Jürgen Seibold: Gründlich abgetaucht – Regionalkrimi Baden Württemberg

Jürgen Seibold: Gründlich abgetaucht – Regionalkrimi Baden Württemberg, Tübingen 2012, Silberburg-Verlag, ISBN 978-3-8425-1187-3, Softcover, 247 Seiten, Format 12 x 19 x 1,8 cm, EUR 9,90.

„Sie wissen natürlich, dass ich Sie nicht einfach herumermitteln lassen kann, Herr Froelich.“
„Ja, schon, aber …“
„Ich weiß, Sie können es nicht lassen (…). Trotzdem: Sie sind für die Toten zuständig und wir dafür, wie sie gestorben sind.“
(Seite 90)

Er ist ein alter Hase in seinem Beruf aber neu in der Stadt: Bestatter Gottfried Froelich, schätzungsweise so um die 50, ist aus Besigheim nach Esslingen am Neckar gezogen, um dort das Bestattungsinstitut von Richard Sanfttleben zu übernehmen, der sich zur Ruhe setzen will.

Gottfried Froelich, Typ „genussfreudiger Pfundskerl“, eilt sein Ruf voraus: Er bringt die Verstorbenen nicht nur pietätvoll unter die Erde, er entdeckt auch manchmal eine unnatürliche Todesursache und fängt dann selbst zu ermitteln an.

Dass der Computerexperte Markus Clarsen ermordet wurde, daran besteht kein Zweifel. Er wurde tot und gefesselt in einem Kahn im Neckar gefunden. Jemand hat ihn erst zusammengeschlagen, dann ertränkt und ihm auch noch eine Zwiebel in den Mund gesteckt! Weil Richard Sanfttleben beim Auffinden der Leiche zufällig in der Nähe war, landet der Bestattungsauftrag in seinem (ehemaligen) Institut. Die Arbeit im schönen Esslingen fängt für Hobbydetektiv Froelich gleich prima an!

Im Zuge der Einarbeitung erzählt Sanfttleben seinem Nachfolger zwar vieles über die Stadt und deren alteingesessene Familien, doch über die Clarsens weiß er angeblich nichts. Dabei müsste er sie kennen, weil er vor wenigen Jahren Markus‘ Vater bestattet hat. Aber gut: Richard Sanfttleben ist nicht mehr der Jüngste und trinkt gern einen. Da ist es mit seinem legendären Personengedächtnis vielleicht doch nicht mehr so weit her. Oder weiß er mehr als er sagt?

Froelich hat Zeit. Viel ist nicht los im Institut, und Strohwitwer ist er obendrein. Seine Lebensgefährtin Inge ist auf einer Geschäftsreise. Also macht er sich mit seiner neuen Umgebung vertraut und nutzt die Chance, die Leute ein bisschen über den Ermordeten auszufragen – heimlich, natürlich. Denn so nett und freundlich Kommissarin Jana Bednarz von der Kripo Esslingen und die Rechtsmedizinerin Zora Wilde auch sein mögen: Von seinen Privatermittlungen sind sie nicht begeistert.

So tappt der Bestatter durch die Esslinger Altstadt, futtert sich durch die lokale Gastronomie und hat ein paar interessante und merkwürdige Begegnungen. Eine vermeintliche Leiche entpuppt sich als der bekiffte Bootsverleiher Robert Karpa. Dessen Lebensgefährtin, Lisa Hetzel, war nicht nur eine Kollegin des Ermordeten, sie ist auch die Ex-Freundin von Sanfttlebens verstorbenen Sohn Sebastian.

Lisa scheint den gleichen Männergeschmack zu haben wie Monika Clarsen. Die Schwester des Ermordeten war ihre Nachfolgerin bei Sebastian Sanfttleben und ihre Vorgängerin bei Robert Karpa. Wurde Markus Clarsen Opfer dieses Beziehungsreigens? Oder liegt das Motiv für den Mord an seinem Arbeitsplatz? Er war im Betriebsrat der Oberesslinger Firma CarvSys, und in diesem Unternehmen liegt einiges im Argen.

Oder war er ein Zufallsopfer und man wollte eigentlich Robert Karpa schaden, indem man eine Leiche in eines seiner Boote legte? Das ist zwar ein bisschen „um die Ecke gedacht“, aber mittlerweile hält Froelich hier alles für möglich. Hinter den Kulissen des idyllischen Städtchens tobt nämlich ein regelrechter „Freizeitkrieg“: Die Angler sind vehement gegen das „Bootlesfahren“ auf dem Neckar, weil ihnen das die Fische verscheucht. Und auch den radikalen „Stadtschützern“ sind die Bootsverleiher ein Dorn im Auge. Sie wollen ihre Ruhe, basta. Aber das ist sowieso die reinste Spaßbremsen-Vereinigung. Halloween mögen sie nicht, Fasching mögen sie nicht, und besonders übel finden sie die verschiedenen Stadtführungen, die das Stadtmarketing unter der Leitung von Brigitte Becker veranstaltet. Vor allem Roland Pfleiderer und seine Tante Dora wettern dagegen. Kitsch sei das und eine permanente Störung der Anwohner.

