Dorothea Böhme: Sauhaxn – Kriminalroman

Dorothea Böhme: Sauhaxn – Kriminalroman, Meßkirch 2012, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-1328-5, Softcover, 246 Seiten, Format: 19,8 x 12 x 1,8 cm, EUR 11,90 (D), EUR 12,30 (A).

„Ich stehe unter dringendem Tatverdacht. Karl Bachmaier, mein Chef im Schlosshotel, ist ermordet worden. Ich habe die Leiche gefunden und Harald Moschik hat daraus geschlossen, dass ich der Mörder bin. Außerdem gab es da noch eine andere Leiche.“ Johann fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Es hatte wirklich eine ganze Menge Leichen gegeben. Den toten Ammerschmidt verschwieg er seiner Mutter lieber. (Seite 207)

Johann Mühlbauer wäre gern so cool wie sein Vorbild Bruce Willis, ist aber ein schlaksiger 19-jähriger Koch-Azubi im Schlosshotel in Lendnitz, einer 9.000-Seelen-Gemeinde in Kärnten. Klagenfurt ist für ihn schon eine Weltstadt. Nichts ist los in seinem Kaff. Johanns verwitwete Mutter hat ein aufregenderes (Liebes-)Leben als er.

Wie sehr sich Johann noch nach Ruhe und Langeweile sehnen wird, ahnt er nicht, als er an einem schönen Frühlingstag zufällig Augenzeuge einer Auseinandersetzung zwischen seinem Chef, Karl Bachmaier, und einem gewissen Wilfried Seligmann wird. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, ein Schuss fällt, und Seligmann liegt tot in der Restaurantküche.

Das hat Hauptkommissar Fritz Reichel gerade noch gefehlt! Noch 138 Diensttage sind es bis zu seiner Pensionierung, und jetzt hat er auch noch ein Tötungsdelikt an der Backe! Und wenn er den Zeugen Mühlbauer richtig verstanden hat, ging es in dem Streit um Drogen und Gammelfleisch. Um richtig viel Arbeit, also. Reichels Assistent Huber, der sich im beschaulichen Lendnitz fürchterlich langweilt, bringt den aktuellen Entwicklungen deutlich mehr Begeisterung entgegen als sein Vorgesetzter.

Azubi Johann Mühlbauer ist von dem Todesfall auch nicht angetan. Wer sieht schon gerne Leichen? Und außerdem glauben seine Kollegen – allen voran Sous-Chef Harald Moschik – und die Polizei, dass er mit der Sache etwas zu tun hat, nur weil er zufällig vor Ort war. Da ist es eigentlich nur folgerichtig, dass nicht die Polizei ruft, als er am nächsten Tag im Kühlhaus die Leiche seines Chefs Karl Bachmaier findet. Zerlegt ist sie schon, Johann braucht sie also nur noch in Müllsäcke zu stopfen und sie auf dem Hof seiner Bekannten, der attraktiven jungen Bäuerin Elena Moser, in der Jauchegrube zu entsorgen. Keine Leiche, kein Ärger. Dummerweise kommt Kollege Harald Moschik ihm bei den Aufräumarbeiten dazwischen, doch schenkt die Polizei seinen wirren Ausführungen glücklicherweise keinen Glauben.

Unterdessen wird Bachmaiers Mörder, der Drogendealer Erich Hirtentaler, im Moulin Rouge von der Prostituierten Natalie Anzengruber niedergeschlagen, weil sie sich von ihm bedroht fühlt. Zu Hilfe kann ihr keiner kommen, ihre Kollegin, die Domina Lady Jacqueline, hat gekündigt und arbeitet jetzt als Bibliothekarin. Dass wir die dominante Lady bereits unter ihrem bürgerlichen Namen kennen, wird erst nach einer Weile klar …

Natalies Zuhälter Martin Ammerschmidt nutzt die Gelegenheit und hält den Dealer im Bordell fest, um geschäftliche Informationen von ihm zu erpressen. Karl Bachmaiers Witwe, die üppige Amalie, süßt derweil versehentlich ihren Tee mit Kokain, findet auf dem Dachboden das Drogengeld ihres verstorbenen Gatten und fühlt sich von der Mafia verfolgt. Ein Polizist stirbt auf der Suche nach seiner Armbanduhr, einen Studienrat ereilt der Liebestod, dem Moserbauer rennen die Schweine davon, Sous-Chef Harald Moschik dreht endgültig durch und im Auto von Johanns Mutter sitzt auf einmal ein Toter.

