Das Meer-Prinzip – Entlassungswellen und Fischfilet

Wer gerne Geschichten schreibt, kennt sie mit Sicherheit: die Literaturwettbewerbe der Zeitschriften und Verlage. Vor ein paar Jahren hat ein Frauenmagazin einen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum Thema „Das Meer-Prinzip“ ausgelobt. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Themenstellung nach Strich und Faden zu verulken und durchzukalauern – und den Text dann tatsächlich für den Wettbewerb einzureichen. Ich gehe davon aus, dass die Jury dieses Werk mit spitzen Fingern in den Papierkorb plumpsen ließ …

Es war zwischen Weihnachten und Neujahr. Meine Kollegin Evi und ich waren ganz allein im vierten Stockwerk des Bürohauses. Für die zwei Arbeitstage zwischen den Jahren waren wir beiden die „Ladenhüter“ hier. Die anderen Kollegen hatten Kinder und Urlaub. Und wir keines von beidem.

Im Grunde konnten wir in der Zeit nicht wirklich was Sinnvolles arbeiten … ein paar Routinevorgänge erledigen und die Bürozelle aufräumen, vielleicht … denn es war ja weit und breit kein Ansprechpartner greifbar.

Evi gab ihrem Prospekttext den Rest, und ich surfte schon geraume Zeit durchs Internet. Wir waren eigentlich nur da, damit im Katastrophenfall niemand sagen konnte, es sei keiner da gewesen.

Am späten Vormittag tauchte Evi mit der Gießkanne in der Hand am Eingang meiner Bürozelle auf. „Ist das fad hier!“, jammerte sie. „Ich hab nix mehr zu tun. – Sag mal, was schreibst denn du da so eifrig? Ich dachte, du hast auch nichts zu tun?“
Ich gab meinem Bürosessel einen ordentlichen Schwung und wirbelte zu ihr herum. „Ich schreibe was über das Meer-Prinzip!“ erklärte ich bedeutungsvoll.
Sie kicherte. „Huch? Was soll denn das sein?“
„Keine Ahnung. Das werde ich wissen, wenn der Text fertig ist. So heißt das Thema eines Storywettbewerbs.“

„Meer-Prinzip! Tsss! Denen fällt doch auch nix Gescheites ein! Was will man denn über das Meer schon groß schreiben? Urlaubsgeschichten, Piratenabenteuer, Science Fiction … Die Aliens aus dem Meer. Oder irgendwas über Viecher. Schreib doch was Tierschützerisches. Oder was Esoterisch-Philosophisches. Irgendwas, was keine Sau versteht. Sowas kommt anscheinend immer gut. Oder hast du schon jemals eine preisgekrönte Story gelesen, die irgendwie einen Sinn gehabt hätte?“

Ich grinste. „Nee, nicht wirklich. Aber ich glaub, ich hab sowieso noch nie im Leben eine Kurzgeschichte verstanden. Immer wenn Schluss ist, denk ich: ’šIst was? War was? Hab ich was verpasst?'“
„Banausin!“

Evi stellte ihre Gießkanne auf den Boden und setzte sich in Ermangelung eines Besucherstuhls auf meinen Schreibtisch.
„Sonne, Wasser, Wind und Wellen …“, sinnierte sie. „Du sagst doch immer zu den Kollegen ’šmach hier bloß keine Wellen‘.“
„Muß man ja sagen. Wenn sie sich aufführen wie die … wie die … ach, was weiß ich!“
„… wie die Seeräuber.“, half Evi mir aus.
„Seeräuber?“
„Naja, ich dachte, um beim Thema zu bleiben. See … Meer …“

„Man könnte ja das Berufsleben aufs Korn nehmen“, überlegte ich. „Das Berufsleben gehorcht dem Meer-Prinzip. Es gibt immer mal wieder Ebbe in der Kasse, und bei Flut geht man in Arbeit unter, ganz egal, wie verzweifelt man rudert.“
„Manchmal steht einem auch das Wasser bis zum Hals“, ergänzte meine Kollegin.
„Und die großen Fische fressen die kleinen“, sagte ich.
„Die Werbung ist einfach eine Haifisch-Branche“, fügte sie weise hinzu.

