Dora Heldt: Tante Inge haut ab -“ Roman

Dora Heldt: Tante Inge haut ab ’“ Roman, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-423-24723-8, Softcover (dtv Premium), 336 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,2 cm, EUR 12,90 [D], EUR 13,30 [A]

Die erste Begegnung zwischen Christine Schmidts Lebensgefährten Johann und ihrem Vater Heinz ging gründlich daneben (Dora Heldt: ’žUrlaub mit Papa’œ, dtv). Auch als gestandene Frau von Mitte 40 möchte man ja nicht, dass der Partner denkt, man entstamme einem Haufen meschuggener Nervensägen, denen jeglicher Bezug zur Realität fehlt. Also startet Christine einen neuen Versuch: Beim Urlaub auf Sylt, im Haus von Christines Eltern, soll Johann davon überzeugt werden, dass ihre Familie eigentlich ganz nett und normal ist.

Schon am Bahnsteig ahnt Christine, dass das wohl auch diesmal schief gehen wird. Denn mit Sack und Pack und einem knallroten Hut steht auf einmal Papas Schwester da, Inge Müller, die eigentlich bei ihrem Mann Walter in Dortmund sein sollte. Tante Inge, so stellt sich heraus, war zur Kur. Dort muss ihr wohl das eine oder andere Licht aufgegangen sein, denn sie hat beschlossen, ihr Leben grundlegend zu verändern.

Verdenken kann man es ihr nicht. Dortmund ist eigentlich nie richtig ihre Heimat geworden. Und bei ihrem Mann Walter, einem pensionierten Steuerinspektor, dreht sich alles nur noch um Fußball, Sparen und das Einbilden von Krankheiten. Zwischendrin mäht er den Rasen oder macht den Nachbarn die Steuererklärung. Inge fühlt sich wie lebendig begraben und will jetzt, mit 64 Jahren, auf ihrer Heimatinsel Sylt noch einmal von vorne anfangen.

Schön für Inge. Aber was wird ihr ’žgroßer Bruder’œ Heinz dazu sagen? Er ist schon seit Kindertagen davon überzeugt, für Inges Wohlergehen verantwortlich zu sein und sie vor jeglichem Unheil bewahren zu müssen. Und wer Heinz kennt, weiß: wo er helfend eingreift, da wächst kein Gras mehr. Das weiß auch Inge und hält sich bezüglich ihrer Pläne sehr bedeckt.

Erst nimmt die Familie Inges Veränderungsabsichten nicht ernst. Vielleicht hat ihr nur ihre neue Freundin aus der Kur, die mondäne Renate, einen Floh ins Ohr gesetzt, und das ganze gibt sich wieder. Oder Inge ist ein bisschen durcheinander, weil vor kurzem ihre Freundin Anna verstorben ist.

Auf Dauer lässt sich jedoch nicht ignorieren, dass Inge Verhandlungen führt, plant und organisiert. Und wo immer es keine konkreten Informationen gibt, da schießen die Vermutungen und Gerüchte wild ins Kraut. Dass auch noch Inges Kur-Freundin Renate auftaucht, die Inge ’žbeistehen’œ will und mit ihren eigenen Spekulationen die Gerüchteküche weiter anheizt, macht die Sache nicht einfacher.

Überhaupt … Renate! War sie in der Kur eine wertvolle Inspiration für Inge, entpuppt sie sich jetzt mehr und mehr als egozentrischer, unsensibler Trampel, der stets hinter irgendwelchen Männern her ist und einen peinlichen Auftritt nach dem anderen hinlegt. Inge wäre sie ganz gerne los. Und auch Schwägerin Charlotte ’“ Heinz’™ Ehefrau und Christines Mutter ’“ ist alles andere als erbaut davon, dass Renate bei ihnen ein- und ausgeht. Als sich auch noch Heinz’™ Kumpel Kalli vorübergehend bei ihnen einnistet und Inges Mann Walter anreist, um nach dem Rechten zu sehen, ist das Chaos komplett.

