Familien-Bande

’žVerwandte sind Leute, mit denen man freiwillig keinen Umgang pflegen würde’œ, heißt es ja so schön. Nein, so ist bei uns eigentlich nicht. Ich mag meine Verwandtschaft.

Gut, den einen oder anderen Angeheirateten kenne ich nicht gut oder lange genug, um mir eine Meinung über ihn bilden zu können. Manch eine/r hat sich auch längst von selbst erledigt, ehe man sich näher mit ihr/ihm beschäftigten konnte.

Ob Blutsverwandte oder erweiterter Zirkel ’“ manchmal kann der enge Kontakt bei aller Sympathie und Wertschätzung auch sehr anstrengend werden. Wenn wieder Familien-Marathon angesagt ist, zum Beispiel.

Dadurch, dass bei uns zwei große, feierwütige Verwandtschaftsclans zusammengekommen sind, könnten wir ungelogen 6 Monate im Jahr so gut wie jedes Wochenende auf einer Familienfeier verbringen. Wenn wir nicht ab und zu beleidigte Gesichter in Kauf nähmen und eine Feier schwänzen würden. Und wenn wir nicht sich extrem häufende oder einander überschneidende Verpflichtungen gelegentlich getrennt wahrnähmen.

Trotzdem bezahlt man die engen Familien-Bande mit einem eklatanten Mangel an Freizeit. Zu allem Übel fällt der alljährliche Verwandtschafts-Marathon auch noch exakt mit den Zeiten zusammen, in denen bei uns in der Firma regelmäßig der Wahnsinn tobt und ich von Früh bis in die Nacht im Büro sitze und dort das Chaos domptiere.

Wann komme ich dann dazu, meinen eigenen Kram zu regeln … so schnöde Dinge wie Hausputz, Einkauf, Wäsche? Theoretisch: am Wochenende. Praktisch: im Tiefflug zwischen den familiären Verpflichtungen. Nachts waschen, auch wenn es die Nachbarn nervt. Die berühmte schwäbische Kehrwoche Samstag morgens um sieben erledigen, auch wenn dich die Hausgemeinschaft dafür erwürgen könnte, wenn du mit Besen, Eimer und Wischmop  zu nachtschlafender Zeit durch das Treppenhaus polterst. Und die Bügelwäsche, die man ja nicht liegen lassen kann, weil man sonst 1. irgendwann vor einem unüberwindlichen Berg steht und 2. eines schönen Tages keine Klamotten mehr im Schrank hat? Die wird Sonntag morgens erledigt. Heißt: Auch am Wochenende klingelt der Wecker in aller Frühe.

Persönliche Freizeit? Ausschlafen, lesen, rumgammeln, spazieren gehen, Hobbys pflegen? Ja, da war doch mal was. Gaaaanz alte Leute können sich erinnern! Zeit zur freien Verfügung habe ich nur, wenn ich sie mir stehle, Vorwürfe, Annölungen und beleidigte Sippschaftsmitglieder eisern ignoriere und einer Verwandtschaftsveranstaltung fern bleibe.

Zu meinem Geburtstag mache deshalb ich meiner Verwandtschaft das kostbarste Geschenk, das ich kenne: Freizeit.

Ich feiere nicht.

  1. Hallo,
    verwandschaft ist schön und gut, aber sie muss
    a.) 500 Km weit weg sein und
    b.)man sollte die Telefonnummern verlegt haben.
    Aber was ich schon lange agen wollte, ich liebe deinen Humor und die trockenen Bemerkungen, es ist immer wieder ein Genuß hier zu blättern.
    Danke dafür

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