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Philip Sington: Das Einstein-Mädchen -“ Roman

Philip Sington: Das Einstein-Mädchen, OT: The Einstein Girl, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24783-2, Softcover, 457 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

Berlin 1932: Eigentlich hat Psychiater Dr. Martin Kirsch gerade genug am Hals: Geplagt von traumatischen Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, erschüttert vom Tod seines Bruders Max, gezeichnet von einer schweren Krankheit und gestresst von der bevorstehenden Hochzeit mit der Industriellentochter Alma Siegel, hat er sich zu allem Überfluss noch mit einem kritischen Artikel in der Fachpresse in die Nesseln gesetzt. Und nun erwartet sein Chef an der CharitË, Professor Bonhoeffer, Kirschs Kündigung. Nestbeschmutzer, die sich dazu noch fachlich mit Kollegen anlegen, die will er in seiner Abteilung nicht haben.

Da müsste es Dr. Kirsch ja sehr gelegen kommen, dass ihm Professor Eugen Fischer, der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, ein lukratives Angebot macht. Er hat Kirschs Artikel gelesen, für gut befunden, und beauftragt ihn nun, genau in dieser Richtung weiterzuforschen.

Doch im Augenblick kommt Martin Kirsch der Wechsel von der Klinik in die Forschung sehr ungelegen. Das hat mit einer Patientin zu tun, die gerade in die CharitË eingeliefert wurde. Die junge Frau wurde im Wald bei Caputh aufgefunden, halbnackt, bewusstlos, verletzt ’“ und ohne Erinnerung an ihr bisheriges Leben. Weil sie ein Flugblatt mit der Ankündigung eines Vortrags von Albert Einstein bei sich hatte, nennt man sie ’ždas Einstein-Mädchen’œ. Sie selbst hat sich für den Namen ’žMaria’œ entschieden.

Nichts weiß man von ihr, keinen Namen, keine Adresse. Sie spricht mit slawischen Akzent. Und Dr. Brenner stellt fest: ’žWir können mit Sicherheit sagen, dass sie irgendwann ein Kind geboren hat. Und sie trägt keinen Ehering am Finger.’œ (Seite 71/72). Verwitwet, geschieden, eine unverheiratete Mutter? Welches Schicksal steht dahinter?

Kirsch hat nicht nur ein professionelles Interesse an dem ungewöhnlichen Fall, ihn interessiert auch die junge Frau selbst … aus ganz privaten Gründen. Das dürfte seiner Verlobten Alma ganz und gar nicht gefallen, und deshalb behält er auch für sich, dass er die junge Dame flüchtig kennt. In einem Tanzlokal hatte sie sich ihm vor kurzem als ’žElisabeth’œ vorgestellt. Und er weiß, wo sie wohnt.

In den kommenden Wochen fährt Kirsch in jeder Hinsicht zweigleisig. Er arbeitet weiter an der CharitË und gleichzeitig an der Studie für Professor Fischer vom Institut für Anthropologie. Und er lässt seine Verlobte Alma weiterhin Hochzeitsvorbereitungen treffen, während er sich mehr und mehr in Maria verliebt.

Klammheimlich sucht er Marias Vermieter auf und besticht ihn, um ihr Zimmer durchsuchen zu dürfen. Er findet ein lückenhaftes Fotoalbum, Unterlagen von einem Physikstudium und einen Brief, dem er entnimmt, dass Maria zum Bekanntenkreis, wenn nicht gar zur Verwandtschaft der Familie Einstein gehört. Ihren vollständigen Namen kennt er jetzt auch. Von wegen ’žElisabeth’œ! Marija Draganovic heißt sie und ist eine Serbin, die in Zürich Physik studiert. Die Berechnungen in ihrem Notizbuch sind brillant, wie ihm Professor Max Laue von der Akademie der Wissenschaft versichert.

Kirsch will jetzt ganz genau wissen, wer Marija ist und was mit ihr geschah. Er nimmt Urlaub und fährt nach Zürich zu Mileva Maric-Einstein, der Ex-Gattin des weltberühmten Wissenschaftlers, erfährt aber nichts weiter, als dass Marija Draganovic eine Studentin der Professorin war. Dass die junge Frau ein Kind gehabt haben soll, davon weiß Frau Maric-Einstein nichts.

Die Physikerin erweist sich als unzugänglich, das Gespräch mit ihr als unergiebig. Angenehmer aber genauso wenig hilfreich verläuft Kirschs Besuch bei Einsteins Sohn Edmund, der in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli lebt. Hochbegabt, charmant und manipulativ ist der junge Mann, bei dem man Schizophrenie diagnostiziert hat. Über Marija erfährt Kirsch von ihm auch nicht mehr, als er ohne hin schon weiß. Und an Albert Einstein, der vielleicht Licht ins Dunkel bringen könnte, kommt er nicht heran.

