Paul Grote: Verschwörung beim Heurigen. Der Mensch, der Wein -“ und das Böse

Paul Grote: Verschwörung beim Heurigen. Der Mensch, der Wein ’“ und das Böse. München 2007, dtv; ISBN-13: 978-3-423-21018-8, 397 Seiten; Taschenbuch, Format: 12 x 19 x 2,2 cm, EUR 8,95

Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen, der Übersetzer Carl Breitenbach und seine Frau Johanna. Im Lauf der Jahre hat sich das Ehepaar auseinander gelebt. Fragt man Johanna, ist Carl ein weltfremder Bücherwurm, der einen gut dotierten Dolmetscherposten in Brüssel aufgegeben hat um sich der nahezu brotlosen Kunst des Bücherübersetzens zu widmen. Auf ihre Kosten. Denn Hauptverdienerin bei Breitenbachs ist die Umweltingenieurin Johanna. Fragt man Carl, hat Johanna irgendwann ihre Ideale verraten. Die ehemals radikale Umweltaktivistin hat sich frustriert auf die Gegenseite geschlagen und zeigt heute den Unternehmen, wie sie Gesetze und Vorschriften zum Umweltschutz am besten umgehen können. Aus der einstigen Idealistin ist eine zynische Karrierezicke geworden.

Der geplante dreiwöchige Urlaub am Neusiedler See steht von vornherein unter keinem guten Stern. Insgeheim ist der Weinliebhaber Carl wegen Maria Sandhofer dort, einer Winzerin, der er bei einer Weinprobe in Stuttgart begegnet ist und die er gerne näher kennen lernen würde. Und Johanna fährt hin, um auf dem Neusiedler See ihrem Hobby, dem Windsurfen, nachzugehen. Fast unnötig zu sagen, dass jeder die Freizeitaktivitäten des anderen albern und uninteressant findet.

Doch der Urlaub nimmt einen Verlauf, der selbst die schlimmsten Alpträume der Breitenbachs noch übertrifft: Nach einem Besuch bei Maria bemerkt Carl, dass er sein Handy und seine Unterlagen bei ihr vergessen hat. Er kehrt zurück ’“ und findet die Winzerin tot im Weinkeller. Er sieht gerade noch, wie sich ein Unbekannter klammheimlich aus dem Staub macht. Für Chefinspektor Herrndorf, Wien, ist Carl der Hauptverdächtige. Da nützt es auch nicht viel, dass der einheimische Inspektor Alois Wechter auch andere Möglichkeiten in Betracht zieht.

Carl Breitenbach wird recht bald klar: Wenn er der Polizei nicht selbst den Täter auf dem silbernen Tablett serviert, ist er dran. Von seiner Frau Johanna ist keine Hilfe zu erwarten. Sie betrachtet den Mordfall allein als Carls Problem. Und vielleicht wäre sie sogar froh, den ungeliebten Gatten auf gute Weise los zu werden.

Johanna hat auf jeden Fall eigene Pläne. Die betreffen den attraktiven Surflehrer Hansi Petkovic und sein Projekt ’žSurfen und Siegen’œ ’“ ein geplantes Trainingszentrum mit Surf- und Eisseglerschule, mit Unterrichtsräumen, Restaurant, Bar, Büros, Bootshaus und Anleger. In dieses Projekt will Johanna einsteigen. Hansis Partnern, dem schmierigen Anwalt Günther Wollknecht und dem großspurigen Winzer Thomas Thurn, der aus der maroden Kellerei seines Vaters einen Vorzeigebetrieb gemacht hat, ist es nur Recht, eine so kompetente und erfahrene Mitstreiterin zu bekommen. Und so bezieht Johanna bald ein Büro in der Anwaltskanzlei und wird für ’žSurfen und Siegen’œ tätig.

