Mit der weiten Welt verbunden

Der Raum quillt über vor Büchern, und wenn doch mal ein paar regalfreie Quadratzentimeter Wand zu sehen sind, hängt da garantiert ein Bild. Entweder ein selbst gemaltes – ganz alte Leute können sich erinnern, daß ich früher mal Zeit für so was hatte – oder eins von befreundeten Künstlern.

Manchmal wird der Arbeitsplatz auch zur Welt-Tratsch-Zentrale. Wenn das Telefon klingelt und ich die Beine hochlege, weiß meine Katze schon: „Das kann nix Geschäftliches sein, das dauert länger!“. Dann springt sie hoch und macht es sich auf meinem Schoß bequem. Recht hat sie … denn bis ich über all die aktuellen Freuden, Sorgen und Neuigkeiten von Familie und Freunden informiert bin, kann das unter Umständen dauern.

Wenn‘s bei mir auf dem Schreibtisch piept, dann wird auch der Kater wach. Das heißt nämlich, daß ein Fax eingeht. Und Faxe liebt er. Sie knistern so schön und lassen sich wunderbar zu Konfetti verarbeiten. Wir haben uns im Lauf der Jahre so geeinigt: Ich kriege die Nachrichten und er die ausgedruckten Protokolle. Die darf er dann als Beute wegtragen und in aller Ruhe in tausend Fetzen reißen. Und damit er sich auch in meiner Abwesenheit an diese Abmachung hält, haben wir das Faxgerät in einen Käfig gesperrt. Selbstbedienung fällt also flach. Es ist mir nur ein einziges Mal passiert, daß ich den Absender um ein Zweitfax bitten mußte, weil der Kater das Original geschreddert hatte.

Hier in meinem „Home Office“ gehen auch die E-Mails ein, die Nachrichten, die mir Freunde und Verwandte aus aller Welt per Internet schicken. Das kleine Zimmer in Nellingen wird dadurch quasi mein „Fenster zur Welt“. So bekomme ich zum Beispiel hautnah mit, was es heißt, als Entwicklungshelferin in Mozambique tätig zu sein – durch die Nachrichten, die mir meine Cousine aus Maputo schickt. Elke schreibt mir aus Jerusalem, Elisabeth meldet sich aus Tanger, Tina von den Bahamas. Nicht immer sind es lange Briefe, oft nur kurze Meldungen. Und ich freue mich über die „Momentaufnahmen“ aus dem Leben meiner Freunde. In einigen Ländern ist die Post so unzuverlässig und das Telefonieren teuer, da sind gelegentliche E-Mails die beste Lösung, um in Verbindung zu bleiben.

Auf dem Bildschirm erscheint gerade ein Bewerbungsschreiben, das meine Münchner Freundin an eine Firma senden will. Sie hat es mir vorab zur Prüfung geschickt. Schnell werfe ich einen Blick darauf, füge noch ein paar Korrekturen und Änderungsvorschläge ein und maile den Text zurück. Im Internet habe ich noch ein interessantes Jobangebot für sie gesehen, das schicke ich ihr rasch hinterher. Die Kurzgeschichten, die mir eine befreundete Autorin aus Gera per E-Mail gesandt hat, werde ich später lesen und beurteilen. Sie sehen: Vom Tratsch- zum Dienstleistungszentrum ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Daheim zu sein und doch mit der weiten Welt verbunden, das genieße ich.

Gelegentlich wird mein „Büro“ jedoch auch gänzlich zweckentfremdet: Ich stelle mein Bügelbrett dort auf und arbeite die Wäscheberge ab. Und weil ich auch einen kleinen Fernseher in dem Raum habe, kann ich mir dabei ungehemmt irgendwelche hinrissigen Seifenopern oder peinlichen Talkshows ansehen … Programme, die mein Partner von Herzen haßt. So ist dieser Lieblingsplatz nicht zuletzt auch ein Freiraum für mich, und ich möchte ihn um nichts in der Welt missen.

1999 erschienen in der Eßlinger Zeitung in der Serie „Mein Lieblingsplatz“

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.