Susanne Goga: Die Tote von Charlottenburg – Kriminalroman

Susanne Goga: Die Tote von Charlottenburg, München 2012, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21381-3, Softcover, 298 Seiten, Format: 19 x 12 x 2,6 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A).

„Wie fasziniert er von ihrem Wesen war, ihren Reisen, ihrem Beruf, ihrer Weltgewandtheit. Buddhismus und Yoga und exotische Gewürze, eine nach Rosenwasser duftende Wohnung (…) – zudem stand sie auch noch mitten im Leben, hatte einen anspruchsvollen Beruf, half anderen Menschen.“ (Seite 276/277)

Berlin, 1923: Die Ärztin und Frauenrechtlerin Henriette Strauss ist eine eigenwillige und interessante Frau. Auch Bibliothekarin Clara Bleibtreu, die Freundin des Kriminalkommissars Leo Wechsler, ist beeindruckt von ihr, als sie sie im Urlaub auf Hiddensee kennenlernt. Die beiden Frauen tauschen Adressen aus. Doch ehe Clara Gelegenheit findet, zu einem von Frau Dr. Strauss’ Frauentreffen zu gehen, erfährt sie, dass die Ärztin verstorben ist. An einem Lungenödem, heißt es.

Auch wenn es so auf dem Totenschein steht – der junge Musiker Adrian Lehnhardt, ein Neffe der Verstorbenen, glaubt es nicht. Seine gesundheitsbewusste Tante war viel zu fit, um von jetzt auf gleich an einer Lungenentzündung zu sterben. Dies und eine kryptische Bemerkung, die Henriette Strauss kurz vor ihrem Tod machte, lassen ihn an eine unnatürliche Todesursache glauben. Mit diesem Verdacht geht er aufs Morddezernat zu Kriminalkommissar Leo Wechsler.

Es stellt sich heraus, dass Henriette Strauss’ Hausarzt sich der Todesursache nicht hundertprozentig sicher ist. Also wird ermittelt. Möglicherweise ist die Ärztin ja tatsächlich vergiftet worden. Dass sie sich Feinde gemacht hat, ist wahrscheinlich. Bei ihrer Arbeit auf der Frauenstation des Luisenkrankenhauses hat sie manche gängigen Praktiken kritisiert. Und in ihrer Freizeit arbeitete sie ehrenamtlich für eine Frauen-Beratungsstelle. Dort ging es um Dinge wie Schwangerschaft, Verhütung, Stillen und Ehestreitigkeiten. Auch Abtreibung war ein Thema. Frau Dr. Strauss schickte die verzweifelten Frauen zu vertrauenswürdigen Ärzten, damit sie nicht Kurpfuschern und Engelmacherinnen in die Hände fielen. Diese Beratungstätigkeit hat natürlich auch nicht jedem gepasst.

Oder liegt das Motiv gar nicht im Beruf, sondern im privaten Bereich? Frau Dr. Strauss war nie verheiratet, hatte aber Liebhaber. Zum Beispiel war sie längere Zeit mit einem Kollegen liiert. Auch ein rätselhafter Brief neueren Datums, der in ihren Unterlagen gefunden wird, könnte von einem Geliebten stammen.

Ein Freund von ihr, der Arzt und Homöopath Dr. Paul Dahlke, deutet private Probleme an. Henriette Strauß hatte bei ihm Rat gesucht, sich dabei allerdings so verklausuliert ausgedrückt, dass er ihr nicht helfen konnte.

Kriminalkommissar Leo Wechsler lässt seine Mitarbeiter dem beruflichen und persönlichen Umfeld der Toten gründlich auf den Zahn fühlen. Vor allem der neue Kollege, Jakob Sonnenschein, erweist sich dabei als findig und ehrgeizig.

Adrian Lehnhardt, der Neffe der Toten, bereut inzwischen sehr, mit seinem Verdacht zur Polizei gegangen zu sein. Die schnüffelt nämlich deutlich intensiver in den Angelegenheiten seiner Familie herum als ihm lieb ist – und fördert mehr zutage als er jemals über seine Verwandtschaft hat wissen wollen. Doch mit diesen „Nebenwirkungen“ der Polizeiarbeit muss der junge Mann leben. Die Ermittlungen laufen und sind nicht mehr aufzuhalten.

