Madeira 2004 – konstant 27 Grad, Teil 1

Madeira 2004 – konstant 27 Grad
Es muss nicht immer Wüste sein

Nachdem wir unseren geplanten Teneriffa-Urlaub 2002 aus familiären Gründen kurz vor Reiseantritt stornieren mussten und aus den selben Gründen 2003 überhaupt nicht verreisen konnten, wagten wir es 2004 nicht, das selbe Reiseziel noch einmal ins Auge zu fassen. Purer Aberglaube: Es hätte ja wieder schief gehen können …
Im Reisekatalog sah Madeira nicht schlecht aus, es passte auch von der Entfernung her perfekt in unser Beuteraster, und eine üppig grüne Insel ist einmal eine Abwechslung zu kahlen Mondlandschaften, Sand und Steinen, den Landschaftsformen, die wir normalerweise bevorzugen.

Schnell mal ein paar Zahlen und Fakten, bevor es los geht

  • Madeira liegt auf ca. 17° westlicher Länge und ca. 33° nördlicher Breite.
  • Die Entfernung zum portugiesischen Festland beträgt 900 km, nach Afrika 600 km und zu den kanarischen Inseln 450 km.
  • Die Hauptinsel Madeira hat eine Fläche von 741 km2, Porto Santo 45 km2. Um die Sache etwas plastischer zu machen: Die Hauptinsel Madeira ist 57 km lang und an der breitesten Stelle 22 km breit. Steht man am Encumeada-Pass, sieht man im Norden und Süden das Meer.
  • Die Hauptstadt ist Funchal.
  • Die höchste Erhebung ist der Pico Ruivo im Zentrum der Insel mit einer Höhe von 1862 m.
  • 1351 wurde Madeira erstmals auf einer florentinischen Seekarte erwähnt.
  • Man sagt, die Portugiesen hätten die Insel aus Versehen entdeckt. Sie wollten nach Marokko und seien durch einen Sturm vom Kurs abgekommen. Dadurch entdeckten sie erst Porto Santo und danach Madeira.
  • Madeira hatte keine Urbevölkerung. Die Araber haben die Insel vermutlich gekannt, aber sie hatten kein Interesse daran, denn wo keiner lebt, ist kein Handel möglich. Besiedelt wurde Madeira erst unter Heinrich dem Seefahrer im 15. Jahrhundert.
  • Madeira hat 280.000 rund Einwohner, noch Mal 5.000 Menschen leben auf Porto Santo.
  • Madeira ist jünger als die Kanaren und älter als die Azoren.
  • Geographisch gehört Madeira zu Afrika, politisch zu Europa (Portugal)
  • Die Insel besteht aus Basalt, und der erodiert schlecht. Deswegen gibt es auf Madeira keinen Sandstrand. Einen klassischen Badeurlaub gibt das also nicht.

Die Dame in Pink
Madeira, also. Gewählt, gebucht, gereist. Die Katzen blieben erstmals in der Obhut von Gerhards Eltern zurück, und am 27. Juli 2004 ging es los. Obwohl wir früh genug aufgestanden waren, brachen wir schließlich im gestreckten Galopp auf und rumpelten mit unseren Trolleys die Einfahrt hinaus und hinunter zur Stadtbahn in Richtung Flughafen. Es regnete, und wir hatten keinen Schirm dabei. Taxi? Ach nee! Wenn die Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schon nix kostet – die Fahrscheine sind im Flugpreis mit inbegriffen – und wir die Stadtbahnhaltestelle quasi vor der Haustür haben, dann nutzen wir das auch.

Wir waren noch nicht mal am Flughafen, da wären wir am liebsten schon wieder umgekehrt. Ich war mittlerweile derart reiseungewohnt, dass ich Gerhard mit permanentem nervösen Gewühle in Taschen und Rucksäcken nervte: „Huch, haben wir dies? Haben wir das? Ich glaub’, ich habe was unheimlich Wichtiges daheim vergessen!“ Hatte ich natürlich nicht. Ich habe, wie immer, von allem viel mehr dabei gehabt als wir je gebraucht haben.

Auch die Hektik, die wir an den Tag gelegt hatten, war komplett für die Katz: Weil „unser“ Airbus 320 gegen Osten starten musste, mussten wir eine halbe Stunde auf die Starterlaubnis warten. Also, wie immer: Verspätung.

Wir hatten Zeit, uns allen möglichen unnützen Informationen reinzuziehen. Ich hab mir z.B. nie Gedanken darüber gemacht, was so ein Flugzeug Wert ist. Dieser Vogel, mit dem wir starten wollten, ist in Frankreich gebaut worden und hat die sagenhafte Summe von 35 Millionen US-Dollar gekostet. Für ein Flugzeug mag das ganz normal sein, ein Normalbürger kann angesichts solcher Beträge nur fassungslos staunen.

