Rudolf Jagusch: Leichen-Sabbat. Tatort Vorgebirge

Rudolf Jagusch: Leichen-Sabbat. Tatort Vorgebirge, Krefeld 2007, LEPORELLO-Verlag, ISBN: 978-3-936783-21-6, Taschenbuch, 239 Seiten, Format: 19 x 11,5 x 2 cm, EUR 9,’“

Es gibt Momente im Leben, in denen man am liebsten alles hinschmeißen und am anderen Ende der Welt ganz von vorne anfangen möchte. In einer solchen Situation steckt Kriminalhauptkommissar Stephan Tries vom KK 11 in Köln. Seine Ehe ist gescheitert, seine Mutter ist gestorben, die 20-jährige Tochter hat große Probleme ’“ und nun wird auch noch Kollege Lutz bei einem Einsatz schwer verletzt.

Tries stürzt in eine Krise und braucht eine Auszeit. Er nimmt, sehr zum Missfallen seines Chefs, ein Sabbatjahr, kündigt seine Wohnung und zieht ins baufällige Elternhaus im Vorgebirge. Seit seine Mutter vor 3 Jahren ins Pflegeheim ging, steht das Haus leer. Tries wird sehr schnell klar, dass er bis auf weiteres auf einer Großbaustelle hausen wird. Aber das war es ja, was er wollte: Eine neue Herausforderung, fernab von Mord und Totschlag.

Doch die Probleme, vor denen er zu fliehen versucht, holen ihn sehr schnell wieder ein. Seine magersüchtige Tochter steht mit Sack und Pack vor der Tür und will bei ihm einziehen. Der neue Lebensgefährte ihrer Mutter ist ihr zuwider, deshalb ist sie dort ausgezogen. Klammheimlich. Die Schule hat sie kurz vor dem Abitur abgebrochen und Kommentare zu ihrem gestörten Essverhalten verbittet sie sich. Ermüdende Auseinandersetzungen mit der Ex-Gattin folgen auf dem Fuße.

Und wie das so ist auf dem Dorf: Jedermann weiß, dass ’žKlaras Sohn’œ bei der Polizei ist, also dauert es nicht lange, bis Tries auf einer Beerdigung in einer dienstlichen Angelegenheit angesprochen wird. Charlotte von Berg will bemerkt haben, dass in jüngster Zeit unverhältnismäßig viele ältere und kranke Menschen im Ort verstorben sind. Sie hat die Sterbedaten der letzten Jahre ausgewertet und befürchtet, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt. Sie sorgt sich um ihre demente Mutter, die als bettlägeriger Pflegefall auch zur ’žZielgruppe’œ des mutmaßlichen Mörders gehört. Stephan Tries soll der Sache nachgehen.

Tries tut Charlottes von Bergs Verdacht zunächst als fixe Idee ab, genau wie die anderen im Ort, denen sie davon erzählt hat. Doch weil ihm die Dame sympathisch ist und es bei den Todesfällen tatsächlich eine merkwürdige statistische Häufung gibt, sieht er sich ihre Aufzeichnungen an und macht sich ein paar Gedanken dazu.

In der Tat mangelt es nicht an Verdächtigen. Da ist Dr. Marchiat, der Hausarzt der Gemeinde, der vielleicht Kunstfehler zu vertuschen hat. Und eine kräuterkundige Krankenschwester im Unruhestand, die jetzt privat Kranke betreut und einen ihrer Patienten bereits beerbt hat. Handelt sie aus Habgier? Auch Krankenpfleger Henning Baumeister kommt in Frage. Er ist zwar professionell im Umgang mit seinen Patienten, hat aber Schulden und eine zweifelhafte Vergangenheit. Was ist mit Detlef Schlierer, Stephan Tries’™ Nachbar? Ein penibler Sonderling, der Selbstgespräche führt und in merkwürdige Geschäfte verwickelt ist. Und Charlotte von Berg selbst? Sie kannte alle Verstorbenen und machte oft Krankenbesuche. Es gibt Serientäter, für die öffentliche Aufmerksamkeit wichtig ist. Für sie bedeutet es einen zusätzlichen Kick, die Polizei mit der Nase auf ihre Taten zu stoßen. Also kommt auch sie auf die Liste der Verdächtigen.