Carl macht sich unterdessen in eigener Regie auf die Suche nach dem Mörder. Unterstützung bekommt er vom Fotografen Frank Gatow, dessen Frau ein Weingut in der Toskana betreibt und der schon deshalb mit wertvollen Einblicken dienen kann. Auch der Vater der Ermordeten ist auf Carls Seite ’“ und ’žDie Sieben’œ, eine Winzerinnen-Vereinigung, in der Maria Sandhofer Mitglied war. Im Hintergrund recherchiert noch ein befreundeter Journalist daheim in Deutschland.

An Verdächtigen scheint in der Tat kein Mangel zu herrschen. Marias Cousin Richard ist hinter dem Sandhoferschen Weingut her. Hat er etwa seine Cousine aus dem Weg geräumt? Oder war es vielleicht Marias geheimnisvoller Ex, über den niemand so recht sprechen will? Im Zuge von Carls Nachforschungen stellt sich außerdem heraus, dass Maria vehement gegen eine geplante Autobahn war. Und dass hinter den Kulissen dieses Vorhabens nicht unerheblich gemauschelt wird.

Carl, der weltfremde Bücherwurm, wächst bei seinen Recherchen über sich selbst hinaus. Hat er mit seinen Nachforschungen den Täter schon aufgeschreckt? Oder bildet er sich nur ein, von zwei Männern in einem grauen Passat beschattet zu werden? Doch nicht nur Carl und seine Freunde recherchieren. Auch die Initiatoren von ’žSurfen und Siegen’œ machen sich schlau ’“ über Johanna sowie über ihren Mann Carl und dessen Aktivitäten.

Als Carl schließlich den Mann zu erkennen glaubt, den er am Tatort heimlich verschwinden sah, überstürzen sich die Ereignisse …

Auch wenn sie einem nicht auf Anhieb sympathisch sind, Carl Breitenbach und seine Johanna: Es sind sehr authentische, glaubwürdige Personen und man kann nachvollziehen, was die beiden umtreibt. Dass es keine Superhelden sind, sondern Menschen mit ganz gewöhnlichen Eigenschaften und Problemen, macht es dem Leser leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Vor allem mit Carl und seiner Situation. Es könnte einem schließlich jederzeit selbst passieren, dass man zur falschen Zeit am falschen Ort ist ’“ und auf einmal mitten im dicksten Schlammassel steckt. Gespannt verfolgt man das Geschehen: Wird Carl den Mörder erwischen bevor dieser ihn erwischt? Wer ist Freund und wer ist Feind in diesem Amigo-Filz? Wie weit wird Johanna in ihrem Ehrgeiz und ihrer Machtbesessenheit noch gehen? Und natürlich: Wer hat Maria Sandhofer umgebracht ’“ und warum?

Wer die Region um den Neusiedler See kennt und vielleicht noch ein bisschen was vom Wein(bau) versteht, hat bei diesem Kriminalroman natürlich ’žHeimvorteil’œ und sozusagen eine weitere ’žGenuss-Ebene’œ. So ist das ja immer bei Regionalkrimis, in denen der Ort der Handlung eine wichtige Rolle spielt. Wer noch nie im Burgenland war und vielleicht gerade mal Rotwein von Weißwein unterscheiden kann, wird sich dennoch blendend unterhalten. Er wird viel Neues und Interessantes erfahren und sich möglicherweise sogar zu einem Besuch der Region inspirieren lassen. Fotos zum Buch und viele weitere aufschlussreiche Informationen befinden sich auf der Homepage des Autors: http://www.paul-grote.de

Paul Grote, geboren 1946 in Celle, arbeitete 15 Jahre lang für Presse und Rundfunk in Südamerika. Dort lernte er die professionelle Seite des Weins kennen und machte den Weinbau bald zum Thema seiner Veröffentlichungen. Seit 2003 lebt Grote wieder in Berlin und widmet sich der schriftstellerischen Arbeit und der Ausrichtung von Weinseminaren. ’žVerschwörung beim Heurigen’œ ist der vierte Roman seiner europäischen Wein-Krimi-Reihe. (Autorenvorstellung aus dem Klappentext von dtv.)

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