Asta Scheib: Das Schönste, was ich sah – Roman

Asta Scheib: Das Schönste, was ich sah – Roman, München 2011, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21272-4, 412 Seiten, Softcover, Format: 19 x 12,4 x 3,5 cm, EUR 19,95 (D), EUR 10,30 (A)

„Ich sag es ja dauernd“, meinte Giovanni fröhlich. „Die Kunst soll dem, der sich ihr hingibt, neue Empfindungen erschließen. Eine Kunst, die den Beschauer gleichgültig lässt, hat kein Recht auf Existenz.“ (Seite 375)

Niemand hat Giovanni Sega(n)tini an der Wiege gesungen, dass er einmal einer der berühmtesten Maler seiner Zeit werden würde. 1858 im damals österreichischen Arco di Trento nördlich des Gardasees geboren, wächst er in bitterer Armut auf. Sein arbeitsscheuer Vater lässt sich nur selten zu Hause blicken. Seine Mutter, aus verarmtem Landadel stammend, siecht an einer Lungenerkrankung dahin. Giovanni lebt von Almosen der Kirche und von dem, was er sich zusammenstiehlt.

Als die Mutter 1865 stirbt, taucht sein Vater kurz auf und bringt Giovanni nach Mailand zu Irene, seiner Tochter aus erster Ehe. Die allein stehende junge Frau hat selbst nichts zu beißen und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen den Kostgänger. Nicht zuletzt deshalb, weil sie das Verhaltensmuster ihres Vaters kennt: Als ihre Mutter gestorben war, hat er sie und ihren Bruder Napoleone auch bei einer Tante abgestellt, die gleichfalls wenig erfreut war über den Familienzuwachs. Doch da können die Verwandten noch so jammern und zetern – Agostino Segatini stellt ihnen seinen Nachwuchs einfach vor die Tür und macht sich aus dem Staub.

Wie erwartet kommen Irene und Giovanni nicht miteinander klar. Zur Schule ist er noch nie gegangen. Er lungert den ganzen Tag herum und stellt Unfug an. Als er sieben Jahre alt ist, lässt Irene ihm die österreichische Staatsangehörigkeit entziehen. Ob sie ihm damit zur italienischen Staatsbürgerschaft verhelfen will, aber mit dem Papierkram überfordert ist, wie Asta Scheib es beschreibt, oder ob sie es aus Hass auf den kleinen Halbbruder tut, wie andere Quellen vermuten, ist ungewiss. Tatsache ist, dass er mit dieser „Schriftenlosigkeit“ ein Leben lang Probleme hat, überall nur geduldet ist und stets seine Ausweisung befürchten muss.

Ein paar Lichtblicke in Giovannis tristem Leben bei seiner Schwester gibt es: Als er einem Maler helfen darf, der das Treppenhaus streicht, zaubert er wundersame Figuren auf die Wände. Ein erster Hinweis auf sein künstlerisches Talent. Wie begabt er wirklich ist, ahnen selbst die einfachen Leute im Haus, als er die verstorbene Nachbarstochter porträtiert.

Lange hält Giovanni es nicht bei Irene aus. Er läuft weg und treibt sich herum. Als er an Pocken erkrankt, landet er im Krankenhaus und glaubt er sei im Paradies. Hohe, helle Säle! Ein blitzsauber glänzender Boden! Ein frisches Bett und dreimal täglich gutes Essen! Hier möchte er bleiben. Doch auf den Himmel folgt die Hölle: Als Waise ohne Vormund und festen Wohnsitz steckt man den Zwölfjährigen in das Riformatorio Marchiondi – eine Besserungsanstalt. Dort fällt er als rebellischer Analphabet und totaler Religionsverweigerer durchs Raster. Seinen Willen können sie nicht brechen, also verwahren sie ihn nur. Lesen und schreiben lernt er nicht. Selbst als Schusterlehrling ist er ein Totalausfall. Nur zeichnen kann er.