Da wird ein Kollege der Ermordeten überfallen und niedergestochen. Hat dieses Attentat etwas mit Henriette Strauss‘ Tod zu tun? Was der verletzte Arzt zu erzählen hat, ist überaus aufschlussreich und lenkt Kommissar Wechslers Ermittlungen in eine ganz neue Richtung …

DIE TOTE VON CHARLOTTENBURG ist ein geradliniger Krimi, der ohne achtunddrölfzig verschiedene Handlungsstränge auskommt. Eine unbequeme Frau kommt auf ungeklärte Weise zu Tode und Kommissar Leo Wechsler ermittelt. Das tut er natürlich nicht im luftleeren Raum, sondern im Rahmen seines berufliche, persönlichen und gesellschaftlichen Umfelds.

Was das Berufliche angeht, hält sein Vorgesetzter, Ernst Gennart, der Leiter der Zentralen Mordinspektion, große Stücke auf ihn, auch wenn Wechslers Methoden manchmal etwas unkonventionell sind. Mit seinen Mitarbeitern kommt Wechsler gut zurecht. An den neuen Kollegen, Kriminalassistent Jakob Sonnenschein, muss sich das Team erst noch gewöhnen. Sonnenschein ist freundlich interessiert und ehrgeizig. Er ist Jude, aber das nimmt nur Wechslers bestgehasster Kollege Herbert von Malchow zum Anlass, mobbende Bemerkungen zu machen. Für die anderen ist das kein großes Thema. Dass Sonnenschein in der Gormannstraße zu Hause ist, mitten in der Spandauer Vorstadt, wo die orthodoxen Ostjuden leben, das überrascht Leo Wechsler doch.
„Ich …“ Er suchte nach den richtigen Worten, um den Kollegen nicht zu kränken. „Ich wusste nicht, dass Sie aus dieser Gegend kommen.“
Zum ersten Mal, seit Leo ihn kannte, wurde Sonnenschein sarkastisch. „Das sollten Sie auch nicht. Es war ein hartes Stück Arbeit, das zu werden, was ich jetzt bin.“
(Seite 172)

Als es im Scheunenviertel zu einem Pogrom kommt, will Leo seinem Kollegen und dessen Familie zu Hilfe eilen. Weit und breit ist er der einzige Polizist, der versucht, gegen den Mob einzuschreiten …

Die Situation im Lande ist explosiv. Die Inflation galoppiert. Arbeiterinnen dürfen morgens noch vor Arbeitsbeginn Lebensmittel einkaufen gehen, weil das Geld nach Feierabend noch viel weniger wert ist als in der Früh.

Dem verwitweten Kommissar und seinen Kindern geht es noch vergleichsweise gut, auch wenn er seine Uhr verkaufen muss, damit seine Schwester Ilse, die ihm den Haushalt führt, die Kinder mit Winterkleidung ausstatten kann. Doch das ist nicht sein einziges Problem. Seit einem Jahr etwa ist Wechsler mit Clara Bleibtreu, der Inhaberin einer Leihbücherei liiert. Er würde sie gerne heiraten, aber was wird dann aus seiner unverheirateten Schwester? Ilse müsste sich eine Arbeit und eine eigene Wohnung suchen, und das ist alles andere als leicht in diesen Zeiten. Dazu kommt, dass Clara die Befürchtung hegt, die nach ihrer Scheidung mühsam errungene persönliche und wirtschaftliche Unabhängigkeit wieder aufgeben zu müssen, wenn sie Leos Frau wird. Wie kann er ihr diese Angst nehmen?

Der Kommissar hat also deutlich mehr am Hals als „nur“ einen mysteriösen Todesfall. Doch die Schilderung des Umfelds dominiert den Kriminalfall nicht, er verankert ihn in Zeit und Raum. Das macht manche Geschehnisse erst verständlich – den Fall betreffend und auch die die späteren politischen Entwicklungen. Natürlich kennt man das alles aus dem Geschichtsunterricht. Aber so plastisch und erlebbar wie in diesem Roman konnten uns Schulbücher und Lehrer den Alltag und das Lebensgefühl von damals nicht nahebringen. Und so hat man hier nicht nur einen verzwickten und spannenden Kriminalfall mit interessantem Personal, sondern lernt ganz nebenbei noch allerhand über die deutsche Geschichte.

Die Autorin:
Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie hat außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler mehrere historische Romane veröffentlicht.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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