Katharina Münk: Die Insassen -“ Roman

Katharina Münk: Die Insassen ’“ Roman, München 2009, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-24752-8, 215 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2 cm, EUR 13,90 [D], EUR 14,30 [A], SFR 24,20.

Drei Topmanager und eine Chefsekretärin lernen einander in der Psychiatrie kennen und beschließen aus unterschiedlichen Motiven, die Anstalt zu sanieren und an die Börse zu bringen. Wie lange kann es wohl dauern, bis von den Geschäftspartnern da draußen jemand bemerkt, dass er es hier nicht mit dem normalen Wahnsinn des Alltags zu tun hat sondern mit psychisch Erkrankten?

Dr. Wilhelm Löhring ist ein Meister der Verdrängung. Dass er einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat und nicht mehr im Vorstand einer Versicherungsgesellschaft tätig ist, übergeht er und erscheint einfach weiterhin im Büro. Als er auch noch erwähnt, auf Wiedereinstellung klagen zu wollen, erklärt Ex-Vorstandskollege Förster: ’žDu hast ja eine Vollmeise, Wilhelm! Ich rufe jetzt deine Frau an! (S. 20) Frau Löhring sieht das genauso, und der Gatte landet im exklusiven und diskreten psychiatrischen Privatbereich der St. Ägidius-Klinik.

Das Dumme ist, dass Löhring denkt, seine Frau habe die Klinik gekauft und er sei dort um sie zu sanieren. Schon träumt er einer weltweiten Privatklinik-Kette und dem Börsengang. Auch wenn er im Innersten ahnt, dass irgend etwas mit ihm nicht stimmt.

Löhring kommt in eine ’žBezugsgruppe’œ mit Keith Winter, dem Star unter den Private-Equity-Managern, dem eines Tages alles zu viel geworden ist. Erst hat er in rasender Wut das Navigationsgerät seines Mietwagens zusammengetreten, weil es ihn in die Irre geführt hat. Dann hat man ihn ohne Schuhe am Fahrbahnrand sitzend aufgefunden, wo er Autos zählte. So ist auch er in St. Ägidius gelandet.

Dass er krank ist und die anderen auch, das ist ihm vollkommen klar. Der kognitive Verstand funktioniert, nur sein Verhalten grenzt ans Autistische. Er kann seinen Mitmenschen nicht mehr in die Augen sehen und seine Kommunikation beschränkt sich auf Stichwörter, die für seine Gesprächspartner nicht unbedingt einen Sinn ergeben. Halt findet er bei Zahlen, ob er nun Kieselsteine zählt oder die Kügelchen in seinen Medikamentenkapseln.

Dritter im Bunde ist Hubert Wienkamp, der ehemalige Personalchef eines großen Beratungsunternehmens. 20 Jahre seines Lebens hat er einfach vergessen, hat die Zeit, in der er ein professionelles Arschloch war, von seiner Festplatte gelöscht und sich neu erfunden. Jetzt ist er auf eine onkelhafte Weise nett und geschwätzig und hält sich für einen Seelsorger. Oder, wie er sagt: für einen Soul Manager.

Eine Chefsekretärin gehört auch zur Gruppe, und die hat noch am meisten Bodenhaftung von allen. Karin Schlick, Ende 30, hat irgendwann keinen Sinn mehr darin gesehen, ihren ebenso unfähigen wie undankbaren Chef zu bemuttern. Als er einen besonders dämlichen Spruch reißt, rastet sie aus und schüttet den Inhalt eines Lochers über ihn aus. ’žEr stand da wie die Freiheitsstatue in der Schneekugel, regungslos vor Entsetzen, inmitten eines weißen Konfettiregens, und es rieselte bis in die letzte Ecke seines Büros.’œ (S. 106). Eine herrliche Vorstellung! Danach lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen.

Als Wilhelm Löhring seine Therapiegruppenmitglieder mit der Idee von der Gründung einer St.-Ägidius-Sanatorien-AG konfrontiert, fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. ’žSoul Manager’œ Wienkamp, bei dem nicht klar ist, wie viel von der Realität noch zu ihm vordringt, sagt seine Mitwirkung zu, um Löhring einen Gefallen zu tun. Der nahezu autistische Keith Winter hat mehr Interesse an der Arbeit im klinikeigenen Gewächshaus und betrachtet Löhrings Projekt als Testfall: Wenn dieses verrückte Vorhaben funktioniert, dann ist das Geschäftsleben derart meschugge, dass er damit für den Rest seines Lebens nichts mehr zu tun haben will.