Giovannis Rettung ist ausgerechnet sein Halbbruder Napoleone. Uneigennützig holt dieser den mittlerweile 15-Jährigen allerdings nicht aus dem Heim: Giovanni soll das familieneigene Geschäft führen, denn Napoleone hat andere Pläne. Der Junge nutzt diese Chance, legt zwei Jahre lang Geld zurück und verschwindet 1875 bei Nacht und Nebel nach Mailand, um sich an der Kunstakademie einzuschreiben. Dort lernt er seinen Studienkollegen Carlo Bugatti kennen, den Sohn einer wohlhabenden und exzentrischen Mailänder Familie, und verliebt sich in Tochter des Hauses, Luigia.

Unter den Studienkollegen scheint sich niemand an Giovannis einfacher Herkunft zu stören. Sie betrachten ihn als einen der Ihren und bringen ihm sogar das Lesen und Schreiben bei. „Segante“ nennen sie ihn, was ihn irgendwann dazu veranlasst, seinen Nachnamen in „Segantini“ zu ändern. Die Kommilitonen bewundern seine Arbeit an der Akadamie, doch die Professoren verabscheuen ihn, weil er so malt, wie er will und seine Kunstauffassung dem Konventionellen, Akademischen widerspricht. Und so etwas bringt Unruhe in die Studentenschaft.

Konventionell malt er nur zu kommerziellen Zwecken, um sein Studium zu finanzieren. An der Akademie experimentiert er mit verschiedenen Techniken und versucht, durch die Lichtverhältnisse mehr Atmosphäre in seine Bilder zu bringen. Kunsthistorisch ist er nicht so leicht einzuordnen. Er arbeitet mit einer eigenen Technik des Pointillismus, gehört von seinen Bildmotiven her zu den Symbolisten, ist in seiner Grundhaltung ein Expressionist und bedient sich realistischer Ausdrucksformen.

Giovanni Segantini: Coro_di_St.Antonio, 1879, 119×85 cm, Öl auf Leinwand, Privatsammlung, upload by Adrian Michael. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Ein Roman inspiriert Giovanni zu dem Bild „Die Falknerin“, für das ihm Luigia Bugatti Modell sitzt. Fortan nennt er sie nach der Romanheldin „Bice“ – und sie werden ein Paar. Heiraten kann er sie nicht, denn er hat ja keine Papiere.

Giovanni Segantini: Die Falknerin, 1881. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für alle Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 100 Jahren oder weniger nach dem Tod des Urhebers.

Auf einer Reise in die Brianza (zwischen Lecco und Mailand), verliebt Giovanni sich spontan in ein Haus und mietet es auch gleich. Und es gibt erstaunlicherweise überhaupt kein Theater, als er den Eheleuten Bugatti eröffnet, dass er dort mit Bice zusammenleben will. Angesehene Familie hin, katholisches Italien her: Bice darf ihre Sachen packen und mit ihrem Segante nach Pusiano ziehen. Damit beginnt eine jahrzehntelange wirtschaftliche und emotionale Berg- und Talfahrt.

In rascher Folge bekommt Bice vier Kinder. Sie ist ein materiell verwöhntes Mädchen, dem niemand das Wirtschaften beigebracht hat. Und Giovanni bleibt diesbezüglich stets ein großes Kind. Verdient er gutes Geld, will er damit Angehörigen und Freunden spontan eine Freude bereiten und gibt das Verdiente für unverhältnismäßige Geschenke und Einladungen aus. Bice kann dann zusehen, wie sie die Familie über die Runden bekommt, Miete und Personal bezahlt. Die Hausangestellte Barbara „Baba“ Uffer muss oft genug auf ihr Geld warten oder gar Beträge für die Herrschaften auslegen. Wenn die Schwierigkeiten mit Gläubigern oder Behörden allzu groß werden, hat der Maler ein Patentrezept: Nichts wie weg hier und mit der ganzen Familie umziehen! So kommen sie ziemlich herum, vor allem im Engadin.

Giovanni Segantini gewinnt mit seinen Bildern Preise, wird berühmt und erfolgreich. Künstler, Käufer und Bewunderer gehen bei ihm ein und aus. Er arbeitet wie besessen, aber er lebt immer über seine Verhältnisse. Vielleicht zieht ihn außerdem sein Galerist über den Tisch, wer weiß das schon?

