Gerd Willms: Chico -“ Abenteuer mit einem Papagei

Gerd Willms: Chico ’“ Abenteuerliche KindheitGerd Willms: Chico ’“ Abenteuer mit einem Papagei, CH-Frauenfeld 2008, Verlag Reinhold Liebig, ISBN 978-3-9523389-7-1, 104 Seiten, Taschenbuch, mit zahlreichen Fotos in Farbe und Schwarz-Weiß, Format 12 x 18 x 1 cm, EUR 13,’“. Für Kinder ab 8 Jahren. Bezugsquelle: http://www.verlag-liebig.de

Der zwölfjährige Karl wächst in den 60-er Jahren als Sohn deutscher Auswanderer in einer deutschsprachigen Kolonie in Paraguay auf. Seine Eltern sind Landwirte, sein ’žKinderzimmer’œ und das seiner drei Geschwister sind der elterliche Hof und die wilde Natur.

Als Harry, ein Freund der Familie einen jungen grünen Papagei vor einer Baumschlange rettet, geht für Karl ein großer Wunsch in Erfüllung: Er darf das Papageienjunge aufziehen. In der Wohnung will die Mutter den Vogel nicht haben, also baut Karl seinem ’žChico’œ unter der Veranda mit einem Brett, einem Hut und einem Stück Stoff eine behelfsmäßige Höhle.

Der junge Papageienvater erlebt nun all die Freuden und Sorgen, die man mit so einem tierischen Ziehkind hat. Chico wächst, gedeiht und bekommt anstelle seiner kurzen Stoppeln alsbald wunderschöne grüne Federn. Aber ist er in seinem Ersatznest unter der Veranda auch vor der Katze sicher? Noch ist er ein kleiner Papagei, der weder fliegen kann noch sich zu wehren weiß.

Als Chico erkrankt, erweist sich die Infrastruktur der deutschen Siedlung als Nachteil: Es gibt in erreichbarer Nähe keine ärztliche Versorgung. Nicht für die Menschen, und erst recht nicht für die Tiere. Man ist auf Hausmittel und auf die Selbstheilungskräfte angewiesen.

Chico überlebt zum Glück sein Leiden und unternimmt bald erste Flugversuche. Und schon warten neue Gefahren auf ihn. Unangenehme Begegnungen mit anderen Tieren, zum Beispiel. Und dann ist Chico auf einmal verschwunden. Hat der Nachbarsjunge Werner ’“ ein Tunichtgut mit beachtlicher krimineller Energie ’“ ihn etwa gefangen und verkauft? Zuzutrauen wäre es ihm.

Doch bei der Suche nach Chico zeigt es sich, dass Werner gar kein so schlechter Kerl ist. Er ist nur einsam und hat ein paar dumme Fehler gemacht. Jetzt erweist er sich als Retter in der Not. Er weiß, wo Chico ist und hilft Karl in einer halsbrecherischen Aktion, den Papagei aus einer äußerst misslichen Lage zu befreien. Karl und Chico haben von Stund an einen neuen Freund: Werner.

Um Chicos Aktionsradius zu begrenzen und solche lebensgefährlichen Rettungsaktionen künftig zu vermeiden, beschneidet Karl dem Vogel die Flugfedern. Nicht ohne sich vorab bei seiner Mutter zu versichern, dass er Chico damit auch ganz bestimmt keine Schmerzen zufügt. Seine Mutter beruhigt ihn: ’žNein, das ist wie Fingernägel schneiden.’œ

Chico lernt sprechen ’“ und die Stimmen seiner vertrauten Menschen so täuschend echt nachzuahmen, dass er einmal mit seinem Geschrei das halbe Dorf zusammentrommelt. Und wer hat Karls Deutschlehrer auf dem Hof das Wort ’žDummkopf’œ nachgerufen? Karl ist es jedenfalls, der dafür die Ohren lang gezogen bekommt …

