Cornelia Read: Schneeweißchen und Rosentot -“ Kriminalroman

Cornelia Read: Schneeweißchen und Rosentot ’“ Kriminalroman. OT: A Field of Darkness, Deutsch von Sophie Zeitz, München 2008, Deutscher Taschenbuchverlag (dtv), ISBN 978-3-423-24668-2, 427 Seiten, Format: 14,5 x 21 x 3 cm, EUR 14,90 [D], EUR 15,40 [A], sFr 25,80

Madeline Dare hat es durch die Heirat mit dem Farmerssohn Dean Bauer in die US-amerikanische Kleinstadt Syracuse verschlagen. Sie schreibt für die Lokalzeitung und langweilt sich unsäglich in dem Kaff. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr Mann oft wochenlang beruflich in Kanada ist ’“ wenn er nicht gerade an seiner Erfindung tüftelt.

Einfach dort hin zurückzukehren, woher sie gekommen ist, wie ihr ein Kumpel im Streit rät, ist auch keine Option. Ein richtiges Zuhause hat Madeline nicht. Zwar stammt sie mütterlicherseits aus dem Ostküsten-Geldadel, doch seit ihre Mutter vom kiffenden Gatten mit den Kindern sitzen gelassen wurde, sind die Dares dort nicht mehr gern gesehen. Mit ihren armen Verwandten wollen die Erben der neunten und zehnten (De-)Generation nichts zu tun haben und nennen sie verächtlich ’ždas Lumpenproletariat’œ.

Der einzige in diesem dekadenten und versnobten Haufen, der je nett zu Madeline war, ist ihr Cousin zweiten Grades, Lapthorne Townsend. Und ausgerechnet Lapthornes Soldaten-Erkennungsmarke entdeckt Madelines Schwiegervater auf dem Acker, auf dem man 1969 zwei junge Frauen ermordet aufgefunden hat. Der Fall wurde nie geklärt.

In den Augen des alten Farmers ist die Polizei ’žso nützlich wie ein Euter am Zuchtbullen’œ. Deshalb gibt er die Marke auch nicht den Behörden sondern ganz arglos seiner Schwiegertochter. Sie als Reporterin wird schon wissen, was damit zu tun ist.

Auch Madeline hat kein Interesse daran, mit der Erkennungsmarke zur Polizei zu gehen. Lieber stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen in dem 20 Jahre alten Doppelmord an. Natürlich mit dem Wunsch, die Unschuld ihres Cousins zu beweisen. Er mag zwar einer der beiden Soldaten gewesen sein, mit denen die Mädchen am Vorabend ihres Todes auf einem Jahrmarkt gesehen wurden, aber saß er nicht zur Tatzeit mit seinem Kameraden wegen einer tätlichen Auseinandersetzung im Knast?

Wenn Lapthorne es nicht gewesen sein kann, wer hat dann den beiden Frauen die Kehlen durchgeschnitten und die Toten wie Schneeweißchen und Rosenrot mit Blumen dekoriert und auf dem Acker drapiert?

Was weiß der ehemalige Polizist Jack Schneider? Er war damals der leitende Ermittler im ’žRosenmädchen-Fall’œ und hat sich bald danach zur Ruhe gesetzt. Seitdem lebt er auf ziemlich großen Fuß. Erpresst er vielleicht jemanden? Doch Mr. Schneider ist ein gefährlicher Mann, er lässt sich nicht einfach von Madeline und ihrer Freundin Ellis an einer Bar aushorchen. Der Versuch endet in einer irrwitzigen Flucht der beiden Frauen.

Auch der Scherenschnitt-Künstler Archie Sembles, der seinerzeit auf dem Jahrmarkt Porträts von den Rosenmädchen geschnitten hat, könnte mehr wissen als er bislang gesagt hat. Madeline muss lange und intensive Überzeugungsarbeit leisten, bis Sembles bereit ist, mit ihr zu sprechen. Als sie zu seinem Haus kommt, findet sie nur noch seine Leiche ’“ in einem bizarren Szenario, das an eine Geschichte aus dem ’žStruwwelpeter’œ erinnert.

