Arno Strobel: Der Trakt -“ Psychothriller

Arno Strobel: Der Trakt ’“ Psychothriller, Fischer Taschenbucherlag, ISBN 978-3-596-18631-0, Taschenbuch, 359 Seiten, 12,5 x 19 x 2,7 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

’žStell dir vor, dein Mann sagt, er hat dich noch nie gesehen. Und die Leute sagen, du hast nie ein Kind gehabt. Wem kannst du trauen, wenn niemand dir glaubt?’œ

Seit Sibylle Aurich, 34, leicht verwirrt in einem Krankenhausbett aufgewacht ist, hat sie nur einen Gedanken: Sie muss nach Hause zu ihrem Mann und ihrem 6-jährigen Sohn! Irgendwas ist hier nämlich ausgesprochen merkwürdig: Der behandelnde Arzt erklärt ihr, sie habe nach einem Überfall zwei Monate lang im Koma gelegen. Und sie habe kein Kind.

Niemand kann sich eine Entbindung und sechs Jahre Kindererziehung einbilden. Und niemand, der wochenlang nahezu bewegungslos im Bett gelegen hat, ist körperlich so fit wie Sibylle! Was immer hier abläuft, ist nicht koscher. Bei der erstbesten Gelegenheit türmt Sibylle aus der Klink, barfuß und im Flügelnachthemd.

Doch es wird noch bizarrer: Als die junge Frau ihren Ehemann aus dem Haus klingelt und ihm vor lauter Erleichterung und Wiedersehensfreude um den Hals fällt, reagiert er ganz anders als sie erwartet hat: ’žSind Sie verrückt?’œ, schrie er sie an. ’žWer zum Teufel sind Sie und was wollen Sie von mir?’œ (Seite 34)

Sibylle versteht die Welt nicht mehr. Johannes Aurich, ihr Mann, auch nicht. Seine Frau ist in der Tat vor zwei Monaten verschwunden. Aber die Dame, die jetzt vor seiner Tür steht, ist nicht die vermisste Sibylle. Und den Sohn, nach dem sie fragt, hat es nie gegeben.

Immerhin, Johannes lässt sie ins Haus. Als Sibylle sich umzieht und sich heimlich die 1.000,- Euro aus ihrem Geheimversteck holt, die eigentlich für ein Geschenk zu Johannes’™ Vierzigstem gedacht waren, ruft ihr Gatte die Polizei. Und auch die Kommissare Wittschorek und Grohe bestätigen ihr, dass sie nicht die Frau ist, nach der sie seit zwei Monaten suchen. Und dass die Eheleute Aurich keine Kinder haben.

Dass ihr Mann, aus welchen Gründen auch immer, der Polizei etwas vormacht, das würde Sibylle zur Not noch einleuchten. Doch als weder das Personal der Klinik, aus der sie geflüchtet ist, sie wiedererkennt, noch ihre beste Freundin, ihre Schwiegermutter oder ihr Chef, hat sie nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder es ist hier eine gigantische Schweinerei im Gange ’“ oder sie verliert den Verstand.

Wenn sie sich an alles erinnert, aber keiner sie erkennt, dann muss sie jemand einer radikalen kosmetischen Operation unterzogen haben, oder? Aber warum? Sie ist eine unbedeutende Versicherungsangestellte. Und wo kommt die überaus lebendige Erinnerung an den Sohn her, den sie angeblich nie gehabt hat? Wenn sich alles nur in ihrem Kopf abspielt, wer ist dann der blonde Militärtyp mit den eigenartig leblosen Augen, der Sibylle seit Tagen beobachtet? Der ist nämlich sehr real. Ist also doch nicht alles Wahnsinn?

Solange Sibylle nicht weiß, was hier gespielt wird und nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass ein kleiner Junge irgendwo verzweifelt auf sie wartet, hat sie keine Ruhe. Sie muss herausfinden, was mit ihr geschehen ist ’“ und mit ihm.

Aber wem kann sie trauen? Ihre einzige Vertraute ist derzeit Rosemarie Wengler, eine schrille und temperamentvolle Sechzigjährige, die bei deiner zufälligen Begegnung mit sicherem Blick erkannt hat, dass Sibylle Hilfe braucht. Aber was weiß Sibylle eigentlich über ihre neue Bekannte?

