Lanzarote 1994 – mit höchst lebendigem Souvenir II

Lanzarote, 03. Juli 1994 bis 17. Juli 1994

Mit dem Besuch der schönsten Nationalparks Nordamerikas ist eine Begegnung mit der Vulkaninsel Lanzarote sicher nicht zu vergleichen. Aber allen, die noch nicht dort waren, können wir nur sagen: Es lohnt sich! Was wir außer schönem Wetter und atemberaubender Landschaft noch alles gesehen und erlebt haben und wie unser Reiseandenken ausschaut, das zeigt der folgende Bericht.

Anreise

Sonntag, 3. Juli. Es fängt schon gut an: Abflug mit einer halben Stunde Verspätung. Wir schwitzen im nicht klimatisierten Stuttgarter Flughafengebäude bei 330C im Schatten. Die dreistündige Verspätung des Mallorca-Flugs nebenan läßt ja hoffen! Außerplanmäßige Zwischenlandung in Toulouse. Auch das noch! Und das alles wegen der Hitze: Weil die Maschine nicht mit voller Kraft starten kann, da sonst bei diesen Temperaturen die Abgastemperaturen zu hoch würden (und der Maschine dann vielleicht der Hintern brennt…) kann man auch nicht die volle Ladung Sprit mitnehmen. Folge: Nachtanken in Toulouse. Und nochmal 20 Minuten Verspätung. Ich weiß schon, warum ich den Vorgang des Reisens an sich hasse. Ach, wäre doch bloß das Beamen schon erfunden, damit man streßfrei von A nach B käme!

Die ersten Eindrücke
Liebe Kollegen, die ihr uns Lanzarote so warm ans Herz gelegt habt, euch werde ich was erzählen! Von wegen gemäßigtes Klima, 25 Grad und Wind! Der Sciorocco tobt, der heiße Wind aus Afrikas Wüste, und wir haben 42 Grad! Na, wann bittschön ist denn auch von den Arabern schon mal was Gescheites rübergekommen? Das ist doch immer höchstens heiße Luft! Am Montag Abend pfeift noch um 10 Uhr abends ein heißer Wind. Es ist, als hätte jemand den Umluftherd angelassen und die Klappe aufgemacht Hinterher reden sie was von 45 Grad und mehr… Allerdings war dieser Wind staubtrocken. Man schwitzte nicht. Kunststück: Wir wurden ja auch faktisch trockengefönt!

Eine Bande von Profis
Das Hotel ist schwer nobel. Geniestreich eins Architekten. Drei Stockwerke, weitläufig angelegt, und es hat im Groben eine VForm. Die Zimmer liegen an den ,,Schenkeln“ dieses V, eine Brücke führt zur Rezeption. Diese eigenwillige Konstruktion schafft nach jedem 2. Zimmer Raum für einen Innenhof, in dem jeweils ein Baum wächst. Palmen, Ficcus, Gummibäume. Man tritt also aus dem Zimmer und steht im Freien. Der Wind bläst durch die Gänge. Morgens und abends quietschen die Vögel in den Bäumen (und kacken alles voll…). Da hat sich echt einer was dabei gedacht!

Beim Zimmer kann man auch nicht meckern. Teppichboden, TV, Telefon, Klimaanlage (ohne die man es auch nicht aushalten würde) und ein größeres Bad als daheim. Was auch kein Kunststück ist. Am liebsten würde ich den Dekostoff abschleppen, aus dem hier Bettüberwürfe und Vorhänge sind: Der hat nämlich ein Fächermuster, was mir als Sammler natürlich gefällt. Das erste halbwegs gemütlich aussehende Hotelzimmer, das ich bewohne. Auch da hatte jemand eine Ahnung von dem, was er macht.

