Smokey – Nachruf auf einen einzigartigen Kater (1992)

Ich hätte schwören können, dass ich diesen Text hier schon seit Jahren in meinem Blog habe. Aber offensichtlich nicht. Er war nur auf Tiergeschichten.de. ’“ Auch wenn’™s schon 18 Jahre her ist … wir reden immer noch von unserem Kater Smokey. Tierfreunde werden das nachempfinden können.

Mai 1992: Unser geliebter Kater Smokey lebt nicht mehr. Der zutrauliche Graue mit der originellen weißen Schwanzspitze, den wir vor zwei Jahren als todkranken kleinen Kümmerling bei aufgenommen und zu einem strammen viereinhalb-Kilo-Prachtkater aufgepäppelt hatten, ist über den Regenbogen gegangen.

Wir hatten ihn am 6.Mai draußen im Garten, an der Leine. Damit er als reine Hauskatze auch mal an Blumen schnuppern und durchs Gras laufen kann. Hatten wir uns so gedacht. An der Leine geführt hatten wir ihn schon öfter, im Garten mit gehabt auch. Er war immer eher schüchtern als wagemutig, wenn er sich außerhalb des Hauses aufhielt und wollte meist ganz schnell wieder hinein in seine vertraute Umgebung.

Aber dieses Mal war alles anders. Smokey erschrak – vermutlich vor einem Nachbarn, der im Garten arbeitete. Unser Kater geriet in Panik, fauchte, sprang hoch wie ein Verrückter und schlüpfte schließlich aus der Leine. Obwohl Gerhard, mein Mann, alles versuchte, ihn festzuhalten, war nichts zu machen. Er handelte sich lediglich fürchterliche Kratzer ein, und Smokey rannte wie von Teufeln gehetzt aus dem Garten, den er noch nie zuvor verlassen hatte.

Gerhard rannte natürlich sofort hinterher. Ich folgte, allerdings zu langsam. Hinter den Mülltonnen in einem Nachbargarten hat Gerhard den Kater noch einmal gesehen, zu fassen bekam er ihn allerdings nicht mehr. Er rückte die Tonnen weg, doch das Tier in seiner Panik schrie auf – genau so wie damals, als er noch ein kleines, verlassenes Kätzchen war – machte einen gewaltigen Satz über den Zaun und ward nicht mehr gesehen.

Einen Tag und eine Nacht haben wir verzweifelt unseren Smokey gesucht. Wir haben zwei Suchanzeigen in verschiedenen Zeitungen aufgegeben, alle greifbaren Leute in der Nachbarschaft befragt und um Hilfe gebeten, dutzendweise Visitenkarten verteilt mit der Bitte um Nachricht, wenn irgendwo ein verschüchtertes graues Katertier ohne Streifen, mit weißem Latz und weißer Schwanzspitze auftauchen sollte. Ich habe Plakate mit Suchmeldungen geschrieben, Fotos vom Kater dran geheftet, eine Belohnung ausgesetzt und diese Plakate in den umliegenden Geschäften ausgehängt.

Am nächsten Nachmittag rief uns eine Frau an – sie wohnte ein paar Straßen weiter – und sagte, sie hätte unseren Smokey vor ihrem Haus auf der Straße liegend gefunden, in einer Blutlache. Sie und ihr Mann hatten ihn in ein Laken gewickelt, in ein Baby-Badewännchen gepackt und ihn schnurstracks zum Tierarzt gebracht. Er war angefahren worden. In einer verkehrsberuhigten Zone, wohlgemerkt, wo jeder eigentlich anhalten können müsste, wenn er ein Lebewesen auf die Fahrbahn laufen sieht. Das klappt wohl auch nur in der Theorie.

Rund 15 Minuten muss er da hilflos gelegen habe, unser Smokey, ehe sie kam, und keiner hat sich um ihn gekümmert. Derjenige, der ihn angefahren hat, und dessen menschliche Pflicht es eigentlich gewesen wären, schon mal nicht. Alle Leute seien nur vorbeigegangen und hätten geglotzt, sagte sie. Leider kam trotz des beherzten Handelns der Tierfreundin für Smokey jede Hilfe zu spät. Er ist noch an diesem Tag, am 7. Mai, gestorben.