Was ist mit Christian Rössler? Er spricht Sibylle auf der Straße an und hat offenbar einen plausiblen Grund, ihr zu helfen: Wenn er herausbekommt, was ihr zugestoßen ist, klärt sich vielleicht auch das Schicksal seiner Schwester. Auch sie war nach einem Klinikaufenthalt plötzlich auf der Suche nach einem nicht existierenden Kind und ist dann spurlos verschwunden.

Und wie sieht’™s eigentlich mit der Vertrauenswürdigkeit der Polizei aus? Wenn die Kommissare die Geschichte von Rösslers Schwester kennen, wieso gehen ihre Ermittlungen in Sibylles Fall in eine ganz andere Richtung, obwohl die Parallelen unübersehbar sind?

Als wäre Sibylles Leben nicht schon verrückt genug, tauchen in ihrem Kopf mehr und mehr Erinnerungen auf, die nicht von ihr zu stammen scheinen. Die profunde Kenntnis von Liedertexten eines Musikers, den sie nie besonders schätzte, zum Beispiel. Und die Erinnerung an eine Veranstaltung in München, die sie unmöglich besucht haben kann.

Ein Informationsschnipsel aus den Regionalnachrichten lässt Sibylle plötzlich aufhorchen. Jetzt endlich hat sie einen handfesten Anhaltspunkt für ihre Nachforschungen! Und jetzt geht sie aufs Ganze. Erst in einem dramatischen Showdown zeigt sich, wer wirklich Freund und wer Feind ist. Und was mit Sibylle Aurich geschehen ist.

DER TRAKT ist eines der Bücher, die einen so gefangen nehmen, dass man das Essen anbrennen lässt und vergisst, die Kinder pünktlich vom Sport abzuholen. Man will unbedingt wissen, wie die harmlose Büroangestellte aus der Provinz in diese surreale Situation geraten konnte. Und man stellt sich unwillkürlich vor, wie es sich anfühlen muss, wenn einem von jetzt auf gleich die eigene Identität abhanden kommt. Man leidet mit Sibylle und begibt sich mit ihr auf die Suche nach der Wahrheit, ihrem Leben und dem mysteriösen Kind.

Die ganze Zeit über ist der Leser nur unwesentlich schlauer als die Protagonistin. Dass die Lösung des Falls nicht heißen kann: ’žSibylle spinnt’œ, ist von Anfang an klar. Es läuft also eine Schweinerei. Wer dafür verantwortlich zeichnet und warum und was genau gelaufen ist … das erfährt Leser im selben Tempo wie Sibylle.

Genau wie sie weiß man nie genau, wer es nun gut mit ihr meint und wer auf ihre Kosten seine eigenen Interessen verfolgt. Kaum hat man sich eine Meinung über eine Person gebildet, geschieht wieder etwas, das ihre Taten in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. ’žÄtsch, falsch gedacht! Zurück zu Feld eins und neu spekulieren!’œ So scheucht uns Arno Strobel im Zickzack durch seine spannende Geschichte, bis wir ganz atemlos sind. Und nicht in allen Fällen kann man bei dieser Höllenfahrt zweifelsfrei nachvollziehen, was die Nebenfiguren zu ihren Taten treibt.

Dass die Auflösung ein bisschen in Richtung Science fiction und tendiert, ahnt man recht schnell. Doch ob es technisch möglich ist, was hier beschrieben wird oder nicht, ist sekundär. Es geht um Identität, um Wahrnehmung und Realität … um das ’žwas wäre, wenn’œ. Und das hat der Autor in überaus spannende Unterhaltung umgesetzt.

Der Autor:
Arno Strobel, 1962 in Saarlouis geboren, studierte Informationstechnologie und arbeitet heute bei einer großen deutschen Bank in Luxemburg. Mit dem Schreiben begann er im Alter von fast vierzig Jahren. Arno Strobel lebt mit seiner Familie in der Nähe von Trier. ’ºDer Trakt’¹ ist sein dritter Roman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com

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