Ingrid Holzmann: Diva in Nöten – Roman

Ingrid Holzmann: Diva in Nöten – Roman, Reutlingen 2011, Oertel + Spörer Verlag, ISBN 978-3-88627-962-3, Softcover, 285 Seiten, Format: 21,2 x 13,4 x 2,4 cm, EUR 14,90, SFr. 21,90.

„Die Wahrheit sprang mich wie ein giftiges Insekt an: Ich, Rose-Marie Bopp, 36, war nichts als ein mittelmäßiges schwäbisches Marilyn-Double, mit fast 5.000 Euro Schulden auf dem Konto. Mein bester Freund und meine beste Freundin hatten sich entnervt von mir abgewandt. Der Mann meiner Träume scherte sich keinen Deut um mich. Und er einzige, der sich um mich ‚kümmerte’, war ein perverses Phantom.“ (Seite 235)

Rose-Marie Belinda Bopp, Sachbuchredakteurin in einem Stuttgarter Verlag, derzeit Single, lebt in der schönen Universitätsstadt Tübingen. Obwohl sie in einem oberschwäbischen Dorf aufgewachsen ist, hat sie so gar nichts von den traditionellen Tugenden einer schwäbischen Hausfrau. Kochen, putzen, sparen oder gar an der Seite eines grundsoliden Ehemanns ein Häusle zu bauen und Kinder in die Welt zu setzen, das ist nicht ihr Ding. Da kann ihre Familie noch so jammern und predigen!

Obwohl … ein Mann wäre schon nicht schlecht! Es können auch gerne mehrere sein. Die kurvige Rose-Marie ist ein Genussmensch, liebt die Abwechslung und möchte von allem viel. „Ich will kein ‚normales Leben“, versucht sie ihrem Bruder Thomas zu erklären. „Ich will Abenteuer, Spannung, Aufregung. Ich will, dass in meinem Leben etwas Besonderes passiert und meine Vision von der Gesangskarriere Wirklichkeit wird. Das will ich.“ (Seite 54) Aber Musterknabe Thomas kapiert’s nicht. Was auch nicht anders zu erwarten war.

Das einzige Familienmitglied, das Verständnis für Rose-Maries Träume hat, ist ihre unkonventionelle und jung gebliebene Tante Jo. Sie ist es auch, die Rose-Marie zu einer Veranstaltung mitschleppt, bei der Karaoke gesungen wird. Ein Abend, der Rose-Maries Leben nachhaltig verändert. Sie erntet stürmischen Applaus für ihren Auftritt und lernt den Pianisten Paul Müller kennen.

Indirekt beschert ihr der Karaoke-Wettbewerb auch den Kontakt mit der Künstler-Agentur STARLIGHT – und die Bekanntschaft mit Valentin Harms, der im Musical TANZ DER VAMPIRE als Graf Krolock auftritt. Lieber Himmel, was für ein Mann! Valentin wird Rose-Maries Liebhaber, Gottlieb Vater von der Agentur STARLIGHT ihr Agent und Pianist Paul Müller ihr musikalischer Partner auf der Bühne.

Es ist ein hartes Stück Arbeit, bis das Bühnenprogramm „Marilyn meets Jazz“ steht. Musikalisch und optisch soll Rose-Marie sich dafür in Marilyn Monroe verwandeln. Dafür muss sie sich künstlerisch mit Pianist Paul zusammenraufen und auch noch deutlich abnehmen. Fasten und Fitnessstudio – eine Folter für die Genießerin! Wenn die Natur gewollt hätte, dass wir mit 35 noch so schlank sind wie mit 15, hätte sie dafür gesorgt, dass Diäten Spaß machen. Hat sie aber nicht! So!

Immerhin inspiriert das leidige Thema „Gewicht“ unsere Heldin zu einem neuen Sachbuch-Konzept: „GENIESSEN MACHT SCHÖN! Das Anti-Diät-Buch für alle, die nie wieder fasten wollen“. Rose-Maries biestige und klapperdürre Kollegin Tamara findet das blöd. Doch weil sogar der mäkelige Chef von der Idee begeistert ist, wird sie umgesetzt. Das findet Tamara jetzt noch viel blöder.

Die Befindlichkeiten zickiger Arbeitskolleginnen genießen bei Rose-Marie derzeit jedoch keine hohe Priorität. Zu viel ist gerade in ihrem Leben los: Sie feiert als Sängerin Erfolge und sie hat ihren erfahrenen und phantasievollen Lover Valentin – auch wenn dieser manchmal sehr unverbindlich wirkt. Da kann sie sogar die peinlichen Versuche ihrer Familie, sie mit dem kreuzbraven Metzger Bernd zu verkuppeln, mit Humor nehmen.

