Paul Grote: Ein Riesling zum Abschied – Kriminalroman

Paul Grote: Ein Riesling zum Abschied – Mord im Rheingau – Kriminalroman, München 2011, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-423-21319-6, 381 Seiten, Softcover, Format: 19 x 12 x 2,4 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A).

„(…) Wenn er zu ihrem Tod gehörte, dann auch zu ihrem Leben. Sie selbst, Frau Breitenbach, haben gesagt, dass man am Leben des Opfers erkennt, warum es getötet wurde und wer der Täter war.“ (Seite 175)

Freunde der Krimis von Paul Grote kennen die zwei Herren, die sich eigentlich um ihren Wein kümmern sollten, aber aufgrund ihrer Neugier und ihres Gerechtigkeitssinns in einen Kriminalfall schlittern – und dabei hartnäckiger ermitteln als die Polizei:

Philipp Achenbach, Ende 50, ehemaliger Einkäufer für einen Kölner Weinimporteur, betreibt jetzt zusammen mit seinem Sohn Thomas ein Weingut in der Pfalz. Thomas, Mitte 20, hat sein BWL-Studium abgebrochen, genauso wie seine Winzerlehre, und studiert nun Weinbau an der Hochschule in Geisenheim. Er wohnt in einer Studenten-WG mit der burschikosen Winzerstochter Regine Kirchner und mit Manuel Stern, der aus einer ebenso wohlhabenden wie lieblosen Familie stammt.

Und dieser Manuel sitzt nun tief in der Tinte. Seine Freundin Alexandra Lehmann, eine Studentin der Internationalen Weinwirtschaft, wurde erschlagen in ihrer Wohnung aufgefunden. Dumm nur, dass sein Auto am Tatabend vor ihrer Haustür gesehen wurde und dass das Paar einen vernehmlichen Streit hatte. Damit ist er der Hauptverdächtige und landet alsbald in Untersuchungshaft.

Thomas Achenbach hielt Alexandra vom ersten Moment an für eine hohle Nuss auf Stöckelschuhen und für ein falsches Luder, das nur hinter Manuels Geld her war. Er glaubt fest an die Unschuld seines Kommilitonen. Doch Kriminalhauptkommissar Sechser hat jetzt seinen Täter und denkt gar nicht daran, noch in andere Richtungen zu ermitteln. Der Rechtsanwalt, den Manuels Vater widerwillig schickt, hält den jungen Mann sowieso für schuldig. Thomas ist klar: Er muss den wahren Mörder finden und damit Manuels Unschuld beweisen. Sonst tut es keiner.

Achenbachs wollen ihr Weingut auf Ökobetrieb umstellen. Die Umweltingenieurin Johanna Breitenbach, die an der Hochschule Energiemanagement und Umweltschutz lehrt, berät die beiden bei der Renovierung. Leser der Weinkrimi-Reihe kennen Johanna bereits aus dem Band VERSCHWÖRUNG BEIM HEURIGEN*. Sie lässt sich von Thomas’ Zweifeln an Manuel Sterns Schuld anstecken und beginnt, sich unter den Dozenten umzuhören. Denn merkwürdig ist das schon: Alexandra Lehmann bewohnte eine Wohnung, die sie sich nie hätte leisten können, pflegte anscheinend ein teures Hobby und hatte offensichtlich Kontakte, die alles tun würden, um im Verborgenen zu bleiben. Und dann ist da noch die Frage, woher die Weinflasche stammt, die auf einmal in der WG auftaucht und die keiner der Bewohner mitgebracht haben will. Genau diesen Wein soll Alexandra kurz vor ihrem Tod getrunken haben.

Bei Achenbachs fällt der Apfel nicht weit vom Stamm, und so ermittelt der junge genauso wie der alte: Stur und hartnäckig verbeißt er sich in den Fall, fragt herum und spannt Freunde und Bekannte für seine Recherchen ein. Wenn die Situation es erfordert, greift er auch gern zu unkonventionellen Methoden. Er ist ja kein Polizist.

Mit inkompetenten Schwätzern sowie hab- und machtgierigen Zeitgenossen hat der Sohn so wenig Geduld wie der Vater. Und er hält auch genauso wenig mit seiner Meinung hinterm Berg. Thomas ist womöglich noch direkter und ungestümer als sein alter Herr und tritt bei seinen Nachforschungen manch einem Mitmenschen kräftig auf die Zehen.