Und wir hatten Zeit, nach Mitreisenden zu gucken. Eine zierliche blonde Dame in sportlicher pinkfarbener Kleidung bereitete Gerhard Kopfzerbrechen. „Die kenne ich irgendwoher, und zwar schon sehr lange“, sagte er. Da er schätzungsweise neun Millionen Leute kennt, privat und beruflich, nehme ich derlei Aussagen nicht weiter wichtig. Da kann man schon mal vergessen, wo man einer Person zuvor begegnet ist. Mir kam die Dame vage bekannt vor, aber mein Personengedächtnis ist lausig, und es hätte sich bei ihr um eine ehemalige Nachbarin oder Kundin handeln können, um jemand, der mit uns früher zur Schule ging oder eine zeitlang immer mit dem selben Bus wie wir in die Stadt gefahren ist.

Es sollte sich Tage später aufklären …

Das schöne Ende der Welt
Wir stiegen also ins Flugzeug – die Dame in Pink mit ihrer Mutter auch – und drei Stunden und 50 Minuten später landeten wir in Funchal. Es hatte 30 Grad, war schwül und diesig. Und ich dachte mir, nee, das ist nicht das Klima, das man uns im Prospekt versprochen hat! Wahrscheinlich ist es wie überall, wo wir hinkommen: Man versichert uns, so ein Klima sei absolut nicht normal für diese Gegend und diese Jahreszeit, und das habe es in den letzten 50 Jahren nicht gegeben. Und so ähnlich war es auch. Ein heißer Wind aus Marokko ließ die Temperatur um 10 Grad höher steigen als gewöhnlich. Und das sollte auch noch ein paar Tage anhalten.

Mit dem Minibus der Reisegesellschaft (TUI) fuhren wir ins Hotel Riu Palace Madeira nach Canico de Baixo. An Bord die Dame in Pink und ihre Mutter. Gerhard vermutete inzwischen, dass sie die Frau, Freundin, Ex-Freundin eines früheren Schulkameraden sei, kam aber nicht ums Verrecken darauf, zu wem sie gehörte.

Das Hotel liegt nicht weit weg vom Flughafen, in knapp einer Viertelstunde waren wir am Ziel.

Ein Riu-Hotel hat uns noch nie enttäuscht. Alles sehr schick und sauber mit tollen Originalbildern an den Wänden. Es schaute ein bisschen plüschig aus, so im Stil englischer Clubs der Jahrhundertwende, aber es war brandneu, es ist erst 2001 erbaut worden. Nur die Lage war nicht so galaktisch. Wohl direkt am Meer – aber ansonsten war dort das Ende der Welt. Die Uferpromenade hörte an der einen Seite an einer Baustelle auf, an der anderen im Ödland. Und die Insel ist nun mal sehr bergig, so dass man, wenn man „hinter“ dem Hotel in den Ort gehen wollte, entweder die steile Hauptstraße hochklettern musste oder mit dem Linienbus (Linie 155) fahren. Mit sich abends die Beine vertreten war also nicht so furchtbar viel … Naja, und so besonders viel hätte es in Canico auch nicht zu sehen gegeben, ein Ort mit 8000 Einwohnern. Der Garten des Hotels Candida Splendida sei einen Besuch Wert, so hieß es. Wir sind zwar öfter dort vorbeigekommen, aber haben es irgendwie nie geschafft, auch mal reinzugehen.

Zum Essen muss man auch nicht mehr viel sagen: Ein üppiges, abwechslungsgreiches und wirklich köstliches Büffet für alle Mahlzeiten. Beim Abendessen reicht eigentlich das Vorspeisenbüffet aus, es war in meinen Augen unnötig, dass sie auf Wunsch auch noch den Hauptgang am Tisch servierten. Andererseits – das schafft Arbeitsplätze. Allein im Service sind 40 Leute beschäftigt, im ganzen Hotel ungefähr 200. Das erzählte uns die Kellnerin Monica.

Wie immer hatten wir den Eindruck, dass sie im Service nur Leute beschäftigen, die ihren Job gerne machen. Da gibt’s keine mürrischen Gesichter sondern nur solche, denen man anmerkt, dass sie gerne mit anderen Menschen arbeiten.

Nett war, dass die Kellner den jeweiligen Geburtstagskindern beim Abendessen ein Ständchen sangen. Und da mindestens jeden zweiten Tag einer Geburtstag hatte, hat man sich an das freundliche Spektakel bald gewöhnt. Nette Gesellschaft hatten wir auch. Am Nebentisch saß ein sympathisches Paar aus Solingen, Johannes und Annette, mit dem wir uns gut unterhalten haben.

