Christine Hutterer: „Ist das jetzt der Urlaub?“

Christine Hutterer: „Ist das jetzt der Urlaub?“ – Unsere abenteuerliche Wanderung mit zwei kleinen Kindern und einem Esel auf Korsika, München 2013, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, ISBN 978-3-7243-1049-5, Hardcover mit Schutzumschlag, 206 Seiten mit Landkarte und 94 Farbfotos, Format: 24,6 x 17,8 x 1,8 cm, EUR 19,99.

Wahrscheinlich würden wir ähnlich reagieren wie Christine Hutterers Freunde und Verwandte, wenn uns jemand einen derart abenteuerlichen Plan präsentieren würde: „WAS wollt ihr machen? Vier bis sechs Wochen mit einem ESEL wandern? Aber was macht ihr in der Zeit mit den Kindern?“ (Seite 10) Die Kinder, Valentina (3) und Silvester (noch kein Jahr alt) sollen natürlich mitkommen.

Da können die Angehörigen noch so viele Bedenken äußern: Hutterers sind einfach nicht geschaffen für Strandurlaub und Ferienhäuschen. Sie sind jung, sportlich, unternehmungslustig und wollen in ihrem Urlaub etwas Unvergessliches erleben. Und sie haben Erfahrung im Reisen mit Kleinkind. Als Valentina sieben Monate alt war, sind sie zwei Monate lang mit einem Campingbus durch Neuseeland getourt. Sie lassen sich die Idee mit der Eselwanderung einfach nicht mehr ausreden.

Doch so schnell lässt sich der Plan nicht in die Tat umsetzen. Zunächst gilt es einmal, jemanden zu finden, der ihnen einen Esel für mehrere Wochen vermietet. Üblich scheinen Touren von wenigen Tagen zu sein, und das möglichst noch mit einem Führer. Nur Dominique Corieras aus dem korsischen Dorf Poggiolo sieht kein Problem in dem Vorhaben. Und so fährt Familie Hutterer im Sommer 2010 mit sorgfältig abgewogenem Minimalgepäck – denn das Zeug muss ja die ganze Tour über geschleppt werden – nach Korsika.

Mit einer Schnellbleiche in Eselskunde und dem Langohr Bronco geht es dann auf eine 25-tägige Reise ins Ungewisse. Vater Philipp schleppt Sohn Silvester in einer Kraxe, Mutter Christine trägt den Rucksack, und Esel Bronco wird mit dem restlichen Gepäck beladen – und mit seiner Reiterin, der kleinen Valentina.

Sehr bald schon beschleicht Christine und Philipp der Verdacht, dass diese Eselwanderung eine ziemliche Rossidee war. Was macht man denn, wenn der Esel nicht über eine Brücke gehen will uns störrisch stehen bleibt? Und was frisst der überhaupt – abgesehen von Schuheinlagen und Fliegenfängern? Wie sollen sie die geplanten 16 Etappen schaffen und jedem Abend die anvisierte Wanderer-Unterkunft erreichen, wenn sie morgens schon zwei Stunden brauchen um mit Sack und Pack aus dem Haus zu kommen und unterwegs drölfzig Mal pausieren müssen, weil das Töchterchen vor Müdigkeit aus dem Sattel zu kippen droht? Sie wandern ja mitten im Nirgendwo und können nicht plötzlich auf eine andere Unterkunft umschwenken. Wo sie sind, ist nur Landschaft, und für Übernachtungen im Freien sind sie nicht ausgerüstet. Aber aufgeben? Kommt nicht in die Tüte!

Tag für Tag ist das Paar nun mit existenziellen Fragen konfrontiert: Wo können sie schlafen? Woher bekommen sie etwas zu essen? Wo kann man Geld abheben und Windeln fürs Baby kaufen? Die Kinder bekommen von diesen Erwachsenensorgen nichts mit. Sie sind, von Valentinas gelegentlichen Trotzanfällen abgesehen, erstaunlich pflegeleicht und hart im Nehmen. Für sie ist sicher die Hauptsache, dass sie mit ihren Eltern zusammen sind – was ja im Alltag eines berufstätigen Paars manchmal zu kurz kommt.

Dass Valentina sich Gedanken darüber macht, was sie hier eigentlich treiben, merkt man schon: „Die Bergerie entpuppt sich als ein Haufen Bretter in einer Senke und drei Gartenstühle in der prallen Sonne. Dennoch machen wir es uns so gemütlich, wie es die Situation eben zulässt, und packen unser Mittagessen aus. (…) ‚Ist das jetzt der Urlaub?‘, fragt Valentina unvermittelt. Philipp und ich sehen uns an und schmunzeln. Wir wissen nicht genau, was wir sagen sollen. Wir antworten mit einem Schulterzucken.“ (Seite 47)

Für spektakuläre Landschaften, die Abgeschiedenheit und das Gefühl, als Familie etwas Großartiges zu leisten, haben die zwei Kleinen noch keinen Sinn. Valentina liebt den Esel, freut sich, wenn ihre Eltern mit ihr singen und spielen. Und Silvester ist sowieso immer gut drauf.