Der obligatorische Informations-Empfang für die Neuankömmlinge verstärkt den Profi-Eindruck noch. Da stellt sich tatsächlich der Direktor vom Hotel hin, spielt den Conferencier und läßt seine Damen und Herren aufmarschieren: Das ist mein Stellvertreter, das ist der Chefkoch, der Oberkellner, der Barchef, das die Rezeptions-Leiterin und jenes die Chefin der Putzkolonne. Und wenn Sie Fragen haben, dann kommen Sie zu mir… Ein wirklich professionell durchorganisierter Laden. Die Chefs wuseln auch ständig irgendwo rum und verkriechen sich nicht anonym in ihren Büros. Da sehen sie 1. ob der Laden läuft und ihre Mitarbeiter spuren. Schlampern und muffeln ist da nicht drin, man weiß ja nie, ob nicht der Chef hinter der nächsten Topfpflanze auftaucht (arg groß war er nämlich nicht…). Und 2. sind die Bosse als Ansprechpartner für die Gäste stets präsent. Das sollte noch wichtig werden für uns. Und auf jeden Fall werden wir uns den Namen der Hotelkette für die Zunkunft merken: RIU bzw. Iberotel. Arrogantem oder gleichgültigem Personal sind wir dort nämlich nicht begegnet, und alles klappte wie am Schnürchen.

Erste Unternehmungen
In den ersten Tagen ist es viel zu heiß, um irgendwelche Fahrten in die Gegend zu unternehmen. Wir hängen also am Strand rum bzw. erkunden die nähere Gegend mal zu Fuß. Kilometerweises Strandlaufen ist allerdings nur ein eine Richtung möglich. Auf der anderen Seite wird der Sandstrand immer wieder durch unpassierbare Lava-Gesteinsbrocken unterbrochen. Immer wieder muß man vom Strand hoch auf die Straße und dort weiterlatschen, wenn man in Richtung Alter Hafen will. Und das wollen wir. Am Abend sitzen wir meist einige Zeit auf unserem Balkon – Blickrichtung Swimming Pool – und lästern über das, was sich dort unten abspielt. Wie die beiden alten Herren in der Loge der Muppet-Show. Da ich auch im Urlaub früh aufwache, kann ich schon um 7 Uhr die ersten ,,Reservierer“ pirschen sehen. Klammheimlich knoten sie ihre Handtücher an den Hotelliegen fest, damit sich dann, nach dem Frühstück, den besten Platz am Pool haben. Mann, müßte mich da was beißen! Warum sollte ich mich um einen gechlorten Pool käsen wollen, wenn ich den Atlantik vor der Haustür habe? Da kann ich auch ins Denkendorfer Freibad gehen. Wir gehen runter an den Strand.

Tierisches
Mindestens 20 Katzen leben in dieser Hotelanlage. Direkt in der Nähe des Restaurants ist eine Katzenfamille. Mutter mit drei Kleinen, höchstens 4 Wochen alt. Die hausen da im Grünzeug rund um den Pool. Und werden von einer Familie aus Köln liebevoll versorgt. Leider haben die Kleinen Katzenschnupfen. Dem Kleinsten geht’s besonders schlecht. Die Kölner waschen 3 x täglich die Katzenaugen mit einer Kamillosanlösung aus. Die Pflicht übernimmt zunächst ein Mutter-/Tochter~espann aus Hannover, als die Kölner abreisen. Die Frau kauft eine Augensalbe. Gerhard und ich kümmern uns auch, kaufen Futter im Supermarkt. Und ruckzuck sind wir zwei die Katzendoktoren Nr. 1. Was einem eine Menge Ärger bescheren kann.

Es gibt zwar eine Unmenge netter Leute und Katzenfreunde, die man auf diese Weise kennenlernt. Vor allen die Kinder im Hotel waren rührend um die Kätzchen besorgt. Doch man lernt schier die gleiche Menge Armleuchter. kennen. Einer, so ein Dicker, war besonders gehässig und hat übel gestänkert, als er uns da doktern sah. Er meinte, die Katzen seien doch alle blind. Ich sagte, er solle keinen Scheiß rausschwätzen. ,,Die Katz sieht besser als Sie. Sehen Sie, die braucht nicht mal ,ne Brille.“ Davon sei er nicht überzeugt, meinte er. Ich sagte, wovon er überzeugt sei oder nicht, das ginge mir satte zwei Meter am Arsch vorbei. Er goschte noch was zurück, und ich empfahl ihm, doch zur Hölle zu fahren. Naja, es gipfelte darin, daß ich vor lauter Wut in meine österreichische Ur-Sprache zurückfiel und ihn in voller Lautstärke eine ,,ausgefressene Sau“ (fettes Schwein) hieß. Alles drumrum gröhlte. Die Kinder fanden das Vorkommnis äußerst unterhaltsam. Mir war’s dann eher peinlich. Und ich hatte für den Rest des Tages Angst, daß mich die spanische Polizei verhaftet. Passiert ist aber garnix, die ausgefressene Sau hat mich nur nicht mehr angeschaut. Was mir sehr recht war. Ich hab noch ein paar anderen Stänkerern eine „Rasur“ verpaßt und muß sagen, daß mich keiner zweimal angelabert hat. Die hatten schon alle beim ersten Mal genug.

