Anna Palm: Die Selbstvergessenen – Jugendbuch

Anna Palm: Die Selbstvergessenen, Berlin 2012, Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, ISBN 978-3-86265-138-2, Hardcover, 259 Seiten, mit s/w Abbildungen, Format: 13 x 20,2 x 3 cm, EUR 14,95.

„Warum bist du hier?“, fragt Kevin.
„Weil ich ‚ne zu große Fresse hab.“
„Haha, das is geil. Isch bin hier, weil isch ein Alkoholproblem hab. (…) Es is so scheiße hier. (…) Isch komm mir hier vor wie einer von
Familien im Brennpunkt, der bei ‚n Leuten von Gossip Girl landet. (…)“ (Seite 136)

Wow! Diesen Roman hat eine Siebzehnjährige geschrieben? Wahnsinn! Die Geschichte ist so beklemmend, gruselig und spannend, dass man sie am liebsten in einem Rutsch durchlesen würde!

Zur Story: Wir wissen nicht, wie lange die Mutter der 16-jährigen Zwillingsschwestern Sofia und Mila schon alleinerziehend ist. Aber irgendwann hat Sofia, die ihre Mutter zu Recht für überfordert, hypersensibel und naiv hält, die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Sofia ist die Starke mit dem überbordenden Gerechtigkeitssinn, die Mutter, Schwester und Freunde vor allen Gemeinheiten dieser Welt beschützen will. Wer immer auf der Gegenseite stehen mag – und koste es, was es wolle.

Ungerechten Lehrern, nervigen Verehrern und fiesen Arbeitgebern leuchtet sie ordentlich heim. Und wenn Worte nicht ausreichen, müssen eben Taten sprechen. Gern auch mal die Fäuste. Doch dieses Mal übertreibt sie es: Sie geigt ihrem Kunstlehrer Albert Luxemburg vor versammelter Klasse die Meinung. Als bei ihrem furiosen Auftritt eine Saftflasche zu Bruch geht, wertet Luxemburg dies als tätlichen Angriff auf ihn und Sofia fliegt von der Schule. Nächste Station: Das Internat Hellenwald, das vielleicht besser „Höllenwald“ heißen sollte. Laut Prospekt ist es die letzte Chance für hoffnungslose Fälle: für renitente Kids wie Sofia, für Drogensüchtige und Kriminelle.

Allein unter Strebern
Sofia sieht sich im Geist schon hinter Gittern mit lauter gemeingefährlichen Gestalten. Ein bisschen Knastcharakter hat das Internat schon: Sie muss ihr Handy abgeben, sie hat keinen Internetanschluss und Kontaktsperre zu Freunden und Familie. Wachleute hindern die Jugendlichen am Verlassen des Geländes, und das ganze steril-weiße Gemäuer ist videoüberwacht und bis unters Dach verwanzt. Doch das Allergruseligste sind die rund 200 Schülerinnen und Schüler! Von wegen durchgeknallte Asis! Hier hat der Schrecken ein wunderschönes Gesicht. Ältere Leser werden sich vielleicht an die „Stepford Wives“ erinnert fühlen, einen US-amerikanischen Science Fiction-Film aus dem Jahr 1975 (nach einem Roman von Ira Levin). Genau so perfekt wie die Frauen in dem Film sind hier die Internats-Insassen! Sie haben ein makelloses Äußeres, tadellose Manieren und liefern hervorragende intellektuelle, musische und sportliche Leistungen. Dabei wirken sie eigenartig desinteressiert und emotionslos.

Das sollen ehemalige Kriminelle und Junkies sein? Das ist ein hochschnöseliger Eliteschuppen! Wie passt denn das zusammen? Sofia kann’s nicht fassen. Könnte ihr das bitte mal jemand erklären? Schüler und Lehrer lächeln nur verbindlich, und Sofia kommt sich dumm und hässlich vor– aber auch wie der letzte frei denkende Mensch. Dass sich ihre Mitschüler freiwillig so verhalten, kann sie sich nicht vorstellen. Die hat man doch irgendwie abgerichtet!

Beim prolligen Kevin und der quirlig-chaotischen Maleen hat dieser Optimierungsprozess noch nicht eingesetzt, dafür sind sie noch zu neu an der Schule. Sie sind genau so normal wie Sofia. Noch. Sofia hat den Verdacht, dass die Verwandlung nach Besuch des Drogenberatungssgesprächs eintritt. Wenn sie sich davor drücken, wird man sie auch nicht zu Musterzombies machen können. Hoffen sie.

Kevin und Maleen sind dem Druck nicht gewachsen und werden Opfer des Systems. Jetzt geistern auch sie als dauerlächelnde Streber durch die Gänge und Sofia hat nur noch einen Verbündeten: den „Nachtjungen“, einen Schüler, der unter Schlaflosigkeit leidet. Des Nachts hat er seine normale alte Persönlichkeit wieder, aber leider keine Erinnerung daran, was er tagsüber als Musterknabe tut. Und am Tag weiß er nichts mehr von seinen nächtlichen Gesprächen mit Sofia. Ein Wanderer zwischen den Welten. Kann sie sich überhaupt auf ihn verlassen? Doch in der Wahl ihrer Verbündeten kann Sofia nicht wählerisch sein. Er ist der einzige, mit dem sie reden kann und von dem irgendeine Form von Hilfe zu erwarten ist, sieht man mal von ihren heimlichen Telefonaten mit ihrer Schwester ab.