Am 28. Juli war die obligatorische Informationsveranstaltung für Neuankömmlinge mit Vorstellung der Insel, des Hotelpersonals und seiner Funktionen sowie des Ausflugsprogramms.

Was sehr erfreulich war: Es gab keine Animation. Diesen „Kindergarten für Gruftis“ konnten wir noch nie ausstehen. Im Riu Palace Madeira hatte man seine Ruhe und konnte selber entscheiden, was man machte und was nicht.

Wir erkundeten die nähere Umgebung. Wenige Meter neben dem Hotel stand eine Ruine, irgend ein Wohnhaus, das aufgegeben und sich selbst überlassen wurde. Ich bin fasziniert von Ruinen und davon, wie die Natur sich ein verfallenes Gebäude so nach und nach wieder zurück erobert. Und natürlich hab ich fotografiert wie wild. Ich wäre auch darin herumgeklettert – der Zaun um das Grundstück herum war längst eingetrampelt – aber Gerhard hielt das für keine gute Idee.

Von der Promenade konnte man wunderbar den Wellen zuschauen. Einfach rumstehen und gucken. Das Meer hat mir schon sehr gefehlt in den zwei Jahren, in denen ich nicht reisen konnte.

Nur verdammt schwül war’s dank des heißen Windes aus Marokko. Das digitale Thermometer an der Außenwand des Hotels zeigte trotzdem konstant 27 Grad. Die ganzen zwei Wochen lang. Vielleicht war es arretiert, damit keiner der Gäste die Krise kriegt: „Was? 38 Grad! Schnell, einen Arzt!“

Von den drei Islas Desertas, den unbewohnten Inseln, die man vom Hotel aus angeblich sehen können sollte, war keine Spur. Dazu war es viel zu diesig.

Ein Rätsel wird gelöst
Am 29. Juli klarte es dann endlich so weit auf, dass wir sie Inseln sehen konnten. Wir standen auf der Terrasse der Hotelbar und schauten aufs Meer hinaus, als plötzlich jemand Gerhard auf die Schulter tippt und ihn mit seinem Spitznamen aus der Schulzeit anspricht: Die Dame in Pink ist’s und bestellt schöne Grüße von ihrem Mann, der leider arbeiten müsse und den Kurzurlaub nicht mitmachen könne.

Jetzt war alles klar und das Rätsel der Dame in Pink gelöst – sie ist wirklich die Ehefrau eines Schul- und Sportkameraden von Gerhard. Evi! Auf sie und ihren Mann wären wir unserer Lebtag nicht gekommen, denn die beiden sind vor rund 18 Jahren nach Kanada ausgewandert. So lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Wir hatten uns komplett aus den Augen verloren.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ihre geschäftliche E-Mail-Adresse im Internet ausfindig gemacht und eine Nachricht hingeschickt, aber da hatten sie bereits alles verkauft und waren schon auf dem Weg zurück nach Deutschland. Seit anderthalb Jahren sind sie wieder im Lande. Wir wussten von nichts. Und sie hätten sich auch bei uns nicht melden können. Gerhard steht nicht im Telefonbuch, und meinen Familiennamen haben sie nicht mehr gewusst.

Jetzt machten Mutter und Tochter eine Woche Kurzurlaub auf Madeira. Dies Welt ist schon klein. Da besucht man eine Insel, die geographisch zu Afrika und politisch zu Portugal gehört, nur um dort Esslingern in die Arme zu laufen, die vor fast 20 Jahren nach Kanada ausgewandert sind.

Natürlich gab es da viel zu erzählen, und nun wissen wir jeweils im Groben „was bisher geschah“.

It’s Showtime!
Die wilden Tiere rund ums Hotel hielten sich zahlenmäßig in Grenzen. Eine Handvoll Hunde und Katzen gab’s. Aber so ganz und gar mussten wir nicht auf Tierisches verzichten: Am Abend gab es im Hotel eine Pagageienshow. Mit routinierten Handgriffen bauten zwei Frauen Tisch und Dekorationen auf, brachten diverse Requisiten herein und Holzgestänge mit Papageien darauf. Rote und blaue Aras, zickige Kakadus, die permanent am Streiten waren und so lange versuchten, sich gegenseitig vom Stängelchen zu schubsen, bis eine der Frauen sie trennte und den einen zu den Requisiten verfrachtete. Ein Graupapagei war dabei und noch kleinere, die ich keiner Art zuordnen konnte.