Heinz, Kalli und Walter starten mit Renates Hilfe ein ’žRettungsprogramm’œ für Inges Ehe, was Charlotte aus dem Haus und Christine auf die Palme treibt. Die Aktion mündet prompt in ein fürchterliches Tohuwabohu, im dem unter anderem eine Hecke, ein angebrochener Hintern und ein Polizeieinsatz eine Rolle spielen.

Christine ist weiter denn je davon entfernt, ihre Familie als nett und normal präsentieren zu können.

Ein Gutes hat der ganze Zirkus jedoch: Er bringt Christine ins Grübeln. Tante Inge wagt mit Mitte 60 noch einen Neuanfang, Christine dagegen graut es dermaßen vor Veränderungen, dass sie mit Johann immer noch eine Wochenendbeziehung führt, obwohl es die Option gäbe, zu ihm nach Bremen zu ziehen.

Wird auch Christine Mut zur Veränderung fassen? Und was genau hat eigentlich Tante Inge vor? Bisher hat sie sich ja standhaft geweigert, ihre Familie in ihre konkreten Pläne einzuweihen. Nur Anika, die nette Bedienung als dem Lokal ’žBadezeit’œ, weiß Bescheid. Aus gutem Grund. Und zum Glück. Denn wer weiß, wie die Geschichte sonst ausgegangen wäre …

Christines Familie ist einfach … unbeschreiblich! Wenn Heinz und sein Schwager am Telefon die Befindlichkeiten der weiblichen Familienmitglieder erörtern, dann bleibt kein Auge trocken. Und Schwager Walter, der sparsame Steuerinspektor im Ruhestand, steht Heinz in nichts nach. Christines Mutter kommentiert eine seiner Glanzleistungen so: ’žOnkel Walter hat Bahnchef Mehdorn eins ausgewischt und fährt für 54,50 Euro dreizehn Stunden Zug. Mit siebenmal Umsteigen. Jetzt sag nicht, dass er nicht gewieft ist.’œ (S. 169.)

So richtig rund geht’™s, sobald Heinz seine Rentnergang um sich schart. Mit Kalli und Walter bildet er eine Art temporärer Strohwitwer-WG, in der einer unfähiger im Haushalt ist als der andere. In der Küche schaut es alsbald aus, als sei etwas explodiert, aber für solche Nebensächlichkeiten haben die Herren keinen Kopf. Schließlich müssen sie Inge beschützen, wenn sie auch keine Ahnung haben wovor. Wie sollten sie auch? Von dem, was um sie herum vorgeht, bekommen sie mangels Aufmerksamkeit maximal die Hälfte mit und reimen sich den Rest zusammen. Das ist nicht gerade die optimale Ausgangslage für Aktionen gleich welcher Art. Aber saukomisch für den Leser!

Es müsste Heinz uns seinen Kumpels doch irgendwann mal aufgefallen sein, dass ihre Rettungsmissionen grundsätzlich im Desaster enden. Aber sie können das wohlmeinende Einmischen einfach nicht lassen. Johann schätzt seinen quasi-Schwiegervater diesbezüglich richtig ein: ’žSolange er das Gefühl hat, dass was nicht stimmt, wird er sich darum kümmern.’œ (S. 165). Und solange er das tut, hat Tochter Christine was zum Aufregen, Verzweifeln und Fremdschämen ’“ und der Leser was zu lachen.

Wer über eine ähnlich anstrengende Verwandtschaft verfügt wie Christine, wird vieles wiedererkennen und sich sagen: ’žGottseidank geht’™s nicht nur bei uns so zu!’œ Andere werden erleichtert seufzen: ’žGanz so abgedreht ist meine Sippe zum Glück nicht!’œ Wer sich bei diesem Roman in keinster Weise an seine eigene Familie erinnert fühlt, hat entweder keine oder er hat enormes Glück gehabt. Das ist fast nicht vorstellbar. Denn sind wir nicht alle ein bisschen Müller und Schmidt?

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