Gran Canaria 99 –Von Schmeißfliegen, Wüstenwuslern und zehntausend Kurven 2

So langsam habe ich das Gefühl, wir sind in der Auswahl unserer Reiseziele nicht besonders flexibel. Von ein paar wenigen geographischen Ausrutschern wie Malta und den Bahamas mal abgesehen, landen wir eigentlich immer wieder auf spanischem Territorium. Diesmal war’s Gran Canaria. Schuld daran war der Reiseprospekt mit seinen tollen Fotos der Dünen von Maspalomas. Eine richtige Wüste! Klein-Sahara! Das wollten wir auch sehen. Solche Fotos wollten wir selber machen. Und ruckzuck war gebucht. Und am 3. Juli 1999 ging es los.

RUND UMS HOTEL
Mit unserer bewährten Kombination von TUI-Reisegesellschaft und RIU-Hotel kann man nix falsch machen. Da klappt alles wie am Schnürchen. Von peinlichen Pannen hab ich also diesmal nix zu berichten. Naja, kaum. Das Hotel – Riu Palace Maspalomas am Playa del Ingles – war schon fast ein bißchen zu vornehm. So übermäßig bedient und betütelt wollen wir gar nicht werden, wir sind doch auch nur einfaches Volk. Nächstes Mal nehmen wir also einen Stern weniger …

Das sogenannte „Gala-Diner“ jeden Donnerstag können sie sich auch gern schenken. Zu spät, zu lang, zu viel. Da wäre ich fast eingeschlafen. Ich bin’s nicht gewöhnt, bis nachts um halb elf zu futtern. Ich brauch auch keinen festlichen Abend, an dem ich mein Sonntagsgewand und den Schmuck ausführen kann. Sowas nehme ich in Urlaub gar nicht erst mit. Dem Personal muß die Veranstaltung doch auch stinken. Wahrscheinlich sagen die genau wie die Bänker: „Verdammt, heut ist wieder Schlado!“ (Für alle Nicht-Bänker: Das bedeutet SCHeiss LAnger DOnnerstag …)

Manches ist erfreulich allein dadurch, daß es fehlt. Positiv zu vermerken ist zum Beispiel, daß es keine Animation gab. Gottseidank. Mich nerven diese aufgeregten Vorturner, die es einfach nicht einsehen wollen, daß manche Leut nix als ihre Ruhe möchten. Nein, ich brauch für mein Wohlbefinden kein Wasserball, kein Aerobic, kein Bogenschießen und keinen Ringelpiez … ich will – um mit Loriot zu sprechen – „einfach nur so sitzen“. Oder durch die Gegend düsen, um mir die Landschaft anzuschauen. Bin selber groß und brauch kein Kindermädchen.

Es gab auch kein „grölendes Volk“. Für krawallierende Teenie-Horden und uniformierte Kegelbrüder ist das Reiseziel wohl zu teuer und weit weg. Oder es war einfach noch keine Saison. Als wir kamen, war das Hotel noch nicht mal zur Hälfte voll.

Es ist dort nicht alles fest in deutscher Hand. Die Hotelgäste – vom Alter her größtenteils von fuffzich an aufwärts – kamen auch aus den Niederlanden und Belgien, aus Frankreich, der Schweiz, UK und Italien. Ein paar Amis haben wir auch gehört. Aber die werden vermutlich irgendwo in Europa leben.

Gegrinst haben wir öfter mal über die Handy-Pest. Ich bin eh kein übermäßig fleißiger Telefonierer und ich kann mir ums Verrecken nicht vorstellen, warum man sein Mobiltelefon mit ins Restaurant, die Bar oder gar an den Strand nehmen sollte um dort ewig mit Kumpels in der Heimat zu quatschen. Das kostet doch alles einen Haufen Geld! Aber es gab Dauerquatscher in Hülle und Fülle. Unsere Zimmernachbarn zum Beispiel. Gesehen haben wir sie nie – da ist eine mannshohe Wand zwischen den Balkonen – aber gehört! Wir konnten auf den Balkon kommen, wann immer wir wollten, entweder klingelte bei denen das normale Hoteltelefon oder es wurde per Handy gequasselt: „Ja, Opa, das Wetter ist schön, wir haben hier 30 Grad“ – „Hast du auch den Mülleimer rausgestellt?“ – „Habt ihr den Rasen gemäht?“ – „Habt ihr schon eure Koffer gepackt?“ – Gnade!

