Ungenannter Autor: Waschbären – Kleine Banditen mit Maske

Ungenannter Autor: Waschbären – Kleine Banditen mit Maske, Melsungen 2011, Verlag J. Neumann-Neudamm, ISBN 978-3-7888-1381-9, Hardcover, 96 Seiten, zahlreiche großformatige farbige Abbildungen, Format: 31,2 x 22,8 x 1,2 cm, EUR 10,–.

Kleinbären mit Migrationshintergrund
Ursprünglich stammen die Waschbären aus Amerika, wo sie von Südkanada bis Mexiko in den Wäldern leben. Wegen ihres dichten, wärmenden Pelzes waren sie von jeher eine begehrte Jagdbeute, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kam, die Kleinbären in Pelztierfarmen zu züchten. 1920 wurde diese Idee auch in Deutschland aufgegriffen. So kamen die „Bärchen mit Migrationshintergrund“ zu uns.

Im April 1934 entließ der Forstmeister der Revierförsterei Asel im Forstamt Vöhl zwei Waschbärenpärchen in die Freiheit und legte damit den Grundstock für die Population wild lebender Waschbären am hessischen Edersee. Man war damals einfach interessiert daran, wie sich die Tiere, die man bis dato nur in Gefangenschaft kannte, in der freien Natur verhalten und einleben würden. Dass tierische Zuwanderer (Neozoen) in einer fremden Umgebung auch allerhand Probleme verursachen können, hat man damals nicht hinreichend bedacht.

Auch in anderen Gegenden Deutschlands wurde Waschbären ausgewildert oder entkamen aus Pelztierfarmen – geschickt und findig genug sind sie ja – und sie fühlten sich in ihrer neuen Heimat überwiegend wohl. Die in Europa heimischen Tierarten dürften von den geschickt kletternden Zuwanderern weniger begeistert sein, denn vor seinem Eintreffen gab es bei uns kein Tier mit seinen Fähigkeiten. Keines unserer europäischen Tiere, die auf seinem Speiseplan stehen, hatte die Chance, Verteidigungsstrategien gegen die Übergriffe des Waschbären zu entwickeln. Sie sind ihm auf der ganzen Linie unterlegen.

Rot: Ursprüngliches Verbreitungsgebiet
Blau: Eingeschleppt *)

Der Waschbär als Kulturfolger
Zur Plage wird der Waschbär auch bei seiner Wohnungssuche. Mehr noch als im weitläufigen Amerika ist er im dicht besiedelten Europa zum Kulturfolger geworden und haust nicht mehr nur in Baum- und Erdhöhlen, Wurzeltellern und Scheunen, sondern auch auf Dachböden bewohnter Häuser.

Jetzt könnte man sich natürlich sagen: „Meinetwegen sollen sie tagsüber dort oben pennen. Nachts, wenn wir schlafen, sind sie sowieso unterwegs und jagen.“ Doch so einfach ist das nicht. Abgesehen davon, dass die neugierige und fingerfertige Bärenbande alles untersucht, auseinandernimmt und zudem noch versucht, im Haus neue Durchgänge zu graben, bringt sie auch allerhand Ungeziefer ins Haus. Und stubenrein sind die Wildtiere auch nicht. Spätestens, wenn es in der „Bärenhöhle“ unterm Dach nach Fäkalien zu müffeln beginnt, ist Schluss mit lustig, und der Mensch muss zusehen, wie er seine tierischen Untermieter wieder los wird.

Dass die kleinen Schlauberger schnell herausgefunden haben wie man in Dörfern und Städten zu Nahrung kommt, sprich: Komposthaufen, Müllhalden und Mülltonnen plündert, ist kein großes Wunder. Dass die Tiere intelligent und anpassungsfähig sind, zeigt sich immer wieder.

