Silke Porath, Andreas C. Braun: Klostergeist – Pater Pius ermittelt

Silke Porath, Andreas C. Braun: Klostergeist – Pater Pius ermittelt, Meßkirch 2011, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-1124-3, Softcover, 227 Seiten, Format: 12 x 20 x 1,8 cm, EUR 9,90

Pater Pius, 63, Superior des Spaichinger Konvents, kommt gerade aus der Morgenmesse, als ihm etwas Großes, Schwarzes vom Dreifaltigkeitsturm herab direkt vor die Füße fällt. Ein Mensch! Pius fühlt sogleich, ob der Mann noch Puls hat. Vergeblich, denn einen Sturz aus dieser Höhe überlebt niemand. Als Pius den Toten auf den Rücken dreht, erlebt er den nächsten Schock: Er kennt den Mann. Es ist Manfred Engel, der Bürgermeister!

Was hat Engel nur auf dem Turm gemacht? Seine Höhenangst war doch ein offenes Geheimnis! Dem Pater, der eine Vorliebe für weltliche Literatur wie Krimis und Horrorgeschichten hat, lässt diese Frage keine Ruhe. Zu gern würde er, wie der berühmte Pater Braun, ein bisschen „kriminalisieren“, obwohl er die Angelegenheit bei Kommissarin Verena Hälble in den besten Händen weiß.

Als bei dem Toten keinerlei Spuren von Gewaltanwendung gefunden werden, müsste der Pater eigentlich einen Unfall oder Freitod als Erklärung akzeptieren. Trotzdem hat er ein ungutes Gefühl. Marlies Engel, die Witwe, spricht der Polizei gegenüber vage von privaten Problemen ihres Mannes. Auch wenn kein Abschiedsbrief gefunden wird, hält sie einen Selbstmord des gläubigen Katholiken für denkbar. Kommissarin Hälble hat da so ihre Zweifel, Pater Pius sowieso. Ob da nicht doch einer nachgeholfen hat?

Der Bürgermeister hieß zwar Engel, war aber keiner. Pater Johannes, der nicht nur was vom guten Essen versteht, sondern auch einem gepflegten Kleinstadtklatsch nicht abgeneigt ist, verstärkt Pater Pius’ Bedenken. Manfred Engel soll ein Verhältnis mit der Bärenwirtin gehabt haben und überdies in nicht ganz saubere Immobiliengeschäfte mit seinem Stellvertreter verwickelt gewesen sein. Und wer weiß, ob da nicht noch Engels Vetter die Finger mit drin gehabt hat! Vom kleinen Angestellten der Tuttlinger Sparbank hat dieser sich bis zum Vorstandsvorsitzenden einer der großen Banken im Ländle hochgearbeitet. Und man kennt ja die „Bankster“ …

Eigentlich gibt Pater Pius nicht viel auf Klatsch und Tratsch. Trotzdem nutzt er die Gelegenheit, beim Trauergespräch mit Marlies Engel einen interessierten Blick auf die Papiere zu riskieren, die die Witwe überall im Wohnzimmer verstreut hat. Als Pius ein paar heruntergefallene Kontoauszüge aufhebt, erweckt einer davon seinen Argwohn und er steckt ihn ein. Was ist das für eine dubiose Firma, die dem Bürgermeister fast sechzigtausend Euro überwiesen hat? Und wofür? Hat die Kloster-Klatschbase Johannes doch Recht, und Engel hat krumme Geschäfte gemacht?

Pius weiß auch schon, wer da Licht ins Dunkel bringen kann: Sein Studienkollege Martinus, der für die Vatikanbank arbeitet. Der Italiener findet tatsächlich heraus, wer und was hinter der ominösen Firma steckt. Aber was macht Pater Pius nun mit dieser Information? Er müsste sie der Polizei zukommen lassen – aber dann käme ja heraus, dass er bei Engels einen Kontoauszug eingesackt hat.

In Richtung „merkwürdige Immobiliengeschäfte“ ermittelt inzwischen auch die Polizei. Ganz rund läuft die Zusammenarbeit zwischen Kommissarin Hälble und ihrem neuen Assistenten Thorben Fischer aber nicht. Das liegt weniger daran, dass der Kollege aus Norddeutschland stammt, sondern an der Tatsache, dass er bei der Polizei so eine Art Wanderpokal ist, den man nicht zur Belohnung bekommt. Zuletzt hat er einen Einsatz in Stuttgart vergeigt und ist jetzt, nach einem kurzen Zwischenspiel in Tuttlingen, in Verenas Dienststelle gelandet. An Selbstbewusstsein mangelt es Fischer dennoch nicht. Er ist ein eitler Gockel, der keine Gelegenheit auslässt, Frauen anzugraben, sich wichtig zu machen und seine gepuderte Nase in eine Kamera zu halten.