Außerdem bekommt ein Kredithai die Quittung, Nathalie Anzengruber bekommt kompetente Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite, die Polizei kriegt die Krise und Johann Mühlbauer ebenfalls:
„Resigniert zuckte Johann die Achseln. Woher die vielen Leichen kamen, die überall im Schlosshotel auftauchten, wollte er gar nicht wissen. Es reichte ihm, dass er bei jedem der Todesfälle unter dringendem Tatverdacht stand.“ (Seite 131)

Am Ende der Woche liegen ein halbes Dutzend Leichen in der Jauchegrube des Moserhofs und anderswo noch ein paar mehr. Alle 30 Seiten gibt’s einen Toten, und der Mühlbauer-Johann kommt mit dem Verschwindenlassen derselben kaum mehr hinterher. Kein Wunder, dass er sich nach der Ruhe und Langeweile sehnt, die er vor wenigen Tagen noch beklagt hat. Andererseits … jetzt wäre sein Idol Bruce Willis so richtig stolz auf ihn und die hübsche Moserbäuerin ist erfreulich beeindruckt. Aber irgendwie wär’s auch gut, wenn das Morden so langsam aufhören würde, bevor ganz Lendnitz ausgerottet wird.

Man sieht schon, dass das kein üblicher Regionalkrimi ist, sondern eine wilde und temporeiche Kriminalgroteske. Hier tanzt der Wahnsinn nach der Choreographie von Dorothea Böhme. Das Lokalkolorit beschränkt sich auf Minimum, Dialekt spricht nur der Moserbauer. Wie authentisch dessen Mundart ist, wage ich nicht zu beurteilen, dazu habe ich das Kärntnerische heute nicht mehr gut genug im Ohr.

Man kann sich die Geschichte wunderbar als schrägen Film vorstellen … sämtliche Szenen mit der Chefkochwitwe schreien geradezu danach. Und Moschik, wie er im Nachthemd durch die Büsche huscht und den vermeintlichen Serienmörder Johann Mühlbauer verfolgt, wäre auch der Brüller. Nicht zu vergessen, die Szene am Flughafen. Oder die, in der die Prostituierte Natalie und die reizende alte Dame … aber das sollte man am besten selber lesen!

Wem klar ist, dass er hier eine sauber durchkonstruierte aber völlig durchgeknallte Geschichte bekommt mit viel schwarzem Humor und slapstickartigen Szenen, der wird sich bestimmt köstlich amüsieren. Anhand des Klappentextes kann man das erahnen. Wer aber glaubt, dass er einen orts- und realitätsbezogenen Kriminalroman vor sich hat, wird erst einmal enttäuscht sein.

An schrägen Einfällen herrscht in diesem Buch kein Mangel, da wäre das Stilmittel der Wiederholung bei den Szenenübergängen nicht unbedingt nötig gewesen. Ein Beispiel: „Was die Bachmaier angeht, die will ich so bald wie möglich auf dem Revier sehen. Wenn nötig, in Handschellen.“ – In Handschellen fand sich auch Erich Hirtentaler wieder. (Seite 147)

Das wird konsequent im ganzen Buch durchgezogen. Eine Leistung, keine Frage! Doch kann man über derlei Extravaganzen geteilter Meinung sein. Die einen Leser sind begeistert, andere finden es manieriert und auf die Dauer ermüdend, die dritten lassen sich, sobald sie das System kapiert haben, vom Inhalt ablenken und springen neugierig zum nächsten Szenenwechsel, nur um zu sehen, wie diesmal der Übergang gestaltet ist. Eine Geschmacksache, wie so vieles im Leben.

Es empfiehlt sich auf jeden Fall, das Buch auf einen Rutsch zu lesen. Beim häppchenweisen Konsum verliert man bei diesem Erzähltempo und der Fülle von Ereignissen nämlich schnell den Faden. Wo ist jetzt der Dealer? In wessen Auto sitzt der Tote? Warum nochmal hat man Robert umgebracht? – Das passiert nicht, wenn man an der Lektüre dran bleibt.

Auf jeden Fall wird man ziemlich überrascht sein, wenn sich am Schluss herausstellt, wer für die ganze Sauerei verantwortlich ist …

Die Autorin
Dorothea Böhme, geboren 1980 in Hamm, zog es für ihr Studium weit in die Welt hinaus. Nach Aufenthalt in Tübingen, Quito, Triest kam sie schließlich nach Klagenfurt. Während dieser Zeit arbeitete sie in verschiedenen Restaurants und Hotels, wodurch die Idee zum Roman entstand. Inzwischen unterrichtet sie Deutsch an der Universität Szeged und hat bereits einige Veröffentlichungen in Anthologien vorzuweisen.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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