Ulrike Renk: Seidenstadt-Sumpf -“ Tatort Niederrhein

Ulrike Renk: Seidenstadt-Sumpf ’“ Tatort Niederrhein, Krefeld 2007, Leporello Verlag, ISBN: 978-3-936783-20-9, 256 Seiten, Taschenbuch, Format 11,5 x 19 x 2,5 cm, EUR 9,’“

Der bekannte Krefelder Anwalt und Politiker Markus Klewer liegt erschossen an der Uferböschung bei der Burg Linn. Ein Schock für die beiden Nachtschwärmer, die ihn gefunden haben. Kein Grund zu großer Trauer bei den Hinterbliebenen ’“ und der Auftakt zu aufreibenden Ermittlungsarbeiten für Hauptkommissar Jürgen Fischer und seine Kollegen vom KK11.

Es geht schon gut los: Eigentlich hätte Fischer drei Tage frei gehabt und es wäre die Aufgabe seiner Kollegin Sabine Thelen gewesen, den Tatort zu übernehmen. Doch mitten in der Nacht taucht sie bei Fischer auf und bittet ihn, für sie einzuspringen. Nur widerwillig erklärt sie ihm den Grund dafür: Sie ist befangen, denn sie hatte ein Verhältnis mit dem Opfer.

Für Guido Ermter, Fischers Chef, und die alteingesessenen Kollegen ist klar: Das Motiv für diese Tat kann nur aus der beruflichen Ecke kommen. Weder als Politiker noch als Anwalt war Klewer zimperlich. Und die Geschäfte seines Vaters, des Bauunternehmers Heinz Klewer, als dessen Anwalt er fungierte, waren auch nicht immer hasenrein. Eher im Gegenteil: Gemauschel und Schwarzarbeit, wohin man schaut, Erpressung und organisierte Kriminalität. Eine Spur führt bis nach Litauen. Schwer zu sagen, was hier der üblere Sumpf ist: Die Politik oder die Baubranche.

Jürgen Fischer, der erst aus Münster zugezogen ist und immer noch in einer provisorisch eingerichteten Wohnung haust, ist völlig unbelastet von Klatsch, ’žKleinstadtwissen’œ und persönlichen Bekanntschaften. Und er ist nicht bereit, die Bandenmord-Theorie ohne weiteres zu akzeptieren. Seine Überlegungen gehen in alle möglichen Richtungen.

Wurde Klewer vielleicht erschossen, weil er sich dafür einsetzte, dass im Naturschutzgebiet ein Hotel und ein Freizeitpark gebaut werden sollten? Der NABU und eine lokale Naturschutz-Organisation waren nicht gut auf ihn zu sprechen. Die Naturschützer geistern zudem ständig in der Nähe der Burg herum um die Nistplätze von Fledermäusen und seltenen Vögeln zu kontrollieren. Ob sie mehr wissen? Dann gibt es noch ein privates Tierasyl in der unmittelbaren Umgebung des Tatorts. Haben die Leute dort vielleicht etwas von dem Mord mitbekommen?

Oder liegt das Motiv für die Tat im privaten Bereich? Auch Staatsanwältin Martina Becker, die mit Fischer liiert ist, kannte den Toten besser als sie zunächst zugeben will. War Klewer als Frauenheld unterwegs und geriet an einen eifersüchtigen Ehemann?

Als eine weitere Person aus dem Umfeld Markus Klewers ermordet wird und eine mögliche Zeugin spurlos verschwindet, wirft das alle bisherigen Theorien über den Haufen. Auch die Herkunft der Tatwaffe, mit der beide Opfer erschossen wurden, wirft mehr Fragen auf als beantwortet werden.

Wie, um alles in der Welt, hängen die beiden Morde und der Vermisstenfall zusammen?

In diesem Krimi gibt es keine Superschurken und keine Superhelden. Ob Täter, Opfer, Zeuge oder Ermittler ’“ es sind alles Personen, die so real und normal wirken wie Sie und ich. Es gibt auch keine Spontanlösungen der Kriminalfälle. Fischer und seine Kollegen müssen sich die Antworten auf ihre Fragen mühselig zusammenpuzzeln ’“ und weil sie nebenher mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen haben wie Reibereien unter Kollegen, Schwierigkeiten in der Ehe, hilfsbedürftigen Eltern und rebellierendem Teenie-Nachwuchs, sind sie nicht unfehlbar in der Ausübung ihrer Tätigkeit. Und manchmal hat schon ein kleiner Fehler weit reichende Folgen. Wie im richtigen Leben.

Auch die Zeugen kooperieren nicht so, wie die Polizei es sich wünschen würde. Außer einem geistig Verwirrten, der eine Verschwörung der Außerirdischen hinter den Vorfällen vermutet, macht niemand freiwillig eine Aussage. Die einen schweigen, weil sie selbst Dreck am Stecken haben, die anderen, weil sie nicht ahnen, dass ihr Wissen von Bedeutung ist.

Selbst Jakob Schink, der aufmerksame alte Herr, den man aus den vorangegangenen Seidenstadt-Krimis kennt, lässt die Ermittler dieses Mal anscheinend im Stich. Er, dem sonst nie etwas entgeht und der schon öfter wichtige Hinweise geben konnte, kommt diesmal nur aufs Kommissariat, um seinen Hund Ben als vermisst zu melden.

Wenn die vielen Puzzleteilchen, die das KK11 zusammengetragen hat, schließlich ein vollständiges Bild ergeben, weist dieses eine interessante Palette von Grautönen auf. Mit dem einen oder anderen Straftäter hat man schließlich mehr Mitleid als mit manchem Opfer. Eine vermeintlich aussichtslose Lage, mangelndes Urteilsvermögen und die Wahl der falschen Mittel lassen Menschen, die nichts anderes wollten als auch ein Stück vom Glück, schlussendlich schuldig werden.

Bei einer Krimi-Rezension kann man leider, leider die raffiniertesten Wendungen der Handlung nicht gebührend würdigen, weil man sonst etwas Wichtiges verraten würde. Deshalb nur so viel: Am Schluss von der ’žIronie des Schicksals’œ zu sprechen, wäre untertrieben. Man hört es im Hintergrund geradezu dreckig lachen. Life’™s a bitch, sagen die Amerikaner. Das Leben kann so gemein sein …

Wer die Seidenstadt-Reihe kennt und wissen will, wie es denn nun weitergeht mit dem Fischer und seiner Frau, dem sei gesagt: Es tut sich was. Aber bis zur endgültigen Entscheidung werden wir uns gedulden müssen – bis zum nächsten Band.

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