Wir sind gleich zum Tierarzt gefahren, und Gerhard hat Smokey identifiziert, um jede Verwechslung auszuschließen. Ich muss gestehen, ich hätte es nicht mehr fertig gebracht, mir meinen geliebten Smokey noch einmal anzusehen.

Da wir den Kater von klein auf gehabt und aufgezogen haben und er fast genau zwei Jahre mit uns gelebt hat, ist er für uns beinahe wie ein Kind gewesen. Ein Tierkind, eben. Wir fühlten uns ohne ihn regelrecht verwaist. Jemand, der nie ein Tier gehabt – und lieb gehabt – hat, wird uns das vermutlich nicht nachfühlen können.

Unsere dreifarbige Katze Dusty hatten wir ja noch, aber es fehlte eben doch ein ganz bestimmtes Lebewesen in unserem Haushalt und unserem Tagesablauf. Und wir mussten feststellen: Stirbt ein Tier, mit dem man Jahre lang zusammen gelebt hat, trauert man um dieses mehr als z.B. um einen Verwandten, zu dem man nur formellen und oberflächlichen Kontakt hatte. Das darf aber auch keiner hören, der noch nie Tiere gehalten hat!

Es gab für uns nach Smokeys Tod nichts Trostloseres, als nun nur noch für eine Katze das Futter zuzubereiten, wo wir es doch für zwei gewöhnt waren. Unwillkürlich griff die Hand morgens nach dem zweiten Futternapf – und griff ins Leere. Und ganz automatisch stellte ich auch weiterhin Dustys Napf so auf die Matte, dass auch noch Smokeys Schüsselchen darauf Platz gehabt hätte, obwohl das jetzt gar nicht mehr notwendig war.

Es war zum Heulen, Smokeys leeren Schlafplatz zu sehen. Oder das Schlafzimmerfenster ohne den Kater, der hinausschaute. Sich abends zum Fernsehen aufs Sofa zu legen, und kein Kater kam mehr mit einem Aufschrei der Begeisterung („Juhu! Endlich geht’s zum gemütlichen Teil des Tages über!“) angerannt, um sich dazuzukuscheln – das war beinahe unerträglich.

Es war herzzereißend, überall sein Spielzeug zu finden, das Dusty übrigens nicht anrührte. Keiner mehr, der beim bloßen Geräusch des zurückgezogenen Balkontür-Vorhangs aus dem Tiefschlaf auffuhr und auf der Matte stand, um mit hinauszugehen „eine rauchen“. Und niemand, der alle beweglichen Kleinteile wie Münzen, Feuerzeuge, Kugelschreiber, Flaschenkorken und Löffel schnappte und unter den Schaffell-Teppich im Wohnzimmer stopfte. Kein Kater mehr, der oben auf dem Schrank hinter den Fachbüchern schlief, um dann unvermittelt aufzuwachen und mit Karacho auf den Fernseher zu springen.

Dusty schien unsere Trauer zu spüren und wich uns nicht mehr von der Seite. Trotzdem fehlte uns unser Smokey. Er war das anhänglichste und zutraulichste Tier, das wir kannten. Zu jedem Besucher kam er gleich zum Schmusen und kuschelte sich selbst bei meinem Vater, der gar keine Katzen mag, in die Arme, den Katzenkopf vertrauensvoll in die Armbeuge des Menschen geschmiegt.

Jedem Zweibeiner brachte er gleich sein Spielzeug daher, seine berüchtigten Schaumstoffbällchen, von denen ich ihm noch auf der letzten Katzenausstellung eine große Tüte voll gekauft hatte. Diese Bällchen trug er im Maul herum, legte sie neben seinen auserkorenen menschlichen Spielpartner und wartete mit sichtlich gespannter Miene und weit aufgerissenen Augen auf eine Reaktion des Menschen. Dieser sollte den Ball weit von sich werfen, damit Smokey hinterherlaufen, das Ding einfangen und wieder zurückbringen konnte, und das Spiel wieder von vorne losging. So lange, bis der Kater müde wurde und keine Lust mehr hatte. Und das konnte dauern …

Und wehe, man reagierte auf das Spielangebot nicht gleich wie gewünscht! Dann maunzte Smokey und beschwerte sich. Und hieb auch schon mal mit gezückter Kralle nach dem Spielverderber. („He, Alter, spielen sollst du mit mir!“)

Den Menschen, die er am meisten liebte, leckte er mit Vorliebe mit seiner rauen Zunge die Hände ab – wie ein Hund. Wir dachten manchmal, Smokey weiß vielleicht gar nicht, dass er eine Katze ist. Er konnte nicht klettern, er apportierte Bällchen – und er schleckte seine Freunde ab. Vielleicht hielt er sich ja wirklich für einen Hund. Weiß man’s denn, was in so Katzenköpfen vorgeht?