Essen
Da kann man wirklich nicht meckern … Frühstücksbuffet mit allem, was das Herz begehrt, und abends mit den Vorspeisen und dem Nachtisch genau dasselbe. Das Buffet war da so üppig, daß ich auf das Menü selbst oft genug verzichtet hab und nur Vorspeisen und Nachtisch gegessen habe. Der Chefkoch ist ein Deutscher und war, als wir ankamen, gerade selber noch in Urlaub. Nach Ablauf unserer ersten Urlaubswoche kehrte er zurück – und schlagartig sank der Knoblauchverbrauch in der Küche um 50%. War eigentlich schade. Wir sind Knoblauch gewöhnt. Aber ich kann mir gut vorstellen, daß er zu seinem spanischen Vize gesagt hat: ,,Mei, biste wahnsinnig? Das fressen doch die Deutschen und die Holländer nie und nimmer!“

Die Gäste
Das Hotel war fast ganz in deutscher Hand. Es gab auch einige Schweizer, Holländer, Franzosen und Italiener. Die englische ,,Kolonie“ war weiter im Osten der Stadt. Es gab auch wieder mal Gründe, sich für seine Landsleute zu schämen: Zwei befreundete Familien hausten dermaßen beim Essen und aasten mit den Lebensmitteln, daß ich um ein Haar drum gebeten hätte, man möge denen den Trog doch ins Freie stellen… Der Oberkellner sprach dann mal ein paar strenge Worte, und von da ab ging’s. Allerdings hatte die Truppe bei uns ihren Namen weg: Wir sagten immer, da kommt der Ober-Eber mit seinen Säuen …

Die Animation
Oh, daß Gott erbarm! Die Gute-Laune-Vorturner sind eh nicht mein Geschmack. Jene welche in dem Hotel waren sehr gut darin, Kinder zu beschäftigen, spielten Wasserball mit denen und so. Aber wenn sie sich dann abends anschickten, ein Unterhaltungsprogramm für die Erwachsenen auf die Beine zu kriegen, kam immer nur Schlüpfrig-Peinliches dabei raus. Eine Miß-Wahl, bei der sie erstmal Kandidatinnen aus dem Publikum quasi an den Haaren auf die Bühne schleifen mußten – und gegipfelt hat das ganze dann in einer Art Striptease … Ne, da war Flucht angesagt. Wir sind dann nur noch hingegangen, wenn auswärtige Künstler da waren. Afrikanische Tänzer, ein spanisches Ballett oder eine Travestie-Truppe aus Stuttgart (Crazy Follies. Ich kenne die aus dem Fernsehen). Dem Ober-Animateur hätte ich eh in die Waden beißen können der sprach immer sechs Sprachen nacheinander weg. Und zwar wortweise. Also so nach dem Motto: ,,Guten Abend, Good evening, goden avond …,, und das so schnell und so ineinander verschliff en, daß man gar nicht mehr merkte, wann eine Sprache aufhörte und die nächste anfing. So moderierte er seine Shows. Ohne auch nur einmal dabei die Zähne auseinanderzukriegen. Zum Auswachsen! Hätte er versucht, mich auf die Bühne zu ziehen, hätte ich versucht, mich mit den gleichen Mitteln zu wehren: ,,Steig mir doch auf’s Dach, go to hell, valle al inferno ….!,,

