Petra Busch: Mein wirst du bleiben – Kriminalroman

Petra Busch: Mein wirst du bleiben – Kriminalroman; München 2011, Knaur Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3426507926, 444 Seiten, Softcover, Format: 18,8 x 12,4 x 3,2 cm, EUR 9,99 (D), EUR 10,30 (A).

„Geh mit, hat die Verzweiflung in mir gesagt, das ist deine Chance. Und die Vernunft hat entgegengehalten: Fahr zurück, da stimmt etwas nicht. Es muss eine Ewigkeit vergangen sein, in der ich da im Regen gestanden habe (…). (Seite 435)

* * *

Freiburg, an einem heißen Tag im Juli: Der zurückgezogen lebende Frührentner Martin Gärtner, 57, wird tot in seiner Wohnung aufgefunden. Gestorben ist er an einem anaphylaktischen Schock. Jemand hatte ihm eine Substanz in die Milch geschüttet, gegen die er stark allergisch war. Nur wer? Und warum? Der Mann war so unauffällig, dass die Nachbarn ihn kaum wahrgenommen haben. Ja, er hat da gewohnt, ja man hat sich gegrüßt. Aber sie wissen nichts über ihn. Nicht einmal die neugierige Hausmeisterin Britta Zenker kann mit Informationen aufwarten.

Hauptkommissar Moritz Ehrlinspiel und seine Kollegen stehen vor einem Rätsel. Das einzige, was die Ermittlungen ergeben, ist, dass Gärtner vor 12 Jahren in einen Unfall mit Todesfolge verwickelt war. Hätten die Angehörigen des Unfallopfers sich an ihm rächen wollen, hätten sie es dann nicht längst getan? Aber weiß man’s?

Da der Mörder meist aus dem sozialen Nahraum des Opfers kommt, wird Gärtners Umfeld unter die Lupe genommen. Familie hatte er keine, Kollegen und Freunde auch nicht. Bleibt die Nachbarschaft. Und da tummeln sich schon ein paar schräge Gestalten. Angefangen bei der Hausmeisterin Britta Zenker, die die Polizisten wegen ihrer ungepflegten Frisur respektlos „Filzmaus“ taufen. Das Leben der Witwe ist so ereignislos, dass sie sich brennend für das der anderen interessiert. Sie findet auch nichts dabei, in Abwesenheit der Hausbewohner in deren Wohnungen herumzuschnüffeln.

Dorn im Auge ist der „Filzmaus“ vor allem ein Studentenpärchen mit Kind. Der Mann stammt irgendwo aus dem Nahen Osten, der ist bestimmt ein Terrorist! Und Miriam Roth, eine Putzfrau in den Dreißigern, die schon mal bessere Tage gesehen hat, spielt immer so laut Klavier und singt. Und rennt andauernd in die Kirche. Das ist irgendwie auch nicht normal, oder? Deren Mutter Thea sieht ja noch ganz gut aus für ihre 55 Jahre, hat aber immer noch unter den Folgen eines schweren Unfalls zu leiden. Zwei Jahre lag sie im Koma, man stelle sich das mal vor! Jetzt hat sie Gedächtnisprobleme und manchmal solche Aussetzer. Aber sie kümmert sich rührend um die alte Frau Wimmer, die ganz schlecht zu Fuß ist und bringt sie jede Woche zum Hausarzt, zu Dr. Wittke. Seine Praxis ist gleich um die Ecke …

Klatsch und Tratsch und der ganz normale Mietshauswahnsinn, denken sich die Polizeibeamten. Ist es auch. Aber sie wissen eben nicht alles, was in der Nachbarschaft vorgeht.

Thea Roth kann sich tatsächlich nicht an ihr Leben vor ihrem Unfall erinnern. Oder nur sehr selektiv. Dass sie schwer misshandelt worden ist, das weiß sie noch. Ihre Narben rühren nicht von dem Unfall her. Hat ihr Mann ihr das angetan? Miriam Roth jedenfalls spricht nicht gut über ihren Vater. Herzlos sei er gewesen. Und sie sei froh, dass er nicht mehr am Leben sei.