Nach und entwickeln Sofia und der „Nachtjunge“ eine ungefähre Vorstellung davon, wie diese Persönlichkeitsmanipulation funktioniert. Doch wer hinter dieser perfiden Aktion steckt und was sie dagegen unternehmen können, wissen sie nicht. Für einen Moment ist Sofia versucht, eine Krankheit zu vorzutäuschen, heimzufahren und die Mitschüler ihrem Schicksal zu überlassen. Doch dann greifen wieder ihre alten Verhaltensmuster: „Ich werde bleiben“. Ich weiß nicht genau, seit wann ich mir dessen so sicher bin. Vielleicht schon immer. Denn ich bin schließlich die Stärkste. Und wer macht weiter, wenn die Stärkste aufgibt?“ (Seite 168)

Schließlich glauben die beiden, genug über das System zu wissen, um alle Schüler aus ihrer Selbstvergessenheit befreien und ihnen ihre ursprüngliche Persönlichkeit wiedergeben zu können. Doch so leicht lassen sich die Konstrukteure dieses menschenverachtenden Systems nicht überlisten. Die sind schließlich auch nicht von gestern! Auf einmal ist Sofia auf der Flucht. Und sie ist ganz allein …

Besonders beklemmend ist es, wenn Sofia versucht, mit den eisig lächelnden Mitschülern ins Gespräch zu kommen und diese irritiert fragen, was sie denn von ihren will. Sozialer Kontakt ohne Unterrichtsbezug ist ihnen praktisch fremd. Schrecklich auch, wie alle unbeteiligt weiter ihren Kram machen, obwohl vor ihren Augen ein Schulkamerad krankenhausreif geschlagen wird oder jemand einen veritablen Nervenzusammenbruch erleidet. Vollends unheimlich wird es, als eine Schülerin während einer Ballettaufführung plötzlich einen Blackout hat und nach minutenlanger Starre auf einmal weitertanzt, als sie nichts gewesen. Dass sie selbst von ihrem Aussetzer gar nichts mitbekommen hat, ist ebenso schockierend wie Sofias Entdeckung beim heimlichen Einblick in die Schülerakten.

Erwachsenwerden und andere Katastrophen
Aus heiterem Himmel landet ein Normal-Teenager in einer Welt, in der nur zählt, dass Menschen funktionieren. Doch das Leben ist so leicht nicht totzukriegen. Auch in dieser existenziell bedrohlichen Situation gibt es noch Liebe, Romantik, Freundschaft und Eifersucht, und selbst der Humor kommt nicht zu kurz.

Hier biedert sich kein längst erwachsener Autor beim jugendlichen Publikum an. Hier erzählt eine Altersgenossin der Heldin von einem Leben im Ausnahmezustand. Und das tut sie mitreißend, authentisch, locker und mit sehr viel düsterer Fantasie.

Man fiebert und leidet mit Sofia mit, die ja weit und breit die einzige Identifikationsfigur ist. Der letzte fehlbare Mensch inmitten all der künstlichen Perfektion. So fühlt man sich ja manchmal selbst, auch wenn man das Teenageralter schon lange hinter sich gelassen hat.

Würde so eine organisierte Menschenmanipulation auch im wahren Leben funktionieren, wenn man sich die Technik dafür nutzbar machen könnte? Vermutlich nicht. Wie bei allen groß angelegten Verschwörungen, in die notgedrungen viele Menschen involviert sind, würde auch hier früher oder später jemand plappern. Oder die Technik versagen. Und dann flöge alles auf. Aber dass es jemand probieren würde, dessen bin ich mir sicher. Interessenten für solche präzise funktionierenden Perfektionszombies, wie sie Anna Palm in ihrem Roman beschreibt, gäbe es bestimmt jede Menge.

„Wir sollten aufhören, perfekt sein zu wollen“, sagt die Autorin. „Unsere Schwächen machen uns zu dem, was wir sind. Wären wir perfekt, würden wir unsere Menschlichkeit verlieren.“ (Quelle: Pressetext des Verlags). Und genau das macht sie uns in ihrem Buch auf eindringliche Weise deutlich. Anna Palm ist hier ein mitreißender und aufwühlender Roman gelungen. Nicht nur Teenager werden diese phantastische Geschichte mit Spannung verfolgen.

Foto: Nico Klein-Allermann. Quelle: Pressematerial des Verlags

Die Autorin
Anna Palm wurde 1995 in Aachen geboren und ist Schülerin an einem Gymnasium in Neuss. 2010 gewann sie den Schreibwettbewerb „Frühlingsflattern“, im Jahr darauf veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Ellen, Schutzengel – Mit dem Kopf in den Wolken und den Füßen im Chaos“. „Die Selbstvergessenen“ ist ihr zweites Buch.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http://www.boxmail.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.