Live-Musik …
gab’s auch. Jeden Abend dieselbe Truppe, die zwar ganz gut war, aber ihre Sängerin konnte nicht singen. Sah zwar tierisch gut aus, die Tante, und hatte auch wenig an, aber ihre Stimme war immer in Hall gebadet, damit man die Fehler nicht so hörte. Und wenn ich das Repertoire von denen – auch Abend für Abend dasselbe – hätte noch einmal hören müssen, hätte ich einen Schreikrampf gekriegt. Alte Weisheit: Je weniger eine Sängerin kann, desto weniger hat sie an. Das war ja schon immer so. Frag mich nur, was passiert, wenn eine auftritt, die gar nicht singen kann …

Nepper, Schlepper, Bauernfänger …
gab es auch an jeder Ecke. Wir wurden weiß-der-Herr wie oft angequatscht von halbseidenen Elementen, die uns irgendwelche Immobilien andrehen wollten. Ich wurde immer gleich sauer und hab sie plattgemacht: ,,No interest in Timesharing or real estate business, no discos, no gambling or stuff like that!“ Sehen wir denn so reich oder so naiv aus, daß jeder Depp meint, uns ausnehmen zu können? Gerhard hatte zweifellos die bessere, streßfreiere Taktik, die Ganoven loszuwerden. Wenn die fragten: ,,Sind sie deutsch“, schaute er sie an wie ein Omnibus, als verstünde er sie nicht, und ging weiter. Aber ich kann meine Klappe ja nicht halten! Ich meine immer, jeder, der mir den Buckel runterrutschen kann, müsse das auch unverzüglich mitgeteilt kriegen.

Unsere ,,Touren“
Wie soll ich diese atemberaubende Landschaft mit Worten beschreiben? Das muß man gesehen haben. Weder ein Foto noch ein Video bringt das in voller Schönheit rüber. Wir haben uns einen Jeep gemietet und haben damit die schönsten und markantesten Punkte abgetourt. Einen Tourenplan hatten wir vom Reiseveranstalter. Am beeindruckendsten war für mich der Kratersee ,,El Golfo“ ein grüner See von schwarz-gelb-roten Felsen und schwarzem Sand, daneben das blaue Meer mit weißer Gischt – es ist unglaublich!

Auch der Timanfaya-Nationalpark mit seinen Lava-Feldern und Vulkanen (letzte Ausbrüche: 1730-36), ungeheuer faszinierend. Eine Landschaft, die so unwirklich ist, daß man meint, es sei künstlich oder man wurde auf einem fremden Planeten ausgesetzt. Man kann sich vorstellen, wie das war, als sich in fruchtbaren Ebenen Erdspalten auf taten und Berge sich erhoben, als Lavamassen ganze Dörfer unter sich begruben und die Leute nur ihr Leben und einen Teil der beweglichen Habe retten konnten. Gruselig!

Und wer die TV-Mini-Serie ,,Tim Thaler“ noch kennt: Wir haben auch die Residenz des Teufels besucht: Die ausgebaute Höhle Jameos del Agua. Das war damals in der Serie der Wohnsitz des Satans, des ,,Barons Lefuet“ (Horst Frank). Und seit damals wollte ich Lanzarote mal in Wirklichkeit sehen.

Mit dem Jeep fuhren wir dann auch noch via Schotterpisten (mit mannsgroßen Schlaglöchern) an die Papagayo-Strände. Die sind zwar sehr schön, aber auf dem Weg dorthin dachte ich, mein letztes Stündlein hat geschlagen. Ich wäre kein Typ für eine Jeep-Safari. Diese Knochenschüttler sind nicht mein Geschmack. Bei der Hitze war das zwar das optimale Gefährt, doch was extrem lästig war, war das dauernde Anschnallen, Umschnallen, Abschnallen des ganzen Gepäcks. Im Jeep mußte ja bei jedem Mal Aussteigen alles mitnehmen, man kann ja nix im offenen Auto lassen.

