Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens -“ Roman

Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens, München 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-24784-9, 255 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

’žIch habe die junge Frau angestellt, aber wir wissen nicht viel über sie. Sie stammt nicht aus Maloja. Zwei Burschen aus dem Dorf fanden sie verletzt in den Bergen und brachten sie hierher. Wahrscheinlich wollte sie ganz woanders hin, aber da sie offenbar kein Geld und kein Zuhause hat, ist sie hiergeblieben. Mehr kann ich Ihnen nicht berichten.’œ (Seite 228)

Zum Glück weiß der Leser hier mehr als der Personalchef: Nika heißt die ärmlich gekleidete junge Frau, die im Mai 1896 im Oberengadin vom Hirten Gian Biancotti und seinem Bruder Luca aufgelesen wird. Die Rothaarige spricht nicht und hat sich den Knöchel verletzt. Da sich die jungen Männer nicht anders zu helfen wissen, nehmen sie die Frau mit hinunter ins Dorf, zu ihrer Familie. Mutter Benedetta Biancotti und Schwester Andrina sind nicht so begeistert von der ’žStraniera’œ. Aber sie darf im Stall schlafen, und Andrina vermittelt ihr umgehend Arbeit in der Wäscherei des Grandhotels ’žKursaal Maloja’œ, wo sie selbst als Zimmermädchen arbeitet.

Wir erfahren auch Nikas Vorgeschichte. Aufgewachsen ist sie in Mulegns, als ’žVerdingkind’œ auf einem Bauernhof. Wie sie wirklich heißt und wer ihre Eltern sind, weiß sie nicht, denn sie ist ein Findelkind. Nach dem Mittagshalt der Postkutsche hat die Posthalterin damals den ausgesetzten Säugling gefunden, zusammen mit einem Umschlag voller Geld und einem wertvollen Medaillon, das lediglich einen Zettel mit unverständlichen Schriftzeichen enthielt.

Eines Tages, so hat sich Nika schon als Kind geschworen, wird sie nach Italien reisen und ihre Mutter finden. Denn dass die Reisenden, die das Mädchen ausgesetzt haben, Italiener waren, dessen ist sich die Posthalterin ganz sicher. Doch um sich vor ihrer Geburtsfamilie ausweisen zu können, braucht Nika ihr Medaillon, und das haben ihr die Bauersleute, bei denen sie als eine Mischung zwischen Pflegekind und Sklave lebt, weggenommen. Sie stibitzt sich ihr Eigentum wieder zurück, und als ihre Tat aufzufliegen droht, flüchtet sie bei Nacht und Nebel und landet so in Maloja.

Stumm ist sie nicht. Sie hat nur nach einem traumatischen Erlebnis als Kind das Sprechen eingestellt.

Mit ihren roten Locken und den blaugrünen Augen ist Nika eine faszinierende Erscheinung. Nicht nur dem Personalchef des Hotels, Achille Robustelli, fällt das auf. Auch der berühmte Maler Giovanni Segantini wird auf die junge Frau aufmerksam. Er möchte, dass sie ihm Modell steht. Und nachdem er Erkundigungen über sie eingezogen hat, ahnt er, dass ihre Kindheitserfahrungen ’“ elternlos, heimatlos, misshandelt und ungeliebt ’“ den seinen gleichen.

Segantini macht seinen Einfluss geltend und Nika wird von der Wäscherei zur Gartenarbeit versetzt. Dort kann er sie öfter sehen. Er spricht sie immer wieder an, und in der Tat fasst sie Vertrauen zu ihm. Sie fängt sogar wieder zu sprechen an. Und sie zeigt ihm ihre Zeichnungen. Segantini erkennt, dass Nika Talent hat und bemüht sich, ihr zu helfen und sie zu fördern. Doch ihr Verhältnis zueinander bleibt aus verschiedenen Gründen problematisch.