Die polizeilichen Ermittlungen führen schließlich zu einer vorläufigen Festnahme. Doch Pater Pius weiß mehr als die Polizei. Dummerweise bezieht er die eine Hälfte der Informationen aus seiner Tätigkeit als Seelsorger und darf sie aus diesem Grund nicht weitergeben. Und die andere Hälfte stammt aus seinen privaten und nur bedingt legalen Nachforschungen. Weil er die Ermittlungsbeamten nicht einbeziehen kann, spielt er weiter selber Detektiv. Er ahnt nicht, in welche Gefahr er sich damit begibt …

Wer aufgrund des Buchtitels eine Gruselgeschichte erwartet, ist hier auf dem Holzweg. So etwas liest hier nur Pater Pius. Als Leser wartet man stets darauf, dass er seine schaurige Lektüre mal mit in den Beichtstuhl nimmt, weil er unbedingt wissen will, wie die Geschichte ausgeht. Aber eigentlich ist das, was er als Seelsorger erfährt, viel interessanter und dramatischer als jeder Roman.

Auch wenn Pius über dem schnöden Klatsch steht: Neugierig ist er doch! Es ist einfach herrlich, wie er krampfhaft überlegt, welches seiner Schäfchen ihm gerade als anonymer Sünder gegenübersitzt und beichtet! Woher kennt er die Stimme? Und wer aus der Gemeinde ist verheiratet, wortkarg und humanistisch gebildet? – Klosterbrüder sind eben auch nur Menschen!

Der Kriminalfall ist eine durchaus ernste Angelegenheit: Politik ist ein schmutziges Geschäft. Mit der Macht sinkt die Skrupel während die Anzahl der Versuchungen steigt. Und die Zahl der Feinde ebenfalls. Aufgelockert wird die Krimihandlung durch allerlei (Zwischen-) Menschliches und durch die genaue und humorvolle Beobachtung des Kleinstadtlebens. Man muss nicht aus Spaichingen kommen, um vieles davon wiederzuerkennen.

Mindestens so zweifelhaft wie die Geschäfte der Lokalprominenz ist im Übrigen der Männergeschmack der Kommissarin Hälble. Was will diese patente Frau bloß mit so einem Kasper? Sympathischen Romanfiguren wünscht man als Leser nur das Allerbeste. Der Kerl ist eher das Allerletzte.

Zum Piepen sind die Meldungen des Regionalsenders „Radio Donauwelle“, die immer wieder in die Geschichte eingestreut werden. Hier gibt’s nicht nur die obligatorischen Hörerwünsche und Veranstaltungshinweise, sondern auch eine herrlich komische Rabattschlacht der örtlichen Optiker. Und natürlich stets das Neueste zum Todesfall Engel. Und so ist der KLOSTERGEIST eine abwechslungsreiche Mischung aus Spannung und Humor mit einem kräftigen Schuss Lokalkolorit.

Ein kleiner Hinweis noch vom Erbsenzählkommando: Für die nächste Auflage möchte der Verlag doch bitte auf dem Backcover und im Klappentext den Vornamen des Bürgermeisters korrigieren. Manfred heißt die Leich’, nicht Hans-Jürgen!

Die Autoren:
Silke Porath,
Jahrgang 1971, lebt mit Mann und drei Kindern im schwäbischen Spaichingen. Sie arbeitete lange Jahre als Zeitungsredakteurin und PR-Beraterin. Seit 2001 ist sie als Schreibtrainerin für Kinder und Dozentin für Kreatives Schreiben tätig. Mit KLOSTERGEIST gibt die Autorin mehrerer Romane und vielfach ausgezeichneter Kurzgeschichten ihr Debüt als Krimiautorin.

Andreas C. Braun wurde 1964 in Stuttgart geboren und lebt heute in Würzburg. An der Universität Tübingen studierte er Humanmedizin. Nach dem Physikum zog es ihn jedoch in eine ganz andere Richtung: In Würzburg absolvierte er ein Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte. Heute ist er als Marketing-Manager in der Industrie tätig. KLOSTERGEIST ist seine erste Romanveröffentlichung.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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