Für uns stand bald fest: Wir würden uns wieder ein Baby-Kätzchen holen, damit Dusty tagsüber nicht so allein wäre. Und damit wieder jeder von uns beiden sein Tierchen hat. Dusty habe ich ja praktisch alleine aufgezogen, sie ist so auf mich fixiert, dass sie lange Zeit kaum freiwillig zu Gerhard ging. Für Smokey dagegen war eher Gerhard die Bezugsperson. Ihm gehorchte er sogar auf Fingerzeig. Bei mir hatte ich immer das Gefühl, ich konnte sagen und tun was ich wollte, der kleine Graue nahm mich gar nicht für voll.

Doch genau wie ein Mensch nicht durch einen anderen ersetzbar ist, ist es auch beim Tier. Egal, wie lieb, intelligent und anhänglich unser neuer Kater auch sein würde, er wäre nicht Smokey.

An Smokey konnten wir nichts wieder gut machen. Die Jahre, die er es noch gut bei uns gehabt hätte, konnten wir ihm nicht mehr geben. Wenigstens sollte ein anderes Katzenkind nun bei uns ein gutes neues Zuhause bekommen.

Natürlich ist man hinterher immer schlauer als vorher, und dass Selbstvorwürfe nichts bringen, das wissen wir auch. Trotzdem sagen wir uns immer wieder: „Hätten wir ihn nur nicht mit nach draußen genommen, denn wäre er noch am Leben!“ – „Hätte ich nur nicht das blöde Geschirrchen mit der Leine gekauft!“ – „Hätte ich nur auf meine innere Stimme gehört und den Kater an dem Tag im Haus gelassen!“ und „Hätten wir nur nicht Urlaub gehabt und damit Zeit für solchen Unfug!“

Wäre die biologische Uhr unseres Katerchens einfach abgelaufen gewesen, und wäre er eines Tages ganz normal an Altersschwäche gestorben, dann hätten wir zwar auch getrauert – aber anders. So ein plötzlicher Unfalltod hingegen ist immer etwas so Unnötiges, etwas so unbegreiflich Sinnloses – bei jedem geliebten Lebewesen!

Eine falsche Entscheidung, eine zu langsame Reaktion, ein Sekundenbruchteil zu wenig Aufmerksamkeit, ein dummer Zufall … was es letztendlich auch immer war … es hat einer ganz besonderen, einzigartigen kleinen Kreatur das Leben kostet. Und der Himmel weiß, dass wir ihm ein langes, glückliches und gesundes Katzenleben von Herzen gewünscht und gegönnt hätten.

April 2003: Wir haben unseren Smokey nie vergessen und reden immer noch oft von ihm. Nach seinem Unfalltod kam „Model, Held und Frauenfeind“ Rocky ins Haus, und zwei Jahre später Blacky, der „Lavakater“. Blacky ist Smokey vom Wesen her ziemlich ähnlich. Und wir stellen uns machmal mit dezentem Gruseln vor, was gewesen wäre, wenn die beiden gleichzeitig einen Haushalt bevölkert hätten. Bevölkert? Sie hätten ihn vermutlich mit Genuss zerlegt! Rocky und Blacky im Zweierpack sind oft schon schlimm genug – Blacky und Smokey aber, das wäre das absolut perfekte Alptraumteam geworden!

September 2010: Und in Maine-Coon-Kater Indie (Merryborn’™s Indiana Jones ) haben Smokey und Blacky ’“ der auch schon lange im Katzenhimmel ist ’“ einen würdigen Nachfolger gefunden. Die drei, das wär’™ das Trio Infernal gewesen!

  1. Sehr schön geschrieben, wie von dir gewohnt.
    Und auch ich trauere meinem Dackel Sammy seit 1985 und meinem Scotty Louis seit 2005 immer noch nach, das ist einfach so.
    Grüßle an Chefe
    Hippo

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