Foto: Oberes Engadin, Maloja mit Grandhotel Kursaal und Silsersee, um 1900. „Photographs in this collection were published before 1923 and are therefore in the public domain.“

Problematisch ist auch die Beziehung des Vize-Hoteldirektors Achille Robustelli zum Zimmermädchen Andrina Biancotti. Hübsch ist sie, temperamentvoll und auch nicht allzu prüde. Aber auch sehr ehrgeizig, egoistisch und berechnend. Inzwischen bereut er es, ihr einen Heiratsantrag gemacht zu haben. Doch als Mann von Ehre kann er keinen Rückzieher machen, auch wenn er zum Schluss gekommen ist, dass Nika die bessere Ehefrau für ihn wäre.

Zwischen zwei Heiratskandidaten steht auch einer der Hotelgäste, die junge Mathilde Schobinger aus Zürich. Wegen ihrer angegriffenen Gesundheit ist sie in Begleitung ihrer lebenslustigen Tante Betsy zur Kur im Engadin ’“ und verliebt sich prompt in einen Hotelgast, den deutsch-englischen Journalisten James Danby, einen attraktiven aber etwas oberflächlichen Frauenhelden. Und das, wo Mathilde in Zürich mit dem Erben des Bankhauses Zoller verlobt ist!

James schmeichelt Mathildes Verliebtheit, aber er amüsiert sich lieber mit Kate, der leichtlebigen Gattin des Unternehmers Simpson. Und er erweist sich auch sonst nicht unbedingt als Gentleman. Als sich Mathildes Gesundheitszustand rapide verschlechtert, ist es nicht James, der regelmäßig an ihr Krankenbett eilt, sondern sein etwas farbloser Jugendfreund, der Kunsthistoriker Edward Holbroke. Jetzt weiß Mathilde gar nicht mehr, wen oder was sie will …

Inzwischen hat es der Maler Giovanni Segantini geschafft: Nika steht ihm für ein Bild Modell. Das Resultat gefällt ihr aber ganz und gar nicht. Noch weniger gefällt ihr, dass Segantini sie wegschicken will, weil seine Lebensgefährtin Bice eifersüchtig auf sie ist. Und mit Bice will er sich keinesfalls verderben. Doch stellt sich sowieso die Frage, was Nika machen wird, wenn das Hotel über den Winter schließt.

Durch Zufall gerät Nikas wertvolles Medaillon in die Hände des Vize-Hoteldirektors Robustelli. Er meint, das eingravierte Wappen zu erkennen. Seine Vermutung bestätigen auch zwei Hotelgäste, der Graf Promoli und dessen Sekretär Fabrizio Bonin. Und im Herbst 1896 reist Nika tatsächlich nach Italien um mit Ihrer Familie Kontakt aufzunehmen …

Drei Jahre später, im September 1899, gelingt es James Danby, die Hotelgäste, die sich im Sommer 1896 miteinander angefreundet hatten, wieder im Grandhotel Maloja zusammenzutrommeln. Achille Robustelli ist noch immer Vizedirektor des Hotels. Ist er mit Andrina Biancotti glücklich geworden? Edward Holbroke reist aus England an. Tante Betsy kommt aus Zürich. Mathilde ist ebenfalls da. Wen sie wohl geheiratet hat? Auch Fabrizio Bonin hat die Reise ins Engadin angetreten. Giovanni Segantini ist leider nicht dabei. Und die überraschendste Geschichte von allen hat Nika zu erzählen …

Bis auf Giovanni Segantini und dessen Familie sowie ein paar Nebenfiguren sind alle Personen des Romans fiktiv ’“ und doch so lebendig beschrieben, dass man mit ihnen hofft, bangt und leidet. Manchmal möchte man einzelne Romanfiguren schütteln, weil sie sich so verhalten, wie es Menschen eben in ihrer Unzulänglichkeit manchmal tun: naiv, gemein, bequem, selbstsüchtig oder unvernünftig. ’žMathilde, lass die Finger von dem Kerl, der taugt nichts!’œ, möchte man ausrufen. ’žBetsy, rede nicht nur von sozialem Engagement, tu was!’œ ’“ ’žSignore Robustelli, Sie rennen in Ihr Unglück! Das Weib ist ein Luder!’œ

