Wildis Streng: Trauerweiden – Ein Hohenlohe-Krimi

Wildis Streng: Trauerweiden – Ein Hohenlohe-Krimi, Meßkirch 2013, Gmeiner Verlag, ISBN 978-3-8392-1389-6, Softcover, 321 Seiten, Format: 19,8 x 12 x 2,6 cm, EUR 11,99 (D), EUR 12,40 (A).

„Ja, also, da hätten wir diverse Damen, die mit der Ermordeten ein Problem hatten, weil die ihnen entweder den Mann oder den Job ausgespannt hat, verschiedene Verehrer, und schwanger war sie auch, aber nicht von ihrem Freund.“
Till pfiff durch die Zähne: „Des sin ja Zuständ“, urteilte er.
(Seite 235)

Im September ist ganz Crailsheim im Feierfieber. Das Fränkische Volksfest ist eine Institution, und wer irgend kann, geht da hin. Deshalb sind die „Majoretten“ – so etwas Ähnliches wie eine Tanzmariechen- oder Cheerleader-Truppe – auch so verwundert, dass ihre engagierte Mittänzerin, die Hairstylistin Jessica Waldmüller, 26, am Samstag Früh nicht zum Festumzug erscheint.

Jessica kann nicht. Sie liegt erstochen in der Jagst. Eine Hundebesitzerin findet beim Gassigehen ihre Leiche.

Die Kriminalkommissare Heiko Wüst und Lisa Luft ermitteln. Wüst ist gebürtiger Crailsheimer und hat hier Heimvorteil. Seine Kollegin und Lebensgefährtin Lisa stammt aus Wesel uns ist erst seit ein paar Monaten in der Stadt. Sie tut sich noch schwer mit Land und Leuten und vor allem mit dem Dialekt.

Das Mordopfer war kein Engelchen. Als „hübsch, gewieft, clever und durchaus auch intrigant“ beschreibt sie ihr Kollege Konradin Breiter. Mehr noch: als „tendenziell bösartig (…), mindestensegoistisch hoch zehn.“ (Seite 202). In ihrem persönlichen Umfeld tummeln sich folglich jede Menge Verdächtige mit Motiv.

Da ist die Altenpflegerin Monika Silberschmidt, der Jessi den Freund ausgespannt hat, den Steinmetz Florian Ehrmann. Der hat zwar eine dubiose Vergangenheit, aber ein Alibi. Er war bis in die Morgenstunden bei einem Junggesellenabschied. Kollegin Katja Blum hatte mit Jessica um die Stelle der Filialleiterin konkurriert, dabei den Kürzeren gezogen und war entsprechend sauer. Auch bei der Majoretten-Truppe gab es Eifersüchteleien. Zudem hatte Jessica Kontakt zu ziemlich merkwürdigen Leuten: zu der dünkelhaft-verklemmten Claudia, zu Elke, die für DIE FRAUEN VON STEPFORD Modell gestanden haben könnte und zum männlichen Model Bernhard Hofmeister, der sich seine Beziehung zu ihr vermutlich nur eingebildet hat.

Auf zwei Fragen fehlt den Kommissaren noch die Antwort: Wer ist die geheimnisvolle Marianne, die regelmäßig in Jessicas Terminkalender auftaucht – und wer ist der Vater ihres Kindes? Ihr Verlobter Florian Ehrmann ist es nämlich nicht …

Der Leser schaut den Kommissaren bei den Ermittlungen im Fall Waldmüller über die Schulter und bekommt eine mit einem Augenzwinkern servierte Landeskunde mit dazu. Wer sich in der Region auskennt, wird vieles mit einem Schmunzeln wiedererkennen. Wer, wie Kommissarin Lisa Luft, vom Hohenlohischen bisher wenig Ahnung hatte, wird mit einer Fülle erstaunlicher Fakten konfrontiert. Die Gegend scheint vor allem kulinarisch interessant zu sein. Vieles, was die Polizisten bei ihren Streifzügen durch die Gaststätten verspeisen, klingt sehr verlockend. Essen ist offensichtlich das Hobby des Kommissars, und er ist gut darin, seiner Lisa und den Lesern die regionalen Spezialitäten schmackhaft zu machen. Gut, Kutteln müssen jetzt nicht unbedingt sein, aber so einen Blootz mit Griawa würde man schon gern mal probieren …

Wildis Streng schreibt herrliche Dialoge. Hätte mich beim Lesen in der Bahn jemand angesprochen und gefragt, worüber ich so kichere, hätte ich antworten müssen: „Über eine Beerdigung“. So tragisch der Tod der jungen Frau ist – so komisch ist das Geschwätz der Klatschbasen in der Kirche und das Gegifte der Verwandtschaft beim Leichenschmaus. Das hat die Autorin sehr lebensnah eingefangen. So sind die Leut‘! Und der Dialekt tut ein Übriges. Wenn man Mundart verschriftlichen will, kommt man fast nicht drum herum, sich die Dialoge laut vorzusagen. Und dann können sie gar nicht anders als authentisch zu werden. Bloß das Schwäbisch des Polizisten Simon heert sich a weng komisch aa.

Diesen Krimi sollte man Lisa Lufts Mutter zu lesen geben, damit sie mal sieht, was ihr Schwiegersohn in spe für ein heller Kopf ist und was seine Heimat alles zu bieten hat. Er mag zwar etwas einsilbig sein, aber ein unkultivierter schwäbischer Saubauer, wie sein hochnäsiges Schwiegermonster meint, ist er auf gar keinen Fall. Vor allem das „Schwäbisch“ verbittet er sich.

Ob man das Buch als kulinarischen Reiseführer mit Krimihandlung oder als Krimi mit landeskundlichen Elementen liest – es macht Spaß. Dafür sorgen das knorrige Personal, die exakt beobachteten Alltagssituationen, ein komplexes Beziehungsgeflecht und köstliche Dialoge. Manchmal allerdings wird die Grenze von der Personenzeichnung zur Karikatur ein wenig überschritten und es werden bekannte Klischees bedient. Zum Beispiel, wenn die Polizisten von ihren Frauen zum Einkaufen oder zum Tanzkurs mitgeschleppt werden. Sind das nun Männer oder Hampelmänner? Es ist eben immer eine Gratwanderung, wenn man sich über Typisches lustig macht. Man kann’s leicht übertreiben. Genau wie beim Lokalkolorit. Manchem mag das Gemampfe zu viel werden, anderen gefällt wiederum die ausgiebige Würdigung regionaltypischer Köstlichkeiten. Das ist Geschmackssache. 😉

Es gibt einen Vorgängerband: OHRENZEUGEN; ISBN 978-3-8392-1191-5. Man muss ihn nicht gelesen haben, um den vorliegenden Band TRAUERWEIDEN zu verstehen. Alles, was man wissen muss, wird an Ort und Stelle erklärt. Aber der eine oder andere Leser wird durchaus Appetit auf eine weitere Portion Hohenlohe-Krimi bekommen und Band 1 ebenfalls lesen wollen: Es spricht auch nichts dagegen, den verfress… äh, kulinarisch interessierten Kommissar Wüst und seine Partnerin bei einem dritten Kriminalfall zu begleiten. Vielleicht könnte ja mal ein Mörder Wüsts dämliche Schwiegermutter …? Er darf den Täter dann auch gerne laufen lassen.

Die Autorin
Wildis Streng, geboren 1978 in Crailsheim, arbeitet als Lehrerin für Deutsch und Bildende Kunst in Kirchberg an der Jagst. Darüber hinaus ist sie als Malerin, Fotografin und Autorin tätig.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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