Dozentin Johanna Breitenbach geht da deutlich subtiler vor. Sie gibt sich angemessen beeindruckt vom Fachwissen ihrer männlichen Kollegen und lässt sie einfach reden … was zu interessanten Erkenntnissen führt. Einen entscheidenden Hinweis bekommt sie allerdings, als sie überhaupt nicht damit rechnet: bei einem Geschäftstermin im französischen Rhônetal.

Auch wenn die Achenbachs und ihre Freunde noch keine Ahnung haben, wie all das zusammenhängt, was sie in Erfahrung gebracht haben, werden ein paar Leute schon nervös. Thomas erhält eine deutliche Warnung. Johanna versucht man mit Rufmord einzuschüchtern. Doch die Achenbachs sind wie die Terrier, sie lassen nicht los. Und auch Johanna Breitenbach kann verflixt zäh sein. Zusammen sind sie wild entschlossen, Manuel Stern aus dem Knast herauszupauken. Auch wenn sie sich dafür wieder einmal mit sehr einflussreichen Leuten anlegen müssen …

Paul Grote webt den Ort der Handlung, die Hochschule Geisenheim samt Umgebung, so intensiv in seine Krimihandlung ein, dass die Studenten jetzt vielleicht wirklich über die Schulter schauen und sich fragen, wer hier alles in dubiose Machenschaften verstrickt ist. Es ist immer ein besonderes Vergnügen, wenn einem der Autor die literarischen Leichen vor die Haustür legt und die Romanfiguren sich durch Orte bewegen, an denen man jeden Stein und jedes Graffito kennt. Doch auch der ortsfremde Durchschnittsleser, der „nur“ eine Vorliebe für Krimis, Wein und etwas sperrige Helden hat, kommt hier auf seine Kosten.

Kaum drin im Geschehen, will man als Leser wissen, ob Thomas Achenbach mit seiner einsamen Unschuldsvermutung richtig liegt oder ob er nur nicht wahrhaben will, dass sein Kumpel die zickige Freundin erschlagen hat. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr bangt man mit den Amateurermittlern, die in den Geheimnissen von Leuten einer ganz anderen Liga herumwühlen.

Während man der Krimi-Handlung folgt, erfährt man nebenbei noch Interessantes zum Weinbau, insbesondere unter dem Aspekt der Ökologie. Wer keinerlei Affinität zum Wein hat, für den hat das Buch sicherlich Längen – aber warum sollte so jemand auch ausgerechnet einen Wein-Krimi lesen?

Interessant und amüsant sind in Paul Grotes Romanen stets die Personen. Die kantig-grantigen Achenbachs, bei denen sich alles um den Wein dreht, diskutieren sich gerne in Rage und haben keinerlei Hemmungen, plakative und nur bedingt politisch korrekte Meinungen zu Regierung, Wirtschaft und diversen Zeitgenossen zu äußern. Der Leser freut sich und der Autor kann schulterzuckend sagen: „Ich war’s nicht – das war mein Romanheld!“

Klasse ist der personelle Neuzugang, Thomas’ WG-Mitbewohnerin Regine. Engagiert, clever, ein bisschen rustikal und meilenweit weg vom Luder- und Zickenklischee, dem das Mordopfer und seine Freundinnen so perfekt entsprechen.

Umweltingenieurin Johanna Breitenbach ist nicht unbedingt ein Sympathieträger – irgendwie hat die Frau die Dauerkrise. Im Band VERSCHWÖRUNG BEIM HEURIGEN haderte sie mit ihrer Ehe und ihrer Karriere, und an diesen Problemen knabbert sie hier immer noch. Aber manchmal ist das Leben eben so.

Nebensächlich aber auffallend: Mütter kommen in den Krimis des Autors öfter mal schlecht weg. Zumindest in denen, die die Rezensentin bis jetzt gelesen hat. Thomas Achenbach hat zu seiner Mutter seit seiner Einschulung keinen Kontakt mehr, Manuel Stern geht es ähnlich, und auch Regine Kirchner erfährt von ihrer Mutter keine Unterstützung. Aber vielleicht ist dieses Urteil ja auch nicht repräsentativ und es gibt Bücher der Reihe, in denen eine Mutter wie eine Löwin für ihre Nachkommen kämpft.

Der Autor:
Paul Grote berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Seit 2003 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Gespür für Wein, sein Wissen und seine Erfahrungen spiegeln sich in allen seinen Krimis wider.

*) Paul Grote: VERSCHWÖRUNG BEIM HEURIGEN:

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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