Charlaine Harris: Grabeshauch -“ Roman

Charlaine Harris: Grabeshauch. OT: Grave Secret, aus dem Amerikanischen von Christiane Burkhardt, München 2011, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21268-7, 317 Seiten, Taschenbuch, Format: 12 x 19 x 1,8 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

Nach ’žGrabesstimmen’œ, ’žFalsches Grab’œ und ’žEin eiskaltes Grab’œ ist ’žGrabeshauch’œ nun der vierte und angeblich letzte Band mit der Heldin Harper Connelly. Die junge Texanerin kann, seit sie als Teenager vom Blitz getroffen worden ist, Leichen finden und deren Todesursache erspüren. Und sie irrt sich dabei nie!

Zusammen mit ihrem Verlobten Tolliver Lang hat sie dieses Talent vor Jahren schon zum Beruf gemacht. Die beiden ziehen als übersinnliches Bergungsunternehmen über Land, finden für ihre Auftraggeber Tote und Todesursachen und träumen dabei von einem spießbürgerlichen Glück und einem kleinen Häuschen in der Nähe ihrer Geschwister.

Das Pikante an Harpers und Tollivers Beziehung ist, dass sie eigentlich Stiefgeschwister sind, wiewohl nicht blutsverwandt. Harpers Mutter war eine zeitlang mit Tollivers Vater verheiratet. Mit ’žwhite trailerpark trash’œ wäre das Milieu, aus dem die beiden Helden stammen, noch schmeichelhaft umschrieben. Die Eltern waren kriminell und drogensüchtig, die Kinder wurden vernachlässigt, misshandelt und sich selbst überlassen. Es ging da schon sehr gesindelich zu.

Dass die sechs Voll-, Halb- und Stiefgeschwister nicht zusammenbleiben konnten, macht den älteren unter ihnen noch heute zu schaffen. Doch als Harpers leibliche Schwester Cameron vor acht Jahren auf dem Schulweg spurlos verschwand und die Polizei ermittelte, flogen die desolaten Zustände im Wohnwagen der Familie Connelly-Lang auf und die Kinder kamen in verschiedene Pflegefamilien.

Auch wenn die örtliche Polizei, Camerons Geschwister und eine Privatdetektivin die Suche nach der Vermissten nicht aufgegeben haben ’“ sie ist nie wieder aufgetaucht. Alle Hinweise haben sich als Sackgasse entpuppt. Harper ist überzeugt davon, dass ihre Schwester tot ist und dass sie sie eines Tages finden wird. Und dann wird sie auch erfahren, durch wessen Schuld sie zu Tode gekommen ist.

Wieder aufgewühlt wird die Vergangenheit durch zwei aktuelle Ereignisse: Ein Auftrag führt Harper und Tolliver in ihre alte Heimat. Und Matthew Lang, Tollivers Vater, wird aus der Haft entlassen und will nun, nach all den Jahren, wieder Kontakt mit seinen Kindern aufnehmen. Bis auf seinen ältesten Sohn, Mark, hat aber niemand aus der Sippe Interesse daran. Da kann Matthew noch so sehr den reuigen Sünder mimen! Niemand glaubt ihm, dass er sich zum Guten verändert hat.

Doch die alten und neuen Familiendramen sind nicht das einzige Problem. Harper, die immer bestrebt ist, ihren zahlenden Kunden viel Show fürs Geld zu bieten, eröffnet der vermögenden Rancherin Lizzie Joyce nicht nur, dass ihr Großvater Rich keines natürlichen Todes gestorben ist. Zur Erhöhung ihrer Glaubwürdigkeit zählt sie auch noch die Todesursachen der Menschen in den benachbarten Gräbern auf.

Die Tatsache, dass Mariah Parish, eine Angestellte von Großvater Rich, im Kindbett gestorben ist und nicht, wie allgemein angenommen, an einem Blinddarmdurchbruch, beunruhigt die Familie mächtig. War Rich der Vater des Babys? Und wo ist das Kind? Sollte es auftauchen und erbberechtigt sein, wäre das für die Joyces ausgesprochen unerfreulich.

