Ulrike Renk: Die Heilerin – Historischer Roman

Ulrike Renk: Die Heilerin – Historischer Roman, Berlin 2011. Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-7466-2685-7, Softcover, 614 Seiten, Format: 12,5 x 18,8 x 5,5 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A).

Krefeld 1677: Fünfzehn Jahre alt ist die mennonitische Weberstochter Margaretha op den Graeff, als ihre heilkundige Mutter Gretje beginnt, sie zur Heilerin und Hebamme auszubilden. Trotz mancher erschreckender Erlebnisse gefällt Margaretha der Gedanke, in die Fußstapfen ihrer Mutter zu treten.

Margaretha hat eine klare Vorstellung davon, wie ihr weiteres Leben verlaufen wird. Noch arbeitet sie im heimischen 10-Personen-Haushalt mit. Doch irgendwann wird sie heiraten, am liebsten ihren Jugendfreund Jan, und dann neben der eigenen Familie die Wöchnerinnen und Kranken in der näheren Umgebung versorgen. Und natürlich wird sie auch weiterhin nach den Prinzipien ihres Glaubens leben: gottesfürchtig und schlicht.

Doch die Zeiten ändern sich. War die mennonitische Minderheit bislang in Krefeld akzeptiert, schürt ein besonders früher und harter Winter Neid und Hass auf die Brüdergemeinde: Die Mennoniten leben bescheiden und verstehen es, vorausschauend zu wirtschaften. Sie halten zusammen und sorgen für ihre notleidenden Mitglieder. Dadurch übersteht diese Gemeinschaft den strengen Winter besser als viele der andersgläubigen Städter.

Es kommt zu gewalttätigen Übergriffen auf die Gemeindemitglieder. Hebamme Gretje op den Graeff wird als Hexe diffamiert, Eva, ihre jüngste Tochter, wird beraubt und geschändet. Sie ist aufgrund ihrer Behinderung – Trisomie 21/Down Syndrom – besonders hilflos. Zu jener Zeit glaubt man, diese Kinder seien vom Teufel. Sie werden ausgesetzt, getötet oder ins Armenhaus gebracht. Dass die op den Graeffs das Mädchen trotz seiner Behinderung liebevoll aufziehen, macht sie in den Augen der „Reformierten“ noch verdächtiger.

In Folge der tragischen Ereignisse verfällt Mutter Gretje in eine tiefe Depression. Auf einmal hat Margaretha Haushalt und Krankenpflege alleine am Hals.

Die Übergriffe auf die Mennoniten mehren sich. Nur knapp kommt Margarethas älterer Bruder Abraham mit dem Leben davon, als er in der Silvesternacht in eine Messerstecherei gerät. Nach diesem traumatischen Erlebnis widmet er sich mehr denn je seinen religiösen Studien. Kontakte zu den britischen Predigern Steven Crisp und Sir William Penn bewirken, dass er mit der Religionsgemeinschaft der Quäker sympathisiert, einer weiteren Gruppe der Täuferbewegung. Zudem beschäftigt Abraham sich mit dem Gedanken, nach Amerika auszuwandern, wo William Penn einen Staat gründen will, in dem jeder Mensch frei nach seinen religiösen Vorstellungen leben kann.

Abrahams Bruder Hermann lässt sich von dieser Begeisterung anstecken, genau wie ein paar andere Krefelder Mennoniten. Den Frauen der Familie graut bei der Vorstellung, am anderen Ende der Welt neu anfangen zu müssen. Heimlich hoffen sie, dass der Auswanderungsgedanke der Männer nur eine Phase ist, die bald vorübergeht. Doch dem ist nicht so. Im Frühjahr 1683 trifft auf Veranlassung Abrahams der Advokat Franz Daniel Pastorius in Krefeld ein, ein Beauftragter der Frankfurter Land Compagnie. Pastorius wirbt Glaubensbrüder für William Penns Quäker-Kolonie in Amerika an.

Die intelligente und gebildete Margaretha hat keine Scheu vor dem Fremden und begegnet ihm auf Augenhöhe. Schon länger hat sie den Verdacht, dass die Auswanderungswilligen das Vorhaben allzu blauäugig angehen. Alles Träumer, Schwätzer und Visionäre, die keinen Gedanken an die Dinge des täglichen Lebens verschwenden. Und in der Tat erwischen Margarethas praktische Fragen den Advokaten kalt. Sie will wissen, wie das in der neuen Heimat ist mit den Häusern, Märkten, Vorräten, der Bodenbeschaffenheit und dem Saatgut. Gibt es dort schon Bauern, Handwerker, Städte und Dörfer oder ist da nur Wildnis?

Darüber hat sich offenbar noch niemand ernsthaft Gedanken gemacht. Pastorius entgegnet jedenfalls nur theoretisch-Visionäres: „William Penn will einen Glaubensstaat errichten. Die Frankfurter Compagnie hat aus dem Grund Land gekauft. Ich auch. Es geht mir darum, im freien Glauben leben zu können. Frei und unabhängig von anderen.“ (Seite 377)

Ja, aber wovon? Das alles ist nicht dazu angetan, Margaretha zu beruhigen. Allein, es nützt nichts. Als unverheiratete Frau steht sie seit dem Tod des Vaters unter der Vormundschaft ihrer Brüder und muss tun, was sie sagen.

