Ulrike Renk: Seidenstadtblues – Niederrhein-Krimi

Ulrike Renk: Seidenstadtblues – Niederrhein-Krimi, Köln 2012, Emons-Verlag, ISBN 978-3-89705-991-7, 207 Seiten, Softcover, Format 20,4 x 13,4 x 1,8 cm, EUR 9,90 (D), EUR 10,20 (A). Auch als E-Book erhältlich.

Personell ist das KK11 in Krefeld, die Mordkommission, derzeit nicht sehr gut aufgestellt. Hauptkommissar Jürgen Fischer ist noch immer krank geschrieben und laboriert an den Folgen eines Angriffs, bei dem er lebensgefährlich verletzt, seine Frau ermordet und einer seiner Söhne schwer traumatisiert wurde.

Kommissar Roland Kaiser – nicht verwandt und nicht verschwägert mit dem gleichnamigen Sänger – muss sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmern und tauscht an diesem Wochenende kurzfristig den Bereitschaftsdienst mit Kollegin Sabine Thelen. Deren Begeisterung hält sich in Grenzen, weil sie Karten für ein Eishockeyspiel hat. Aber vielleicht wird es ja auch ruhig …

Wird es nicht. In einer Kleingartenanlage sind Schüsse gefallen und in einer der Gartenlauben liegt ein Toter: Peter Goeken, 51, polizeibekannt. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der immer wieder in krumme Geschäfte verwickelt war.

Eines ist seltsam: Goeken war in seinem Umfeld für Schlamperei und Unordnung berüchtigt, doch in dem Gartenhäuschen ist es geradezu klinisch rein, genau wie in Teilen seiner Wohnung. Die Polizisten wundern sich: „Jemand hat dort gezielt und gekonnt Spuren vernichtet. Wer würde so etwas tun?“ – „Die Mafia“, sagte Mehmet. Alle lachten.“ (Seite 63) Aber ist das wirklich so absurd? Es würde zumindest ein paar Ungereimtheiten in diesem Fall erklären.

Nur einen einzigen Angehörigen des Opfers kann das KK11 ausfindig machen: Maria, die Witwe seines Bruders. Kommissarin Sabine Thelen überbringt ihr die Todesnachricht und kommt nicht mehr zurück. Maria Goeken schwört, dass Sabine sich von ihr verabschiedet hat und mit ihrem roten Golf weggefahren ist. Doch von der Kommissarin und dem Auto fehlt jede Spur.

Nun sucht das unterbesetzte KK11 nicht nur einen Mörder, sondern auch noch eine vermisste Kollegin. Sabines Kollege und Lebensgefährte Oliver Brackhausen dreht durch. Seine familiären Probleme und Sabines Verschwinden, das ist zu viel für ihn. Noch ein Personalausfall. Und dann wird in der Schrebergartenanlage eine zweite Leiche gefunden. In den Trümmern einer niedergebrannten Gartenlaube liegt der fast vollständig verbrannte Körper einer Frau. Ist es Sabine?

Eine Spur im Mordfall Goeken führt ins schwäbische Spaichingen. Um das Gefühl zu haben, etwas Sinnvolles zu tun, fährt Hauptkommissar Jürgen Fischer zu seiner Kollegin Verena Hälble nach Baden-Württemberg. Das bringt ihm nicht nur die Bekanntschaft mit ein paar krimibegeisterten Mönchen ein, sondern auch ein paar hochinteressante Erkenntnisse …

Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto verwirrender wird der Fall. Vielleicht hätte Hauptkommissar Jürgen Fischer seinen Schachpartner Jakob Schink nicht versetzen sollen. Er müsste doch inzwischen wissen, dass der alte Herr eine gute Quelle für alles ist, was so vorgeht in der Stadt.

Verzwickte Fälle mit überraschenden Wendungen haben Jürgen Fischer und das KK11 hier am Hals. Man muss die vorangegangenen 4 Bände (siehe unten) nicht gelesen haben, um der Handlung folgen zu können. Alles Wesentliche wird kurz erklärt. Doch ist es natürlich hilfreich, wenn man die Personenkonstellationen schon kennt.

