Maren Frank: Irischer Liebessommer – Roman

Maren Frank: Irischer Liebessommer, Meerane 2010, édition el!es, ISBN ISBN 978-3-941598-13-3, Softcover, 191 Seiten, Format 12 x 19 x 1,5 cm, EUR 14,90

Stefanie Gardner, 21, finanziert sich ihr Studium mit Model-Jobs. Ohne Vorwarnung wird die Model-WG, in der sie lebt, brutal überfallen. Zwei Männer dringen in die Wohnung ein und attackieren die Frauen mit Messern. Michelle wird dabei getötet, Ronja und Steffi verletzt und traumatisiert. Nur Juliane, die notorische Zuspätkommerin, war nicht zu Hause und ist dem Attentat entronnen.

Den jungen Frauen wurden vorab nicht angefeindet und nicht bedroht. Zu holen ist bei ihnen auch nichts. Also bleiben Motiv und Täter erst einmal im Dunkeln. Da die Männer es möglicherweise noch einmal versuchen, sorgt die Polizei dafür, dass die überlebenden Models unauffindbar untertauchen.

Steffi weiß selbst nicht so genau, wohin man sie gebracht hat. In einem abgelegenen Gebäude inmitten eines parkähnlichen Geländes wird sie von einem medizinischen Team versorgt und von Mitarbeitern eines Sicherheitsdienst bewacht. Bis die Täter gefasst sind, darf Steffi nicht nach Hause, ja nicht einmal mit ihren Freunden und Verwandten telefonieren. Sollten sich die Ermittlungen länger hinziehen, wird man sie mit einer neuen Identität ausstatten und ins Ausland bringen.

Steffi fragt sich mit Recht, was geschieht, wenn die Täter überhaupt nicht gefasst werden. Wird sie ihre Familie und ihre Freunde dann niemals wiedersehen? Vor diesen Aussichten verblasst selbst die Tatsache, dass sie Verletzungen im Gesicht davongetragen hat, von denen Narben zurückbleiben werden. Mit dem Nebenjob als Fotomodell dürfte es wohl vorbei sein.

Steffi findet die Situation bald unerträglich. Doch ein Fluchtversuch der geschwächten jungen Frau endet bereits nach wenigen Kilometern mit einem Zusammenbruch. Die Personenschützerin, die den passenden Spitznamen „Gun“ trägt, bringt sie wieder zurück.

Überraschend entwickelt sich zwischen dem mädchenhaften Model und der taffen Frau vom Sicherheitsdienst eine starke Sympathie – und von Steffis Seite aus auch eine gewisse erotische Anziehung. Wobei sie nicht einmal Guns Präferenzen kennt. Aus dem robust-unweiblichen Auftreten der begeisterten Kampfsportlerin lässt sich ja nicht automatisch ableiten, dass sie lesbisch ist. Es gibt durchaus auch „Heten“, die fernab jeden Weiblichkeitsklischees existieren.

Es sieht nicht so aus, als würden die Modelmörder demnächst gefasst werden. Und so plant man für Steffi einen Neuanfang in Irland und verfrachtet sie in ein Cottage nahe Dublin. Dort soll sie unter dem Namen Sara Melten leben und ihr Studium fortsetzen. Aus Sorge um ihre Sicherheit und weil sie von den Geschehnissen noch zu sehr mitgenommen ist, um alles alleine durchzustehen, schickt man ihr Gun zur Unterstützung mit.

Die beiden Frauen richten sich ein, erkunden die nahe Umgebung – und landen nach einem Ausritt zunächst gemeinsam in der Badewanne und dann im Bett. Unausgesprochen steht im Raum, dass dies keine dauerhafte Beziehung werden kann. Denn wenn die Täter gefasst sind, kehren Steffi und Gun wieder in ihr altes Leben zurück. Sollten die Ermittlungen im Sande verlaufen, wird man Gun bald für einen anderen Einsatz abziehen. So oder so – auf Dauer können sie nicht zusammenbleiben.

