Andreas Laudan: Das weiße Mädchen – Kriminalroman

Andreas Laudan: Das weiße Mädchen, München 2011, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21280-9, Softcover, 330 Seiten, Format: 12 x 19 x 2,8 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A).

„Ich will dich ja nicht beunruhigen, aber … hast schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, was du da eigentlich tust? Du versuchst, einen Mord aufzuklären! So etwas ist gefährlich, Lea. Und besonders gefährlich ist es, nachts in die Häuser irgendwelcher verdächtiger Personen einzubreichen, Spuren zu hinterlassen und die Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen.“ (Seite 196)

Die Lüneburger Journalistin Lea Petersen, 36, bekommt eine mysteriöse E-Mail in die Reaktion geschickt: „Ein Mädchen wurde ermordet. Ihr Name beginnt mit C.“ Dazu einen Link, der zu einem Internetforum für Übersinnliches führt. Dort berichten Leute aus dem niedersächsischen Wendland von einer nächtlichen Geistererscheinung. Mehrere Personen wollen unabhängig voneinander am Straßenrand das weiße Gesicht eines Mädchens zwischen den Bäumen schweben gesehen haben.

Lea glaubt nicht an Geister, sondern an ein höchst irdisches Phänomen. Will da vielleicht jemand mit einer makaberen Maskerade auf einen ungelösten Mordfall aufmerksam machen? Zu gerne würde sie der Sache für die Zeitung auf den Grund gehen, aber ihr Chef hält nichts von dem Thema.

Doch Lea will es wissen. Sie hat jetzt ohnehin Urlaub, ihr 16-jähriger Sohn David ist auf Klassenfahrt, also reist sie kurzerhand für ein paar Tage ins Wendland, quartiert sich in Verchow, dem Ort der angeblichen Geistersichtung, in einer Ferienwohnung ein und recherchiert auf eigene Faust.

Tatsächlich weiß ihr Vermieter, der pensionierte Bauamt-Mitarbeiter Rudolf Zirner, von einem 24 Jahre alten Vermisstenfall. Christine Herforth, ein 16-jähriges Mädchen, ist damals zwischen der Bushaltestelle und ihrem Elternhaus spurlos verschwunden. Was ihr zugestoßen ist, wurde nie geklärt. Auf das Thema „vermisste junge Mädchen“ springt Lea fast automatisch an, seit ihre beste Freundin im Teenageralter in die Drogenszene geriet und für immer verschwand.

Christines Familie war nicht beliebt am Ort. Ihre Mutter Maria, die den Hof geerbt hatte und Norwegische Waldkatzen züchtete, galt als hochnäsig und verschroben. Ihr Vater Martin war bei der Damenwelt ungleich erfolgreicher als in seinem Beruf als Kunstmaler. Und Christine selbst war ein Gothic Girl mit schwarz gefärbten Haaren, düsterer Kleidung, bizarrem Schmuck und einem respektlosen Mundwerk. Außer einem gleichaltrigen stotternden Sonderling sie keine Freunde im Dorf.

Nach Christines Verschwinden landeten ihre Mutter und ihr Schulfreund in der Psychiatrie, ihr Vater nahm sich das Leben und das ganze Dorf war heilfroh, die Herforths endlich los zu sein.

Niemand ist daher erfreut, dass jetzt eine Journalistin aus der Stadt kommt und Nachforschungen anstellt. Als besonders feindselig erweisen sich Bauer Gätner und Ortsvorsteher Heimberger. Dessen Frau reagiert geradezu panisch auf Leas Fragen. Kooperativ sind immerhin Lehrer Winkelmann und Hedwig Heller, die Inhaberin eines Esoterikladens. Auch Kai Zirner, der attraktive Neffe von Leas Ferienwohnungs-Vermieter, hilft ihr nach Kräften bei ihren Recherchen, ohne selbst viel dazu beitragen zu können. Er ist nicht in Verchow aufgewachsen und nur vorübergehend hier, um seinem gesundheitlich angeschlagenen Onkel ein wenig zu helfen.

Ein zweiter anonymer Hinweis bestärkt Lea in ihrem Tun: Der öffentlichkeitsscheue Comiczeichner „Tom Thanatar“ gibt in seinen skurrilen und makaberen Werken offensichtlich auch versteckte Hinweise auf den Mord an einem Mädchen aus Verchow, dessen Name mit dem Buchstaben C. beginnt. Leas Sohn David hat zufällig eine Tom-Thanatar-Expertin an der Hand: die Schülerin Maja. Sie kennt dessen Arbeiten in- und auswendig, doch auch sie weiß nicht, wie der Künstler wirklich heißt und wie man ihn erreicht. Auch sein Verlag erweist sich diesbezüglich als nicht sehr hilfreich. Irgendwas weiß dieser Zeichner über den Fall, aber Lea kommt einfach nicht an ihn heran.

