Vom Schreiben leben

Es klingt schon irgendwie cool, wenn ich sage, dass ich seit rund 25 Jahren vom Schreiben lebe. Ich merke es an den Reaktionen mancher Leute. Die machen sooo große Augen, wenn sie das hören: „Oh, toll!“ Und ich ahne, dass sie sich eine medientaugliche Schriftstellerexistenz vorstellen, irgendwo zwischen Bestsellerlisten, Talkshows und Signierstunden. Und mit einem gemütlichen Arbeitszimmer im Landhausstil, wo der Hund vor dem Kamin liegt, während der Autor in die Tasten haut.

Die Wahrheit ist, wie so oft, weit weniger glamourös. Ich bin Werbetexter, gehe morgens um 6 aus dem Haus, konzipiere, texte und kontrolliere in einem internationalen Unternehmen die Werbekampagnen, organisiere, kommuniziere, streite mich mit den Kollegen ’“ und fahre gegen 18 Uhr wieder nach Hause, wo auf mich, wie auf fast alle berufstätigen Frauen, die Haushaltsschicht wartet.

Gut möglich, dass mir daheim beim Treppenputzen oder Geschirrspülen einfällt, wie ich am besten ein Lexikon an den Mann oder die Frau bringe. So richtig lässt einen der Job nie los. Manchmal erscheinen mir meine Produkte sogar im Traum. Oder ich springe vom Abendessen auf und eile an den Computer, weil mir soeben die Jahrhundertidee für einen passenden Briefeinstieg gekommen ist.

Mein heimisches Arbeitszimmer ist ein wüster Verhau aus Büchern und Computergedöns, und statt des Hundes vorm Kamin hab ich einen langhaarigen schwarzen Kater, der, wenn ich arbeite, oben auf dem Computermonitor liegt und ab und zu mal seinen buschigen Schweif ins Bild hängen lässt. „Lass das, Blacky, ich sehe ja nicht, was ich schreibe!“

Irgendwie geht’s mir wie der Malerin und Graphikerin, die mal in einem Interview sagte „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Jetzt muss ich mir wohl ein neues Hobby suchen.“

Nun bin ich natürlich nie vorsätzlich losgezogen, um Werbetexter zu werden. Den Beruf sucht man sich nicht aus, da landet man irgendwann. „Man strandet“, meint einer meiner Kollegen sogar. So negativ würde ich das nicht sehen.

Dass ich es mit dem Schreiben weit bringen würde, ahnte mein Vater schon, als ich gerade mal acht Jahre alt war. Da fing ich schon an, Schauspieler um Autogramme anzuschnorren und Beschwerdebriefe an Firmen zu verfassen. Eine Reklamation beim Favorit-Verlag wegen vieler Druckfehler in einem ihrer Kinderbücher brachte mir zwei Gratisbücher als Entschädigung ein. Die enthielten zwar ebenfalls viele Fehler, aber ich habe gelernt, dass Briefeschreiben ein durchaus einträgliches Geschäft sein kann.

“Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt auch, wenn man keine hat“, schrieb mir damals meine Schulkameradin Kristiane ins Poesiealbum. Dabei kann sie unmöglich geahnt haben, was mal aus mir werden würde!

Als ich 14 war, erschien mein erster Leserbrief in einer TV-Zeitschrift. Und kurz vor dem Abitur vermuteten meine Schulkameraden, aus mir würde wohl eine Schriftstellerin werden. Dabei war das nie meine Absicht. Ich schrieb Schulaufsätze, Privatbriefe und hier und da mal ein Artikelchen für Lokal-, Schüler oder und Vereinszeitungen. Geld verdiente ich mit großen, plakativen Bildern im Comic-Stil, die ich für diverse Auftraggeber an Zimmerwände malte. Ich wollte Graphikerin werden.

Dann schwärmte mir der Freund einer Freundin von seinem vielseitigen Job als Wirtschaftsingenieur vor. Vier Stunden lang unterhielten wir uns nonstop über Studium und Beruf ’“ und ich war begeistert. Das wollte ich auch studieren. Der Vorlesungsplan hatte von allem etwas im Angebot: Technisches, Kaufmännisches, Psychologisches, Kreatives. Eine wahre Wundertüte für jemanden wie mich, der sich für alles interessiert außer für Fußball. Auch wenn die Familie lästerte, mit dieser Ausbildung würde man bestenfalls Universaldilettant oder ein polypatenter Dünnbrettbohrer ’“ ich ließ mich nicht beirren. Ich wurde Wirtschafts-Ingenieur.