Freunde der Reihe grinsen schon, wenn Fischers Schachpartner Schink auftritt. In den Klatschgeschichten und ollen Kamellen, die der kontaktfreudige Rentner die ganze Zeit erzählt, verbergen sich nämlich manchmal wertvolle Hinweise. Wenn man nur immer wüsste, wo …

Nicht nur Krefelder werden an diesem Krimi ihre Freude haben. Der Regionalbezug ist deutlich, aber nicht übertrieben prominent. Das gleiche gilt für die privaten Probleme der Polizisten. Zwar haben alle derzeit irgendwie den Blues, aber das dominiert nicht die Handlung. Es zeigt nur, dass die Ermittler ganz normale Menschen sind, die ihre Arbeit eben manchmal unter erschwerten Bedingungen leisten müssen. Wie wir alle.

Kenner der Regionalkrimi-Szene werden sich verwundert die Augen reiben, wenn Hauptkommissar Fischer auf einmal in Spaichingen ermittelt. Das ist doch das Revier von Kommissarin Verena Hälble und dem Amateurdetektiv Pater Pius! Die stammen aus der Feder von Silke Porath und ihren Co-Autoren und sind im Gmeiner-Verlag in Meßkirch zu Hause.

Dass ein Autor Figuren aus seinen eigenen Buchreihen in dieser Form mixt, das kennt man ja. Paul Grote macht das gern, und im Fernsehen helfen auch manchmal TATORT- oder CSI-Teams ihren Kollegen aus anderen Städten. Doch eine solche autorinnen- und verlagsübergreifende Kooperation dürfte eine Seltenheit, wenn nicht gar ein Novum sein. Dieses Crossover konnte nur deshalb zustandekommen, weil die Autorinnen Ulrike Renk und Silke Porath einander kennen und gelegentlich gemeinsam an Buchprojekten arbeiten. Ein interessantes Experiment! Es funktioniert, obwohl die beiden Krimireihen so unterschiedlich sind. Ulrike Renks Seidenstadt-Reihe ist deutlich düsterer und ernster als Silke Poraths humorvolle Klosterkrimis.

Mord ist kein Spaß. Und doch gibt es auch im SEIDENSTADTBLUES manchmal was zu schmunzeln. Zum Beispiel das-merk’-ich-mir-Sätze wie „Hygiene hielt er bestimmt für eine griechische Insel oder eine seltene Tierart“ (Seite 137). Ganz ohne (Galgen-)Humor würde man Fälle wie diese gar nicht aushalten.

Man ahnt, dass die Autorin für diesen Roman viel recherchiert haben muss. Schade, dass es keine „Danksagung“ in diesem Buch gibt. Das ist vielleicht bei Emons nicht üblich. Neugierige Leser interessiert es aber, wer alles seine Expertise zu einem Roman beigesteuert hat. Das gibt ihnen das sichere Gefühl, eine authentische, auf Fakten beruhende Geschichte zu lesen.

Die Autorin
Ulrike Renk, Jahrgang 1967, aufgewachsen in Dortmund, Studium in Aachen, lebt seit über zwanzig Jahren in Krefeld am Niederrhein. Sie schreibt historische Romane und Kriminalromane. »Seidenstadtblues« ist der fünfte Fall von Hauptkommissar Jürgen Fischer.

Die vorigen Bände der Kommissar-Fischer-Reihe

  • Seidenstadt-Leichen, ISBN 3-936783-12-8;
  • Seidenstadt-Morde, ISBN 3-936783-17-9;
  • Seidenstadt-Sumpf, ISBN 978-3-936783-20-9;
  • Seidenstadt-Schweigen, ISBN 978-3-936783-26-1;

Erschienen im Leporello-Verlag, Krefeld. Zum Teil vergriffen/als Kindle-Edition erhältlich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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