Marcel Robischon: Vom Verstummen der Welt

Marcel Robischon: Vom Verstummen der Welt. Wie uns der Verlust der Artenvielfalt kulturell verarmen lässt, München 2012, oekom Verlag, ISBN-13: 978-3-86581-182-0, 272 Seiten, mit schwarz-weiß-Illustrationen, 23,8 x 14,6 x 2,6 cm, EUR 19,95 EUR.

Wie wir die Natur ruinieren und warum wir das besser bleiben lassen sollten
„Die beiden entgegengesetzten Enden der Welt wurden in ihrer Fauna ähnlicher. Die in Deutschland angesiedelten Neozoen und Neophyten – die Damhirsche und Ochsenfrösche, die Waschbären und Marderhunde, die Douglasien und Hybridplatanen, das japanische Springkraut und der japanische Knöterich, die Nachtkerze und die asiatischen Hornissen, sie alle könnte man beinahe in jedem Land mit ähnlichem Klima sehen.
Es wurden zwei Sorten Tiere eingeführt: solche, die die einheimische Fauna fraßen und solche, die die einheimische Flora fraßen.“
(Seite 175)

Mit unserer Zivilisation und unserer nahezu grenzenlosen Mobilität haben wir Menschen der Natur keinen Gefallen getan. Und, kulturell betrachtet, uns selbst auch nicht.

Was hat unsere Vorfahren zum Sprechen animiert, zum Entdecken, Reisen und Geschichtenerzählen? Die Natur und deren unglaubliche Vielfalt. Und was haben wir mit ihr gemacht? Sie ausgebeutet, zugebaut und durch Verschleppung von Flora und Fauna in andere Regionen der Welt Ökosysteme durcheinandergebracht und das Aussterben vieler Arten ausgelöst.

Wenn unsere Mythen und Legenden ihre Ursprünge in der Natur haben und nichts von Grund auf Ausgedachtes sind, müssten uns, wenn immer mehr Arten aussterben, doch irgendwann die Geschichten ausgehen. Über Beton allein lässt sich nichts Spannendes erzählen. Die Neugier aufs Reisen und Entdecken vergeht uns dann sowieso, denn warum sollten wir uns noch von A nach B bewegen, wenn uns überall auf der Welt nur noch die gleichen Pflanzen und Tiere begegnen?

„Wir tauschen das Einzigartige gegen das Beliebige“, schreibt Marcel Robischon (Seite 19). Das ist nicht gut, denn: „Unser Geist braucht die Vielfalt, um vital zu sein.“ (Seite 36). Und „Wenn es ein Tier nicht mehr gibt und auch keines mehr, das sich zum Vergleich eignet, dann kann man kaum noch davon erzählen, weil sich der Zuhörer das Bild eben nicht vorstellen kann.“ (Seite 61)

Einfalt statt Vielfalt
Und wie genau haben wir es angestellt, dass die Welt immer gleichförmiger und langweiliger wird? Mit Städtebau und Industrialisierung haben wir den Grundstein fürs Betonzeitalter gelegt. Und als der Mensch anfing, mit technischen Verkehrsmitteln große Distanzen zurückzulegen und Waren rund um die Welt zu transportieren, begann das absichtliche oder unabsichtliche Verschleppen von Tieren und Pflanzen in fremde Lebensräume. Mit zum Teil verheerenden Konsequenzen für die einheimischen Lebewesen, die den fremden Eindringlingen nichts entgegenzusetzen hatten.

Frühe Siedler, die nach Australien, Neuseeland oder auf den amerikanischen Kontinent auswanderten, dachten sich nichts Böses dabei, wenn sie Nutztiere und Saatgut für europäische Pflanzen mit in die neue Heimat nahmen. Nun wächst überall Allerweltsgras. Europäische Honigbienen, gern auch vermischt mit afrikanischen, umsummen fast den ganzen Globus und verdrängen in ihrer neuen Heimat einheimische Arten. Sogar Vögel zogen den Kürzeren. Der Karolinasittch im östlichen Nordamerika, zum Beispiel. Diese Art pflegte in den hohlen Bäumen zu nisten – ein Platz, den nun die Honigbienen für sich beanspruchten. Und was kann ein Sittich schon gegen ein wehrhaftes Bienenvolk ausrichten?

