Agustin Sanchez Vidal: Quipu -“ Roman

Agustin Sanchez Vidal: Quipu, ISBN 978-3-423-24757-3, OT: Nudo de Sangre, aus dem Spanischen von Marianne Gareis, München 2009, Deutscher Taschenbuchverlag dtv, 462 Seiten, 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

Drei rätselhafte Mordfälle
Madrid 1780: Nach Jahren in Zaragoza kehrt Militäringenieur Sebastian de Fonseca nach Madrid zurück. Unter anderem, um ein Theaterstück über das koloniale Peru anzusehen, an dessen Überarbeitung sein Vater Juan mitgewirkt hat. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der Inka.

Als Sebastian dem Theaterdirektor Canizares in der Pause eine Nachricht seines Vaters bringen will, findet er ihn erhängt in seiner Garderobe auf. Selbstmord war das nicht: Um den Hals des Toten ist eine Schnur mit einer rätselhaften Botschaft geknüpft.

Offenbar wusste Sebastians Vater, dass der Künstler in Gefahr war. Was das zu bedeuten hat, kann Sebastian ihn leider nicht mehr fragen, denn auch Juan de Fonseca ist tot – und offensichtlich den selben Tätern zum Opfer gefallen wie der Theaterdirektor. Wer hat Interesse daran, einen Künstler und einen schwer kranken, verarmten Adeligen zu ermorden?

Unvermittelt taucht Sebastians Onkel Alvaro auf, ein Jesuit, der sich seit der Zerschlagung des Ordens vor 13 Jahren vor den Autoritäten versteckt hält. Alvaros Theorie: Die Morde sollten verhindern, dass Details über einen Inka-Schatz bekannt würden. Wo dieser Schatz sich befindet, das könnte Juan de Fonseca bei seinen Forschungsarbeiten über die Kultur der Inka herausgefunden haben. Und wer weiß, war er dem Theaterdirektor alles erzählt hat?

Alvaro überlässt seinem Neffen eine wertvolle Chronik aus dem 16. Jahrhundert, die dessen Vater als Quelle für dessen Studien gedient hat. Verfasst wurde sie von Diego de Acuna, der 1572 als Schreiber beim Feldzug der Spanier gegen die aufständischen Inka in Vilcabamba dabei war. Acunas Kontakte zu den Indios waren ausgezeichnet und reichten bis in die höchsten Kreise. Wenn jemals ein Spanier etwas über den Indioschatz in Erfahrung bringen konnte, dann er.

Die Inka hatten keine Schrift und haben Informationen mittels Knotenschnüren, den Quipus, aufgezeichnet und übermittelt. Sebastians Vater hatte immer vermutet, dass mit Hilfe von Acunas Chronik die Aufzeichnungen der Inkas zu entschlüsseln wären ’“ und damit auch der Weg zum Schatz.

Als blinder Passagier nach Peru
Nach einem weiteren Todesfall in Sebastians näherem Umfeld rät ihm ein einflussreicher Freund, das Land schleunigst zu verlassen. Doch statt, wie geplant, auf einer der kanarischen Inseln, landet Sebastian als blinder Passagier an Bord der ’žAfrica’œ mit Kurs auf Peru. Auf diesem Schiff vermutet er den Mörder seines Vaters. Wer mit Sicherheit an Bord ist und die Finger ganz tief in der Geschichte drin hat, ist sein Nachbar und Erzfeind, der Marques de Montilla.

In seinem Versteck im Laderaum hat Sebastian ausreichend Gelegenheit, in der Chronik zu lesen. Diego de Acuna berichtet darin von der faszinierenden Kultur der Indios, vom Untergang des Inkareichs nach der Eroberung durch die Spanier ’“ und davon, dass er alles getan hat, um Sirax, eine junge Inka-Adelige, vor den Spaniern zu beschützen. Sie und das rote Quipu, das ihr so wichtig war, und das offenbar bedeutende Geheimnisse der Inka bewahrte.

Auch wenn Sebastian an Bord des Schiffes Unterstützung hat, dauert es nicht lange, bis man ihn findet. Kapitän Valdes’™ Reaktion auf seine Entdeckung ist erstaunlich. Doch das ist nicht die einzige Überraschung: Abgeschirmt von Passagieren und Mannschaft reist die Inka-Prinzessin Umina mit ihrem Indio-Diener Qaytu zurück nach Peru. Sie war in Madrid und weiß von der Chronik ’“ und dass Sebastian sie hat. Vielleicht helfen Diego de Acunas Aufzeichnungen ihr ja dabei, ihren Erbanspruch auf den Inka-Thron zu belegen.

Sebastian lässt sich schnell davon überzeugen, dass es sinnvoll ist, Umina die Chronik zu überlassen. Durch einen Zufall stellt sich heraus, dass das Buch nicht mit einer gewöhnlichen Schnur gebunden wurde, sondern mit einem Quipu. Ist es die Knotenschnur, die Prinzessin Sirax so wichtig war?

Ein Anschlag auf Sebastian bestärkt ihn in der Annahme, dass der Mörder seines Vaters an Bord ist. Beim Herumschnüffeln im Laderaum findet er tatsächlich Hinweise auf dessen Identität. Als er den beiden Indios erzählt, wer ihn angegriffen und wahrscheinlich auch die drei Morde in Madrid begangen hat, sind sie starr vor Entsetzen. Dieser Mann ist für entsetzliche Greueltaten verantwortlich. Weder als Geschäftsmann noch politisch kann man ihm etwas Gutes nachsagen. Er schürt die Kämpfe um die Inka-Erbfolge und unterstützt abwechselnd die konkurrierenden Anwärter: den Mestizen Jose Gabriel Condorcanqui und Prinzessin Umina. Welche Interessen er damit verfolgt? Schwer zu sagen.