Sembles bleibt nicht der einzige Tote aus Madelines Umfeld. Und jetzt wird auch ein unheimliches Muster deutlich: Der Mörder inszeniert seine Opfer wie Illustrationen zu Märchen und Mythen. Kein Zweifel: Madeline ist dem Rosenmädchen-Mörder auf der Spur. Und sie vertraut offensichtlich den falschen Leuten. Längst schwebt sie selbst in tödlicher Gefahr …

Cornelia Reads packender Debut-Roman mit dem nervenzerfetzenden Finale war für mehrere bedeutende Literaturpreise nominiert. Doch das Buch ist mehr als ein intelligenter Kriminalroman: Er ist auch das Psychogramm eines Familienclans.

Es ist überaus vergnüglich zu lesen, wie die zynische Madeline über ihre ebenso vermögenden wie bedeutenden Vorfahren lästert: ’žJeder normale Mensch würde die Möglichkeit wahrscheinlich weit von sich weisen, dass es in seiner Familie einen Mörder geben könnte. Bei uns dagegen könnte man bei der Mayflower zu zählen anfangen, und hundert Jahre später hätte man schon keinen Finger mehr frei.’œ

Ihre Ahnen waren eine unerfreuliche Ansammlung von Indianermördern, Raubrittern, Umweltfrevlern und Kommunistenfressern, findet Madeline. Der rustikale Schwieger-Clan und die noch lebende Ostküsten-Verwandtschaft kommen auch nicht besser weg. Da ist der pingelige Onkel ’žDie Bügelfalte’œ Kit, der sich lieber mit den Poolboys vergnügt als mit seiner dürren, affengesichtigen Gattin Binty. Immer wenn diese den Raum betritt, ’žsinkt die Zimmertemperatur um zehn Grad’œ. Nur zu gern hat Madeline den Spitznamen aufgegriffen, den Onkel Hunt für Binty geprägt hat, und den man hier gar nicht in voller Schönheit auszuschreiben wagt: Sie ist ’ždie Eisf***e’œ. Und, nein Eisfee heißt das nicht …

Lieblos, oberflächlich und dünkelhaft geht es in Madelines Familienclan zu. Und sie als quasi Außenstehende grübelt darüber nach, was hier falsch gelaufen ist.
’ž(…) wenn du dich umschaust, fragst du ich dann nicht, was da eigentlich passiert ist?’œ,möchte sie von ihrem Cousin wissen. ’žSie hatten alles ’“ die beste Ausbildung, die besten Beziehungen ’“ sie waren schön und gescheit und charmant und Kriegshelden, und alles haben sie verschleudert. (…)’œ Doch der Cousin hat auch keine Antwort. Er ist auf seine Weise an der familiären Situation gescheitert.

Madelines Mutter meint, es liege am Geld. Das mache nicht glücklich. ’ž(…) jedenfalls nicht die Leute mit dem großen Geld. Vielleicht, wenn man es sich selbst verdient? Vielleicht sind die Neureichen glücklicher? Wenn das Geld noch frisch ist und glänzt, statt etwas zu sein, gegen das man ankommen muss, was man nur verlieren kann? (…)’œ

Durch die versnobte mütterliche Verwandtschaft ist Madeline in diese mörderische Geschichte hineingeraten. Dass sie ihr nicht zum Verhängnis wird, verdankt sie ausgerechnet dem Erbe ihres Vaters …

’žJede Seite ist ein Vergnügen in diesem Debütroman um Madeline Dare, die stachelige Tochter aus gutem Hause. Die Handlung geht los wie ein Feuerwerk, aber das Beste sind die Personen’œ stand in der Rezension von ’žBooklist’œ. Diesem Urteil kann ich mich uneingeschränkt anschließen.

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