Hans Witteborg: Vom Ufer aus – Gedichte

Hans Witteborg: Vom Ufer aus – Gedichte, Berlin 2011, Dorante Edition/Engelsdorfer Verlag Leipzig, ISBN 978-3-86268-521-9, Softcover, 384 Seiten, Format: 14,6 x 20,6 x 2,2 cm, EUR 19,50.

Den Leserinnen und Lesern unserer Seite tiergeschichten.de muss man den „Hauspoeten“ Hans Witteborg nicht mehr groß vorstellen. Seine humorvoll-bissigen Tiergedichte und Fabeln, mit denen er dem Tun und Treiben des Homo sapiens gern einen Spiegel vorhält, sind seit längerem ein fester Bestandteil unseres Programms. Aber natürlich sind diese Texte nur ein kleiner Ausschnitt aus seinem dichterischen Schaffen. In seinem Buch VOM UFER AUS zeigt er eine größere thematische und emotionale Bandbreite.

Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung (Seite 5 – Seite 37)
„Glaub mir, so lang‘ wir uns kennen,
warst du stets mein Augenstern,
kann’s heute noch Liebe nennen,
nicht nur einfach ‚hab‘ dich gern‘!
(Aus: „Liebeserklärung“; Seite 35)

Hans Witteborg beherrscht also auch romantische Liebeserklärungen. Um junge Liebe geht es im ersten Teil des Buchs, aber auch um die gereifte Beziehung. Um heimliche und unerfüllte Liebe, um unerwiderte und enttäuschte Gefühle, um Liebe, die im Alltagstrott abhandenkommt, ums Verlassen, um Sehnsucht, Lust und Eifersucht. Und um Beziehungen, die leider gar nicht erst zustande kommen, weil sich keiner den anderen anzusprechen traut. Hier findet sich fast alles, was einem im Laufe des Lebens an Gefühlen und Erlebnissen ereilen kann.

Durch die Jahreszeiten/Natur (Seite 59 – Seite 131)
„Nein, Winter, deine listige Art,
die halt für andere parat!
Ich wart‘ derweil auf dein Finale.
Der Frühling setzt mir schon Signale.“
(Aus: „Getarnter Winter“, Seite 77)

Selten empfiehlt es sich, einen Gedichtband wie einen Roman hintereinanderweg zu lesen. Hier im „Naturteil“ kann man das tun, denn die Gedichte folgen einer Dramaturgie. Man reist mit dem Dichter durchs Jahr. Wir brechen auf im tiefen Winter, der den Menschen deprimiert und die Sehnsucht nach Sonne und Wärme übermächtig werden lässt. Irgendwann erwacht die Natur und den Menschen drängt’s ins Freie. Doch auch jetzt ist nicht alles nach seinem Geschmack: Mal ist es zu nass, dann wieder zu trocken. Und im Sommer klagt man über die Hitze, so wie man im Winter über die Kälte gejammert hat. Dann werden die Tage wieder kürzer, der Herbst mit seiner Erntezeit kommt, und der Mensch wird melancholisch. Im November hält ihn die Vorfreude auf das Weihnachtsfest aufrecht, das allerdings schon viel von seinem ursprünglichen Sinn eingebüßt hat. Schon ist es wieder kalt und düster und man sehnt sich nach Wärme und Licht …

Natürlich erschöpft sich dieses Kapitel nicht in der reinen Beobachtung. Der Lauf der Jahreszeiten ist so manches Mal eine Metapher für den Lauf eines Menschenlebens.

Gedanken, Nachdenkliches (Seite 133 – Seite 202)
„Als Kind, wenn man im Matsch gesuhlt
und richtig dreckig sich gemacht,
wurd‘ jene ‚Predigt‘ abgespult:
„Was hast du dir dabei gedacht?“
(Aus: „Was hast du dir dabei gedacht?“. Seite 174)

In diesem Kapitel macht sich der Hauspoet Gedanken um Gott und die Welt. Um Träume und Albträume, Glück und Unglück, Tugenden und Untugenden, Sein und Schein, laute und leise Töne, Glaube und Unglaube, um Wahrheit, Schönheit und Gleichgültigkeit, Kunst, Humor und Freiheit, Nationalstolz und unerfüllte Träume. Eine ungewöhnliche Sichtweise auf die berühmten „drei indischen Weisheiten“ findet man hier ebenso wie Lästerliches über die Esoterik.

Zeit und Wandel (Seite 203 – Seite 240)
„Die Zeit ist physikalisch relativ,
wer das nicht glaubt, wird es erfahren,
ganz langsam geht sie in den Jugendjahren
und erst im Alter wird sie sehr aktiv.“
(Aus: „Die Unberechenbare, Seite 210)

Dieses Kapitel ist der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewidmet, dem Lauf des Lebens. Vieles gibt es über das Thema Zeit zu sagen: über Hektik, Eile und Unruhe, über Vergänglichkeit und Ewigkeit, über Entwicklung, Fortschritt, Veränderung und Verfall, Anfang und Ende, über das Älterwerden, die Erinnerung, sich ändernde Zeiten, das subjektive Zeitempfinden – und über die Zeit, die man beispielsweise im Internet nutzlos verschwendet. Wie fast alles im Leben kann man auch die Zeit aus dem ernsten oder dem heiteren Blickwinkel betrachten.