Glück, Erfolg und eine gewisse Prominenz ziehen allerdings auch gestörte Persönlichkeiten an: Rose-Marie sieht sich von einem unheimlichen Stalker verfolgt, der sie mit seinen Drohbriefen zunehmend in Panik versetzt. Die Polizei nimmt die Vorfälle nicht ernst. Kann Pianist Paul unserer Diva im Kampf gegen den Stalker beistehen? Schließlich ist er doch ihr treuer und zuverlässiger bester Freund. Oder …?

Bis Rose-Marie hinter sämtliche Masken blickt und Freund und Feind erkennt, gibt es noch so manche Überraschung. Und auf einmal sieht sie ganz deutlich, welcher Weg für sie der richtige ist …

Wir können nur hoffen, dass Rose-Marie vor lauter Liebes- und Karriereturbulenzen noch genügend Zeit findet, die Ratgeber, die sie für den Verlag konzipiert hat, auch zur Druckreife zu bringen. Die würden wir nämlich gerne lesen! Allein das Anti-Diät-Buch wäre eine Offenbarung für uns Frauen!

Der Roman ist mehr als die streckenweise saukomische Selbstfindungsgeschichte einer lebenslustigen schwäbischen Mittdreißigerin. Es hat was nachgerade Philosophisches: Gibt es ein Richtig und ein Falsch bei Lebensentwürfen? Muss man sich tatsächlich rechtfertigen, wenn man sich, wie Rose-Marie, „ein Leben wünscht, so üppig wie eine Verdi-Oper und so abenteuerlich wie ein Indiana-Jones-Film“ (Seite 10), wenn man ein wildes Künstlerdasein einem sicheren aber langweiligen Alltag vorzieht? Ist ein möglichst flaches, unaufgeregtes Gefühlsleben womöglich besser als Rose-Maries himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt? Und bringt es etwas, zur Sicherheitsfraktion überzulaufen, wenn einem das freie Künstlerleben zu anstrengend wird? Oder verleugnet man sich damit nur selbst und macht sich unglücklich? Rose-Marie macht sich ihre Gedanken – und bringt die LeserInnen ebenfalls ins Grübeln.

Zu denken gibt auch die Erkenntnis, dass offenbar jede noch so tolle Frau immer wieder von starken Selbstzweifeln geplagt wird. Das ist ein schwerer Fehler in unserem System. Kann den bitte mal jemand beheben? Ja? Danke!

Man muss sich weder in Tübingen noch in Stuttgart auskennen, um der Geschichte folgen zu können. Aber wie immer bei Romanen mit Lokalkolorit haben LeserInnen einen besonderen Bezug zu Ereignissen, die vor ihrer eigenen Haustür stattfinden.

Schwäbisch sollte man allerdings schon ein bissle verstehen, sonst entgehen einem z.B. die Kommentare von Hausmeister Eisele. Auf Rose-Maries Gesangsübungen reagiert er gereizt: „Sie – des isch Ruheschtörung!!! No oi Lied – ond I hol d’ Bolezei! Des isch doch a Zumutung! Bei Ihrem Gschroi do verrecket jo no älle Henna.“ (Seite 11). Ohne Schwäbischkenntnisse würde man auch nicht verstehen, warum Rosemarie tatsächlich eine Ehe mit Metzger Bernd erwägt, als er in einem Landgasthof zu ihr sagt: „Du gfällscht mir echt voll, Rosi. I kann’s nemlich net leida, wenn oine nur so im Essa rumpickt wie a Henn. I mag’s, wenn oine neihaut wie an Maurer.“ (Seite 243)

Zu den Risiken und Nebenwirkungen dieses Romans gehört nicht nur, dass man eventuell über das Leben nachdenkt, sondern auch, dass man dann und wann laut losprustet. Wem das peinlich ist, sollte die DIVA IN NÖTEN nicht gerade in der Bahn lesen. Andererseits … Rose-Marie Bopp wäre es garantiert egal, was die Leute denken. Sie würde hemmungslos lachen. Und es wird garantiert nichts Schreckliches passieren, wenn wir das ebenfalls tun.

Die Autorin:
Ingrid Holzmann hat in Tübingen und Stuttgart Germanistik, Geographie und Werbung studiert. Sie arbeitet als selbstständige Werbetexterin und ist nebenbei Chansonsängerin im Frauen-Musikduo „Flair des Roses“. Mit ihrem Mann lebt sie in Tübingen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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