Tolle Fotos und Waschbär-Grundwissen
Neben den Waschbär-Umtrieben in menschlichen Siedlungen und Behausungen, behandelt das Buch auch das Leben der Kleinbären in deren natürlichen Umgebung: im Wald. Zunächst einmal erfahren, wir, welchem Missverständnis er seinen deutschen Namen verdankt. Ein „Steckbrief“ beschreibt uns den Waschrären von den Spürhaaren an der Oberlippe bis zur Spitze seines buschigen, geringelten Schwanzes. Und auch, wenn wir die Tiere nur mit gräulich-bräunlichem Fell kennen: rothaarige gibt es ebenfalls. Beweisfotos befinden sich im Buch. So ganz ohne ihre schwarze Panzerknacker-Gesichtsmaske würde man als Laie die roten nicht auf den ersten Blick als Waschbären identifizieren.

In Wort und Bild erfahren wir außerdem Interessantes und Wissenswertes über das Familienleben der Waschbären, über Nahrungssuche und Winterruhe und darüber, unter welchen Voraussetzungen sich diese possierlichen Genossen als Haustiere eignen. So viel sei verraten: Es ist schwierig! Und als Wildtier fühlt sich der Waschbär sicher auch in Freiheit am wohlsten. Ihn im Haus oder in einem Gehege halten zu wollen, ist keine so gute Idee. Da ist es besser, man schaut sich die großformatigen Fotos in dem Buch an. So nahe kommt man den Waschbären sonst nie. Wenn man sie als „Untermieter“ hat, sieht man hauptsächlich ihre Hinterlassenschaften und weniger die Kerlchen selber. In den Wäldern ist es ähnlich: Weder die Spaziergänger noch die Jäger bekommen den Waschbären leicht zu Gesicht.

Auch wenn in einem Bildband naturgemäß die eindrucksvollen und staunenswerten Fotos überwiegen und der Text eher spärlich ausfällt, erfährt man hier doch allerhand Faszinierendes über den tierischen Neubürger. Wer wirklich detaillierte Informationen über Waschbären haben will, sollte allerdings zu einem Sachbuch greifen. Hier gibt’s tolle Aufnahmen – und einen Waschbär-Grundkurs.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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*) The map above shows the worldwide range of the raccoon, the native range is red, the introduced range is blue. The distribution in North America is based on the map on page 80 in the book “Raccoons: A Natural History” by Samuel I. Zeveloff. The distribution in Europe is based on the map in the article “Procyon lotor” by Marten Winter (DAISIE). The distribution in Japan is based on the map in the article “Present Status of Invasive Alien Raccoon and its Impact in Japan” by Tohru Ikeda et al. The distribution in the Caucasus region is based on the map on page 12 in the book “Der Waschbär” (“The Raccoon”) by Ulf Hohmann. Edit on 6 December 2008: Nova Scotia is once again red according to [1]. Quelle: Image:BlankMap-World-USA-Can-UK-Aus-Mex.PNG. Urheber: Image:Raccoon-range.png: Novil Ariandis (talk). Image:BlankMap-World-USA-Can-UK-Aus-Mex.PNG: Roke (talk). Diese Datei ist unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert. Dieses Werk darf von dir verbreitet werden – vervielfältigt, verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden, neu zusammengestellt werden – abgewandelt und bearbeitet werden zu den folgenden Bedingungen: Namensnennung – Du musst den Namen des Autors/Rechteinhabers in der von ihm festgelegten Weise nennen (aber nicht so, dass es so aussieht, als würde er dich oder deine Verwendung des Werks unterstützen). Weitergabe unter gleichen Bedingungen – Wenn du das lizenzierte Werk bzw. den lizenzierten Inhalt bearbeitest, abwandelst oder in anderer Weise erkennbar als Grundlage für eigenes Schaffen verwendest, darfst du die daraufhin neu entstandenen Werke bzw. Inhalte nur unter Verwendung von Lizenzbedingungen weitergeben, die mit denen dieses Lizenzvertrages identisch, vergleichbar oder kompatibel sind.

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