Es ist kein leichter Fall für Stephan Tries. Den Täter in einer anonymen Großstadt zu suchen, ist eine Sache. Im Mikrokosmos des eigenen Heimatdorfs zu ermitteln, unter Schulkameraden, Nachbarn, Jugendfreunden und Bekannten eine andere. Erschwerend kommt hinzu, dass er derzeit nicht im Dienst ist und keinerlei offizielle Befugnis hat.

Hausarzt Dr. Marchiat hält die Sache mit dem Serientäter zwar für ein Hirngespinst und ist auch nicht besonders angetan davon, dass man seine Angaben auf den Totenscheinen anzweifelt, aber er bietet Stephan Tries an, ihn zur nächsten Leichenschau mitzunehmen. Die lässt nicht lange auf sich warten. Der alte Herr Reuter liegt tot in seinem Bett. Sein Pfleger Henning Baumeister hat ihn gefunden. Und es besteht kein Zweifel: Reuter wurde ermordet. Und er wurde bestohlen.

Statt den Mordfall bei der Polizei anzuzeigen, schließt Dr. Marchiat seine Praxis und verschwindet. So verstreicht wertvolle Zeit. Es dauert Tage, bis Stephan Tries klar wird, dass seine Kollegen nichts unternehmen, weil sie gar nichts von dem Mord wissen. Er informiert sie schließlich selbst. Und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung: ’žJe mehr Leute an dem Fall arbeiten, desto besser’œ, sagt er sich ’“ und ermittelt im Alleingang weiter. Doch sein Gegner ist weitaus gefährlicher als er denkt. Und er weiß jetzt, dass man ihm auf den Fersen ist …

Rudolf Jaguschs LEICHEN-SABBAT ist solide, spannende Krimi-Unterhaltung mit interessanten Charakteren und einer Anzahl von falschen Fährten ’“ wie sich das für einen guten Kriminalroman gehört.

Es ist wie im richtigen Leben: Die Guten sind keine Engel und die großen und kleinen Kriminellen sind nicht einfach nur böse Buben. Man kann nachvollziehen, ja manchmal geradezu nachfühlen, was sie umtreibt und warum sie glauben, so handeln zu müssen.

Schuldig wird hier nicht nur der Täter. Schuldig machen sich auch die schweigenden Mitwisser, die Mauschler und Vertuscher im Hintergrund, denen Ruf und Ansehen wichtiger sind ein paar Menschenleben. Mag sein, dass der eine oder andere Leser entsetzt oder empört ist über die Auflösung dieses Kriminalfalls. Sie ist verstörend. Aber sie ist denkbar.

Doch auch ein todernster Ermittlungsfall braucht seine Schmunzelmomente. Und die hat der LEICHEN-SABBAT natürlich auch zu bieten. Stephan Tries’™ Kämpfe mit den Handwerkern werden jedem ’žHäuslebauer’œ und Renovierungsgeschädigten ein breites Grinsen entlocken. Die Krankenschwester Margarete Habicht ist ein Fall für sich ’“ und ihre Ähnlichkeit mit einer gewissen Schauspielerin muss derart frappierend sein, dass dem Kommissar bei ihrer ersten Begegnung spontan ein ’žMiss Marple!’œ entfährt. Welche Kuriositäten sich in Charlotte von Bergs Kochbuchsammlung befinden, sei an dieser Stelle nicht verraten … Auch der verbale Schlagabtausch zwischen Stephan und dem neuen Lebenspartner seiner Frau entbehrt nicht einer gewissen Komik. Für die Außenstehenden. Wie gesagt: Es ist wie im richtigen Leben.

Wer einen persönlichen Bezug zum Vorgebirge hat, hat beim Lesen noch einen zusätzlichen ’žHeimvorteil’œ, weil er Orte und typische Eigenheiten wieder erkennen wird. Doch auch ’žOrtsfremden’œ bietet dieser Krimi packende Unterhaltung.

Ob Stephan Tries am Ende seines Sabbatjahrs wieder in den Polizeidienst zurückkehrt? Oder ob wir ihn vielleicht einmal als Privatermittler erleben können? Wir werden sehen …

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