Ehe die Show mit den Kunststückchen losging, gingen die Frauen mit zwei Papageien und einer Kamera bewaffnet durchs Publikum. Sie setzten interessierten Zuschauern die Vögel auf Schulter und Hand und fotografierten. Die fertigen Fotos konnte man dann anderntags für EUR 5,- an der Rezeption abholen. Ich bin so unfotogen, aber von Gerhard gibt’s ein „Geierfoto“.

Die Papageien führten allerhand Zirkusnummern auf: Radfahren, Rollschuh fahren, Auto fahren, Tanken, Ben Hurs Wagenrennen … und höchst beeindruckende Rechenkunststücke. Es ist uns ein Rätsel, wie der Papagei die Rechenaufgaben, die das Publikum stellte, wirklich lösen konnte. Sie sind ja intelligent, aber dass sie addieren und multiplizieren können, das glaube ich nicht aufs erste Mal. Irgendwie wird das Frauchen ihnen schon versteckt zu verstehen gegeben haben, wie oft sie die Glocke läuten müssen, um damit das richtige Ergebnis anzuzeigen.

Die Papageienshow kam eine Woche später noch einmal ins Haus, und nach Feierabend saß Gerhard dann an der Bar, einen Kakadu auf der Schulter, fütterte ihn mit Erdnüsschen und tratschte mit den Künstlern. Viecher und Künstler – zu denen hat er immer schnell Kontakt.

Beinahe jeden Abend gab es eine andere Show im Hotel, und das meiste war recht unterhaltsam. On 6 Uhr Abends bis Showbeginn spielte ein Pianist an der Bar, Luis Rocha. Er war gut – nur das Repertoire war halt immer das selbe.

Hotelmusiker gab’s natürlich auch. Die waren nicht übel, nur die Sängerin war absolut grauenvoll und vergriff sich gerne an Musikstücken, die ihr Können bei weitem überforderte. Aber sie war nett anzusehen, tanzte schön und lächelte immer freundlich. Mut hatte sie auch – oder vielleicht auch nur null musikalisches Gehör. Als an einem Abend als „Gaststars“ ein niederländisches Ehepaar auftrat – das Duo „Double Cocktail“, bei dem ich jeden Eid schwöre, dass die Sängerin eine Musical-Ausbildung hatte – trat „unsere“ Blondine tatsächlich unmittelbar nach ihr auf und sang zum Teil auch die selben Lieder. Nur um Klassen schlechter.

Verpasste Gelegenheiten
Immer ergeben sich die tollsten Fotomotive, wenn man gerade keine Kamera zur Hand hat! Am Freitag Abend sah man die Inseln so klar und deutlich wie nie zuvor. Und wie wenn man bei uns daheim die Schwäbische Alb so deutlich sieht, regnete es bald darauf.

Es gab den herrlichsten Regenbogen, den ich je gesehen habe. Er leuchtete in intensiven Farben und endet mitten im Meer. Sogar zwei Regenbogen nebeneinander waren es, spiegelverkehrt in den Farben.

2. August: Ausflug „Paradiesische Gärten“
Blandy’s Garden (auch»Quinto do Palheiro Ferreiro«genannt) gilt als die wohl schönste Parkanlage Madeiras. Vom Grafen de Carvalhal wurde sie 1804 ursprünglich nach den Prinzipien französischer Gartenbaukunst streng geometrisch angelegt. Carvalhals Neffe hat die Anlage verzockt und versoffen, von der Familie Blandys wurde sie 1885 aufgekauft dann nach britischem System überarbeitet. In britischen Gärten wird die ideale Landschaft nachgebildet.

Mildred Blandy ließ viele Pflanzen aus ihrer südafrikanischen Heimat einführen und trug dadurch zur Vielfalt des Gartens bei. Bei diesem grünzeugfreundlichen feruchtwarmen Klima wächst aber auch einfach alles. Ob sie Pflanzen aus Europa, Afrika, Südamerika oder Neuseeland eingeschleppt haben – alles grünt, blüht, wuchert und gedeiht.

Die Familie Blandy wohnt selbst auf dem Anwesen und lässt die Allgemeinheit gegen Eintritt durch ihren Park latschen. Das taten wir dann auch ausgiebig unter sachkundigen Führung von Reiseleiterin Magdalena und haben wie die Bekloppten fotografiert. Meine Güte, was gab’s da auch alles an Pflanzen! Solche, die man nur von Fotos und aus dem Fernsehen kennt, andere, die wir noch nie in unserem Leben gesehen hatten, und, was mich immer besonders fasziniert: Gigantische Varianten von Pflanzen, die wir nur als kümmerliche Topfpflänzchen kennen.