Kritik und Zorn (Seite 241 bis Seite 282)
„Zorn, verkühlt zu kalter Wut,
frisst sich in die Seele ein.
Was man in diesem Zustand tut,
weiß der Teufel ganz allein.“
(Aus: „Zorn“, Seite 257)

Kritik und Zorn des Dichters treffen hauptsächlich den Umgang des Menschen mit seinen Artgenossen sowie mit der Tierwelt und der Natur. Schweinereien und Skandale sind hier genauso Thema wie Ungerechtigkeit und Desinteresse am Schicksal anderer. Es geht um Würde, Verantwortung, Respekt und um die Selbstzufriedenheit. Vom Verstand her leuchtet uns das ja alles ein. Nur das richtige Handeln fällt uns so schwer!

Endliches und Trauer (Seite 283 bis Seite 308)
„Wie ich, dem Tod geweiht ist jede Kreatur
Und kurz ist aller Lebensglück.
Auch kehren Tote niemals mehr zurück,
denn Auferstehung wäre wider die Natur.“
(Aus: „Machtlos“, Seite 291/292)

Ein Mensch, der sich über das Leben Gedanken macht, kommt auch um den Themenbereich Tod und Vergänglichkeit nicht herum. Als Skeptiker sind dem Verfasser religiöse Vorstellungen von Jenseits und Auferstehung kein Trost. Aus und vorbei ist es, wenn der Mensch die Augen schließt, und so ist es angeraten, die Zeit auf Erden möglichst intensiv und sinnvoll zu nutzen. Doch auch diesem ernsten Thema kann der Autor etwas Schwarzhumoriges abgewinnen („Zu früh der Herr“, Seite 288 oder „Umgang mit Gevatter Hein“, Seite 290).

Versöhnliches, Humor (Seite 311 bis Seite 339)
„Randbemerkung, Kurznotizen, Zettelwirtschaft überall –
Diagnose meiner Frau:
‚Wirklich hoffnungsloser Fall!‘“
(Aus: „Zettelwirtschaft“, Seite 313)

Freundlicherweise entlässt uns der Autor nicht mit deprimierenden Gedanken an den Tod, sondern schließt das Buch mit Versöhnlichem und Humorvollem ab: mit einer Reihe (selbst-)ironischer Alltagsbetrachtungen. Ob er seine ungeordnete Zettelwirtschaft aufs Korn nimmt, seine Schnarcherei oder seine vorgebliche Faulheit – der Leser schmunzelt und erkennt sich in so manchem wieder. Hans Witteborg beschreibt ein Blogger-Schicksal, macht sich über Bescheidenheit Gedanken, über Unkraut, schmutzige Schuhe, Hampelmänner und Hampelfrauen. Und er kann nicht verstehen, dass der Mensch nicht dazu stehen mag, wenn er mal eine falsche Wahl getroffen hat.

Erwischt! So sind wir eben.

Je nach Stimmungslage kann man sich aus dieser Gedichtesammlung Ernstes oder Heiteres heraussuchen. Dass die Gedichte thematisch sortiert sind, erhöht die Chance, dass man auch findet, was man sucht.

Zugegeben: Wenn man mit wissenschaftlicher Akribie an die Gedichte heranginge, fände man sicher Textstellen, die den Ansprüchen eines Gelehrten nicht genügten. Da werden schon mal zu Gunsten eines Reims die Synapsen zu Synopsen (Seite 135). Aber so liest der Durchschnittsverbraucher die Gedichte nicht. Der freut sich, wenn jemand etwas auf unterhaltsame und treffende Weise in Reim und Vers gegossen hat, was er nachvollziehen kann, weil er es aus eigener Anschauung kennt. Und das ist hier mit Sicherheit der Fall.

Ein „Test“ ist auch dabei: Ein Gedicht ist im Buch doppelt vorhanden (Seite 147 und Seite 260). Das wird womöglich nicht einmal der Autor wissen – und so schnell auch niemand bemerken. Denn normalerweise liest man in einem Gedichtband hier und da etwas und arbeitet ihn nicht von vorne bis hinten durch. So etwas machen nur Rezensenten …

Der Autor
Hans Witteborg, Dipl. Betriebswirt i.R., geboren 1940 in Bielefeld, verheiratet, ein Sohn, schreibt seit 2006 Gedichte und Kurzgeschichten. Seit 1989 lebt er mit seiner Frau im Kreis Soest.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.