„Genau. Und auf eine Erfolgswelle folgt unweigerlich eine Entlassungswelle.“
„Hihi, und manchmal ist man reif für die Insel!“

„Und einige hier arbeiten nach dem Robinson-Prinzip“, sagte ich: „Sie warten, bis Freitag kommt.“
„Oh nee, ich bitte dich!“, rief Evi. „Der Witz hat ja soooo einen Bart!“
„Ja. Wie Neptun.“
„Aber Meerjungfrauen gibt’s hier keine,“ stellte sie entschieden fest.
„Nee. Höchstens Seekühe. Oder glitschige, aalglatte Gesellen. Leben Aale eigentlich im Meer? Naja, egal. – Fischköpfe! Ja, genau, Fischköpfe hat’s hier. Und Leute, die so durchsichtig sind wie die Quallen. Und ungefähr so fassbar.“
„Hehehe – und Taucher gibt’s. Wenn sie Arbeit sehen, schwupps, tauchen sie ab. Vor allem scheuen Sie den Meeraufwand.“
„Ah, Evi, du bist doof! Geh doch nach Hause!
„Der Umgangston in dieser Abteilung kann mich nicht meer schockieren!“

Wir kicherten wie die Teenager.

„Manche dieser ewigen Geheimnistuer sind so verschlossen wie die Muscheln“, nahm ich den Faden wieder auf.
„Andere Herrschaften sind so unbeweglich wie Tanker. Und alle kochen sie mit Wasser“, erwiderte Evi. „Die Meerkatzen und die Meerschweine, die Wasserträger und Wellenreiter, die Meerschaumpfeifen und die Warmduscher, die Ambeckenrandentlangschwimmer und wie die Kameeraden sonst noch alle heißen.“
„Mhm. Und stille Wasser sind tief.“
„Oder sie stinken. Da kann man dann im Trüben fischen.“
„‚Da lacht doch die Koralle‘, wie Uwe immer sagt.“
„Herrgott, Evi, aus dem Thema muss doch was zu machen sein. Alles Leben kommt aus dem Meer. Das Wirtschaftsleben ist ein einziges Auf und Ab. Der moderne Haifisch-Kapitalismus mit dem Shareholder Value und dem ganzen Krempel kommt aus Amerika. Ameerika. Ameerika! Very fishy, das ganze. Am besten wird sowieso sein, man schreibt eine schleimige Liebesgeschichte, die am Meer spielt. So Marke Rosamund Pilcher. So was wollen die Leute lesen.“
„Er liebte mich nach dem Meer-Prinzip?“, lachte Evi.
„Sag ich doch: Eine Geschichte voller Aufs und Abs.“
„Nee, du! Jetzt ist aber gut! Komm, wir gehen in die Kantine. Haben die heut überhaupt offen? Was gibt’s denn?“

„Moooment!“ Ich drehte mich zu meinem Computer um, klickte mein Manuskript weg und loggte mich im E-Mail-Programm ein. Ein Klick aufs virtuelle schwarze Brett … Hausverwaltung … Casino … Excel hochfahren… und der aktuelle Speiseplan erschien auf dem Bildschirm.

„Ach, du ahnst es nicht“, lachte ich. „Fischfilet im Spinatmantel. Und Kartoffeln.“
„Auch das Casinoleben gehorcht anscheinend dem Meer-Prinzip“, stellte Evi erstaunt fest.
„Ja, es gibt Aufs und Abs. Wellen, sozusagen.“
„Naja, solang’s keine Wellen der Übelkeit sind … ! Also auf geht’s, gehen wir. Um die Liebesgeschichte am Meer können wir uns ja heute Nachmittag kümmern.“

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