Roland Pfleiderer versteigt sich sogar dazu, die Freizeitveranstaltungen massiv zu stören und Steine auf die Teilnehmer zu werfen. Für Pfleiderers Nachbar Weber ist die Sache klar: „(…) ‚Mein lieber Nachbar ist etwas speziell‘, sagte er, verzog das Gesicht und machte mit dem Zeigefinger eine kreisende Bewegung neben der Schläfe.“ (Seite 171)

War Markus Clarsen ein Kollateralschaden in diesem Kleinkrieg? Oder war alles ganz anders? Bei seinen Nachforschungen kommt Gottfried Froelich  mit dem Obdachlosen KP ins Gespräch. Wieso hat der einen Datenstick von Markus Clarsen? Und was will er damit? Ob das etwas mit seiner Vergangenheit zu tun hat? Er muss ja irgendwann einmal eine bürgerliche Existenz gehabt haben. Doch darüber schweigt KP sich aus. Und auch Lisa Hetzel, die Freundin des Bootsverleihers, setzt alles daran, damit ihre Vergangenheit nicht publik wird.

Wie soll man in diesem Sumpf Motiv und Täter finden? Gottfried Froelich ist ratlos. Für Kommissarin Jana Bednarz gibt’s drei mögliche Täter. Aber es kann ja nur einer gewesen sein. Sie bereitet am Tatort ein „Experiment“ vor. Wird sie damit Licht ins Dunkel bringen?

Am interessantesten ist ein Regionalkrimi zweifellos für die Leser der jeweiligen Region. Für die genügt ein Stichwort, und schon haben sie die entsprechende Örtlichkeit vor Augen. Und auch die gesellschaftlichen politischen Verhältnisse sowie die stadtbekannten Probleme und Querelen muss man ihnen nicht lange erklären. Der Leser freut sich an dem, was er alles erkennt, und die Krimihandlung ist manchmal eher Nebensache.

GRÜNDLICH ABGETAUCHT ist Gottfried Froelichs dritter Fall, und der ist ausgesprochen verzwickt. In dem Buch treten sehr viele Nebenfiguren auf, die auf vielfältigste Weise miteinander verflochten sind. Man muss sich schon sehr konzentrieren, um den Überblick zu behalten, wer wen mal geliebt hat, wie die ganze Meute verwandtschaftlich verbandelt ist und wer wem warum ans Leder will. Wissen möchte man das schon, ob man nun aus Esslingen kommt oder nicht. Und wen hätte man auch weglassen sollen? Die einen braucht man fürs Ambiente, die anderen verdeutlichen die Konflikte und stellen die Verdächtigen, und der Rest der Mannschaft klärt den Fall auf.

Die Handlung ist sehr komplex, wie man an meinen Notizen sieht.

Gottfried Froelich ist ein bodenständiger und sympathischer Protagonist. Ein Genussmensch, den man gerne als „gemütlichen Dicken“ unterschätzt. Ein Fehler, den man vor allem dann nicht machen sollte, wenn man Dreck am Stecken hat. Denn Froelich hat einen messerscharfen Verstand und eine ausgezeichnete Kombinationsgabe. Sein Berufskollege Sanfttleben spielt schon ein bisschen ins Karikaturhafte. Doch die Schicksale von Lisa Hetzel, dem Obdachlosen KP und dem durchgeknallten Roland Pfleiderer sind sehr berührend. Dem militanten Stadtschützer mit seinem privaten Kreuzzug wünschen sämtliche Romanfiguren und auch der Leser die Pest an den Hals. Dabei ist er eine ganz arme Sau. Doch das erfährt man erst, wenn man, wie Gottfried Froelich, nachfragt und sich mit diesem Menschen beschäftigt. Das ist nicht nur in Esslingen so.

Diese beiläufig eingeflochtenen Lebensgeschichten der Nebenfiguren sind fast noch interessanter als der Kriminalfall an sich. Wie KP sich durch sein bewegtes Leben gewurstelt hat und wie es mit ihm weitergeht, das würde einen schon interessieren. Vielleicht taucht er ja in einem Folgeband nochmal auf und erzählt es uns.

Was nicht jedermanns Geschmack ist: die „lustige“ Namensgebung. Gut: Gottfried Froelich für einen Bestatter ist nett. Aber dann muss der Kollege nicht auch noch den Salbungsvollen Nachnamen Sanfftleben tragen. Und die rothaarige Rechtsmedizinerin heißt ausgerechnet Zora Wilde. Die wilde Zora! Hallo? Welche Eltern nennen ihre rothaarige Tochter ausgerechnet Zora? Jeder kennt doch das vielfach verfilmte Jugendbuch DIE ROTE ZORA. Vernünftige Eltern machen sich nicht mit dem Taufnamen über ihre Kinder lustig. Das ist ein bisschen zu viel. Aber, wie gesagt: Es ist Geschmackssache. Den Regionalkrimi kann man auch mit Vergnügen lesen, wenn man solche Scherze nicht mag.

Was jetzt für die Leser aus Esslingen und Umgebung interessant wäre: Eine GRÜNDLICH-ABGETAUCHT-Stadtführung. Aber nur, wenn die Stadtschützer nicht wieder mit Steinen und matschigen Tomaten werfen!

Der Autor
Jürgen Seibold, 1960 geboren, ist gelernter Journalist, arbeitet als Buchautor und ist mit seiner Familieim Rems-Murr-Kreis zu Hause.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

http://www.boxmail.de

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