Während des Studiums verdiente ich zwar immer noch Geld mit meinen Wandmalereien, aber nun war eine zweite Einnahmequelle dazugekommen: Ich schrieb für TV-Zeitschriften und für ein Fachmagazin, in der Hauptsache Übersetzungen und Buchrezensionen. Es dauerte nicht lange, da hatte ich eine eigene Rubrik. Und das „Networking“ ging los. Mein Chefredakteur war gut darin, viele kleine Jobs an Land zu ziehen, da fiel auch einiges für mich ab. Ich schrieb Kurzbiographien für ein Nachschlagewerk, Fachartikel und immer wieder literarische Übersetzungen.

Sobald ich einmal in der Szene drin war, ergaben sich diese Kontakte und Aufträge quasi von selbst. Dieser kennt jenen, und jener kennt dich. Und so war mein Schreibtisch immer voll. Das Portemonnaie eher weniger, denn diese Jobs werden allesamt bescheiden bezahlt.

Kommilitonen und Professoren hatten gute Kontakte zu Rundfunk und Fernsehen, und so dauerte es nicht lange, bis ich auch in Kultursendungen und Wirtschaftsmagazinen mein Unwesen trieb. Der eine oder andere zweckfreie Unfug war natürlich auch dabei, wie z.B. ein TV-Aufritt als Vampir. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Wie gesagt ’“ das ist alles ganz lustig, wenn man ein bescheidener Student mit viel freier Zeit noch weiteren Einnahmequellen ist, aber leben kann man von diesem kreativem Kleckerkram nicht. Nach dem Studium ging ich in die Marketingabteilung eines mittelständischen Unternehmens. Ich organisierte Veranstaltungen, kooperierte mit der Presse, gab eine Kundenzeitschrift heraus , textete Anzeigen, kümmerte mich um den Einkauf der Werbemittel und die Produktion von Drucksachen, und so weiter und so fort. Ich war dort Mädchen für alles. Der nächste Job war schon etwas textlastiger, beinhaltete aber immer noch viel Kaufmännisches, Technisches und Organisatorisches,

Als wenig später ein internationales Unternehmen einen Werbetexter suchte, wollte ich es wissen. Ich hatte zwar nichts von alledem studiert, was die haben wollten, aber ich dachte mir, das riskierst du jetzt einfach mal. Wenn sie sich über deine Bewerbungsmappe totlachen, hörst du es ja nicht. Statt Germanistik hatte ich Wirtschaftsingenieurwesen zu bieten, und statt Anglistik die Tatsache, dass ich 28 Jahre meines Lebens in der Nachbarschaft einer US-amerikanischen Kaserne gelebt habe. Mein Englisch ist … ähem … sehr aktuell und volksnah. Wenn es sich auch mehr nach amerikanischem Fernfahrer als nach englischer Königin anhört.

Mein Vorstellungsgespräch ist wohl in die Geschichte des Hauses eingegangen. Noch heute wird wiehernd erzählt, was ich dem Marketingdirektor und dem Personalchef auf die Frage geantwortet habe, was denn meine größten Fehler seien: „Ich bin ein lausiger Autofahrer, und kochen kann ich auch nicht.“ Sie haben gelacht. Und ich bekam den Job. Nicht zuletzt aufgrund meiner eindrucksvollen Mappe mit Publikationen in den unmöglichsten Zeitungen und Zeitschriften. Selbst in der Vereinszeitschrift von Mensa … den Superintelligenten … habe ich mal einen Beitrag veröffentlicht. Den angebotenen Intelligenztest habe ich allerdings aus Angst vor der Wahrheit abgelehnt.