Vielleicht führt ja die „Geistererscheinung“ selbst sie zum Ziel. Lea legt sich auf die Lauer und sieht eines Abends tatsächlich das „weiße Mädchen“: einen hell geschminkten Menschen in schwarzer Kleidung. Sie folgt der Gestalt und verliert sie bei einem verfallenen Haus im Wald aus den Augen. Ein Haus, das verblüffend der Ruine in einem von Tom Thanatars Comic-Alben gleicht.

Ob es wohl im Gutshaus der Herforths noch Hinweise auf die Familie gibt? Doch nur Marias Katzen sind noch da, beziehungsweise, deren Nachkommen. Und eine kontaktscheue, offenbar gehörlose Hausmeisterin. Ob die angebliche Hausmeisterin in Wahrheit Christine Herforth ist? Vom Alter her könnte es passen. Und einen Beweis für Christines Tod gibt es ja nicht, sie ist lediglich verschwunden.

Hausmeisterin hin oder her – Lea will in das Herforth-Haus und steigt nachts heimlich ins Gebäude ein. Die Hausmeisterin erweist sich als ganz und gar nicht gehörlos. Und das ist beileibe nicht die einzige Überraschung, die Lea bei ihrem Einbruch erlebt! Sie kann gerade noch Christines Tagebuch einstecken und schafft es mit knapper Not, unbemerkt wieder zu verschwinden.

Dieses Tagebuch wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Und es ist ein faszinierendes Kunstwerk: Es besteht fast nur aus Comic-Panels ohne Sprechblasen. So hat die Tochter des Kunstmalers ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes aufgezeichnet. Und was das Unheimliche daran ist: Der Stil gleicht stark dem Tom Thanatars. Ist Christine „Tom“?

Ohne es zu wissen, liefert Leas Urlaubsliebe, Kai Zirner, einen entscheidenden Hinweis auf die wahren Zusammenhänge. Und das erweist sich für Lea als brandgefährlich …

Ja, gut: Die Geschichte ist schon sehr konstruiert. Aber sie funktioniert wie ein kompliziertes Rätsel, und man zerbricht sich gerne mit Lea den Kopf darüber, wie ein verschwundener Teenager, eine eigenbrötlerische Hausmeisterin, ein paar aufgescheuchte Dörfler und ein menschenscheuer Comiczeichner miteinander in Beziehung stehen. Je näher die Journalistin der Wahrheit kommt, desto mehr Sinn ergibt der zunächst mysteriöse Prolog. Und man ahnt, dass das für Lea übel enden kann.

Arme Schweine sind hier alle … die Täter wie die Opfer. Und mach eine( r ) ist Täter und Opfer zugleich. Der eine rennt aus Ehrgeiz in sein Unglück, der andere aus Frustration, Einsamkeit oder Geltungsbedürfnis. Und irgendwann werden aus vielen kleinen persönlichen Katastrophen eine riesengroße.

Jetzt wäre noch interessant gewesen, was aus Leas verschwundener Jugendfreundin geworden ist. Doch diesen Fall hier auch noch zu lösen, das wäre zuviel des Guten gewesen. Entweder bleibt Iris’ Schicksal für Lea und den Leser auf ewig ein Geheimnis, oder es wird in einem späteren Band geklärt. Falls die Journalistin nach diesem Fall nicht schon die Nase voll hat von eigenmächtigen Recherchen.

Eigentlich ist es ungewöhnlich, dass ein männlicher Autor einen Roman aus der Sicht einer weiblichen Hauptperson schildert. Andreas Laudan macht das so überzeugend, dass man sich als Leserin mühelos mit Lea identifizieren kann und nicht ständig innerlich mault: „Also, nee, so denkt und handelt doch keine Frau!“ Lea Petersen darf also gern auch weiterhin über mysteriöse Hinweise und ungeklärte Kriminalfälle stolpern und uns dabei miträtseln lassen.

Der Autor
Andreas Laudan, geboren 1967 in Lüneburg, ist promovierter Musikwissenschaftler und lebt heute als freier Schriftsteller in der Nähe von Hamburg. Unter anderem Namen veröffentlicht er historische Romane.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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