Nach einer traditionell englischen Pause im Teehaus am Seerosenteich bei Tee und Kuchen – und kilometerlangem Schlangestehen vor dem Damenklo – ging es weiter mit einer superkurzen Levada-Wanderung durch den ca. 800 m hoch gelegenen Wald. Nur 20 Minuten lang ging es in bei feucht-schwülem Wetter an den Bewässerungskanälen entlang durch den Lorbeer- und Eukalyptuswald, der übrigens sehr gut riecht. Ein Wald, der nach Gewürzen duftet!

Man wollte uns mit diesen 20 Minuten einen Vorgeschmack auf die Levada-Wanderungen geben, die der Reiseveranstalter anbietet. Und in der Tat haben ein paar Teilnehmer daraufhin gebucht.

Wir kamen wieder auf die Hauptstraße zurück und unser Bus pickte uns wieder auf. Die Reiseleiterin gab uns ein paar Hintergrundinformationen über die Insel und ihren Bewuchs:

Um das Jahr 1425 herum entdeckte Kapitän João Gonçalves Zarco, der im Auftrag der portugiesischen Krone unterwegs war, 900 Kilometer vor der Küste im Atlantik ein Inselchen, das er zuerst für eine Wolke hielt. Wegen seiner dschungelartigen Wälder nannte Zarco die Insel »Ilha da Madeira«, Insel des Holzes. Der Lorbeerwald war der ursprüngliche Bewuchs der Insel. Der Lorbeerwald ist endemisch.

Da die Siedler nicht lange auf sich warten ließen, fing man alsbald mit dem Roden an. Wiederaufgeforstet hat man die Wälder mitEukalyptusbäumen,die aus Australien importiert wurden. Keine gute Idee. Die Bäume wachsen zwar schnell, ca. 1 Meter im Jahr, aber sie ziehen jede Menge Wasser, das dann den anderen Pflanzen fehlt. Und das Eukalyptusholz selbst ist sehr porös und zu nicht viel zu gebrauchen. Papier kann man daraus machen, aber das war’s dann auch schon. Und nur wegen der ätherischen Öle, die in die Pharmazie und für Eukalyptusbonbon verwendet werden, braucht man die Bäume auch nicht in rauen Mengen im Land zu haben. Wenn also jetzt wieder aufgeforstet wird, dann nicht mehr mit Eukalyptus, sondern wieder mit Lorbeer.

Noch was haben wir gelernt: Beim Eukalyptusbaum haben die jungen Pflanzen ganz anders aussehende Blätter als die großen Bäume. Die Jugendblätter sind rundlich-oval und bläulich-silbrig, die Altersblätter sind grün, schmal und hängend, um den jungen Pflanzen darunter Licht zu lasen.

Wir erfuhren auch, dass Madeira zu britischen Kolonialzeiten eine Art Zwischenstation war, um die Briten, die aus Indien wieder nach England zurückkehrten, so langsam wieder vom heißen indischen ans feuchte heimatliche Klima zu gewöhnen. Da war Madeira der ideale Mittelweg. Manch einer blieb gleich auf Madeira hängen.

Der letzte Kaiser
Unser nächstes Ziel war der Kaisergarten, die Quinta Jardins do Imperador. Dieses Anwesen ist erst seit März 2004 der Öffentlichkeit zugänglich, und die Gebäude werden auch noch feste renoviert.

Dieser Kaisergarten hat eine wechselvolle Geschichte. Anfang des 19. Jahrhundert kam Dr. David Webster Gordon von London nach Madeira, um sich einen Vetter, Webster Gordon, zu kümmern. Dr. Gordon gefiel die Insel sehr und beschloss, sich auf Monte ein Haus zu bauen. Das muss zur damaligen Zeit ein schwieriges Unterfangen gewesen sein, man musste ja das ganze Baumaterial quasi „von Hand“ den Berg hochschleifen. Billig war es auch nicht. Allein für die Genehmigung, Wasser zum Grundstück leiten zu dürfen, musste Dr. Gordon 30.000.,- englische Pfund abdrücken. Aber der Aufwand hat sich gelohnt, 1826 war das Anwesen fertig – mit Bäumen, ausgedehnten Rasenanlagen und Blumen im Überfluss. Und auch heute noch gibt’s da einiges zu gucken.

Nach dem Tod von Dr. Gordon 1850 wechselte die Quinta ein paar Mal innerhalb der Familie den Besitzer, bis sie 1871 an Leland Crossart verkauft wurde. Er soll es auch gewesen sein, den Teich anlegen ließ. Am 24 Juli 1899 erwarb Luis da Rocha Machado die Quinta, und sie bis zum heutige Tag Familienbesitz.