Innerhalb kürzester Zeit verkaufen op den Graeffs ihr Hab und Gut, erwerben Land in Pennsylvania und buchen für die ganze Familie eine Schiffspassage in die Neue Welt. Am 24. Juli 1683 sticht die „Concord“ in See – 13 Familien aus Krefeld brechen nach Amerika auf. Rund sechs Monate lang sind sie unterwegs, 6 Wochen davon mit dem Schiff.

Abbildung: Diese Briefmarke wurde von der Deutschen Bundespost bzw. Deutschen Bundespost Berlin herausgegeben. Als amtliches Werk ist sie nach § 5 Abs. 1 UrhG gemeinfrei. Scanned by NobbiP

Als die Siedler am 6. Oktober 1683 nach der kräftezehrenden Überfahrt in Philadelphia ankommen, trifft sie fast der Schlag: Wo sie eine blühende Stadt erwartet haben, hausen ein paar Leute in notdürftig zusammengezimmerten Holzhütten. Margarethas schlimmste Albträume sind wahr geworden: Keine Häuser für die Siedler, keine Märkte, keine Vorräte – und der Winter steht vor der Tür. Eine zugige Scheune dient den Neusiedlern als Massenquartier. Erst Ende Oktober bekommt jede Siedlerfamilie Land zugewiesen und kann noch kurz vor dem Winter auf eigenem Boden provisorische Hütten errichten. Häuser bauen können sie noch im Frühjahr – wenn sie den langen und harten Winter überleben.

Die Lebensmittel werden schnell knapp, die Siedler plagen Hunger und Krankheiten. Auch Margarethes Heilmittelvorräte gehen zur Neige. Als sie an einem schneefreien Wintertag in den Wald geht um wenigstens ihren Weidenrindenvorrat aufzustocken, findet sie einen verletzten Ureinwohner. Margarethe versorgt seine Wunden und quartiert den „Wilden“ bei ihrer Familie ein. Ein fataler Fehler, wie die Gemeinde meint …

Die Familie op den Graeff gab es wirklich, genau wie den Advokaten Franz Daniel Pastorius. Die op den Graeffs gehörten zu den 13 Krefelder Familien, die 1683 in Philadelphia gelandet sind und dort in der Nähe Germantown gegründet haben. „The Original 13“ nennt man sie in den USA. Und bis zum heutigen Tag ist in den Vereinigten Staaten am 6. Oktober – dem Jahrestag der Gründung von Germantown – der „German-American Day“.

Ob Mutter und Tochter op den Graeff tatsächlich heilkundig waren, ist nicht überliefert. Dieses Detail verdanken wir der Phantasie der Autorin. Mit der jungen und doch so lebenserfahrenen Margaretha hat Ulrike Renk eine Figur geschaffen, mit der man sich als Leserin wunderbar identifzieren kann. Viel zu früh musste das Mädchen Verantwortung übernehmen und ist weit davon entfernt, naiv und leichtgläubig den Plänen und Visionen ihrer Brüder zu folgen. Ihre Bedenken kann man nachvollziehen: Die Lage in der Heimat mag ungemütlich und gefährlich sein – aber da kennt sie sich wenigstens aus. Von Amerika kennt sie nur vage Berichte. Und so hofft und bangt man beim Lesen mit der Emigrantin wider Willen und kann das Buch nicht weglegen, bis man endlich weiß, ob der Neuanfang in den Kolonien ihr Glück ist oder ihr Untergang.

Man meint, das 17. Jahrhundert riechen, fühlen und schmecken zu können. Romantische Sehnsucht nach dieser Zeit kommt allerdings nicht auf. Wir haben hier auch keine flache Histotainment-Schmonzette vor uns, sondern einen sorgfältig recherchierten historischen Roman. Niemand aus der heutigen Zeit möchte wirklich unter den damaligen Bedingungen leben. Aber für die Dauer eines Romans taucht man fasziniert ein in die Welt der Vergangenheit. Es können auch gern noch ein paar Romane mehr werden …

Wenn man sich nach Beendigung der Lektüre noch Gedanken darüber macht, was wohl aus Margarethes Kater geworden ist und ob das faule Luder von Schwägerin doch noch das Hauswirtschaften erlernt hat, dann sind die Figuren wirklich lebendig geworden und der Roman hat einen gepackt. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es bereits Interessenten für die Filmrechte gibt.

Da die besten Bilder immer noch im Kopf entstehen, ist es dennoch angeraten, das Buch zu lesen. Und wenn der Film dann irgendwann in die Kinos kommt, können wir uns alle ein Urteil darüber erlauben, wie gut er den Geist des Romans getroffen hat.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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2 Kommentare

  1. Die Rezension macht Lust darauf, das Buch auch wirklich zu lesen, grad auch als Mennonit.

    Allerdings hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen: Die Quäker sind keine weitere Gruppe der Täuferbewegung, sondern eine im 17. Jh. in England entstandene Gruppe, die aber (gerade in Krefeld) stark mit den dortigen Mennoniten verwoben war (viele Quäker waren zuvor Mennoniten und/oder viele symthisierten mit beiden Glaubensgemeinschaften).

    viele Grüße

  2. Vielen Dank für die Information! Ich lasse das als Korrektur zum obigen Text stehen und ändere diesen jetzt im Nachhinein nicht. Gibt sonst nur ein Durcheinander.

    Ich hatte die Quäker für eine Art „Untergruppe“ der Täuferbewegung gehalten. Wenn ich damit falsch lag, bitte ich um Entschuldigung.

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