So gut es unter den gegebenen Vorausstetzungen möglich ist, genießt das „Paar auf Zeit“ den Sommer und die Zweisamkeit. Die ganze Zeit über ist Steffi ängstlich darauf bedacht, vor Gun zu verheimlichen, dass sei seit dem Überfall in größeren Menschenansammlungen Panikattacken erleidet. Weder schafft sie es, Gun nach Dublin zum Bummeln und Einkaufen zu begleiten, noch kann sie die Nachbarn besuchen. Ständig muss sie Ausreden erfinden, weil sie vor der Geliebten nicht als Weichei dastehen möchte. Trotz allem könnte, wenn es nach Steffi ginge, dieser Sommer endlos so weitergehen.

Als aus Deutschland die Nachricht kommt, Täter und Auftraggeber seien gefasst, nimmt sie das mit gemischten Gefühlen auf. Zwar bedeutet dies ein Ende der Angst und ein Wiedersehen mit den Angehörigen, aber auch die Trennung von Gun. Oder gibt es vielleicht doch eine gemeinsamen Zukunft für sie?

Das Resultat der polizeilichen Ermittlungen ist für Steffi unfassbar. Sie kennt die Person, die die Totschläger angeheuert hat und hätte ihr weder das Motiv zugetraut noch die Fähigkeit, so eine Tat zu planen. Gun nimmt’s professionell gelassen: „Man kann den Menschen nun mal nur vor den Kopf gucken“.

Zurück in Deutschland beschäftigt Gun sich mit der Gründung einer eigenen Sicherheitsfirma und Steffi zieht wieder bei ihren Eltern ein. Der Traum von einem gemeinsamen Leben ist noch nicht vorbei. Der Albtraum vom Modelmörder allerdings auch nicht …

Wer zu einem Buch der édition el!es gereift, sollte schon genau wissen, was er tut – sonst bekommt er vielleicht etwas, das er so gar nicht haben wollte. El!es verlegt erotische Liebesromane mit lesbischen Protagonistinnen – und recht expliziten Sexszenen. Die Kriminalgeschichte bildet hier die Rahmenhandlung, die das Liebespaar Gun und Steffi zusammenführt.

Es ist schon unterhaltsam zu beobachten, wie die beiden Frauen erst umeinander herumschleichen und sich dann einander annähern. Trotz aller Unterschiede finden das jungmädchenhafte Model und die robuste Sicherheitsfrau gemeinsame Interessen. Beide lesen viel, was man üblicherweise weder mit einem Fotomodell noch mit einem Bodyguard in Verbindung bringen würde. Aber so ist das eben mit den Menschen: Sie lassen sich nicht widerstandslos in Schubladen stecken.

Interessante und amüsante Nebenfiguren stehen den Heldinnen zur Seite: zum Beispiel die dauerquasselnde Krankenschwester Lily und die irische Farmerstochter Grace, die in Unkenntnis der Sachlage Sara/Steffi mit ihrem Bruder verkuppeln will. Einen kurzen aber eindrucksvollen Auftritt hat Steffis ältere Schwester Gabi, die insgeheim immer noch vom Prinzen in der schimmernden Rüstung träumt. Das edle Ross, auf dem solche Traumprinzen gemeinhin angeritten kommen, würde sie großzügig der pferdeverrückten Steffi überlassen. Für einen Prinzen hätte die kleine Schwester ohnehin keine Verwendung.

Was sich selbst bei so belesenen Frauen wie Gun und Steffi nicht immer ganz organisch in die Dialoge einfügt, sind die Sachinformationen über Irland. Natürlich haben die Mädels sich das angelesen, ehe sie nach Dublin flogen. Aber wenn man über Gelesenes spricht, gelingt einem selten eine so perfekte Wiedergabe. Es kommt ziemlich häufig vor, dass ein wohlinformierter Autor beim Vermitteln von Fakten ein bisschen ins Dozieren gerät. Eine illustre Liste preisgekrönter Häupter hat die Rezensentin schon dabei ertappt … 😉

Genug der Erbsenzählerei! Wer einen Roman lesen möchte, in dem Frauen Frauen lieben und der auch noch eine interessante Rahmenhandlung hat, findet hier alles, was er braucht. Auch mit einer Auszeichnung kann dieses Buch dienen: Beim 4. Lesbischen Literaturpreis lag „Irischer Liebessommer“ auf Platz zwei.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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