Aktenzeichen XY ungelöst

Die Kriminalität ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das muss man zumindest als langjähriger treuer Zuschauer der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ denken. Es gibt keine mysteriösen Fälle mehr, die eine ganze Nation bewegen und zum Rätseln und Spekulieren bringen. Und ein cleveres Betrugsdelikt, bei dem man sich als Zuschauer sagt: „Meine Güte, wie gerissen! Da wäre wohl jeder drauf reingefallen“, habe ich auch schon lange nicht mehr gesehen. Es gibt nur noch ultrabrutale Kerle aus Osteuropa, die bewaffnete Raubüberfälle bei Juwelieren, Banken oder wehrlosen alten Leuten begehen. Das Verbrechen ist nicht mehr kreativ.

Ja, ich weiß: XY ist keine Unterhaltungssendung, sie erfüllt andere Zwecke. Und die Drehbücher schreibt das Leben. Wenn uns das aber immer nur schießende, prügelnde und messerstechende Rüpel präsentiert, schaut sich die Sendung irgendwann mal keiner mehr an. Die Rüpel erwischt man mit der Fernsehfahndung sowieso nie. Die sind, wenn die Sendung ausgestrahlt wird, schon längst wieder außer Landes. Warum gucken wir also noch, wenn die Sendung weder ermittlungstechnischen Wert noch Unterhaltungswert hat?

Der angebliche „Revisor“, der mit Insiderwissen und einer gehörigen Portion Chuzpe den Mitarbeitern von Lebensmittelmärkten eine Übung vorgaukelte und die Filiale dabei „in echt“ ausraubte, nötigte einem für diese raffinierte Masche noch so etwas wie Bewunderung ab. Und der Mann, der reihenweise Lastwagen verkaufte, die ihm gar nicht gehörten, hatte sich auch was genial Einfaches einfallen lassen, das fast narrensicher funktionierte. Erwischt hat man sie, glaube ich, beide.

Was ist eigentlich aus dem Mann geworden, der auf einer Familienfeier Streit mit seiner Frau hatte und spurlos verschwand, als sie nur kurz ihre Jacke zum Nachhausegehen holen wollte? Ist der jemals wieder aufgetaucht? Und die Durchschnittsfamilie, die über Monate hinweg das Ziel unerklärlicher Anschläge war, ohne dass sie jemals erfahren haben, wer ihnen warum ans Leder will … hat die nun ihre Ruhe? Das sind so Fälle, die mir auch nach Jahren immer wieder einfallen.

Was mir aus den letzten Folgen im Gedächtnis bleiben wird? Dass die Polizei den Schauspieler Aaron F. Defant am Stuttgarter Hauptbahnhof festgenommen hat, weil man ihn für einen Juwelendieb hielt. Diesen hatte er bei XY in der filmischen Rekonstruktion des Falls so eindrucksvoll verkörpert, dass sein Gesicht weit besser im Gedächtnis blieb als das des echten Verbrechers.

Diese Nummer war zugegebenermaßen originell.

Foto: Stephanie Hofschlaeger
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