Jenny Valentine: Das zweite Leben des Cassiel Roadnight, Jugendbuch, ab 14

Jenny Valentine: Das zweite Leben des Cassiel Roadnight, Roman; OT: The Double Life of Cassiel Roadnight; aus dem Englischen von Klaus Fritz; München 2011; dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, Reihe Hanser; ISBN 978-3-423-24883-9; Klappenbroschur; 237 Seiten; Format: 13,5 x 21 x 2,3 cm; EUR 12,90 (D), EUR 13,30 (A), SFr 18,90 (CH).

„Und wenn ich Cassiel Roadnight wäre, sagte der Gedanke, dann müsste ich nicht mehr ich sein, wer immer das war. (…) Ich versenkte mich in diesen Gedanken. Was hatte ich zu verlieren? Es gab Menschen, die nach Cassiel Roadnight suchten, aber das waren Menschen, denen er wichtig war. Er hatte seine Lieben. Er hatte sein Leben, in das ich ohne Weiteres eintreten konnte. Und was hatte ich?“ (Seite 14)

Der 16-jährige Chap ist in einer Londoner Notunterkunft für schwierige Kinder gelandet. Als ihn die Betreuer dort mit einem Suchplakat des seit zwei Jahren vermissten Cassiel Roadnight konfrontieren, ist er total von den Socken: Der Junge auf dem Bild sieht tatsächlich genauso aus wie er!

Nach kurzem Zögern ergreift Chap die Gelegenheit, die ihm hier auf einem silbernen Tablett serviert wird: die Chance auf ein Zuhause und eine Familie! Er selbst lebt in Heimen und auf der Straße, seit Großvater Hathaway, bei dem er aufgewachsen ist, vor sechs Jahren ins Pflegeheim kam und starb. Seine Eltern hat Chap nie kennen gelernt. Seine einzige Familie war der Opa, ein einsiedlerischer pensionierter Lehrer mit einem Alkoholproblem.

Der Jugendliche hat keine Papiere – und mittlerweile hat er auch Zweifel daran, dass „Chap“ sein richtiger Name ist. Es war wahrscheinlich nur ein Spitzname, den sein Großvater ihm verpasst hat. Das hat nie jemanden gestört. In der Schule war er nicht, weil Opa ihn unterrichtet hat. Und später, als er ins Kinderheim kam, war der Name „Chap“ den Offiziellen gut genug.

So eine richtig spießig-normale Familie erscheint dem jungen Mann als etwas ungeheuer Erstrebenswertes. Also „gibt er zu“, der verschwundene Cassiel Roadnight zu sein und lässt sich von dessen Angehörigen abholen.

Auf einmal hat er einen großen Bruder namens Frank — einen erfolgreichen und etwas schnöseligen Banker, von dessen Geld die ganze Familie lebt. Mutter Helen ist seit dem Unfalltod ihres Mannes schwer medikamentenabhängig und bekommt nicht viel mit von der Welt. Ihre Tochter Edie – Cassiels ältere Schwester – hat auf Beruf und Karriere verzichtet und kümmert sich um sie.

Die Familie sieht, was sie sehen will, und kommt gar nicht auf die Idee, dass der junge Mann, den sie da abgeholt hat, gar nicht der verschwundene Sohn und Bruder sein könnte. Trotzdem gleicht Chaps neues Leben einem Tanz auf rohen Eiern. Ein falsches Wort, und man könnte ihn als Betrüger entlarven und in hohem Bogen hinauswerfen. Also durchsucht er Cassiels Zimmer nach Hinweisen auf dessen Vorleben. Aber er kann nichts Persönliches finden. Die Familie hat all seinen Notizen und seinen privaten Kleinkram beim Umzug in das neue Haus entsorgt. Sogar Cassiels Computer wurde komplett plattgemacht. Oder hat Cassiel das vor seinem Verschwinden selbst getan?

Was ist überhaupt damals geschehen? Wie und wieso ist sein Doppelgänger verschwunden? „Schwester“ Edie deutet Spannungen zwischen Cassiel und Frank an. Aber wie soll Chap nach Details fragen, wenn alle davon ausgehen, dass er selbst das doch am besten wissen müsste?

Vollends in Panik verfällt Chap, als „Bruder“ Frank Reporter von der Lokalpresse anschleppt, die einen großen Artikel über den verlorenen Sohn in der Zeitung bringen. Mit Fotos. Was, wenn der richtige Cassiel den Artikel liest? Wird er nicht zurückkommen, um den Hochstapler, der sein Leben gestohlen hat, höchstpersönlich zum Teufel zu jagen? Das darf nicht passieren! Auch wenn dieses Leben eine stetige Gratwanderung ist, Chap hat sich schon viel zu sehr an sein neues zu Hause und „seine Familie“ gewöhnt.