Chefsekretärin Karin Schlick hält das ’žProjekt Bad Homburg’œ für komplett irrsinnig. ’žWie wollen Sie denn den Börsengang an der Führungsgremien vorbei durchziehen? Das fliegt doch auf. Das wird ja die reinste Wahn-AG!’œ (S. 115) Nach einigem Zögern beschließt sie dennoch mitzuspielen und das ganze als Arbeitstherapie zu betrachten. Sie wird den Jungs ’“ und sich selbst ’“ beweisen, wozu sie fähig ist. Und vielleicht besteht ja der einzige Unterschied zu ihren früheren Jobs ohnehin nur darin, dass sie diesmal weiß, dass sie an der Vorspiegelung falscher Tatsachen, Bilanzbetrug, Urkundenfälschung und Lügen beteiligt ist.

Mit einem gefundenen Blackberry, dem Stationslaptop, Karins Insiderwissen aus ihrer stundenweisen ’žArbeitsbelastungs-Probe’œ im Büro der Klinikleitung und mit Löhrings alten Kontakten machen sich die vier ans Werk und legen dabei eine gehörige Portion Improvisationstalent, Chuzpe und kriminelle Energie an den Tag.

Kann der Coup tatsächlich gelingen? Merkt wirklich niemand da draußen, dass er es hier nicht mit dem normalen Irrsinn der Geschäftswelt zu tun hat sondern mit Windeiern und deren Wahnvorstellungen? Und ist man innerhalb der Klinik tatsächlich so naiv und unorganisiert, dass niemand erkennt, was die Patienten unter dem Deckmantel der ’žkognitiven Verhaltenstherapie’œ treiben? Ein dummer Zufall weckt das Misstrauen des Bankers Christian Steinfeld. Ist jetzt alles aus? Lässt er die Bombe platzen? Das darf nicht sein! Löhring und seine Gruppe laufen noch mal zu ganz großer Form auf …

Es ist immer eine Gratwanderung, komische Geschichten mit psychisch erkrankten Protagonisten zu erzählen. ’žHihihi. guck mal, der Bekloppte!’œ ’“ das wäre diskriminierend und denkbar unwitzig. So läuft es hier zum Glück nicht. Die Komik entsteht aus dem Zusammenprall von objektiver und subjektiver Realität. Der eine glaubt, er sei der Chef, der andere sieht ihn als Patienten, und konsequent redet man aneinander vorbei. So kommt es zu allerlei für den Leser vergnüglichen Missverständnissen und zu einem Durcheinander, das streckenweise an klassische Verwechslungskomödien erinnert.

Stets schwebt auch die Frage im Raum wo eigentlich die Grenze zischen Normalität und Wahn verläuft. Nicht nur Keith Winter gewinnt den Eindruck, dass es in der Geschäftswelt weitaus irrer zugeht als in der Psychiatrie. Wer sich in der freien Wirtschaft herumtreibt und vielleicht schon mal mit dem Private-Equity-Zirkus in Berührung kam, wird für diese Ansicht Verständnis haben ’“ und sich oft genug an Szenen aus dem eigenen Berufsleben erinnert fühlen.

Katharina Münch liefert hier keine tiefgründigen Charakterstudien ab. Aber das war sicher auch nicht ihre Intention. Die Geschichte ist ein Gedankenspiel: Was geschieht, wenn Wahnsinn auf Wirtschaft trifft ’“ und wer gewinnt? Die Umsetzung ist ihr auf amüsante Weise gelungen. Und man wird sich fortan fragen, ob der eine oder andere Mitmensch, mit dem man es beruflich zu tun bekommt, nicht vielleicht aus St. Ägidius kommt …

Die Autorin
Katharina Münk ist Chefsekretärin und Autorin von ’žUnd morgen bringe ich ihn um! Als Chefsekretärin im Top-Management’œ (2006), das in kürzester Zeit zum Bestseller wurde.

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