Erst Dr. Zimmermann, Edmund Einsteins Psychiater, bringt ihn einen kleinen Schritt weiter. Hat der manipulative Einstein-Sohn der jungen Frau eingeredet, dass sie zu seiner Familie gehört? Gründe dafür hätte er. Hat sie ihm leichtfertig geglaubt oder ist sie eine Hochstaplerin, Betrügerin und Erpresserin, die aus Edmunds Geschichte Kapital schlagen wollte? Je weiter Kirschs Nachforschungen gedeihen, desto weniger weiß er ,was er von alledem halten soll. Dass er aufgrund seiner Erkrankung von Halluzinationen heimgesucht wird, trägt auch nicht unbedingt dazu bei, dass er den Überblick behält. Für Dr. Kirsch und auch für den Leser verschwimmen Realität und Fiktion immer mehr.

Im Frühjahr 1933 kehrt Kirsch nach Berlin zurück. Inzwischen haben die Nazis die Macht übernommen. Martin Kirsch ist klar: Ob Marija nun zur jüdischen Familie Einstein gehört oder nicht ’“ sie muss fliehen. Allein schon ihre psychische Erkrankung kann ihr Todesurteil sein.

Wird Martin Kirsch jemals erfahren, wer Marija wirklich ist und wie sie in hilflosem Zustand in den Wald kam? Und … erfährt es eigentlich Marija?

Eingestreut in die Geschichte des Psychiaters Martin Kirsch sind Briefe, die uns nach und nach die tragische Lebensgeschichte der Marija Draganovic enthüllen. Nicht alles wird ausgesprochen, aber man kann es sich denken. Was ihre Schwester alles durchgemacht hat, zum Beispiel. Oder wer der Vater von Marijas Kind ist.

’žDas Einstein-Mädchen’œ ist ein sorgfältig recherchierter Roman, der manchmal schon zu viel will: uns die Geschichte der Psychiatrie nahe bringen, Einsteins Gedankengänge erklären, eine spannende Geschichte erzählen und das Leben im Berlin der 30-er Jahre schildern. Vor allem mit den Einsteinschen Überlegungen und Theorien ist man als Leser schnell ein bisschen überfordert.

Kirschs Suche nach der Identität seiner Amnesie-Patientin ist spannend und interessant, gerade weil sie ihn in so illustre Kreise führt und weil Marijas Geschichte möglicherweise mit skandalösen Familiengeheimnissen in Verbindung steht. Es stimmt, was Kate Saunders in der ’žTimes’œ schrieb: ’ž(…) Historisches und Erfundenes sind hier wunderschön miteinander verwoben.’œ

Nur die krause Rahmenhandlung hätte Philip Sington sich vielleicht besser verkneifen sollen. Vielleicht wollte er eine Art literarischer Relativitätstheorie aufstellen und zeigen, dass Zeit und Handlung in einer Geschichte nicht unbedingt linear verlaufen müssen. Doch mit der Konstruktion, dass das ganze Buch nur ein Romanmanuskript über das Leben einer der Hauptfiguren sei, das diese gerade liest, schafft er hauptsächlich Verwirrung. Vor allem wenn er diese Romanfigur zu anderen Romanfiguren Dinge sagen lässt wie: ’žIch habe Sie mir anders vorgestellt’œ (…) ’žSie stehen im Buch. Ich dachte, Sie wären älter.’œ (Seite 68)

Wie jetzt? Liest sie oder erlebt sie? Widerfährt ihr gerade etwas, von dem sie kurz zuvor in dem Manuskript gelesen hat? Sind die geschilderten Ereignisse nun doch nicht das Buch über ihr Leben, sondern diesem nur sehr ähnlich? Dann müsste der Schriftsteller sehr exakt in die Zukunft blicken können. Wie genau das mit dem Romanmanuskript gemeint ist, wird nie so recht klar.

Solche Extravaganzen haben oft den Effekt, dass der Leser sich begriffsstutzig und veralbert vorkommt, und das kann ja eigentlich nicht im Sinne eines Autors sein. Hätte Sington es dabei belassen, die Geschichte einer skandalträchtigen Spurensuche zu erzählen, wäre es für den Leser erfreulicher gewesen. Er bliebe dann nicht so verwirrt und ratlos zurück.

Der Autor:
Philip Sington studierte Geschichte in Cambridge und arbeitete als Journalist und Magazinherausgeber, Drehbuch- und Theaterautor. Er lebt mit Frau und Kind in London. Unter dem Pseudonym Patrick Lynch ( hinter dem sich das Autorenduo Philip Sington und Gary Humphreys verbirgt, hat er mehrere erfolgreiche Wissenschaftsthriller geschrieben.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com

Über den Autor

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edithnebel

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