Cassiels alten Kumpels geht er aus dem Weg. Er weiß ja nichts über ihre gemeinsame Vergangenheit. Dafür freundet er sich ein bisschen mit dem exzentrisch gekleideten Halbinder Floyd an, einem Außenseiter im Dorf, der sich nach Cassiels Verschwinden mit der Behauptung unbeliebt gemacht hat, der Junge sei ermordet worden. Nicht einmal die Polizei hat ihm geglaubt.

Diesem schrägen Vogel kann Chap nicht lange etwas vormachen. Zu viel weiß Floyd über Cassiels Probleme und Machenschaften. Chap kann nicht Cassiel sein. Das ist vollkommen unmöglich! Und es gibt noch einen Menschen in Chaps Umfeld, der sich darüber vollkommen im Klaren ist. Für diesen Menschen ist Chaps Anwesenheit Alibi und Gefahr zugleich. Vor allem sein Kontakt zu Floyd birgt ein großes Risiko. Wenn der falsche Cassiel und der verrückte Floyd ihre Informationen zusammenschmeißen, fliegt diesem honorigen Bürger sein kriminelles Lügengebäude mit Schmackes um die Ohren …

Spannend und beklemmend ist es, den Herumtreiber Chap in sein falsches neues Leben zu begleiten. Man fühlt und leidet mit ihm, wenn er ständig auf der Hut ist und Angst haben muss, seine neue, behütete Existenz durch eine unbedachte Äußerung wieder zu verlieren. Es ist eben nicht so einfach, ein fremdes Leben zu übernehmen, wenn man so gar nichts darüber weiß. Und dann muss er auch noch erkennen, dass selbst brave Durchschnittsfamilien ihre dunklen Geheimnisse haben können. Und dass es vermutlich besser gewesen wäre, er wäre ein Niemand auf der Straße geblieben.

Vielleicht hätte er sich mit einem erfundenen Gedächtnisverlust aus der Affäre ziehen können. Aber auf die Idee kommt er nicht. Er kommt überhaupt auf so manches Naheliegende nicht. Genau wie der Leser.

Mit einem Paralleluniversum hat die Geschichte von Chap und Cassiel nichts zu tun, auch wenn Chap dies mal kurz als Erklärung in Erwägung zieht. Mit Zufall schon eher. Aber eigentlich wäre es noch ein viel größerer Zufall gewesen, wenn sich die Wege der beiden Jungs nie gekreuzt hätten.

Die Sprache der Autorin Jenny Valentine ist bildhaft und poetisch. Und da die Geschichte aus der Sicht Chap Hathaways erzählt wird, ist seine Sprache es auch. Das ist jedoch extrem unglaubwürdig für einen, der sechs Jahre in Kinderheimen und auf der Straße verbracht hat. Auch wenn er in den ersten zehn Jahren seines Lebens bei einem belesenen und kultivierten Großvater aufgewachsen ist.

„Schau mich an. Ich wollte mich davon befreien, ich zu sein, mich von Chap, dem Gejagten, befreien, deshalb wurde ich Cassiel Roadnight, einer, der bereits gefangen war und im Gefängnis steckte. Ein Gemästeter und Angepflockter, ein mit Liebe Bedrängter.“ (Seite 112)

Nein, tut mir Leid, so denkt und spricht keiner, der Chaps bisheriges Leben geführt hat! Irgendwann akzeptiert man beim Lesen, dass die Sprache nicht zum Protagonisten passt. Man liest darüber hinweg, weil die Geschichte so interessant und spannend ist. Und weil man ahnt, dass sie mit einem prolligen und unreflektierten Helden, bei dem jedes zweite Wort „f*ck“ ist, gar nicht funktionieren würde.

Ob der Roman wirklich ein Happy End hat, ist Ansichtssache. Auf einen kitschigen Schluss hat die Autorin zum Glück verzichtet. Für manch einen Menschen in der Geschichte nimmt das Leben auf jeden Fall eine radikale Wende. Was sich daraus entwickelt, wird sich weisen.

Die Autorin
Jenny Valentine studierte Englische Literatur und arbeitet heute in einem Bio-Laden. Sie ist mit einem Sänger und Liedtexter verheiratet und hat zwei Kinder.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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