So wie dem Karolinasittich erging es zahlreichen anderen Vogelarten in Amerika, in der Karibik und in Australien. Entweder hat es sich nicht schnell genug herumgesprochen, welche Folgen der Honigbienenexport hat, oder der Mensch wollte mit aller Gewalt schlauer sein als die Natur.

Auch Kaninchen wurden wieder und wieder in Regionen verbracht, in denen die Natur nicht auf sie eingerichtet war. Und hier wie dort fraßen sie alles ratzekahl: auf den Balearen genauso wie den Südkontinenten und den Südseeinseln. Nicht weniger schädlich war die Einfuhr von Schafen. „Und es begann das Aussterben von Tieren, die der Konkurrenz nicht gewachsen waren, Tieren, die doch das Gras und die Kräuter und alles, was darin lebte, gebraucht hätten.“ (Seite 160)

Nicht nur eingeschleppte Nahrungskonkurrenz wurde einheimischen Tieren zum Verhängnis, manchmal waren es auch bisher unbekannte Feinde. Flugunfähige Bodenbrüter wie Moa, Kakapo oder Dodo konnten sich gegen Ratten, Katzen, Hunde (und Menschen) nicht wehren. Und die Wiesel, Hermeline und Frettchen, die man im 19. Jahrhundert zur Bekämpfung der Kaninchenplage in Neuseeland eingeführt hat, haben natürlich auch einheimische Tiere gefressen. Hier hat man versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

Ist noch was zu retten?
Was der Mensch nicht durch Verschleppung, intensive Bejagung oder absichtliche Vernichtung ausgerottet hat – wie z.B. die Wandertaube –, das geht womöglich still und leise im Genpool der Invasoren unter. Die Felsentaube ging in der Population der importierten und verwilderten Straßentaube auf, die endemische Seychellenturteltaube vermischte sich mit einer aus Madagaskar eingeführten Unterart, Wildkatzen mischen sich mit Hauskatzen, Rothirsch mit Sikahirsch, Schakale mit Haushunden – und so geht Stück für Stück die Einzigartigkeit dahin. Rückzüchtungen könnten immer nur phänotypisch sein, genotypisch ist das nicht zu machen. Das wäre nur Schein und nicht Sein.

Was hat es zur Folge, wenn immer mehr Arten aussterben? Nicht nur einen Mangel an Geschichten und Abenteuern, sondern auch einen Verlust an Wissen und Fähigkeiten. „Mit der Ausrottung der Vögel [auf den Inseln des pazifischen Ozeans] verschwanden also nicht nur wichtige Grundlagen der Ernährung oder ein wichtiges Handelsgut, sondern auch die lebenden Wegweiser und ‚Flutlotsen’, die die langen Reisen über den Pazifik möglich machten. Es war das Ende der Kunst der ‚ornithologischen Navigation’.“ (Seite 229)

Mit etwas Phantasie kann man auch die menschliche Sprache als Organismus betrachten – und feststellen, dass die Sprachen durch Invasion, Globalisierung und Hybridisierung das gleiche Schicksal erleiden wie manche Tierarten. „Die Gewalt der Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt“ (Seite 253), wusste schon Goethe. Und wie bei den Tieren und Pflanzen ist der Prozess auch bei den Sprachen unumkehrbar. Das ist tragisch, denn: „Wird eine Art (…) ausgerottet, so ist auch das gesamte zukünftige Entwicklungspotential dieser Art vernichtet. Ebenso werden, wenn eine Kultur vernichtet wird, auch all ihre möglichen zukünftigen Entwicklungen, alle Ideen und Gedanken, die sie hätte hervorbringen können, vernichtet.“ (Seite 273)

Was weg ist, ist weg. Aber das, was noch da ist, sollten wir achtsam behandeln um es so hoffentlich vor der Vernichtung zu schützen. „Es ist ein dauerndes Ankämpfen gegen Indifferenz und Verrohung. Es ist ein Widerstand gegen starke Kräfte. Gebrochen ist er noch lange nicht.“ (Seite 281).