Mit anderen Nachbarn gab’s auch eine unheimliche Begegnung der dritten Art. Aus der jene schätzungsweise was fürs Leben gelernt haben. Nämlich tunlichst nicht über Leute zu lästern, die das hören können. Es war so, daß Gerhard und ich unser Zimmer verließen und uns im Hinausgehen unterhielten. Natürlich schwätzen wir untereinander schwäbisch, und ich gebe gerne zu, daß es weitaus klangvollere Sprachen und Dialekte gibt. Trotzdem hat es mir dezent gestunken, daß so ein junger Schnösel aus dem Wilden Westen angewidert aus seinem Zimmer nölte: „Iiiih – wie hört sich denn DAS an? Wo kommen denn DIE her?“ Er mag geglaubt haben, wenn er uns nicht versteht, verstehen wir ihn auch nicht. Hähä! Denkste! Ich beugte mich vor und brüllte zu seiner geschlossenen Tür rein: „Das geht dich einen Scheißdreck an, wo wir her sind!“ Danach kam kein Ton mehr, nicht mal mehr Anton. Wir haben die ganze Woche lang keinen Pieps mehr von denen gehört.

Ich weiß, ich weiß: Man hätte zweifellos auch auf kultiviertere Weise kontern können. So nach dem Motto: „Noch nie Schwäbisch gehört? Mein Gott, wo kommst denn DU her?“ Aber meine spontanen Reaktionen unterliegen nun mal keiner Geschmackszensur. Und gewirkt hat’s ja auch so.

STRANDLEBEN
Wer uns kennt, der weiß, daß das Rumliegen am Strand oder am Pool nix für uns ist. Hier und da mal einen halben Tag lang, okay … aber ansonsten wollen wir was sehen von der Welt. Als erstes haben wir die „Wüste“ hinterm Haus erkundet. Wirklich wahr – Dünen soweit das Auge reicht. Eine kleine Sahara direkt hinter dem Hotel. Ich weiß nicht, wie viele „Sandfotos“ wir gemacht haben. Nächtens aufgestanden und dem Sonnenaufgang aufgelauert um die Sandhügel im Morgenlicht zu erwischen … und mittags und abends … jedes Lichtverhältnis hatte seine Reize. Und nie erwischte man die „Wüste“ menschenleer. Zweibeinige Wüstenwusler mit Rucksack und/oder Luftmatratze gab es zu fast jeder Tages- und Nachtzeit.

Also, an eine kleine Wüste hinterm Haus könnte ich mich gewöhnen. Hier hat’s doch allenfalls wüste Nachbarn …

Marschierte man eine halbe Stunde stramm durch die Dünen, kam man an den Strand. Es gab auch einen bequemeren Weg entlang der Strandpromenade, aber so oder so war das Strandleben kein großer Gäg. Voll, eng und teuer, wenn man Liegen und Sonnenschirm mieten wollte. Wenn man so weit weg ist von der „Zivilisation“ wäre es auch nicht schlecht, wenn es am Strand eine Toilette gäbe, aber da war halt nix.

Außerdem fürchte ich, daß ich ein bißchen altmodisch bin … mir waren die vielen erwachsenen Nackedeis peinlich, die sich da mehr oder weniger zur Schau stellend sonnten und im Wasser planschten. Ich dachte immer, wenn ich jetzt ganz allgemein in eine Richtung gucke und es springt mir so ein Nackerter in die Optik, dann glaubt der vielleicht, ich gucke nach ihm … ach nee, das war nix für mich. Ich wußte nie so recht, wohin ich schauen sollte. Und ich hätte mich auch nicht an diesen Kiosken auf einen Barhocker gesetzt, weil mir die Vorstellung unangenehm war, daß da vorher vielleicht jemand mit blankem Hintern …

Wie auch immer … das Sonnenbaden ist eh nicht das Wichtigste für uns. Wir waren schwimmen und sind ewig weit am Stand entlanggewandert, was will man mehr?

V.I.P.-TOUR
Es mag als spießig gelten, organisierte Ausflüge mit Reiseleiter zu unternehmen, aber wir haben die Erfahrung gemacht, daß man so einfach am meisten mitkriegt. Mit Mietauto, TUI-Tourbeschreibung und Dumont-Reiseführer haben wir‘s diesmal auch wieder probiert, aber wir haben lange nicht alles gefunden, was wir sehen wollten und hatten vor lauter Herumirrerei am Ende alle Mühe, noch bei Tageslicht im Hotel einzutreffen.