Wettlauf nach Vilcabamba
Der einflussreiche Geschäftsmann Don Luis, ein Freund von Uminas Familie, hilft ihr, eine Expedition nach Cuzco auszurüsten. Sie müssen unbedingt dem Mörder und dem Marques zuvorkommen, die in der Krypta des Klosters Santo Domingo wertvolle Hinweise für ihr Vorhaben vermuten.

Dank Onkel Alvaros internationaler Kontakte bekommt Sebastian Dokumente aus dem Jesuitenarchiv zugespielt, die ihnen noch einen weiteren Grund liefern, schneller in der Krypta zu sein als die Gegner: Denn dort sollen auch die Geheimnisse verborgen sein, die Prinzessin Sirax ihrem Land hatte zurückgeben wollen.

Was sie in der Krypta finden, entpuppt sich als Wegbeschreibung. Führt sie nach Vilcabamba, in die verlorene Stadt und damit zum legendären Schatz? Umina, Sebastian und Diener Qaytu brechen auf, dicht gefolgt von ihren Feinden. Der Wettlauf geht durch unheimliche Höhlen und durch ein Tal feindlich gesonnener Indios, über Berge und Gletscher, durch Eis und durch Schnee. Wird am Ende jeder finden, was er sucht? Wer bekommt, was ihm zusteht? Und wer bekommt, was er verdient?

Schnitzeljagd vor exotisch-historischer Kulisse
Der Autor Augstin Sanchez Vidal, 1948 in Salamanca geboren, ist Professor für Film- und Medienwissenschaften an der Universität Zaragoza. Er hat Drehbücher für Film und Fernsehen verfasst und mehrere Monografien zur Literatur-, Kunst und Filmgeschichte geschrieben. Und diese Drehbucherfahrung merkt man dem Buch an. Die Abenteuer von Sebastian und Umina schreien geradezu: ’žVerfilme mich!’œ Allein die Rückblicke auf die Geschichte des Landes stünden diesem Vorhaben entgegen – oder würden es zumindest erschweren.

QUIPU ist ein spannender, gut recherchierter Abenteuerroman vor einer exotischen historischen Kulisse. Wer bislang noch keine Veranlassung sah, sich mit der Geschichte der Indios, der Inkas und des kolonialen Peru zu befassen, wird viel Interessantes und Faszinierendes erfahren. Nicht nur Diego de Acunas flammende Abrechnung mit der Eroberungs- und Kolonialpolitik der Spanier erfüllt einen mit Respekt vor der untergegangenen Inka-Kultur ’“ und mit Bedauern über deren Verlust.

Was bei dieser komplexen Geschichte ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die Motivation der Figuren. Im Grunde ist nur die Inka-Prinzessin Umina unbeirrbar zielstrebig. Sie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um ihren Anspruch auf den Inka-Thron zu belegen und lässt sich davon weder ablenken noch abbringen.

Sebastian ist ursprünglich losgezogen, um den Mörder seines Vaters zur Verantwortung zu ziehen. Doch dieses Ziel tritt in den Hintergrund, sobald er Umina kennen lernt. Als sei es damit getan, den Namen des Mörders zu kennen, geht er jetzt mit der Prinzessin auf Beweisjagd und unterstützt sie mit Informationen, die er aus spanischen Quellen bekommt. Als sich als Nebenprodukt ihrer Recherchen ein Wegweiser zum Inkaschatz ergibt, sucht er auch nach diesem. Fände er ihn, wäre immerhin das Lebenswerk seines Vaters vollendet.

Vor der Kulisse der peruanischen Bergwelt bleiben die handelnden Personen bedauerlich flach. Was treibt eigentlich die Schurken in dieser Geschichte an, außer vielleicht Habgier? Warum sind die Montillas und Fonsecas bis aufs Blut verfeindet? Dass der Marquese sich von der Aussicht auf einen sagenhaften Schatz dazu verlocken lässt, mit dem skrupellosen Peruaner gemeinsame Sache zu machen, ist noch nachvollziehbar. Aber was sind die Beweggründe dieses peruanischen Fieslings? Wenn er nur hinter dem Schatz her ist, sind einige seiner Aktionen deutlich überdimensioniert bis komplett unnötig. Wollte er eigene Ansprüche auf den Thron anmelden, ergäbe sein Tun mehr Sinn.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass die beiden Figuren als durch und durch miese Gestalten angelegt sind, weil die Helden einer solchen Geschichte eben irgendwelche Gegenspieler brauchen. Das ist schade. Denn so bleibt der Roman eine atemlose Schnitzeljagd über Stock und Stein, ein Wettrennen zwischen Gut und Böse, wenngleich auch vor eindrucksvollem Hintergrund. Das Thema ist faszinierend, die Umsetzung partiell vergeigt.

Ein Glossar wäre bei diesem Buch hilfreich gewesen. So ist man öfter mal am Grübeln und Blättern: Wurde schon erklärt, was ein Kazike ist? Habe ich das in der Fülle des Materials überlesen oder wird diese Kenntnis vorausgesetzt? Gewohnheitsmäßige Druckfehlerzähler werden im übrigen auch fündig werden. Die Rezensentin ist da nicht so penibel: je dicker der Roman, umso größer ist eben auch die Gefahr, ein paar Fehler zu machen.

  1. Ich weiß, all die spanischen Eigennamen bedürfen eigentlich diverser Sonderzeichen. Nach einer „traumatischen“ Erfahrung mit einem Text mit polnischen Textpassagen, bei dem meine Cousins statt der Sonderzeichen nur schwarz gerahmte Quadrate zu sehen bekamen, lege ich mich mit diesen kleinen Biestern lieber nicht mehr an …

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