Auch wenn Chico nur noch im Dunstkreis des Hofs herumfliegen kann, Abenteuer erlebt er trotzdem noch reichlich. So lernt er zum Beispiel gänzlich unbeabsichtigt, auf einem Pferd zu reiten. Als er wenig später seine neu erworbenen Reitkünste an einem der Schweine ausprobiert, versucht er sich bei der Gelegenheit gleich noch als gestrenger Lehrer. Er bemüht sich nach Kräften, dem Schwein das Sprechen beizubringen: ’žSag: ’šChico komm!’™’œ, befiehlt er. Doch das arme Schwein kann nun mal nichts anderes sagen als ’žquiiiiiek!’œ, und wenn Chico es noch so oft mit dem Schnabel ins Ohr zwickt.

Karl und Werner, die zufällig Zeuge dieser tierischen Unterrichtsstunde werden, kringeln sich vor Vergnügen. Den Schulkameraden und dem Lehrer, denen Karl anderntags von dieser unglaublichen Szene berichtet, geht es nicht anders. Die Vorstellung ist aber auch zu köstlich!

Als Karl eines Tages bewusst wird, dass grüne Papageien eigentlich immer paarweise unterwegs sind, regen sich bei ihm erste Zweifel an seinem Tun. Ist es richtig, dass er Chico die Flügel beschneidet, nur damit dieser bei ihm bleibt? Ist es nicht so, dass er seinem geliebten Vogel damit die Freiheit und ein artgerechtes ’žFamilienleben’œ vorenthält? Und ist das in Ordnung?

Karl berichtet Ernst von seinen Überlegungen, einem Theologen aus der Gemeinde, der die Gabe hat, gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen und sich in ihre Sorgen und Nöte einfühlen zu können. Karl hält große Stücke auf Ernst und legt viel Wert auf dessen Meinung.

Wie wird der junge Theologe die Sache wohl sehen? Und wie wird sich das auf Karls und Chicos weiteres Leben auswirken?

Chico ’“ Abenteuerliche Kindheitserlebnisse mit einem Papagei ist ein ganz besonderes Jugendbuch. Eine Geschichte aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Gerd Willms beschreibt eine Kindheit ohne Fernseher, Computer und Handy, dafür mit viel Freiheit und Abenteuer in der Natur. Eine Welt, die unsere Kinder und Enkel so nicht mehr kennen. Zeitlos ist jedoch das Thema Freundschaft zu Tier und Mensch, die das Buch behandelt. Und darin dürften sich auch die ’žKids’œ von heute wiedererkennen.

Dem Buch merkt man an, dass viele persönliche Erfahrungen darin eingeflossen sind. Es ist ein sehr authentisches und persönliches Werk ’“ und mehr als nur ein Tierabenteuer für junge Leser. Es sind literarisch verarbeitete Lebenserinnerungen, es ist ein Entwicklungsroman, es bringt dem Leser das Leben der Auswanderer nach dem Zweiten Weltkrieg nahe und es beschreibt das Wesen und den Wert der Freundschaft.

Dass der christliche Glaube in diesem Band eine wichtige Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr: Der Autor, 1950 in Paraguay geboren, 1972 nach Deutschland ausgewandert, hat in den USA und in Kanada Theologie studiert und lebt heute als Theologe und Sozialberater in Basel. Sein literarisches alter Ego ist gläubig, weil der Autor gläubig ist. Und der Autor wiederum wurde geprägt durch Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend, die in das Buch eingeflossen sind.

Die Kurzbiographie des Autors im Anhang des Buchs enthält Fotografien aus seiner Kindheit in Paraguay. Und man braucht nicht viel Phantasie, um darin die Welt von Karl, Chico und ihren Freunden wiederzuerkennen.

Ich bin sicher, dass ein Autor mit einer so spannenden Biographie noch viele weitere faszinierende Geschichten zu erzählen hat. Und ich hoffe, er erzählt sie auch uns.

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