Wenn man dieses Buch gelesen hat, schämt man sich, ein Mensch zu sein und zu denen zu gehören, die aus Unkenntnis, Machbarkeitswahn oder Gier der Natur so übel mitgespielt haben – und es immer noch tun, Auch wenn wir uns vornehmen, aufzupassen und Schlimmeres verhindern zu helfen: Wird es uns gelingen?

Knallharte Fakten, poetische Sprache
Die „poetische Reise voller Abenteuer, Wunder und Erkenntnis“ (Klappentext) ist berührend, anregend und aufschlussreich. Leicht einzuordnen ist das Buch nicht. Der Stil ist belletristisch bis poetisch, die Fakten gut belegt und knallhart. Die Sprache hat manchmal etwas geradezu Verspieltes: „In Europa erfüllen die dickwolligen, samtfelligen, pummelig, brummelig, durch die Blüten bummelnden, sich summelig tummelden Hummeln eine wichtige Aufgabe im Naturhaushalt (…)“ (Seite 152)

Und erkennen Sie den Vogel, den der Autor wie folgt beschreibt? „Er trug feinen grauen Zwirn in einem Federmuster, das die Schattierungen von Naturwolle und Travertin, Granit und Büttenpapier und eines Gewitterhimmels im September miteinander verwob. Seine Flügel waren hell wie Platin und Buchenrinde in der Sonne, wie Nickel und sonnengebleichtes Fichtenholz. Darauf waren die Ränder der Federn wie mit einem japanischen Tuschepinsel in elegantem Schwung gezeichnet. Auf dem Kopf trug er Rosenkäfergoldglanz auf Graphitgrund haucht und ein violettmetallisches Cape, schillernd wie Öl auf einer Pfütze. (…).“ (S.182) – Nein? Dann werden Sie über die Auflösung staunen und das scheinbar Alltägliche künftig mit anderen Augen sehen.

Mitunter fühlt man sich beim Lesen auch an Bibelstellen erinnert. Doch wo im Alten Testament ausführlich aufgezählt wird, wer wen zeugte, präsentiert uns Marcel Robischon eine Auflistung der Tierarten, die der Mensch bereits ausgerottet hat (z.B. Seite 84 ff.).

Gib mir Tiernamen!
Es ist nicht leicht zu sagen, für welche Zielgruppe dieses Buch das richtige ist. Wer vom Fach ist und gern zu einem Biologie-Sachbuch greift, dem dürften viele Fakten und Schlussfolgerungen schon bekannt sein. Und der empfindet vielleicht auch die Sprache als zu manieriert. Der Laie, der sich von der Grundidee des Werks angezogen fühlt, wird manchmal geradezu erschlagen von Namen und bewaffnet sich am besten gleich mit einem Nachschlagewerk um zu erfahren, was ein Riesen-Fossa, ein Bunyip, ein Dugong oder ein Mapinguari ist – und wie die häufig erwähnte „Stellers Sehkuh“ ausgesehen hat. (Oberflächliches Hinweghudeln über die lateinischen Namen der zahlreichen ausgestorbenen Vogelarten sei einem Nicht-Fachmann hier nachgesehen.)

Für den durchschnittlich gebildeten Nicht-Biologen bedeutet das Buch schon ein bisschen Arbeit. Wer sich die macht, wird mit interessanten Erkenntnissen und Einsichten belohnt. Auch wenn das Gefühl zurückbleiben wird, dass einem beim Lesen wohl manches Detail entgangen ist, das ein Experte ganz anders zu würdigen wüsste.

Der Autor:
Marcel Robischon ist weit gereist; auf den Spuren großer Entdecker hat er Mensch und Natur beobachtet, ist Mythen und Legenden nachgereist und hat daraus eine faszinierende Theorie entwickelt. Er studierte Forstwirtschaft in Freiburg und Oxford und promovierte in Biologie an der Universität Cambridge.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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