Trotz des bescheuerten Namens haben wir also eine sogenannte „V.I.P.-Tour“ gebucht zur Erkundung der Westküste. Keine Jeep-Tour, aber das Prinzip ist so ähnlich: Ein halbes Dutzend kleiner Busse fuhr Kolonne, jeder Bus hatte seinen Fahrer und Platz für 7 Passagiere. Über Funk gab der Reiseleiter aus Bus 1 Informationen. Selbstverständlich wurde oft angehalten, was besucht, gezeigt, erklärt, besichtigt.

Reiseleiter und Chef von dieser V.I.P.-Tour war ein Einheimischer, ein älterer Canario im Späthippie-Look, der von sich sagte, er sei seit 33 Jahren in der Touristikbranche. Und er machte das auch alles ganz klasse. Es ist einfach unschlagbar, wenn man einen einheimischen Führer hat, der wirklich weiß, wovon er spricht. Der sagen kann: „Als ich klein war, war das hier noch so und so …“ und „Meine Oma hat erzählt, ganz früher …“. Das ist ein himmelweiter Unterschied zu Führungen, bei denen der Typie da vorne alles nur mehr oder weniger gut auswendig gelernt hat und auch nicht mehr weiß als in seinen Unterlagen steht.

Zimperlich war der Reiseleiter auch nicht gerade. Ein junger Mann kam zu spät zum Treffpunkt, hatte noch den Rausch vom Vorabend im Gesicht und war in einer Tour am Stänkern, Nölen und Meckern. Nach 20 km hielt unser Treck an einer Tankstelle an, der Canario stauchte Stänkerer mal kurz zusammen – und als der Bursche keine Ruhe gab, setzte er ihn kurzerhand aus. Ende der Diskussion. Mit dem Linienbus durfte der besoffene Jung‘ dann wieder ins Hotel zurückfahren. Der Rest der Truppe setzte die Fahrt fort.

Wir kamen durch Puerto Rico und Puerto de Mogan und staunten über die Hotels und Apartments, die dort in die Felsen hineingebaut waren. Da müßte man ja erstmal fünfhundert Treppen latschen, um runter an den Strand oder in die Stadt selbst zu kommen! Und nachher alles wieder rauf! Dekorativ aber unpraktisch.

In Acusa besuchten wir ein Höhlendorf. Ein winziger und ziemlich ärmlicher Ort in dramatischer Gebirgslandschaft. 6 Familien wohnen dort noch, darunter 2 Kinder. Außer Landschaft gibt‘s da halt nix. Die jungen Leute flüchten in die Städte, dorthin, wo’s Arbeitsplätze gibt. Kann man ja verstehen.

Als ich im Reiseführer über die Höhlenwohnungen las, hab ich mir irgendwas primitiv Steinzeitliches darunter vorgestellt. Aber in Wahrheit ist das was ganz Cleveres: Die Häuser haben eine ganz normale gemauerte Frontseite, und die hinteren Räume sind in den Fels hineingehauen. Statt gemauerter streng viereckiger Räume hat man hier eben Zimmer, die Gewölbekellern gleichen. Das ist ein bißchen dunkel, aber wunderbar kühl. Im Winter gibt das hoffentlich warm, denn der Reiseleiter sprach von Temperaturen von +40•C im Sommer und -20•C und schlimmer im Winter. Brutal!

Wir kamen durch den Pinienwald von Tamadaba. Vor 20 Jahren hat man mit der Wiederaufforstung begonnen. Wir konnten uns gar nicht recht vorstellen, daß die kahle Insel früher einmal voller üppiger Wälder gewesen sein soll. Erst im Mittelalter hätten die Spanier alles abgeholzt, wurde uns erzählt.

Kurvenreiche Bergstraßen führten uns zu einem weiteren Höhlendorf – Barranco Hondo -, in dem wir sogar die Gelegenheit hatten, eine solche Wohnung zu besichtigen. Mir war das ziemlich peinlich. Klar, der älter Herr, dem die Wohnung gehört, verdient sich durch die Touristenströme, die er da durchschleust, ein Zubrot zu seiner Rente. Trotzdem … man tapert einfach nicht durch anderer Leute Behausung und gafft neugierig. Das gehört sich nicht. Gott! Wenn das einer bei uns machen würde … vor allem jetzt im Moment, wo ich mitten im Putzen aufgehört habe, um ein paar Takte an meinem Reisebericht zu schreiben, während der Fußboden im Flur trocknet … nicht auszudenken!