Von dem Weinbaugebiet La Geria schwärme ich immer noch. Es ist schon erstaunlich, was die für einen Zirkus mit ihren Weinreben veranstalten müssen, damit überhaupt was wächst: Trichter in diese schwarzen Vulkanaschen-Kügelchen (wie Hydrokultur) graben und kreisrunde Stein-Mäuerchen drumrum aufschichten, damit die Pflanze vor dem Nordost-Wind geschützt ist. Bewässert wird nichts. Es gibt ja auch auf der ganzen1nseI keinen einzigen Wasserlauf oder See. Nur Meerwasserentsalzungs-Anlagen und Tauwasser, gelegentlich mal Regenwasser. Nachts sammelt sich der Tau in den Mäuerchen und in der vulkanischen Hydrokultur, und tagsüber wird das Wasser dann an die Pflanzen abgegeben. Durch die Hitze in der ersten Woche unseres Urlaubs verdarb leider rund 70% der Weinernte auf der Insel. Die Steine wurden auch nachts ,,trockengefönt“ und konnten tagsüber keine Feuchtigkeit abgeben. Der 94er Wein wird also rar werden. Und teuer.

Wir haben festgestellt, daß es durchaus seine Vorteile hat, eine Besichtigungstour auf eigene Faust zu unternehmen: Man kann sich aussuchen, was man anschaut, wo man bleibt und wo man weiterfährt und wird nicht wie Vieh durch die Sehenswürdigkeiten getrieben. Nachteil: Diejenigen Gäste, die geführte, vom Reiseveranstalter Organisierte Touren mitmachten, wußten mehr als wir. Wir wußten nur das, was in unseren Reiseführern stand.

Alles für die Katz
In der letzten Woche ging plötzlich das Gerücht um, die Hotelkatzen sollten alle eingeschläfert werden. Die Frau aus Hannover und ich sind wie die wilde Jagd zum Hoteldirektor und fragten, was es damit auf sich hat. Nach einigem Hin- und Her gab er dann zu, daß die Katzen (und wilden Hunde ) so alle zwei bis drei Monate durch Gift-Auslegen dezimiert würden. Auf die Idee, sie zu kastrieren, daß sie sich nicht uferlos vermehren, kam niemand. ,,Wenn das so ist“, sagte meine Mitstreiterin, ,,dann nehme ich die kleinste Katze mit nach Deutschland. Dann rette ich wenigstens eine.

Der Direktor versprach uns, bis zu unserer Abreise nichts zu unternehmen, um die Tiere vergiften zu lassen. Die Neuigkeit sprach sich schnell rum, und es hieß auf einmal, eine andere Familie nehme vier Katzen mit nach Hause. Ich kämpfte schwer mit mir. Zu gerne hätte ich einen kleinen schwarzen Kater aus dem Wurf ,,unserer“ Katzenmami mit nach Hause genommen. Einen von denen, die wir gegen Katzenschnupfen behandelt hatten und die wir dadurch ,,persönlich“ kannten. Gerhard hielt sich raus. Schließlich hatte ich mich durchgerungen, den Kleinen hierzulassen. Ich kann nicht alles retten, was da kreucht und fleucht und mir leid tut. Aber als dann am nächsten Morgen die Frau aus Hannover uns beim Katzenfüttern traf und meinte, sie bringe jetzt die Kleinste zum Tierarzt, schnappte ich mir doch ,,meinen“ Kater und sagte, ,,ich geh mit“!

Ich war gerade auf dem Weg zum Strand gewesen, nur in Bikini, Badekleid und Schlappen, ohne Tasche, Geld oder Papiere. Wir stopften die beiden Kätzchen in eine Badetasche und fuhren zur Tierklinik. Von der Reiseleiterin wußten wir, was wir an Formalitäten brauchten: Ein Gesundheitszeugnis der Katze, einen Impfpaß und eine Genehmigung der Fluggesellschaft. Bis das alles im Kasten war, gab’s eine uferlose Telefoniererei und Heckmeck ohne Ende. Ich dachte, ich bin schon verrückt, mir so einen Streß über den Hals zu ziehen. Aber ich hätte es nicht übers Herz gebracht, den anhänglichen kleinen Kerl seinem sicheren Tod auszuliefern. (Der dritte Bruder aus dem Wurf blieb noch bei der Mutter. Für den interessierte sich ein italienisches Paar, unsere Nachfolger als ,,Katzen-doktor“. Und womöglich noch tiernärrischer als wir… Wenn alles geklappt hat, haben sie ihren ,,Piccolino“ jetzt auch schon auf dem Weg in die Heimat.)

