Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck -“ Episoden aus unserer Kindheit

Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck ’“ Episoden aus unserer Kindheit, 74 Texte von 32 Autoren, mit zahlreichen schwarz-weiß-Fotos, Leipzig 2008, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-86703-970-3, Taschenbuch, 229 Seiten, Format: 12 x 18,8 x 1,4 cm, EUR 12,50.

Unkraut-Cover

32 Autorinnen und Autoren haben 74 Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend niedergeschrieben, Die älteste Erzählerin wurde noch zur Kaiserzeit geboren, die jüngste im kalten Krieg. Und so sind es Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. An eine Zeit also voller Angst und Schrecken, Hunger und Entbehrungen, Flucht und Vertreibung, Verlust und Verzweiflung. Doch. es sind Kinder, und die sehen die Welt mit ihren Augen. Also sind es auch Geschichten von Freundschaft und Abenteuer, Familie und Geborgenheit, Hoffnung und Neubeginn.

Die Beiträge sind durchschnittlich rund zweieinhalb Seiten lang, und doch genügt so manche Momentaufnahme, um sich ein Bild vom Schicksal des Erzählers machen zu können. Bei vielen Autoren hat man das Gefühl, dass sie noch unendlich viel mehr zu erzählen hätten, Berührendes, Erschütterndes und Unerhörtes, und dass ihr Leben Stoff genug böte für einen ganzen Roman.

Usch Müller-Soppart ist ein Beispiel dafür. Sie wird 1935 in Stettin geboren. Ihr Vater ist Jude und verlässt bald nach ihrer Geburt unter abenteuerlichen Umständen das Land. 1943 kommt Uschs Mutter ins KZ und das Mädchen nach Hinterpommern zu ihrer Tante, die davon alles andere als begeistert ist. 1945, auf der Flucht, wird Usch von ihrer Tante im Stich gelassen und landet im Auffanglager für aufgegriffene Kinder. Das erzählt sie uns in fünf kurzen Textbeiträgen.

Diese Fragmente genügen, um das Interesse und die Neugier des Lesers zu wecken. Am liebsten würde man die Autorin anrufen und fragen: ’žJa, sagen Sie mal, wie haben Sie dann Ihre Mutter wiedergefunden? Und was wurde aus Ihrem Vater, aus Tante Anna und den Cousins? Hat wirklich niemand je ein Sterbenswort über das Schicksal der Magd Helga verloren …?’œ Ein kultivierter Mensch belästigt natürlich keine Autoren. Aber dass der Wunsch geweckt wird, noch mehr zu erfahren, zeigt, wie sehr einen die Geschichten berühren und beschäftigen.

Ein anderes Beispiel ist Marlis Gondek. 1936 in Düsseldorf geboren, aufgewachsen mit Verdunklung und Fliegeralarm, ist sie als Zehnjährige bereits verantwortlich dafür, das magere Haushaltsbudget der Familie zu verwalten und vier Personen zu ernähren. Schon vor Schulbeginn steht sie vor den Geschäften in der Schlange, um Lebensmittel zu ergattern. Sie knüpft Kontakte und entwickelt sich zur tüchtigen Geschäfts’œfrau’œ.

’žErziehung findet nicht statt’œ, sagt sie (Seite 166) und genießt ihre Freiheit. Doch natürlich ist es ein viel zu jugendliches Alter um Haushaltsvorstand zu sein und so viel Verantwortung zu tragen. Marlis lernt rechnen und wirtschaften. Was sie nicht lernt, ist, ein unbeschwertes Kind und eine unbeschwerte Jugendliche zu sein. Die kleine Marlis bewundert und bedauert man. Die große Marlis würde man gerne fragen, wie sich das frühe Erwachsenwerdenmüssen auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hat.