Auf einmal scheint es auch über den Verbleib von Cameron Connelly neue Erkenntnisse zu geben. Polizei und Familie gehen der Sache umgehend nach. Da kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall: Tolliver Lang wird von einem Unbekannten angeschossen und landet mit zerschmettertem Schlüsselbein im Krankenhaus.

Steckt sein Vater Matthew Lang dahinter? Harper traut ihm alles zu. Oder sind sie mit ihren Nachforschungen über Camerons Schicksal jemandem zu dicht auf den Fersen? Möglicherweise schließt auch Familie Joyce auf diese Weise ihre Wagenburg.

Galt der Anschlag überhaupt Tolliver oder war Harper gemeint? War er am Ende nur ein Zufallsopfer? Meschuggene mit Schusswaffen laufen ja genügend herum. Das wird auch Detective Powers zum Verhängnis, der in Tollivers Fall ermittelt. Und das ist noch nicht die letzte Katastrophe …

Durch all das muss Harper Connelly im Alleingang durch. Tolliver ist ihr im Moment keine große Hilfe, und das weiß er auch. Da müsste er eigentlich dankbar sein, dass der punkige Hellseher Manfred Bernardo, ein alter Bekannter, anreist, um Harper beizustehen. Aber den mochte Tolliver noch nie. Darauf kann Harper jetzt aber keine Rücksicht nehmen.

Manfred ist clever, ein begabtes Medium, ein guter Freund und für Harper (und Tolliver) eine wertvolle Unterstützung. Doch je mehr unappetitliche Familiengeheimnisse und kriminelle Schweinereien die drei ans Tageslicht zerren, desto gefährlicher leben sie. Auch wenn sie die Zusammenhänge noch gar nicht durchschauen …

Kenner der Buchreihe haben sich nie irgendwelchen Illusionen hingegeben: Harper und Tolliver stammen aus der Gosse. Und wir lieben und bewundern sie für ihre Anstrengungen, dem Milieu zu entkommen. Die bürgerliche Existenz, die sie anstreben, gönnt man ihnen von Herzen. Doch jetzt kommt ans Licht, dass ihre Familie noch deutlich verkommener und krimineller war, als man bisher gedacht hat.

Den Lesern stehen ein paar haarsträubende Aha-Erlebnisse bevor ’“ nicht nur, was den Verbleib der verschwundenen Connelly-Schwester angeht. Und die Autorin hat das alles die ganze Zeit über gewusst! 😉 Das ist kein aufgesetzter Schluss, der war von langer Hand vorbereitet. Erst jetzt im Nachhinein ergeben manche nebensächlich erscheinenden Informationen aus den vorigen Bänden einen Sinn. Das waren Andeutungen, die man damals gar nicht als solche erkannt hat.

Hat man die ersten drei Bände nicht gelesen, ist das aber auch kein Drama. Alles Wesentliche wird im vorliegenden Band erklärt. Vielleicht sind es für einen Neueinsteiger ein bisschen viele Personen. Wer die Serie von Anfang an verfolgt hat, kennt das komplizierte Familiengeflecht und den Bekanntenkreis der Helden ja schon länger und hatte Zeit, sich an das Personal zu gewöhnen.

Man muss kein ausgemachter Fan des Genres ’žUrban Fantasy’œ sein, um an den Abenteuern von Harper Connelly seinen Spaß zu haben. Es sind eigentlich Kriminalromane mit einem phantastischen Element ’“ Harpers übersinnlicher Gabe. Der Rest ist durchaus bodenständig und garantiert vampir- und werwolffrei. Und so sympathische Helden, die sich aus derart desolaten Familienverhältnissen herausgewurstelt haben wie Harper und ihr Lebensgefährte, findet man auch nicht alle Tage. Schade eigentlich, dass diese ungewöhnliche Reihe nun zu Ende sein soll. Na ja, vielleicht überleg sich’™s Frau Harris ja noch. Tote, die interessante Geschichten über ihr Ableben zu erzählen hätten, wenn sie es denn könnten, gäbe es doch sicher noch viele!

Die Autorin
Charlaine Harris hat zahlreiche Krimis sowie die Kult-Vampirserie um die gedankenlesende Kellnerin Sookie Stackhouse veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Familie in Arkansas.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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