Auch wenn er seine Lebensgefährtin über alles liebt und ein einfühlsamer Mann ist – seine finanziellen Eskapaden kann er nicht kontrollieren. Bice, Baba und die Kinder machen brav alles mit: Mangel und Überfluss, Ärger und Schulden sowie die ständigen Umzüge. Sie kraxeln unverdrossen mit Giovanni in die Berge, schleppen ihm seine Ausrüstung hinterher, sitzen ihm bei Wind und Wetter in freier Natur Modell und lesen ihm bei der Arbeit vor. „(…) wenn sie [Bice] Segante im Winter zu seinen Malorten begleitete, musste sie entsprechende Vermummungen in Kauf nehmen, sonst wäre sie erfroren. Sie schob sich dann zwei dicke Kissen unter die Röcke, setzte sich einen warmen Hut auf, der ihrer Mutter gehörte und große Ähnlichkeit hatte mit einem orientalischen Eierwärmer.“ (Seite 264)

Als Giovanni sich für die Weltausstellung 1900 ein an Wahnsinn grenzendes Projekt vornimmt und auch noch ein Schloss mieten will, hat Bice die Nase voll von dem ewigen Kreislauf aus Größenwahn, Schulden und Umzügen. Doch dann kommt alles ganz anders …

Giovanni Segantini: Selbstbildnis, 1893, 34.4×24.2, Conté-Stift und Bleistift auf Papier, Otto Fischbacher Segantini-Stiftung, Depositum Kunstmuseum St. Gallen, upload by Adrian Michael. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Der Maler Giovanni Segantini war schon als Figur im „Hauptcast“ von Dörthe Binkerts Roman BILDNIS EINES MÄDCHENS ausgesprochen interessant. Bice und die Kinder kamen da nur als Nebenfiguren vor, doch klang da schon ihre außergewöhnliche Lebens- und Liebesgeschichte an. Grund genug, sich näher mit ihnen zu befassen und unter anderem dieses Buch zu lesen.

Es ist keine Sekunde kitschig, wie sich bei dem bitterarmen und ungebildeten Herumtreiber Giovanni das künstlerische Talent Bahn bricht und er zum gefeierten Maler wird. Wer seine Bilder kennt, verfolgt fasziniert die Schilderung ihrer Entstehungsgeschichte, die großteils auf Fakten beruht, aber natürlich von Asta Scheib literarisch ausgeschmückt wird.

Segantini ist ein leidenschaftlicher, ja besessener Maler, der die traumatischen Erfahrungen seiner Jugend nie los wird. Ohne Bices Hilfe hätte er sein Leben noch viel weniger im Griff, und das weiß er auch. Es ist eine Liebe die schon an Abhängigkeit grenzt. Bice selbst hätte in Mailand eine wesentlich komfortablere Existenz haben können, aber sie hat sich aus Liebe für ein Leben an der Seite ihres Segante entschieden und trägt eisern die Konsequenzen.

Auch wenn man die Lebensgeschichte Segantinis kennt und weiß „wie es ausgeht“, ist es fesselnd und berührend, einen Einblick in das Leben dieser beiden außergewöhnlichen Persönlichkeiten zu gewinnen. Es ist ein Roman, natürlich, und nicht alles ist durch Fakten gesichert. Doch was immer Asta Scheib durch dichterische Freiheit ergänzt haben mag: Es klingt plausibel.

Die Autorin:
Asta Scheib, geboren am 27. Juli 1939 in Bergneustadt/Rheinland, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften. In den Achtzigerjahren veröffentlichte sie ihre ersten Romane und gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen. Sie lebt mit ihrer Familie in München.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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2 Kommentare

  1. Ich hab mal reingeschaut. So ganz durchdringe ich auf die Schnelle nicht, was ich da genau machen kann/soll, aber ich werde mich mit der Monstermeute nochmal in Ruhe beschäftigen.

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