um Christopher notfalls heimwärts locken zu können.

Sy hat eine scherzhaft gemeinte Erklärung für Christophers Streifzüge: ’žVielleicht wollte er einfach ein Bier’œ. Howard gibt ihm eines. Der Eber ist begeistert ’“ und rennt fortan jedem hinterher, der eine Flasche in der Hand hat.

So langsam wird der gesellige Christopher eine Berühmtheit in der Region. Nachbarn, Freunde und Bekannte beliefern ihn mit ihren Essensabfällen. Da Christopher alles frisst außer Zwiebelgewächsen und Zitrusfrüchten, ist das kein großer Aufwand.

Wer zum Füttern kommt, erlebt ein besonderes Schauspiel: ’žChristopher fraß grunzend, schmatzend und schnaubend mit der Begeisterung eines echten Gourmands und der natürlichen Anmut eines Athleten. Fressen war bei ihm nicht bloß die Nummer eins, es nahm vermutlich die ersten fünfzig Ränge ein bei seinen Begierden. (…) Wir Menschen dürfen unsere Nahrung nicht so genießen. Wer zu viel isst, wird rasch der Völlerei beschuldigt, und die Folgen ’“ wenn wir den Zeitschriften glauben ’“ sind verstopfte Arterien, formlose Kleidung und Schuldgefühle (…) Aber wenn Christopher fraß, schien er seine Lust und Lebenskraft an uns weiterzugeben. Es war ein göttlicher Anblick’œ

Christopher bleibt natürlich nicht der letzte tierische Notfall. Die dreijährige Colliehündin Tess zieht nach einem schweren Unfall und langer Rekonvaleszenz bei dem Autoren-Ehepaar ein. Eine Hühnerschar, ’ždie Ladies’œ halten sich die beiden auch. Kein Wunder, dass es den beiden Töchtern der neuen Nachbarin bei Sy und Howard so gut gefällt. Es ist einfach immer was los. Auch wenn Sy nach eigenem Bekunden keinen guten Draht zu Kindern hat, die kleine Kate und ihre Schwester Jane fühlen sich auf Nachbars Farm einfach sauwohl.

Sie sind es auch, die für Christopher ein spezielles Schönheits- und Wellnessprogramm entwickeln. Schweineschwänzchen kämmen, ein Schweinebad mit warmem Wasser, Hufe polieren, Körper massieren und eincremen … Er duldet es sogar, wenn die Mädchen ihm die Schwanzquaste zu Zöpfchen flechten. Bald spricht sich dieses ’žEvent’œ herum, und Kate und Jane bringen Freunde und Bekannte als Zuschauer und Assistenten mit.

Überregional bekannt wird Christopher Hogwood, als ein Fotograf aus New York anreist um von ihm Fotos für Grußkarten zu machen. Das Shooting verläuft nicht ganz so, wie er es sich vorgestellt hatte, aber es bringt Sy und Howard auf die Idee, künftig Christopher-Fotos als Weihnachtskarten zu verschicken. Ein voller Erfolg!

Als Sy wegen eines Zeitungsartikels von einem Fernsehsender interviewt wird, stiehlt Christopher ihr ganz klar die Schau. Witzbolde speisen seinen Namen und seine Adresse in verschiedene Datenbanken ein. Nun bekommt er nicht nur Werbepost, er landet auch auf der Kandidatenliste für den Vorsitz der örtlichen Bürgerversammlung. Er bekommt sogar drei Stimmen.

Je berühmter Christopher wird, desto besser wird auch seine Verpflegung: Reste aus Restaurants und von Festivitäten landen bei ihm im Schweinestall. Und wie das so ist: Mit der Zeit wird er wählerisch ’“ und fett. Mittlerweile hat der einst katzengroße Kümmerling das stattliche Gewicht von sieben Zentnern erreicht. Das geht auf die Gelenke und ist auch sonst nicht gesund. Der Tierarzt kennt keine Gnade: Christopher muss abnehmen!

Sy träumt schon davon, eine Wunderdiät zu entdecken und erhofft sich Schlagzeilen wie: ’žMein Schwein hat 100 Pfund abgenommen mit dieser Diät’œ, und ’žWenn sogar Schweine abspecken, können Sie’™s auch’œ. Doch daraus wird nichts, und auch aus dem geplanten Diätratgeber nicht. Denn die Schweinediät ist saumäßig simpel …

Stundenlang könnte man Geschichten und Anekdoten von Christopher und seinen Freunden erzählen, lustige, ernste und zu Herzen gehende. Das Buch ist randvoll davon. Aber es ist weit mehr als eine Tiergeschichte. So ganz nebenbei erfährt man häppchenweise die Lebensgeschichte der Autorin.

