Nachhaltig frustriert

’žStress macht nur dann krank, wenn persönliche Bedürfnisse über längere Zeit hinweg nachhaltig frustriert werden’œ, sagte neulich ein Experte in einer Fernsehsendung. Zuneigung nannte er als Beispiel, Anerkennung und Muße.

Muße … äh ja, da war doch was! Ganz alte Leute können sich erinnern. Das ist Entspannung, Freizeit zur persönlichen Verfügung, ohne dass man fünfhundertachtunddrölfzig Dinge auf der Liste hat, die man vor Ende des Tages noch erledigen muss.

Die Phasen eklatanten Muße-Mangels kenne ich, seit ich berufstätig bin und einen eigenen Haushalt habe. Das ist bei mir eigentlich der Normalzustand. Das sind die Zeiten, zu denen ich werktags um 4:50 Uhr aufstehe und im Büro versuche, irgendwie den alltäglichen Wahnsinn in Schach zu halten. Die Feierabende gehen dann für die Hausarbeit drauf, und beim Spielfilm nach den 20-Uhr-Nachrichten schlafe ich regelmäßig über der Post ein.

Die Wochenenden sind randvoll gepackt mit Haushalts-, Familien- und Bürokram. Selbst das Spazierengehen hake ich wie eine Verpflichtung ab. ’žDas Wetter ist schön, der Mensch muss sich bewegen. Zwischen zwei Waschmaschinenfüllungen kannste mal schnell eine Runde durch die Bürgergärten wuseln. Aber nur, wenn du mit der Stadtbahn wieder zurückfährst. Mehr als eine Stunde ist nicht drin. Es sind ja noch Texte zu schreiben, Überweisungen zu tätigen, Wäsche aufzuräumen, Telefonate zu machen und Post zu bearbeiten. Die Ablage wartet und die Blumen im Garten müssen auch noch gegossen werden.’œ

Indie-Desk

Auf dem Schreibtisch türmt sich das Zeug, und obendrauf liegt Kater Indie

Ich bin nicht allein lebend. Ich bin nur allein putzend.

Nein, ich bin nicht allein lebend. Ich bin nur allein putzend. Fünf Lebewesen machen Dreck und eines macht ihn wieder weg.

Wenn mir dann noch Abende oder ganze Wochenenden für geschäftliche oder verwandtschaftliche Pflichtprogramme wegbrechen (Abendveranstaltungen, Familienfeiern), kriege ich regelmäßig die Krise. Die Arbeit bleibt liegen und staut sich. Irgendwann hat man dann einen unbezwingbar erscheinenden Berg davon und kann sich eigentlich nur noch heulend auf den Gipfel setzen. Dabei habe ich weder einen Putzwahn noch einen Ordnungsfimmel. Ich bin nur ständig damit beschäftigt, den Haushalt vorm rettungslosen Versiffen und Verschlampen zu bewahren. Mit wechselndem Erfolg.

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Zwischen zwei Waschmaschinenfüllungen mal kurz in den Park

In gewisser Weise bin ich froh, dass mein Arbeitgeber uns jetzt in der Krise dazu gezwungen hat, pro Jahr 5 Tage unbezahlten Urlaub zu nehmen. Da kann man dann reinen Gewissens in der Firma sagen: ’žIch weiß, im Büro steppt der Bär, aber ihr wisst ja, ich muss meinen freien Tag nehmen.’œ Und damit haben wir jetzt das, was ich bislang nur aus der Erzählung von Freunden kannte, die in der damaligen DDR aufgewachsen sind: einen Haushaltstag. Was mich so ein freier Putz- und Erledigungstag kostet, das steht auf einem anderen Blatt. Denn natürlich bedeuten unbezahlte Urlaubstage einen saftigen Gehaltsverlust.

Ich müsste doch nur alle meine Hobbys und Freunde aufgeben, hat meine Mutter mal zu mir gesagt, und schon hätte ich viel mehr Zeit für meine Pflichten. Ja, danke, Mama, auf so einen Rat habe ich gewartet! Da kann ich mich ja gleich begraben lassen.

Die Muße und ich, das wird wohl nix …

Was mache ich nur falsch? Ich weiß es nicht. Und da mein Vater sich mit 83 Jahren dieselbe Frage immer noch stellt, fürchte ich, dass es sich um ein erblich bedingtes Problem handelt. Mit sichtlich schlechtem Gewissen berichtet er mir manchmal, dass er sich eine Stunde lang im Liegestuhl in den Garten gelegt und gar nichts getan habe. Er erzählt das immer so, als habe er sich etwas ganz Ungeheuerliches geleistet.

Viel Hoffnung habe ich bei diesen Erbanlagen nicht, dass das mit der Muße und mir noch mal was wird. Ich habe mich am heutigen Sonntag mal zwanzig Minuten lang auf eine Parkbank gesetzt und blöd geschaut. Zur Strafe muss ich nachsitzen. Es warten jetzt noch drei Texte auf mich, diverse Überweisungen, die Wäsche, die Ablage, die Post, die Blumen – und in den Keller muss ich auch noch. Und dann werde ich beim ’žTatort’œ einschlafen.

Nachhaltige Frustration? Ja, ich glaube, ich weiß, was der Professor im Fernsehen damit gemeint hat.

Indiehaengtab

Indie hat’™s gut: Ohne schlechtes Gewissen hängt er einfach ab.

  1. Wenn du in den Keller gehst, aber bitte das licht anmachen.
    Ansonsten empfehle ich eine Kniegelenk OP, dann regelt sich das rumgehuddele ganz von selbst.
    Du schriebst:Ich bin nicht allein lebend. Ich bin nur allein putzend.
    Dafür brauchst aber nicht kochen.
    Nix für ungut
    Hippo

    1. Ja, da hast du Recht! Dass meine bessere Hälfte ein ausgezeichneter Koch ist und die Kocherei auch gerne übernommen hat, das darf ich auch nicht als selbstverständlich hinnehmen. Das weiß ich auch sehr zu schätzen und sollte es doch mal ausdrücklich und mit der gebührenden Begeisterung erwähnen. (Wenn ich das auch noch an der Backe hätte, auweia! Zumal ich auf diesem Sektor nahezu zu 100% talentfrei bin.)

      Den Putz- und Erledigungskoller krieg ich trotzdem immer mal wieder.

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