Langeweile stellt sich in diesem Urlaub garantiert nicht ein. Jeden Tag muss sich die Familie neuen Herausforderungen stellen. Regenwetter und Gluthitze, Krankheit und Verletzungen bei Mensch und Esel, fehlende Vorräte, gefährlich unwegsames Gelände, Flöhe und Skorpione in der Unterkunft, Meinungsverschiedenheiten und besserwisserische Mitmenschen, die ungebetene Ratschläge zum Umgang mit dem Esel geben … das ist der Stoff, aus dem ihre täglichen Kleinkatastrophen sind. Übel wird’s, als sie ihr Etappenziel nicht schaffen und unterwegs stranden. Die absolute Krönung ist aber der Betreiber der Unterkunft in Tuvarelli, der sich weigert, die Familie dort übernachten zu lassen. Nicht, weil sie einen Esel dabei haben, sondern – igitt! – KINDER! Jetzt haben die Hutterers wirklich ein Problem. Als Wanderer dreht man ja nicht mal eben bei und steuert nachts das nächste Kaff in einem Dutzend Kilometern Entfernung an. Zum Glück sind nicht alle Korsen solche Armleuchter wie dieser Wirt …

Am Schluss ist die Familie so begeistert von ihrer Reise, dass sie sogar einen kleinen Umweg zum Lac de Nino macht, um die Tour noch etwas zu verlängern und das gemeinschaftliche Erlebnis noch ein bisschen mehr auszukosten.

230 Kilometer und 8.000 Höhenmeter haben die fünf Reisenden im nordwestlichen Korsika zurückgelegt. Als die Reise unwiderruflich zu Ende ist, sind Philipp und Christine auch ein wenig erleichtert. Die ständige Ein- und Auspackerei sowie das nicht enden wollende Auftauchen und Lösen von Problemen war anstrengend. Was bleiben wird, sind Rückblicke und Erinnerungen an ein einmaliges Erlebnis. Christine ist stolz darauf, wie sie sich als Familie zusammengerauft, gegenseitig motiviert und begeistert haben. Und sie hat die Bestätigung bekommen, „dass ich in diesem Bunde gut aufgehoben bin, dass mein Mann der ‚doppelte Boden‘ ist, der mich bei einem Sturz auffängt, dass wir zusammen durch dick und dünn gehen, uns blind verstehen. Ich denke, das hat auch die Familie sehr bereichert und gestärkt.“ (Seite 188)

Was werden wohl die Kinder von diesem Urlaubserlebnis mitnehmen? Silvester ist noch zu jung, um sich später daran erinnern zu können. Valentina wird vielleicht der Esel im Gedächtnis bleiben. Bronco mit den weichen Ohren, der sich einen Spaß daraus machte, zu dicht an ihm vorbeigehende Menschen mit einem beherzten Schwenk seines Hinterteils aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wenn die Kinder später einmal mehr über diese einzigartige Reise wissen wollen, haben sie ja dieses wunderbare Buch. Mutter hat die Reise bildhaft und humorvoll beschrieben – und die eindrucksvollen Fotos illustrieren ihren Bericht.

Der Leser fiebert mit den Reisenden mit und fragt sich ständig, welches Abenteuer oder welche Katastrophen wohl als nächstes auf die Hutterers lauern. Manches ist zwischen zwei Buchdeckeln deutlich amüsanter, als wenn man selbst in dem Schlamassel drinsteckt. Der Leser schmunzelt, wenn Christine von ihren Erlebnissen erzählt, aber im dem Moment war ihr sicher nicht zum Lachen.

Die Stubenhocker unter den Lesern werden froh und erleichtert sein, dass sie diese Strapazen nicht selbst auf sich nehmen müssen und „nur“ das Vergnügen haben, darüber lesen dürfen. Abenteuerlustige Naturen finden im Anhang des Buchs allerlei Tipps und Adressen für den Fall, dass sie selbst eine solche Wandertour mit Kindern und Esel unternehmen möchten. Weitere Informationen gibt es auf der hochinteressanten Internetseite der Autorin: http://ist-das-jetzt-der-urlaub.de.

Die Autorin
Christine Hutterer, Jahrgang 1977, ist promovierte Biologin und arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin. Die begeisterte Sportlerin lebt mit ihrer Familie in München.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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