Man sagt nicht umsonst, Gran Canaria sei sowas wie ein Mini-Kontinent. Verschiedene Klimazonen gibt’s dort auf jeden Fall. Der Süden ist kahl und trocken, und weiter im Norden ist’s entschieden feuchter, kühler und grüner. Im Lorbeerwald – in der Gegend um *Los Tilos* – haben wir regelrecht gefroren.

Die Bananenplantagen im Norden hätte ich mir gerne aus der Nähe angesehen. Bis heute fasziniert es mich, zu sehen wie Orangen und Zitronen auf den Bäumen wachsen. Bananenstauden wären für unsereinen sicher genauso exotisch. Aber leider war da alles fest ummauert und eingezäunt. Klar, Diebstahlssicherung, verstehe. Aber schade war’s trotzdem.

PANORAMAFAHRT
Nachdem wir nun den Westen erkundet hatten, wollten wir auch etwas über die Ostseite der Insel erfahren und buchten deshalb die „Panoramafahrt“. Die Reiseleiterin war aus Südfrankreich, und bei ihrem Deutsch mußte man schon zweimal hinhören um einmal was zu verstehen. Der Unterschied zu dem einheimischen Reiseleiter der V.I.P-Tour war deutlich. Die Frau leierte ihren Text runter und wußte wirklich nicht mehr als im Reiseführer stand. Diese Fahrt war kein großer Gäg. Na gut: Im Osten gibt’s auch nicht so viel zu sehen wie im Westen. Aber ich hab mir ernsthaft überlegt, künftig vorher zu fragen, wo die Reiseleiter her sind.

Jetzt wissen wir, daß Gran Canaria Tomaten, Bananen, Kartoffeln und Gurken exportiert, und wir haben in Guayadeque noch mal ein Höhlendorf angeschaut. War die gleiche Peinlichkeit wie in Barranco Hondo. Ein paar schöne Panoramaaufnahmen von der Tour haben wir immerhin mitgebracht … vom Berg Los Pechos (1.950 m) aus und vom Krater Los Marteles.

Das Völkerkundemuseum Casa de Cho Zacarias in Vega de San Mateo wird in den Reiseführern mächtig gelobt. Ja, wenn die doofe Tussi uns was erklärt hätte, statt im Garten stehenzubleiben, hätten wir vielleicht auch was kapiert! Ich find’s in den spanischen Museen immer ein bißchen schade, daß alle Beschriftungen bloß auf Spanisch sind. Auch in Touristenzentren. (Selbst im Prado in Madrid war das so. Und da treibt sich ja wahrlich mehr internationales Publikum rum als Spanier!) Also, in Englisch könnten sie’s schon auch drunterschreiben, sonst ist man bei den Exponaten immer auf Vermutungen angewiesen!

In Tafira haben wir noch botanischen Garten besucht, den Jardin Canario. Das war jetzt wieder interessant. Bäume, Sträucher, Palmen und Kakteen haben wir in -zig verschiedenen Varianten gesehen Auf Gran Canaria wachsen Pflanzen aus Lateinamerika, Indien, Afrika und weiß-der-Geier-woher. Afrikanische Tulpenbäume, Jakarandabäume aus Chile, Orchideensträucher aus Indien … das irrste Zeugs. Meine Lieblingspflanze im Süden ist trotzdem die Bougainvillea mit ihren violetten und pinkfarbenen Blüten. Und die stammt angeblich aus Brasilien.