Bei Nika hat man noch am wenigsten das Bedürfnis, sie aufzurütteln. Sie weiß genau, was sie will. Und auch, wenn die Chancen auf eine Verwirklichung ihrer Pläne verschwindend gering sind, ist sie nicht bereit aufzugeben. Zäh und willensstark wurstelt sie sich durchs Leben und verliert nie ihr Ziel aus den Augen, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Und lernen will sie ’“ mehr aus sich und ihrem Leben machen. Zu verlieren hat sie ja nichts. Wer eine so schreckliche Kindheit überlebt hat, den bringt wohl auch so etwas Banales wie die Möglichkeit des Scheiterns nicht aus dem Konzept.

Ehrgeizig ist auch Nikas ’žGastschwester’œ und Kollegin Andrina Biancotti. Doch sie setzt weniger auf eigene Leistung als auf die Wahl möglichst vermögender und einflussreicher Lebenspartner. Aus heutiger Sicht ist man schnell geneigt, sie zu verurteilen und zu sagen, die eine arbeitet sich nach oben, während sich die andere nach oben schläft. Doch zur damaligen Zeit war eine eigene Karriere für Frauen noch nicht der Normalfall. Wollte eine Frau den sozialen Aufstieg, musste sie ihn erheiraten. Liebe war bei der Eheanbahnung sekundär. Ein Luxus. Das ist es auch, was der jungen Mathilde Schobinger zu schaffen macht: Die Eltern erwarten einen reichen, angesehenen Schwiegersohn, aber Mathilde will in erster Linie einen Mann, den sie liebt. Und der sie liebt.

Sollte aus einer Ehefrau eine Witwe werden, kann sie zu damaliger Zeit von Glück sagen, wenn der Gatte vermögend war und sie nach seinem Tod finanziell unabhängig wird, wie Mathildes Tante Betsy. Witwen ohne Erbe müssen zusehen, wie sie ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdienen. Und während sie sich als Waschfrauen oder Fabrikarbeiterinnen durchschlagen, nimmt man ihnen die Kinder weg und steckt sie ins Heim, weil die arbeitenden Mütter sich nicht um sie kümmern können. Deshalb erwägt Tante Betsy ernsthaft, sich mit einem Teil ihres ererbten Vermögens für eine Besserstellung armer Witwen und Waisen einzusetzen. Für Witwen- und Waisenrenten, zum Beispiel.

Was aus Waisenkindern wird, erfahren wir in diesem Buch ja auch: Wenn Verwandte sie nicht aufnehmen, landen sie entweder im Waisenhaus oder als Verdingkinder auf Bauernhöfen, wo sie schlechter gehalten werden als das Vieh und von klein auf schuften müssen, als seien sie erwachsene Knechte oder Mägde. So wie Nika. Und so ist dieser Roman nicht nur die faszinierende Geschichte eines geheimnisvollen Findelkinds, sondern auch ein Gesellschaftsroman, der uns die Verhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert nahe bringt.

Giovanni Segantini, wie gesagt, gab es wirklich. Und auch das Bild ’žEitelkeit’œ, für das in diesem Roman die Hotelangestellte Nika Modell gestanden hat.

Foto: ’žSegantini – ein Leben in Bildern’œ, Werd-Verlag Zürich; upload by Adrian Michael. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Wen nun die Neugier plagt, der kann sich einen Teil der Kunstwerke, von denen im Buch die Rede ist, im Internet ansehen. Wer sich eingehender informieren möchte, kann auf eine Reihe von Büchern über den Künstler zurückgreifen, von denen manche allerdings nur noch antiquarisch erhältlich sind.

So liefert dieser Roman nicht nur spannende und mitreißende Unterhaltung, sondern auch jede Menge Informationen, Denkanstöße und interessante Themen, mit denen man sich gerne weiter beschäftigt.

Die Autorin
Dörthe Binkert studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Nach ihrer Promotion hat sie jahrelang für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt heute in Zürich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com

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