Im November 1921 wurde die Quinta auf einmal europaweit berühmt, als Luis da Rocha Machado sie Kaiser Karl I. von Österreich und seiner Familie kostenlos als Zuflucht anbot. Weil der Kaiser sich nach Kriegsende geweigert hatte, abzudanken, hatten ihn die Republikaner 1918 ausgewiesen. Daran, die Krone zurückzugeben, dachte er jedoch weiterhin nicht. Im Gegenteil. Ein Versuch, die Macht wieder an sich zu reißen, scheitere 1921. Die Engländer verschifften ihn ins Exil nach Madeira, wo er zunächst mit Familie im Reid’s Hotel in Funchal residierte. Dort lebten sie vom Verkauf des Familienschmucks. Als das Geld alle war, war Kaiser Karl quasi gezwungen, das Angebot des Bankiers da Rocha Machado anzunehmen.

Doch so schön es in Monte im Sommer ist – die Häuser haben keine Heizung, und Kaiser Karl holte sich eine Bronchitis, die sich schnell zu einer Lungenentzündung auswuchs. Zwei Monate nach seinem Umzug starb er. In der Wallfahrtskirche von Monte ist er beigesetzt. Seine Familie hat Madeira verlassen.

3. August: Madeira-Wein und Seilbahnfahrt
Um 7 Uhr morgens habe ich telefonisch an der Rezeption 2 Plätze für den hoteleigenen Shuttlebus nach Funchal reserviert, der mehrfach am Tag hin- und her fährt. Um 9:30 Uhr ging es los. Wir wollten zu Blandy’s Wine Company um uns über den legendären Madeira-Wein zu informieren, denn davon wollten wir gerne etwas für uns und für die Familie mit nach Hause nehmen. Und wir planten, mit der Teleferica,der Seilbahn, nach Monte hinauf zu fahren

Rita, die Angestellte von Blandy’s, die die deutschprachige Führung machte, sprach zwar mit einem starken Akzent, aber sie mochte ihren Job ganz offensichtlich und wusste viel Interessantes über Madeiraweine zu berichten.

Die ersten Weinreben wurden wahrscheinlich schon im 15. Jh. auf die Initiative von Heinrich dem Seefahrer nach Madeira gebracht. Die besondere Art der Herstellung – die bewusste Erhitzung des Weines – hat sich im 17. Jahrhundert mehr oder weniger zufällig ergeben, als große Mengen von der Hauptstadt Funchal aus per Schiff nach Amerika und in alle anderen Kolonien Europas exportiert wurden.

Bei den ersten Exporten stellte man fest, dass der Madeirawein am Zielort wesentlich besser schmeckte als auf Madeira selber. Zuerst hatte man die Schaukelei auf dem langen Seeweg dafür verantwortlich gemacht. Deshalb belud man nun viele Schiffe mit dem Wein und schickte sie nur zum Zweck der Madeira-Fertigung nach Ostindien und zurück (die Weine überquerten zweimal den Äquator). Dies nannte man Torna Viagem (Rundreise) Bei einer der nächsten Äquatorüberquerungen wurde die Umgebungstemperatur gemessen und die Lösung gefunden. Damit dieser außergewöhnliche Wein auf der langen Schiffsreise seine Qualität nicht verlor, wurde er mit Brandy verstärkt.

Heute macht man das mit dem Madeira-Wein so: In 25.000-Liter-Behältern aus amerikanischem Eichenholz oder beschichtetem Beton gärt der Wein. Bei Weinen aus Malvasia stoppt man schon frühzeitig und bei jenen aus Boal nach der Hälfte der Gärung den Prozess durch hochprozentigen Branntwein (Damit wird die Hefe um die Ecke gebracht, was die Gärung stoppt und der Wein bleibt süß.)

Dann wird er Wein erhitzt. Für die Massen-Produktion werden dazu riesige, gekachelte Betontanks mit 20.000 bis 50.000 Liter Volumen verwendet. Durch diese verläuft eine von heißem Wasser durchströmte Heizschlange aus Edelstahl, die den Wein über meist mehr als drei bis sechs Monate auf zumindest 40 bis 50 °C erwärmt. Ich stelle mir das wie einen gigantischen Tauchsieder vor. 😉

Manche Produzenten lehnen es aber ab, den Wein künstlich zu erwärmen, sondern lagern die Fässer unter den Dächern der Lodges, wo sie auf natürliche Weise durch die Sonne erhitzt lagern, in de Nacht wieder abgekühlt werden

Nach der Erhitzungsphase und der Abkühlung ruht der Wein 12 bis 18 Monate und wird anschließend entsprechend der vorgesehenen Qualität eingestuft. Nach dem Abstechen in Holzfässer erfolgt die weitere Reifung. Die einfachen Weine reifen 3 Jahre. Das Mindestalter für Weine aus den edlen Sorten ist fünf Jahre. Ab 10 Jahren beginnen die „guten“ Weine. Die Spitzen-Produkte sind die „Vintage Madeira“, die zumindest 20, aber auch 30 bis 50 Jahre lang reifen.