Wir kauften noch eigens einen Katzen-Kennel (Transportkäfig), und am Sonntag holten wir unseren ,,Blacky“ und sein Schwesterchen aus der Klinik. Mit sehr eindrucksvollen Papieren versehen ging’s dann nach Deutschland. Black nach Stuttgart und Conchita nach Hannover. Blöderweise gerieten wir auf dem Rückflug in den Fluglotsenstreik der Franzosen und hatten ohne Ende Verspätung, so daß das arme Tierchen fast 15 Stunden lang in seiner Kiste verbringen mußte. Sie ist zwar recht groß für den Winzling, rumlaufen kann er also drin, aber es war doch eine ziemliche Zumutung.

Im Flugzeug hat er eine Stunde lang gebrüllt Ich hab mit ihm gespielt, ihn dann mit meinem Abendessen gefüttert und ihn mittels Dreieckskäse auf der Fingerspitze regelrecht in den Schlaf ,,geschnullert“. Man muß die Biester bei Laune halten fast wie die kleinen Kinder. Durch das Chaos mit den Verspätungen hat sich kein Aas für Blackys eindrucksvolle Papiere interessiert. War der ganze Zirkus also für. die Katz! Wir hätten ihn ebensogut schwarz ausfliegen können. So. Und damit ist auch das Geheimnis unseres Langzeit-Souvenirs gelüftet …

Wieder zu Hause
Dusty und Rocky waren über unsere lange Abwesenheit sowieso nicht besonders entzückt. Rocky ist regelrecht beleidigt, und daß wir ihm den kleinen Kerl da angeschleppt haben, trägt nicht unbedingt zur Verbesserung seiner Laune bei. Ich hoffe, er gewöhnt sich noch daran. Im Moment jagen sie sich noch durch die Bude. Blacky rennt Rocky nach – und Rocky rennt Blacky davon. Und röhrt und knurrt wie ein Nebelhorn. Der Kleine als ,,Trimmgerät“ für unseren Rocky ist gar nicht so verkehrt. Ich glaube, Rocky hat in den 14 Tagen unserer Abwesenheit aus Langeweile gefuttert und ganz nett zugelegt. Das fällt uns jetzt erst so richtig auf, weil wie die dürren Lanzarote-Katzen gewöhnt sind.

Dusty hat ein paarmal geknurrt, und jetzt schnuppern sie und Blacky sich Nase an Nase an, wenn sie sich wo treffen. Ich glaube, sie hat sich schon an den Neuen gewöhnt. Auch wenn sie im Stillen denken mag: ,,Au Backe, schon wieder so ein Depp!“ Der Kleine ist lieb und anhänglich, aber er würde immer noch gerne bei seiner Mama trinken. Ein Fläschchen nimmt er nicht, aber er ,,sucht“ immer nach einer Milchquelle. Gestern hat er fortwährend versucht, bei Gerhard am Hals zu nuckeln. Er hat wohl den Bart für ein Fell gehalten. Nur das kitzelt doch wie die Sau, wenn so ein Pelztierchen einem den Hals abschlabbert. Bei mir hat er versucht, am Ohrläppchen zu saugen. Das kann ich auch nicht haben, weil’s so kitzelt … Da müssen wir uns irgendwas einfallen lassen.

Milch aus dem Schüsselchen scheint er nicht als gleichwertigen Ersatz zu akzeptieren. Er schlabbert sie zwar, aber er knatscht und schreit weiter. Ihm geht’s nicht um die Milch, ihm geht’s ums Nuckeln. Er ist mit seinen 6 Wochen doch noch ein bißchen sehr jung. Aber auch den kriegen wir groß. Ein weiteres ,,Reisemitbringsel“ erweist sich als weniger erfreulich: 5 Maschinen voller Wäsche. Ätzend! Gewaschen ist alles, jetzt geht’s nur noch“ ums Bügeln. Und das ist bekanntlich reine Strafarbeit! Doch was hilft’s? Ich muß die Bügelwäsche ja machen. Also komme ich hier zum Schluß und dann: auf sie mit Gebrüll!

20.07.1994 Edith Nebel

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