Und noch jemand in der näheren Umgebung hat Gewalterfahrung und Angst: Gabriele Hofmann, die Medizinische Fachangestellte aus der Praxis von Dr. Wittke, hat Alpträume von ihrem Ex-Mann Harald. Sie fühlt sich verfolgt und beobachtet. Das passiert nicht nur in ihrem Kopf! Wir als Leser erfahren, dass tatsächlich ein Mensch nächtens durch die Gegend schleicht, die Nachbarschaft beobachtet, fotografiert und dabei recht durchgeknallte (innere) Monologe führt.

Jetzt gehen die Spekulationen los – beim Leser genauso wie bei der Polizei. Wie viele gestörte Persönlichkeiten treiben hier eigentlich ihr Unwesen? Die jeweiligen Ex-Männer der misshandelten Frauen? Lebt Theas Mann also noch? Oder ist der Stalker jemand ganz anderer? So nach und nach hat man alle in Verdacht, vom Doktor über die ziemlich psychotisch wirkende Putzfrau bis hin zum Pfarrer.

Während Hauptkommissar Ehrlinspiel und sein Team in alle nur erdenklichen Richtungen ermitteln – und auch ein gerüttelt Maß an Energie mit Animositäten im Kollegenkreis verschwenden –, gibt es einen zweiten Todesfall in der Nachbarschaft: die alte Frau Wimmer. Und wieder keine natürliche Todesursache! Wer, um Himmels Willen, zieht hier durch die Gegend und bringt Rentner um?

Ist es da gut oder schlecht, dass sich die Journalistin Hanna Brock, eine Freundin Moritz Ehrlinspiels, auf eigene Faust in der Nachbarschaft der Mordopfer umhört? Gut vielleicht für die Polizei, weil sie mit ihren Fragen Aktionen provoziert und sich endlich etwas bewegt in dem Fall. Aber nicht so gut für Hanna selbst …

Nein, rasend actionreich ist dieser sorgfältig recherchierte Psychokrimi nicht. Der Leser wird nicht durch die Handlung gehetzt, sondern irrt – mit Vergnügen – durch ein Labyrinth falscher Fährten und versteckter Hinweise. Jede Nebenfigur ist sorgfältig charakterisiert, Pappkameraden gibt es nicht. Und so kann man nie ganz sicher sein, ob nicht eine der Randfiguren für den Fall von besonderer Bedeutung ist.

Zur Hektik neigende Leser werden vielleicht versucht sein, wild zurückzublättern auf der Suche nach überlesenen Textpassagen, die einen aus Phasen temporärer Verwirrung führen könnten. Das kann man bleiben lassen. Das mit der Verwirrung, das gehört so. 😉 Am Schluss klärt sich alles auf. Versprochen!

Der Showdown findet an einem ungewöhnlichen Ort statt und ist wirklich gruselig. Eine Szene, die wie ein Film vor einem abläuft – in Bild und Ton. Nicht eklig oder widerlich, sondern fremdartig und gänsehauterzeugend beängstigend.

Ein Dankeschön an die Autorin für den Kommissar, der nicht zu den Klischeefiguren des Genres gehört! Weder ist er deprimiert noch einsam in der Midlife-Crises. Aber mit seiner Hanna Brock, da könnte er so langsam in die Puschen kommen. Sie will, er will, aber so recht wird das nix mit den beiden.

Für die Tierfreunde unter den Lesern: Hier kümmert sich endlich mal jemand um die armen Viecher der Opfer! Das machen sonst nur Inspector Columbo und Lena Odenthal. Moritz Ehrlinspiels zwei Siamkater sind das „Erbe“ eines Mordopfers aus einem früheren Fall. Und der Hund des ermordeten Frührentners findet beim Kriminaltechniker Lukas Felber ein neues Zuhause. Eine Nebensache, zugegeben … aber ein sympathischer Zug.

Die Autorin:
Petra Busch, geboren 1967 in Meersburg, arbeitet als freie Texterin und Journalistin für internationale Kunden aus Wissenschaft, Technik und Kultur. Sie studierte Mathematik, Informatik, Literaturgeschichte und Musikwissenschaften und promovierte in Mediävistik. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihren Kriminalroman „Schweig still, mein Kind“ erhielt sie den renommierten Friedrich-Glauser-Preis für das beste Debüt des Jahres 2010. Sie lebt im Nordschwarzwald.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.