Es gibt drei verschiedene Madeira-Typen: Der Sercial ist hell und trocken, der Verdelho halbsüss, Bual und Malmsey (Malvasia) dagegen süss.

Der Madeira kann jahrzehntelang im Fass bleiben. Und wir sahen, als wir bei Blandy’s nach Abschluss der Führung auf die Weinprobe warteten, auch Flaschen von „unserem“ Jahrgang, 1960, in den Regalen. Die waren aber so sündhaft teuer, dass wir uns doch lieber mit fünf Jahre altem Madaira-Wein eindeckten. Trockenem – denn das, was dort als trocken läuft, ist immer noch süß genug. Die süßen Sorten waren geradezu abartig klebrig, das Zeug kannste unserer Meinung nach wirklich nicht trinken. So war’s denn auch kein Drama, dass ich bei der Weinprobe das Glas fallen ließ und die Hälfte davon verschüttete. Blöd nur, dass ich meinen Rock damit einsaute und für den Rest das Tages nach Madeira roch.

Als nächstes ging es zur Teleferica und damit hoch nach Monte.

Auf der Homepage des Seilbahnbetreibers, http://www.madeiracablecar.com heißt es:
„Die Seilbahn von Funchal wurde vor allem als Verkehrsmittel für den Tourismus konzipiert und verbindet das Zentrum Funchals mit Monte. Damit wurde eine traditionelle Verbindung wiederhergestellt, die einst durch die Zahnradbahn von Monte bewältigt wurde und bei Touristen wie Einheimischen sehr geschätzt war.

Der Bau der Seilbahn wurde im September 1999 begonnen, und im November 2000 wurde der Betrieb aufgenommen.

Die Seilbahn wurde so angelegt, dass der Fahrgast in den Genuss verschiedener Aspekte kommt, darunter die Schönheit der Anlage, die Fahrt mit herrlichen Panoramablicken, der Besuch in den verschiedenen Gärten und Sehenswürdigkeiten in Monte und auch die natürliche Schönheit von Babosas und dem Tal von Ribeira de João Gomes.

Die Basisstation befindet sich in den Gartenanlagen Almirante Reis direkt in der Altstadt. Die Bergstation in Monte liegt am Caminho das Babosas, etwa in mittlerer Entfernung zwischen Largo das Babosas und den Gärten von Monte. Damit ist für Fußgänger ein leichter Zugang zu beiden Orten geschaffen, ohne das natürliche Ambiente zu stören.

In der Station von Funchal befindet sich die Spanneinrichtung, die die Spannung im Förderseil konstant hält. Die Strecke von 3.178 Metern schräger Länge überwindet einen Höhenunterschied von 560 Metern und wird in etwa 15 Minuten zurückgelegt.

Das Förderseil von 43 mm Durchmesser verläuft über 11 röhrenförmige, konisch zulaufende Stahlstützen. Die Spurbreite der beiden Seilstränge beträgt im Allgemeinen 5,50. Mit 39 m ist die Stütze Nr. 3 die höchste. Die Seilbahn verfügt über 39 Gondeln mit je 7 Sitzplätzen. Bei maximaler Fahrgeschwindigkeit von 5 Metern pro Sekunde können 800 Personen pro Stunde befördert werden. Dabei beträgt die gleichbleibende Betriebsleistung 302 KW (423 PS).“

Auch wenn der Werbeprospekt, den es in der Talstation gab, höchste Sicherheitsstandards versprach, traute Gerhard der Konstruktion nicht über den Weg. Was, wenn das Seil reißt? Das treibt ja nicht nur die Gondeln an, es hält sie auch. Dann geht’s mit Karacho runter ins Tal, und das war’s dann.

Ich machte mir solche Sorgen nicht und schaute den Leuten von oben auf den Balkon und in den Garten. So toll haben die Anwohner das Projekt sicher nicht gefunden, als es geplant und gebaut wurde. Ich zumindest fände die Idee äußerst uncool, dass über unserem Haus und Garten jahraus, jahrein irgendwelche Leute in Gondeln schweben und neugierig herunterglotzen. Ganz abgesehen davon, dass die Seilbahn ja sicher die ganze Zeit, in der sie läuft ununterbrochen Geräusche macht.

Wie dem auch sei – die Aussicht ist grandios!