Angesichts ihrer Schilderungen wundert man sich nicht, dass Sy sich den Tieren näher fühlt als den Menschen. Als einzige Tochter eines Armee-Angehörigen hatte sie eine einsame Kindheit. Die Familie ist alle paar Jahre umgezogen. Neue Freundschaften zu schließen lohnte sich nach Sys Meinung irgendwann nicht mehr. Sie würde die Kameraden ja sowieso bald wieder durch Umzug verlieren. Und mit der Tochter des Generals wollte auf dem Stützpunkt auch niemand spielen. Also wurde ihr Hund ihr engster Freund.

Auch die Beziehung zu den Eltern war problematisch. Ihren Vater, einen Kriegshelden, hat sie zwar sehr verehrt und ’žmehr geliebt als Jesus’œ. Ihre Mutter jedoch ließ keinen Zweifel daran, dass ihre Tochter in jeder Hinsicht eine Enttäuschung für sie war. Was genau sie an Sy zu beanstanden hatte, wird nie so recht klar. Vielleicht war die Mutter einfach eine Frau, der es niemand Recht machen konnte.

Sy ist sich der steten Missbilligung durch ihre Eltern derart sicher, dass sie ihnen als erwachsene Frau geschlagene 8 Jahre lang ihren Lebensgefährten Howard verheimlicht. Sie weiß genau: Er wird insbesondere der Mutter nicht gut genug sein. Als die beiden heiraten möchten und sie ihnen Howard endlich vorstellt, passiert genau das, was sie befürchtet hat: Sie fliegen in hohem Bogen raus. Danach herrscht jahrelang Funkstille. Die vorgeschobenen Gründe für die Ablehnung von Sys Ehemann sind mannigfaltig. Der Kern der Sache ist jedoch der: Howard ist Jude.

Erst als Sys Vater im Sterben liegt, ist die Anwesenheit der Tochter wieder erwünscht. Nicht aber die ihres Mannes. Sys Mutter erkundigt sich zwar stets nach dem Wohlergehen von Sys Tieren, niemals aber nach ihrem Ehemann.

Eine wunderschön gehässige Pointe hält das Leben jedoch noch bereit für die dünkelhafte Mutter. Buchstäblich auf dem Sterbebett erfährt sie es und will es bis zum letzten Atemzug nicht wahr haben: Eine Cousine väterlicherseits hat eines von Sys Büchern gelesen und über das Internet Kontakt mit ihr aufgenommen. Offensichtlich bestand über Jahrzehnte hinweg keinerlei Verbindung zu der Montgomery-Sippe, denn als die Cousine aus der Familiengeschichte von Sys Vater plaudert, fällt die Autorin aus allen Wolken. Mitnichten stammen seine Vorfahren aus dem angelsächsischen Raum, wie immer alle geglaubt hatten. Sie hießen noch nicht einmal Montgomery. Ein italienischer Großvater ist dabei nur die ’žzweitschlimmste’œ Enthüllung. Als die Rede auf Sys Großmutter kommt, ist die Überraschung noch viel größer …

Diese Geschichte wirft nun gar kein heldenhaftes Licht auf Sys Vater. Er hat den rassistisch-dünkelhaften Motiven seiner Frau nachgegeben und zugelassen, dass deshalb seine Tochter verstoßen wird. Er selbst hatte zu diesem Dünkel überhaupt keinen Anlass. Warum hat er seiner Frau nie Einhalt geboten? Um seine eigene Lebenslüge aufrecht zu erhalten?

Eigenartig, dass die Autorin auf diesen Punkt überhaupt nicht eingeht. Für sie bleibt der Vater weiterhin der strahlende, unantastbare Held, und alle Schuld trägt die Mutter. Für mich dagegen besteht kein Zweifel: durch sein Schweigen hat sich der Vater aus egoistischen Motiven an seiner Tochter schuldig gemacht.

Sollte es mir irgendwann einmal vergönnt sein, Howard Mansfield zu begegnen, würde ich ihn gerne fragen, warum ich eigentlich sein Lachen nicht quer über den Atlantik dröhnen gehört habe, als er von Großmutter Augusta Schwartz erfuhr …

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