Gerne hätte ich als Urlaubsmitbringsel einen der tollen Kakteen gekauft, die in allen Supermärkten angeboten wurden. Aber dummerweise verstößt es gegen das Artenschutzabkommen, wenn man einen Kaktus von der Insel bringt. Auch wenn die Kakteen irgendwo gezüchtet wurden. Was das wohl soll? Bauen die an einem Kaktus-Monopol? Wunder und Rätsel der internationalen Wirtschaft …

FASHION-SHOW IM DAMENKLO
Seit Jahren frage ich mich, was eigentlich Musiker beißt, abends als „Hotelband“ durch die Lande zu tingeln. Sind das Amateure, die tagsüber als Automechaniker und Sekretärinnen arbeiten und sich abends den Traum von der Bühne erfüllen? Indem sie lieblos das immergleiche Repertoire runternudeln? Sind das Musiker, die noch hoffen, entdeckt zu werden? Oder welche, die schon alle Hoffnung haben fahren lassen und hier der Rente entgegendämmern? Bis auf wenige Ausnahmen waren diese Bands immer fürchterlich schlecht. Diese hier hatten 5 Mann Besatzung und mehr Technik als ein Atomkraftwerk um eine absolut stinkfade Musik zu machen. Würde mich wirklich interessieren, was diese Leute umtreibt! Also, wir sind jedenfalls immer mit einer Geschwindigkeit von Warp 9 geflüchtet, sobald diese Jodler ihre Instrumente auspackten … und mit „Macarena“ loslegten.

Nett war die Idee mit der Bademodenschau am Swimmingpool. Man dachte sich wohl, die Zielgruppe liegt da mittags faul in der Sonne rum und hat nix Besseres zu tun als zu gucken und ließ zwei ganz junge und ein älteres Model eine etwas biedere Bademodenkollektion präsentieren. Fing schon witzig an … als auf einmal im Vorraum der Damentoilette ein sperriger Kleiderständer rumstand und sich mitten im Weg ein Model aus seinen Alltagsklamotten pellte. Naja, wo hätten sie sich auch sonst umkleiden können? Ein bißchen ulkig war’s schon, daß die Modeschau von der Toilette aus startete. Fashion-Show im Damenklo? Und vielleicht hätte man auch die Treppe zum Pool hin sperren sollen, damit nicht Hinz und Kunz in die Präsentation reinlatschte. Das war nämlich so. Der Moderator überschlug sich da vorne vor Begeisterung, und man verrenkte sich den Hals, doch statt des schicken Models tappte irgendein Durchschnittsaugust mit O-Beinen und Badelatschen durchs Bild. Das Model kam erst ‚ne halbe Minute später.

Das Witzigste an dem hoteleigenen Unterhaltungsprogramm war oft das Publikum. Ich könnt jetzt noch kreischen über einen kleinen Italiener mit schlecht gefärbten Haaren und einem nadelgestreiften Mafia-Outfit, das er wohl aus einem Kostümfundus der 70er Jahre abgestaubt hat. Der war für uns „Der Pate – in Poly-Color“. Cool war auch eine aufgedonnerte Dame in grünschillernden Leggings. Gerhard schaute sie vollkommen entgeistert an, als sie zur Tür rauskam und meinte: „Oh – heut in dezentem Schmeißfliegen-Grün?“ Natürlich so, daß sie’s nicht hörte. Wir haben da ja zum Glück Übung im Lästern.

MIT DEM AUTO UNTERWEGS
Für zwei Tage hatten wir uns ein Auto gemietet. Nachdem wir zuerst den falschen Autoschlüssel ausgehändigt bekommen hatten, was zu Verzögerungen führte, hat’s dann schlußendlich doch noch geklappt und wir konnten zu unserer eigenen West-Tour aufbrechen.

Ich glaub, wir sind in den zwei Tagen zehntausend Haarnadelkurven gefahren … daß die Strecke so brutal war, ist mir bei den Busfahrten gar nicht so aufgefallen. Aber in dem kleinen Nissan Micra … ogottogott! Gestatten, daß ich mich fürchte?

So gut die Tourbeschreibung auch war – wir fanden problemlos die Oase Fataga, den Berg Bentaiga und all die kleineren und mittelgroßen Orte wie Tejeda und Fontanales, doch wir kriegten die Krise in Moya. Was wir suchten, fanden wir nicht. Und aus dem verflixten Moya schien einfach kein Weg mehr heraus zu führen. Wir haben es mehrmals in unterschiedlich weitem Bogen umkreist. Welche Richtung wir auch einschlugen, wir landeten immer wieder in – Moya. In größeren Städten versagen diese Kurzbeschreibungen einfach. Ich hab keine Ahnung, wie die Canarios sich orientieren – wir fuhren buchstäblich stundenlang durch die Gegend ohne ein einziges Schild zu sehen, gurkten auf gut Verdacht durch die Landschaft, bis wir uns heillos verfahren hatten und nicht mehr wußten, in welcher Stadt wir waren. Wie auch, wenn nirgends nix dransteht? Und mit dem Fragen ist es so eine Sache. Klar kann ich mich nach dem Weg erkundigen – aber in aller Regel verstehe ich die Antworten nicht. Ich weiß, was links und rechts heißt, aber dann ist auch schon Schluß.