Die Jungs mit den Korbschlitten, die seither die Touris für teuer Geld wieder talwärts transportiert haben, werden die Seilbahn sicher auch verfluchen. Die Teleferica hat ihnen ganz schön die Preise versaut. Wir schauten ihnen geraume Zeit vom Vorplatz der Kathedrale aus zu. Sah irgendwie recht gefährlich aus, wie die Anlauf nahmen und dann in voller Fahrt hinten auf die Kufen des voll besetzten Schlittens sprangen. So manövrierten sie den Schlitten die Straße runter. Sicher alles kein Act, so lange es stur geradeaus geht – und kein Hindernis kommt, das ein plötzliches Bremsmanöver notwendig macht.

Wie die Schlitten und die Fahrer wieder bergauf kommen, haben wir auch gesehen: Die Schlitten bringt ein Lastwagen, die Fahrer kommen mit einem Bus oder einem Taxi wieder nach oben. Das war in alten Zeiten sicher auch beschwerlicher.

In der Wallfahrtskirche selber haben wir die letzte Ruhstätte von Kaiser Karl I. gesehen. Ansonsten haben wir hier von einer Barock-Kirche eine andere Vorstellung, ich könnte jetzt nicht sagen, dass die Kirche künstlerisch irgendwie außergewöhnlich ausgeschmückt gewesen wäre.

Auf dem Altar steht eine Marienstatuette. Ihre Verehrung geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Der Legende nach soll einer Schäferin dort die Mutter Gottes erschienen sein. Als sie ihren Vater an die Stelle führte, fand er die Statuette. Der Figur werden Wunderheilungen und Hilfe bei Naturkatastrophen nachgesagt.

Um den botanischen Garten zu besichtigen, hatten wir nicht genügend Zeit, und nur im Schweinsgalopp durchrennen wollten wir nicht. Also haben wir nur mal einen Blick auf den örtlichen Friedhof geworfen. Die Grabkreuze tragen Bilder des Verstorbenen und die Gräber sind oft mit künstlichen Blumen geschmückt, obwohl hier doch alles wächst. Wir haben versucht, die Grabinschriften zu lesen, sind aber gescheitert, obwohl man sich mit Brocken aus dem Französischen, Spanischen, Lateinischen und Italienischen doch einiges zusammenreimen kann.

Im Schnellrestaurant der Bergstation haben wir noch schnell was getrunken und sind dann wieder hinunter nach Funchal gefahren. Beim Bummel durch die Stadt hat’s mir dann meine Kamera verspult. Nach mehr als 10 Jahren treuen Diensten hat sie einfach die Funktion eingestellt. Nichts ging mehr. Es war ja irgendwann mal damit zu rechnen, aber grad im Urlaub nervt so was unheimlich. Ich bin so gerne unabhängig, sah mich aber schon für den Rest der Reise andauernd Gerhard um die Spiegelreflex bitten. Wahlweise unbeholfen mit der kleinen Digitalkamera rumfummeln. Denn die Dinger sind im Freien irgendwie nicht so galaktisch. Bei Sonneneinstrahlung, noch dazu mit der Sonnenbrille auf der Nase, deren Gläser nicht auf Weitsichtigkeit geschliffen sind sehe ich auf diesem verflixten Display so gut wie gar nix. Und der Sucher funktioniert irgendwie eher schätzometrisch. Hinterher ist so der Spur nach das auf dem Bild, was du im Sucher gesehen hast …
Nach Funchal würden wir noch einmal für einen ausgiebigeren Stadtbummel wiederkommen, beschlossen wir. Wir schauten im Hafen noch ein bisschen den Schiffen zu, auch dem nachgebauten Schiff von Christoph Kolumbus, und fuhren gegen 15:30 Uhr mit dem Shuttlebus wieder zurück ins Hotel.

Beobachtung am Pool: Gibt es eigentlich ein Rennfahrer-Gen?
Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob es beim männlichen Geschlecht so etwas wie ein Rennfahrer-Gen gibt. Fünf kleine Buben aus verschiedenen Ländern fuhren stundenlang mit wachsender Begeisterung und viel Brumm-brumm-brumm ihre Spielzeugautos am Rand des kreisrunden Kinderschwimmbeckens herum. Die kleinen Mädchen quälten derweil ihre Angehörigen mit Kämmen und Zöpfchen flechten oder „fütterten“ ihre Schwimm-Enten. Da gab’s augenscheinlich eine strenge Geschlechtertrennung. Und das setzt sich meiner Beobachtung nach bis ins Erwachsenenalter fort. Ich kämme und füttere die Viecher und der Gatte schaut Autorennen. 😉

Fortsetzung folgt

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