Seitdem ist Werbetexten mein Brot- und Butter-Job. Manchmal müssen jedoch auch Rosinen sein, aber wenn man nicht von den verfassten Artikeln leben muss, kann man die Sache ganz entspannt angehen. Aus Jux und Dollerei schreibe ich immer noch für unsere Lokalzeitung, für Internetportale und für diverse Tierzeitschriften. Und immer noch funktioniert das Netzwerk. So war beispielsweise schon alles eingerührt für ein Interview mit einer großen deutschen Frauenzeitschrift, als überraschend das Thema gekippt wurde. Wenige Monate später kam eine Anfrage, ob ich nicht zu eben diesem Thema in einer Talkshow auftreten wolle … die Redakteurin hatte dem Fernsehmenschen meinen Namen genannt. Da es sich um eine Sendung mit Niveau handelte und nicht um so ein asoziales Nachmittagsgebrüll, habe ich zugesagt. Anderthalb Jahre später kam ich aufgrund dieser Talkshow zu einem Interview mit einer überregionalen Tageszeitung.

Ein Artikel in unserer Tageszeitung verschaffte mir einen Beitrag in einer Radiosendung. Und eine Reise nach Istanbul habe ich mir auch schon erschrieben … in einem Storywettbewerb.

Wer immer mich mit welchem Ansinnen anruft ’“ mich überrascht schon lange nichts mehr.

Dämpfer und satte Bauchlandungen gibt‘s natürlich auch nach mehr als 20 Jahren Schreiberfahrung noch. Nachdem eine gute Freundin von mir so genannte „wahre Geschichten“ an ein einschlägiges Magazin verkauft hatte, dachte ich, Mensch, das kannste auch. Erlebt hab ich ja genug, erzählt habe ich das auch schon öfters, da brauche ich nur ein paar bestehende Berichte zusammenzustellen und da hinzumailen und fertig ist die Laube.

Das war ein Trugschluss, wie sich sehr schnell herausstellte. Ich bekam eine vernichtende E-Mail der zuständigen Redakteurin, die mir meine Lebensgeschichte in der Luft zerriss und mir haarklein auseinandersetzte, warum die Reaktion der Menschen in der Story unlogisch sei und das alles gar nicht passiert sein könnte.

„Logik hin, Wahrscheinlichkeit her“, schrieb ich zurück, „die Geschichte hat sich genau so zugetragen. Ich war mittendrin und fünf andere Leute auch. So ist das Leben eben. Es kümmert sich nicht um Wahrscheinlichkeiten. Und wenn ich nicht genau wüsste, dass ich seit über 20 Jahren gut vom Schreiben lebe, wäre ich nach Ihrer Kritik so frustriert, dass ich nie wieder Stift anfassen würde. Ein einfaches ‚nein Danke, das passt thematisch leider nicht in unser Konzept’ hätte mir vollauf genügt.“

Nun ja, man schüttelt sich und schreibt weiter. Brot-, Butter- und Rosinentexte. Wenn die Leute sich dabei gut unterhalten, bin ich zufrieden. Hochgeistiges und Tiefgründiges sind nicht so mein Ding. Und für einen Roman fehlen mir Geduld und Atem. So gibt’s von mir weiterhin Glossen und Artikel, Reiseberichte und Tiergeschichten. Und vielleicht, lieber Leser, habe ich Ihnen mit meinen Werbebriefen auch schon Versicherungen, Bücher oder Zeitschriften verkauft …

Mein Großvater hat übrigens bis zu seinem Tod jedem erzählt, ich sei Lehrerin. „Schreiben!“, meinte er missbilligend, „Das ist doch kein anständiger Beruf für eine Frau.“

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Nebel, vom Schreiben leben, das würde ich auch gerne sagen können. Seit einiger Zeit arbeite ich als Texter und neulich schrieb mir so ein ganz „Gescheiter“ Sie schreiben immer noch abgehackt, und einen Satz beginnt man nicht mit „und“, da freue ich mich dann immer besonders. Vor allem wenn ich für einen Text von 300 Worten 2.50 Euro bekomme. In Gedanken habe ich ihm ein blaues Auge gehauen. Ich finde das sowieso doof, dass uns die Auftraggeber „bewerten“ dürfen, aber ich habe noch keine besseren Auftraggeber gefunden, als die Textbörsen. Hoffe, ich werde noch „entdeckt“

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