Irgendwie schafften wir es bis in den Norden hoch nach Gáldar und fuhren dann an der Westküste wieder runter in den Süden. Eindrucksvoll war die Hafenstadt Agaete … da pfiff ganz schön der Wind. Ganz anders als im Süden. Gestaunt haben wir, daß die Leute quasi im Hafenbecken gebadet haben. Igitt. Also, wenn man den Dreck schon sieht …!

Am nächsten Tag machten wir noch einmal eine Tour durch den Osten der Insel … das war dann mehr „kulturell“ orientiert. Viele Kirchen und ein Museum standen auf dem Programm. Aber siehe oben – wir haben leider nicht alles gefunden, was wir uns ansehen wollten. So irrten wir vergeblich durch Telde. Das, was im Reiseführer stand, war einfach nicht zu finden. Dem Herumreisen in Eigenregie sind einfach Grenzen gesetzt. He – und kalt war’s im Nordosten. Ich war froh an meinem Jeanshemd.

Einiges haben wir dann doch gesehen … vom Mirador Helechal herunter genossen wir einen tollen Panoramablick. Wir waren in einem netten Städtchen namens Tejeda und besichtigten die Wallfahrtskirche von Teror. (Jaja, da kommen die Ter(r)oristen her…!). Das hat mich deshalb interessiert, weil ich mal gehört hatte, daß man 1975 der anscheinend berühmten Marienstatue, der Virgen del Pino, den ganzen Schmuck geklaut haben soll. Die bösen Buben waren der Kirche aufs Dach gestiegen und hatten sich durch ein Oberlicht nach innen abgeseilt – und Gold und Edelsteine geraubt. Schon fies, das zu klauen, was die einfachen Leute spenden. Aber irgendwie war dieses strategisch „günstig“ plazierte Oberlicht eine einzige Einladung an Diebe. Ein Wunder, daß nicht schon viel früher einer auf diese Idee gekommen ist!

In der Hauptstraße von Teror gibt’s noch jede Menge dieser schönen holzgeschnitzten Balkone. Das haben wir gefunden – im Gegensatz zum Heimatmuseum. Tja, Pech gehabt.

Weiter ging’s nach Arucas, zu einer wirklich extrem neugotischen (nee, nicht neuRotischen) Kirche! Erbaut von 1909 bis 1990. Meine Güte, ich hatte keine Ahnung, daß man sich mit sowas heut noch abstreßt. Und die ist echt gemauert aus dem Blaubasalt der Gegend … ich hatte nämlich vermutet, die hätten sich da schnell mal was zusammenbetoniert. Kirche aus einem Guß, sozusagen. Ich würde mal annehmen, daß das weniger Streß ist als Meißeln und Mauern. Irgendwie war das Teil schon komisch. Hatte was von „wie wenn als ob“. Überm Mittelgang schwebte ein gigantischer Kronleuchter im Mittelalter-Design. Ich staunte. Wow, echte Kerzen! Aber als sich unsere Augen an die Dunkelheit in dem Gebäude gewöhnt hatten, sahen wir: Von wegen Kerzen! Osram Energiesparlampen. Och nee, Kinder!

Nach einem letzten Panoramablick vom Montana de Arucas runter auf Dörfer und Banananplantagen wollten wir in Las Palmas auf die Autobahn und so wieder zurück in den Süden. Im Reiseführer stand so einleuchtend: „Folgen Sie in der Stadt den Schildern ‚aeropuerto‘, dann kommen Sie automatisch auf die Autobahn.“ Ja, äh, in der Theorie. In der Praxis sahen wir kein einziges Schild. Ich weiß nicht, wie lange wir ohne jeglichen Anhaltspunkt mit wachsender Verzweiflung durch die Stadt irrten … durch Industriegebiete, die Innenstadt und durch mehr als finstere Viertel … bis wir endlich, endlich am Horizont ein paar knallbunt gestrichene Häuser wiedererkannten, an denen wir bei der V.I.P.-Tour vorbeigekommen waren. Also sowas hab ich noch nicht erlebt … daß man über eine Stunde durch eine Stadt gurken kann, ohne einen einzigen Wegweiser zu sehen. Also ich weiß, was wir ganz bestimmt nie wieder machen: Mit einem Mietauto in eine kanarische Stadt reinfahren!