Doch auch wenn es Erinnerungen an Kriegszeiten sind, soll niemand denken, dass es in diesem Buch nichts zu schmunzeln und zu lachen gibt. Susanne Holtz, zum Beispiel, geboren 1938 in Berlin, kann hinreißend erzählen und beschreibt anschaulich und humorvoll das KINDERPARADIES, in dem sie groß geworden ist (Seite 54 ff) Sie erzählt vom Schaukeln in den Weiden, von Baumhäusern und geheimen Schätzen, von gefrorenen Pferdeäpfeln, die sich wunderbar als Wurfgeschosse eignen, und von dem Versuch, Seerosen zu pflücken. Sogar einen Altar haben sich die Kinder im Gebüsch errichtet. Das Baumaterial dafür war ursprünglich allerdings für einen ganz anderen Zweck gedacht …

Der einzige männliche Erzähler in der Runde, Karl Josef Hebben, 1938 in der Nähe von Neuss geboren, steuert unter anderem die herrlich komische Geschichte vom kleinen Karl bei, der beim Spielen bei Freunden die Zeit vergisst und partout nicht zugeben will, dass er sich davor fürchtet, allein im Dunkeln nach Hause zu gehen. Angebote, ihn heim zu begleiten, lehnt er energisch ab. Was er alles erlebt, bis er endlich völlig außer Atem zu Hause eintrifft, erzählt der Autor uns in seinem Beitrag SCHATTENBILDER (Seite 60 ff).

So vieles wäre noch erwähnenswert: Die Gedichte von Astrid Grone, die Gefühle und Stimmungen in wenigen Zeilen nacherlebbar machen. Oder Monika Gockels Erinnerungen an ihre Erstkommunion. Ein Ereignis, das sie tief beeindruckt haben muss, so detailreich, wie es bis ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Bei 74 Beiträgen bleiben zwangsläufig die meisten unerwähnt und man kann nur beispielhaft ein paar Autoren und Geschichten herausgreifen. Die Geschichten haben alle ihren Reiz, die bestürzenden, tragischen und erschreckenden genauso wie die, die voller Hoffnung, Zuneigung und Humor sind.

Dadurch, dass viele Beiträge mit Originalfotos aus dem Fundus der Autoren illustriert sind, entsteht ein besonderes Gefühl der Nähe zu den Autoren. Man liest ihre Jugenderinnerungen und sieht dazu ihre Kinderfotos. Eine Kurzbiographie der Autoren rundet die Sammlung der Erzählungen ab. In wenigen Zeilen umreißen sie grob ihr Schicksal. So kann man ihre Geschichten noch besser einordnen.

Die Texte entstanden im Rahmen einer Biographie-Schreibgruppe, die die Herausgeberin der Anthologie, Erny Hildebrand, seit Jahren leitet. ’žDabei’œ, sagt die Herausgeberin, ’žist eine Bandbreite an Erinnerungen entstanden, die von wohligen, herzlichen Begebenheiten bis zu dramatischen Kriegs- und Fluchterlebnissen reicht, von Erlebnissen in der Arbeitswelt, aber auch vom Spielen und Streiche machen. Das Schlimme sollte nicht verschwiegen, aber auch Schönes nicht vergessen werden.’œ (Seite9)

Es ist ein sehr ehrliches und persönliches Buch. Die Autorinnen und Autoren haben ihre Erinnerungsschätze gehoben um sie mit der Kinder- und Enkelgeneration zu teilen. Und für uns Leserinnen und Leser, die wir diese Zeit hauptsächlich aus Schulbüchern kennen, bekommt die Vergangenheit hier individuelle Stimmen und Gesichter, rückt uns auf diese Weise ein Stück näher und wird konkret und nachfühlbar.

Wer nach der Lektüre dieses Buchs seine eigenen Erinnerungen zu Papier bringen möchte, dem bietet die Herausgeberin im Anhang eine Reihe von Tipps und Anregungen zur praktischen Vorgehensweise. Denn, wie Erny Hildebrand im Vorwort schreibt: ’žEs geht darum, sich zu erinnern und Erinnerungen zu teilen. Es geht darum, mit der eigenen Geschichte nicht allein zu bleiben. Es geht darum, zu erzählen, was früher war.’œ (Seite 10)

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