DIES UND DAS
Wir haben die Insel nun mehrfach des Langen und Breiten durchquert – aber auf wilde Hunde und verwilderte Katzenhorden wie auf Lanzarote sind wir dort nicht gestoßen. Schätze, die Canarios haben gründlich „aufgeräumt“ mit den Tieren. Ich kann mir schon vorstellen, wie. Dennoch – wir finden immer Möglichkeiten, Katzenfotos zumachen: Die Katze eines Immobilienmaklers saß uns Modell, desgleichen ein Kneipenkätzchen auf der V.I.P-Tour. Ein kleiner Canario-Kater ist trotzdem nach Deutschland exportiert worden: Ein kränkelndes Junges der Immobilien-Kätzin, die uns Modell gesessen hat. Ein junges Paar hat das Tierchen („Pedro“) in der Tierklinik behandeln lassen und dann mit heim nach Düsseldorf genommen. Zwar war der Vorbesitzer auch schon beim Tierarzt mit dem kleinen Kerl, aber so viel Engagement wie das katzennärrische junge Paar aus Düsseldorf hat er halt nicht aufgebracht.

War nett, wie das Katerchen sich an seinen neuen Menschen geschmiegt hat. Es hat sich dem Mann wie ein Pelzkragen um den Hals gewunden. (Solange das Tier noch so klein ist, geht das noch. Aber was macht der Mann, wenn der Kerle mal 6 Kilo wiegt? Wird ein schwerer lebendiger Pelzkragen!) Manchmal denke ich, die Tiere merken das, wenn man ihnen das Leben gerettet hat, wenn man es gut mit ihnen meint.

Und weil wir’s grad von Tierischem haben: Tierisch genervt haben die Fuzzies mit ihrem Time-Sharing-Angebot. An jeder Ecke lauerten sie einem auf. Wie’s Ungeziefer stürzen die sich auf alles, was zwei Beine hat. Jedem, der vorbeikommt, wollen sie ein Los andrehen und einen für die Gewinneinlösung in ein entlegenes Hotel locken, um die „Opfer“ dann so lange zu beknien, bis sie ein völlig überteuertes Apartment kaufen. Oder, besser gesagt, das Recht, dort einmal im Jahr Urlaub zu machen. Auf diese Weise verkaufen sie jedes Apartment 52 Mal …Was mir einfach nicht in den Kopf geht: Wenn man zu denen energisch sagt: „Nein danke, das möchte ich nicht“, dann belästigen die einen trotzdem gnadenlos weiter. Obwohl doch klar ist, daß da nix geht. Einen hab ich mal angebrüllt: „Lauf jetzt deine Strecke und laß mich in Ruhe, verdammt noch mal!“ Das hat er dann begriffen. Ich war immer versucht, wie die Amis zu fragen: „Welchen Teil von ‚verpiß dich’ verstehst du jetzt nicht?“

Einen wüsten Spruch hab ich auch gelesen, auf so einem Button zum Anstecken. Der wird mich vermutlich bis in die Firma verfolgen, und all die sonnenbankgebräunten Manager werden sich über mein freches Grinsen wundern, wenn wir uns begegnen: „Is this a suntan – or are you just full of shit?“ Gibt schon nette Redewendungen im Englischen. Ich hätte den Button kaufen sollen, verdammich! Aber da unsere Manager eh nicht wissen werden, daß „suntan“ Sonnenbräune heißt und „full of shit“ bedeutet, daß einer ein Lügner und Dummschwätzer ist, wäre die Wirkung ohnehin verpufft.

So. Genug Gift verspritzt. Auch wenn ich das Nichtstun, das üppige Frühstück – bei dem man sich um nix kümmern muß – das Meer, den Sonnenschein und die Wüste hinterm Haus schmerzlich vermissen werde, bin ich doch auch gern wieder heimgeflogen. Zur Familie und Freunden, den Katzen, der Post, dem Internet … und *seufz* auch zur Bügelwäsche. Nach zwei Wochen Abwesenheit bewahrheitet sich einmal mehr die uralte Weisheit: „Die Wäsche kennt keine Gnade“.

See you!
Edith

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